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Klaus Meschkat 

Beitrag zur Rudi-Dutschke-Konferenz 
der Heinrich Böll Stiftung, 21.1.2000

Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes,

Erinnern an Rudi Dutschke darf nichts mit einer konventionellen Ehrung zu tun haben, die Rudi einem Mitstreiter und Genossen wohl auch sehr übel genommen hätte. (Die öffentliche Ehrung einer der bedeutenden Persönlichkeiten der westberliner Nachkriegsgeschichte sollte nicht Sache seiner Freunde sein, sondern die überfällige Pflicht derer, die diese Stadt regieren - sie sind wie eh und je zu borniert, zu kleinkariert, um diese Schuld endlich abzutragen) Eine politische Konferenz, bei der aktuelle Kontroversen ausgetragen werden, scheint mir ein guter Weg, Rudi Dutschke zu vergegenwärtigen. Sicher würde ich meine Aufgabe gänzlich verfehlen, wenn ich mich hier als Zeuge einer längst vergangenen Zeit präsentieren und nur erzählen würde, was in den Biographien von Chaussy und Miermeister, zuletzt in dem großen Buch von Gretchen Dutschke vielleicht vergessen worden ist. Statt Rudi als historische Figur von uns wegzuschieben, möchte ich ihn als Gesprächspartner bemühen, der uns etwas zu sagen hat, wenn wir heute nach politischer Orientierung suchen. 

So ist ja auch Rudi selbst mit denen umgegangen, von denen er lernen wollte. Was er uns schriftlich hinterlassen hat, ist zum guten Teil der Versuch einer Vergegenwärtigung der Vorkämpfer und Vordenker der revolutionären Bewegung, an die er anknüpfen wollte. Ohne die Aneignung dieser Tradition schien ihm verändernde Praxis unmöglich. Er begnügte sich nicht mit den Büchern, sondern suchte nach Begegnungen mit den großen Lehrern: den alten Georg Lukacs hat er schon 1966 in Budapest aufgesucht - allerdings erleben müssen, daß dieser gar nicht gern an Schriften aus den 20er Jahren  zurückkommen wollte, die von den marxistischen Studenten in Deutschland besonders eifrig gelesen wurde. Rudi hatte das Glück, Herbert Marcuse und Ernst Bloch nicht nur kennenzulernen, als sie schon ein biblisches Alter erreicht hatten - sie wurden seine Freunde, und er durfte erfahren, daß der Kampf für solidarische Gesellschaft nichts mit dem Lebensalter zu tun hat - in Gegensatz zu der Spießerweisheit, die dem Jungen revolutionäre Flausen zugesteht und vom Älteren verlangt, sich mit der schlechten Realität abzufinden und in ihr einzurichten.  

Ernst Bloch starb 1977, Herbert Marcuse wenige Monate vor Rudis eigenem Tod. Rudi hat noch Nachrufe auf die großen alten Männer verfaßt, von denen man sagen durfte, daß sich ihr Leben erfüllt hatte. Ich muß heute über einen fünf Jahre jüngeren Genossen sprechen,  der uns vor zwei Jahrzehnten verlassen hat - und die Bitterkeit darüber, daß wir ihn verloren haben, bevor er vierzig Jahre alt wurde, ist immer noch so stark wie an jenem schlimmen Weihnachtstag, als wir die Nachricht von seinem Tode erhielten. 

