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SDS-Website  

Heinrich-Böll-Stiftung

Rudi Dutschke- Konferenz 21./22. Januar 2000

Anläßlich des 20. Todestages am 24. Dezember 1999

Berlin, Haus der Kulturen der Welt

John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin

Verkehrsverbindung: Bus 100, S-Bahn Unter den Linden

Informationen:

Heinrich-Böll-Stiftung, Anne Ulrich, Tel. (030)28534-241, Fax -108

e-mail: ulrich@boell.de

Programm

Freitag, 21. Januar 2000, 19 - 21.30 Uhr

Zur Person Rudi Dutschkes: Erinnerungen und Reflexionen

Eröffnung: Ralf Fücks

Grußwort: Gretchen Dutschke-Klotz

Vortrag: Klaus Meschkat

Am Gründonnerstag des Jahres 1968 wurde auf Rudi Dutschke ein Attentat verübt, bei dem er schwere Kopfverletzungen erlitt und an dessen Spätfolgen er im Dezember 1979 starb. Dutschke, eine Identifikationsfigur für das Aufbegehren junger Menschen in einer Zeit, in der die Bundesrepublik an ihrer eigenen Nazigeschichte und politischen Lethargie zu ersticken drohte. Anlass für uns, nach Dutschkes politischem und historischem Vermächtnis zu fragen: Wie hat er agiert, was hat er bewegt, welche Kontroversen hat er ausgelöst, wie aktuell ist er heute? Wie stark war er durch die Zeitumstände geprägt und wie weit hat er sie beeinflusst?

Mit Filmdokumenten

Anschließend Empfang

 

Samstag, 22. Januar 2000

Rudi Dutschke: Zur Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte

Plenum, 10-13 Uhr

1968 von heute aus gesehen

1. Kritische Bilanz der "APO" und ihrer Wirkungsgeschichte: Erfolge und Sackgassen

2. Rezeption Dutschkes und der APO-West in der DDR

Ulrich K. Preuss

Bernd Ulrich (angefragt)

Bernd Albani

Guntolf Herzberg

Gerd Poppe

Moderation: Joscha Schmierer (angefragt)

 

Die Plenumsdiskussion soll einen Einstieg für die anschließenden Foren geben. Gefragt wird nach den Selbstbildern, den realen gesellschaftlichen Wirkungen und politischen Funktionen der "68er-Bewegung". Welche sozialen, politischen und kulturellen Impulse, welche Irrtümer und Sackgassen waren mit ihr verbunden? Wo war die "APO" hellsichtig, und auf welchen Augen war sie blind? Gibt es eine Wirkungsgeschichte von "68", die bis heute reicht - oder bleibt diese spezifische Form der Revolte in den Metropolen-Gesellschaften ein Generationenphänomen, mit dem nachrückende politische Generationen nichts mehr anzufangen wissen? Wenig öffentlich debattiert ist auch die Rezeptionsgeschichte der APO-West in der DDR. In welchem Verhältnis standen die westdeutschen und westberliner Ereignisse zum Prager Frühling? Welche kulturell-ästhetischen Einflüsse wurden wirksam? Wie lässt sich in der Summe für die DDR die Ausprägung der politischen Generation der 68er beschreiben?

13-14 Uhr Pause

14-17 Uhr Foren 1-4 (parallel)

Forum 1:

Rudi Dutschke und der Stalinismus/ Sozialismus

Christian Semler

Bernd Florath

Detlef Michel

Moderation: Helga Hirsch (angefragt)

Seine Analyse des realsozialistischen Herrschaftssystems sollte "Lenin vom Kopf auf die Füße stellen": Was hat davon Bestand, wie wurde seine Analyse rezipiert? Wie hat sich seine Sozialismus-Konzeption seit `68 verändert? Inwieweit war seine eigene politische Entwicklung durch seine biografischen Erfahrungen mit der DDR geprägt? Weshalb blieb die Auseinandersetzung mit dem "realen Sozialismus" und seiner Geschichte in der westdeutschen Linken so blass oder kippte gar um in Idealisierung und Apologie?

Forum 2:

Internationalismus, (west)deutsche Linke und die

"nationale Frage"

Tilman Fichter

Ekkehart Krippendorff

Wolfgang Kraushaar

Moderation: Urs Müller-Plantenberg

Inwieweit war der abstrakte "revolutionäre Internationalismus" des SDS die Kehrseite der verdrängten "nationalen Frage" der Neuen Linken und ein innenpolitisches Kampfinstrument gegen den bürgerlichen Staat und die Vätergeneration? Dutschkes Option einer "Wiedervereinigung von links" und seine Selbstdefinition als "deutscher Sozialist" und revolutionärer Internationalist - ein Widerspruch? Teile der außerparlamentarischen und parlamentarischen Opposition (West) interpretierten die deutsche Teilung als "gerechte Strafe" für den kollektiven Exzess des Nationalsozialismus und als Präservativ gegen den Rückfall in großdeutsche Machtpolitik. Weshalb entwickelten sie bis in die 80er Jahre kein realistisches Verhältnis zur "deutschen Frage" und erlebten den Fall der Mauer als Fiasko? Dagegen gibt es bei Rudi Dutschke bereits in seiner DDR-Zeit eine starke Affinität zur Überwindung der deutschen Teilung. Möglicherweise erschien ihm die Wiedervereinigung als Hebel einer revolutionären Transformation beider deutscher Teilstaaten (qua Herauslösung aus dem kapitalistischen und dem staatssozialistischen Block). Im politischen Kontext des SDS ließ sich diese Strategie nicht offensiv diskutieren.