Ich habe Rudi Dutschke gekannt,  bevor er zur öffentlichen Figur und gewissermaßen zum Markenzeichen der Protestbewegung wurde: als einen Teilnehmer an einem meiner ersten Seminare am Osteuropa-Institut der FU, wo ich als Assistent von Professor Lieber tätig war, als jungen Kollegen, der dort einen nicht allzu anstrengenden Job als wissenschaftliche Hilfskraft verrichtete, schließlich als neuen Genossen im westberliner SDS, dem ich schon ein Jahrzehnt angehört habe, als er mit seinen Freunden aufgenommen wurde. So habe ich Rudi zuerst nicht als erfolgreichen Agitator wahrgenommen, sondern als einen nachdenklichen, wißbegierigen jüngeren Freund, der zuhören und lernen wollte und von dem ich selbst von Anfang an viel gelernt habe. Was er mir nach meiner Erinnerung zuerst beigebracht hat, war ein besseres Verständnis des Films "Viva Maria" von Luis Malle, den ich in meiner Beschränktheit als spannende Unterhaltung konsumiert hatte: Rudi erklärte ihn mir als Schlüssel zum Verständnis der möglichen Rolle europäischer Intellektueller in der bevorstehenden lateinamerikanischen Revolution, und sicher schweben mir seither Brigitte Bardot und Jeanne Moreau in der Blüte ihrer Schönheit vor, wenn es um die Frage geht, welcher Art von Avantgarde "man" sich notfalls anvertrauen könnte.

  Wenn ich an das öffentliche Auftreten von Rudi zurückdenke, dann habe ich oft ein bestimmtes Bild vor Augen. Ich sehe ihn mit einem Megaphon in der Hand auf dem Parkplatz vor dem Henry Ford Gebäude der Freien Universität, er spricht und versucht, die vorübergehenden Studentinnen und Studenten von irgendeiner Aktion zu überzeugen, die reagieren aber nicht und gehen stumm  weiter, ohne ihn zu beachten. Es ist wie in einem Traum. Dieses Bild des einsamen und ohnmächtigen Rudi gehört gewiß auch zur Wirklichkeit seines Lebens, in den Biographien wird darüber vor allem aus dem Jahrzehnt nach dem Attentat berichtet, mein Bild stammt aus der Zeit davor. Über den Erfolg einer schnell anwachsenden Protestbewegung, die er wie kein anderer verkörpert hat, sollte nicht vergessen werden, daß er wie jeder, der gesellschaftliche Kräfteverhältnisse zugunsten der Unterprivilegierten verändern und nicht bloß politische Posten besetzen will, lange Zeit isoliert blieb. Wer seine Überzeugungen nicht verraten oder preisgeben  will, muß das aushalten können.

Dies haben wir im SDS in den langen Jahren der Adenauer-Zeit erlebt, in denen westdeutsche Sozialisten ohnehin im Abseits waren. Als dann die SPD zugunsten ihrer Regierungsfähigkeit mit dem Godesberger Programm ihrem Marxismus abschwor und dann auch auf das westliche Militärbündnis einschwenkte, kam es zur Trennung: Wer im SDS blieb, verzichtete auf politische Wirksamkeit, die damals jedenfalls auf der Linken außerhalb der Sozialdemokratie kaum vorstellbar erschien. Dieser SDS war eine kleine Gruppe unabhängiger Sozialisten, die dem übermächtigen Druck von Staat und sozialdemokratischer Führung standgehalten hatte: und es war keine beliebige Entscheidung, wenn Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und andere sich ihm Ende 1964 anschlossen. Ich muß der inzwischen gängigen Darstellung widersprechen, daß die eigentliche Geschichte des SDS erst mit seiner Erweckung durch die Aktivisten von der Subversiven Aktion begonnen habe, die ihn zudem eigentlich nur für ihre Zwecke benutzt hätten. Die Schwächen des alten SDS - eine gewisse Theorielastigkeit und mangelnde Bereitschaft zum Erproben neuer Aktionsformen sind nicht zu leugnen, ebensowenig aber auch elitäres Gehabe und Konspirationsneigung bei den neu Hinzukommenden. In einem Prozeß wechselseitigen Lernens ließen sich einige dieser Schwächen überwinden, auf diese Weise wurde Rudi Dutschke, der auch manches dazulernte, zum anerkannten Sprecher des SDS.   

Den wollte er allerdings nicht lassen, wie er war. Kann es verwundern, daß eine jahrelange Kleingruppen-Existenz auch eine Insider-Haltung begünstigt hatte, daß ein innerer Kern dieses SDS über eine Art Geheimwissen verfügte, in das Außenstehende erst langsam eingeführt werden mußten. Rudi, der sich als echter Schriftgelehrter ausweisen konnte und deshalb keine Schwierigkeiten hatte, schnell kooptiert zu werden, wollte solche Regeln nicht gelten lassen. Ich erinnere mich an eine Szene im SDS-Zentrum am Kurfürstendamm, als wir in einer kleinen  Arbeitsgruppe von Experten irgendetwas diskutierten, was sich nach unserer Auffassung ohne ein mühevoll erworbenes Vorwissen nicht sinnvoll erörtern ließ. Rudi kam herein, er war uns willkommen, weil wir sein solides Wissen zu schätzen wußten - aber wir waren doch äußerst befremdet, daß er zwei ganz junge Studenten mitbrachte, die wir noch nie gesehen hatten - und die wohl nicht einmal Mitglieder im SDS waren. Rudi machte uns klar, daß wir diese Begleiter, die er wohl gerade irgendwo getroffen hatte, zu akzeptieren hatten, wenn wir auf ihn Wert legten - und so blieb nichts anderes übrig, als den Stand der Diskussion zu erklären, die verkürzende esoterische Sprache zu übersetzen, den ganzen Stil der Diskussion zu verändern. Vermutlich hat es den Ergebnissen nicht geschadet -und ich fing wohl damals an zu begreifen, daß mit diesem Rudi Dutschke ein neues Prinzip in unser politisches Leben gekommen war, daß er uns ein neues Verhalten abforderte. Ich habe aber auch verstanden, daß wir uns mit ihm zusammen besser dem Ziel einer freien und solidarischen Gesellschaft nähern würden als ohne ihn. 

Kaum jemand, der Rudi begegnet ist, hat sich nicht durch seinen offenen Blick entwaffnen lassen - mir ist es auch so gegangen. Dabei war er kein Heiliger, in manchen geheimbündlerischen Bräuchen der alten und Neuen Linken blieb er ebenso befangen wie wir alle. Aber selbst wenn interne Dokumente belegen sollten, daß seine Gruppe nichts anderes im Sinn hatte, als unseren sozialistischen Studentenbund für verborgene Ziele zu instrumentalisieren: es würde nichts an meiner Überzeugung ändern, daß Rudi selbst niemand war, der den anderen als bloßes Mittel für seine Zwecke einsetzen wollte. Dazu war er vollkommen unfähig. Dies unterschied ihn von manchen Mitstreitern seiner Generation, von denen es einige nie verwinden konnten, daß ihnen seine Glaubwürdigkeit fehlte. Woher diese Glaubwürdigkeit kam, kann ich nicht erklären: ich kann nur ahnen, daß sie auch mit seinem  Christentum zusammenhängen mag, möglicherweise beeinflußt mich dabei die Erinnerung an Rudis väterlichen Freund Helmut Gollwitzer. Ich selbst habe mit Rudi nie über sein Christentum gesprochen und fühle mich nicht kompetent, es zu interpretieren. Es ist zu hoffen, daß eine noch nicht vollendete Arbeit über Rudis Denken solche Zusammenhänge neu beleuchten wird. 