Forum 3:

Antiautoritäre Bewegung und autoritäre Politik

K.D. Wolff

Barbara Sichtermann

Karl Braun

Moderation: Christoph Becker-Schaum

"Antiautoritär" ging als Chiffre in die Debatte um die Studentenbewegung ein und steht heute für einen grundsätzlichen kulturellen Wandel. Die als immobil, ungerecht, und verkrustet wahrgenommene politische Kultur der Bundesrepublik wurde durch den Protest einer mit Jugendlichkeit, sexueller Befreiung, künstlerischem Aktionismus, der Lust an Provokation und der Forderung nach direkter Demokratie verknüpften Bewegung aufgebrochen. Der SDS wurde Motor dieser Bewegung, dessen Organisations- und Aktionspraxis aber die libertären Ideen der Aufbruchs- und Protestbewegung nicht einlöste. Der Anspruch auf individuelle Emanzipation, verbunden mit politischer Veränderung, wurde in Opposition zum SDS vor allem von Frauen formuliert und mündete in eine Vielzahl autonomer Projekte und Initiativen. Die Parole "Das Private ist politisch" eröffnete auch einen neuen Blick auf die Zusammenhänge zwischen (öffentlicher) Machtpolitik und (privaten) Lebensverhältnissen und stellte sie radikal in Frage. Parallel dazu bildeten sich Politikformen heraus, die den von individueller Befreiung ausgehenden Politikbegriff nicht weiterentwickelten, sondern revolutionäre Theorien dogmatisierten und auf Hierarchie, Linientreue, ideologische Fixierung und Disziplin setzten. Weshalb spaltete sich die 68er-Bewegung in autoritäre und antiautoritäre Bewegungen und Politikformen? Wie wurde dieser Konflikt bearbeitet? Wie stark ist er mit der Geschlechterfrage verknüpft? Haben die damaligen Diskussionen und Erfahrungen noch eine aktuelle Relevanz?

Forum 4:

Rudi Dutschke und die Grünen

Willi Hoss

Eva Quistorp

Florian Havemann

Moderation: Jürgen Treulieb

Wandlungen des Politikverständnisses von der APO bis zur Gründung der Grünen. Es soll versucht werden, anhand der bedeutsamen Rolle von R.D. im Gründungsprozess der Grünen die verschiedenen Erfahrungen, die in diesen Gründungsprozess einflossen, zu dokumentieren. Dazu zählen neben Ausläufern der neuen Linken und der neuen sozialen Bewegungen auch Anhänger des "3.Weges", Wertkonservative in der Tradition der Lebensreformbewegung sowie Strömungen der Friedensbewegung, die die "nationale Frage" nicht erst seit der Opposition zum NATO-Doppelbeschluss thematisierten (Deutschland als imaginierter Kriegsschauplatz der "Supermächte", Wiederaufleben von Neutralitätskonzepten der 50er Jahre). Was hat R.D. bewogen, ein Bündnis mit konservativen Akteuren wie H. Gruhl (CDU) und A. Hausleitner (AUD) zu suchen? Dutschke hatte sich Ende der 70er Jahre von der Idee der Neugründung einer sozialistischen Linkspartei verabschiedet und für die Politisierung des Ökologie-Themas als Basis einer neuen, unorthodoxen Parteibildung aus sehr unterschiedlichen politischen Strömungen entschieden. Wie hat sich sein Gesellschafts- und Politikverständnis seit dem Ende des SDS gewandelt? Welche Themen und Konflikte sind neu in den Vordergrund getreten? Was ist daran exemplarisch für Lernprozesse der Linken in den 70er Jahren? Wie wichtig waren "grün" und "links" bei Dutschke und anderen Akteuren in der Gründungsphase der Grünen? Welche Erwartungen und Hoffnungen waren für R.D. an das grüne Projekt geknüpft? Was ist davon in der Praxis grüner Realpolitik übrig geblieben?

 

17.30-19 Uhr

Abschlusspodium:

Der lange Marsch durch die Institutionen

Die APO-Generation an der Macht: späte Vollendung oder definitive Beerdigung der Ideen von "68"?

Antonia Grunenberg

Karsten Voigt

Ekkehart Krippendorff

Ralf Fücks

Frieder O. Wolf

Moderation: N.N.

Welche Vorstellungen der "Systemveränderung von innen" waren mit dem Konzept des "Langen Marsches" verknüpft? Was hat sich tatsächlich verändert durch die Institutionalisierung des Protests und seine reformpolitische Transformation? Die Dialektik von Assimilation und Veränderung: Die "APO-Generation an der Macht" - was macht sie daraus?