Antiautoritäre Sozialisten tun sich schwer mit der Rolle unentbehrlicher Führerfiguren - sie wollen ja gerade einen gesellschaftlichen Zustand überwinden, der Führer noch nötig hat. Rudi wollte hierarchisch aufgebaute  Führungscliquen aufbrechen und einen neue Politikstil vorleben - aber er wußte auch von der Gefahr, dabei selbst zu einem Politiker zu werden. Die Wiederbelebung des Gedankens der Rätedemokratie, die Rudi zusammen mit einigen von uns älteren SDSlern damals propagiert hat, sollte solchen Tendenzen entgegensteuern: und auch in der eigenen Organisation schien es uns zwingend geboten, Vorkehrungen dagegen zu treffen, daß sich bestimmte Personen unentbehrlich machen könnten. Rudi hat gewußt, daß die Dauerexistenz eines Berufspolitikers zu den schlimmsten menschlichen Deformationen führen kann, die sich ausmalen lassen - wenn wir das vergessen haben sollten, wird es uns in diesen Tagen wieder einmal wie ein einem Lehrstück vorgeführt. (Wir werden dabei Zeugen absurder Umkehrungen: während die Partei, die Rudi mitbegründet hat, auf Professionalisierung setzt und sich von ihren angeblich unentbehrlichen Spitzenpolitikern Bedingungen für die Fortführung ihrer Unentbehrlichkeit diktieren läßt, hörte man gerade vor einigen Tagen eine prominente CDU-Politikerin angesichts der Korruptionssumpfes ihrer Partei über die Notwendigkeit der Trennung von Amt und Mandat nachdenken). Rudi spürte, daß auch er gegen die Versuchung nicht gefeit war, als Dauersprecher der APO selbst in dem eitlen Gehabe eines Berufspolitikers zu versacken - und er wollte deshalb auch für seine Person mit dem Prinzip der Rotation ernst machen. Vor dem Attentat verfolgte er ernsthaft den Plan, wegzugehen aus Deutschland und in Amerika neue Erfahrungen zu machen - nicht aus Angst vor den Gefahren für sein Leben, die ja durchaus real waren, sondern weil er den Widerspruch auflösen mußte, langsam ein antiautoritärer Führer zu werden.

Vielleicht drängt sich Ihnen der Eindruck auf, daß ich zu viel darüber rede, wie und auf welch andere Weise Rudi Dutschke revolutionäre Politik machen wollte - und zu wenig von den Inhalten dieser Politik. Ich meine allerdings, daß es zwischen Form und Inhalt politischen Handelns einen unauflösbaren Zusammenhang gibt, der uns in den letzten anderthalb Jahren wieder vorgeführt worden ist. Wenn ein ehemals Linker auf dem langen Marsch durch die Institutionen in ein Ministeramt gelangt und dann stolz darauf ist, es nach den vorgegebenen Regeln womöglich noch gekonnter auszufüllen als sein konservativer Vorgänger, dann steht zu fürchten, daß sich auch an den Inhalten wenig ändern wird. Möglicherweise wird die Unterwerfung unter die Prioritäten, die von den Herren dieser Welt festgelegt worden sind, noch perfekter sein. 

Morgen wird Gelegenheit sein, im Plenum und in den Arbeitsgruppen einige der politischen Themen zu diskutieren, die Rudi wichtig waren, und die heute für uns wichtig sind. Ich will die einzelnen Diskussionspunkte nicht vorwegnehmen, die da vertieft werden sollen, sondern nur eine übergreifende Frage stellen, der keine Arbeitsgruppe explizit thematisiert: Wie war das eigentlich mit dem Sozialismus von Rudi Dutschke?  Die Frage scheint seltsam antiquiert, und es entspricht wohl ganz dem Zeitgeist, wenn das Wort "Sozialismus" im Konferenzprogramm nur mit dem Schrägstrich Stalinismus/Sozialismus und als "realer Sozialismus" oder als "staatssozialistischer Block" auftaucht. Nun kann man aber bei einer Konferenz über Rudi Dutschke schlecht daran vorbeigehen, daß unser Freund, einer der schärfsten und konsequentesten linken Kritiker des Stalinismus und seiner Erben, sich selbst bis zu seinem Tode als unabhängigen Sozialisten bezeichnet hat. Ist dies unerheblich, handelt es sich nur um eine damals zeitgemäße und heute ziemlich veraltete Wortwahl? Täten wir nicht besser daran, den sperrigen Dutschke terminologisch zu modernisieren, zum Beispiel, seinen Sozialismus beiseite zu lassen und ihn einfach nachträglich zu einem Vorkämpfer der Zivilgesellschaft zu ernennen?  

Auf diese Weise ließe sich zwar Rudi Dutschke bequem mit dem Zeitgeist versöhnen, es wäre aber auch der sicherste Weg, an dem vorbeizugehen, was er gewollt, und was er uns heute noch zu sagen hat. Rudi hat immer hartnäckig an Begriffen festgehalten, die scheinbar ganz unzeitgemäß waren, und er nahm sich das Recht heraus, sie eigenständig zu definieren, gegen jeden Sprachgebrauch der Meinungsmacher. Da hat ihn schon in seiner frühen Jugend mit den DDR-Sprachregelungen in Hinblick auf Krieg und Frieden in Konflikt gebracht, das hat ihn in den letzten Lebensjahren die nationale Frage aufwerfen lassen, mit der die meisten von uns sich nicht befassen wollten. Diese Eigensinn hat ihn auch in den sozialistischen Studentenbund geführt, der sich zunehmend von den ideologischen Frontstellungen des Kalten Krieges emanzipiert hat, in einem mühevollen Prozeß, zu dessen Fortführung Rudi Dutschke entscheidend beigetragen hat. Durchaus eigenständig hat er sich in der Aneignung der Marxschen Theorie ein Verständnis des Sozialismus als "Assoziation freier Produzenten" erarbeitet, das ihn in Gegensatz zu den Apologeten des real existierenden Sozialismus bringen mußte und ihm zugleich gegen die Ideologie der "Freien Welt" immun machte. Damit teilte er die Grundpositionen, die den alten SDS von der SPD getrennt hatte, darauf beruhte dann auch die politische Übereinstimmung in einer Organisation, die über die Rolle eines Studentenverbandes hinauswachsen sollte. 

Es forderte schon ein hohes Maß an Standfestigkeit, um gegenüber den übermächtigen Kontrahenten im Kalten Krieg die Möglichkeit einer von ihnen unabhängigen Position zu behaupten. Die Realpolitiker beider Seiten verspotteten die sozialistischen Studenten als "linke Spinner" - heute werden selbst ihre damaligen Gegner anerkennen müssen, daß Rudi Dutschke und seine Freunde langfristige politische Entwicklungen klarer voraussahen als diejenigen, die sich bedingungslos mit der großen Sowjetunion oder der  Hauptmacht der Freien Welt identifizierten. In einer selbstverständlich von den Agenten beider Seiten durchsetzten Szene der westdeutschen und westberliner Linken besaß Rudi Dutschke jedenfalls Glaubwürdigkeit in seiner Weigerung, für Ost oder West Partei zu ergreifen. Diese Glaubwürdigkeit erreichte er weniger durch seine Schriften als durch sein öffentliches Auftreten: im Februar 1968 trat er zum Beispiel als Mitorganisator des Westberliner Vietnam-Kongresses in Erscheinung, der die unabhängigen sozialistischen Jugend- und Studentenorganisationen mehrerer Länder Europas zusammenführte, aber auch die FDJ bzw. SEW Westberlins in den breiten Protest gegen den amerikanischen Vietnam-Krieg einbezog. (Dieses punktuelle Bündnis war eine bewußte und demonstrative Stellungnahme gegen den offiziell verordneten Antikommunismus, der mit einer linken Kritik am stalinistischen Herrschaftsapparat nichts gemein hatte.) Wenige Tage später fuhr Rudi nach Prag, um seine Sympathien für Dubcek und den Sozialismus der tschechoslowakischen Reformkommunisten zu bekunden. Im August 1968 waren wir als Rudis Freunde und Gesinnungsgenossen die ersten, die vor der Tschechoslowakischen Militärmission gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in dieses Land protestierten.  

Weshalb dieses Insistieren auf Rudis Sozialismus und der Emanzipation vom Blockdenken des Kalten Krieges? Ich denke, daß ohne die sozialistische Zielvorstellung einer Überwindung von Herrschaft und Ausbeutung in ihrer kapitalistischen oder staatssozialistischen Gestalt Rudi Grundposition nicht zu begreifen ist. Damit bin ich nun keineswegs originell, jede seiner Biographien und jeder beliebige Auswahlband seiner Schriften bietet unzählige Belege. Aber manchmal ist es nicht überflüssig, an einfache Wahrheiten zu erinnern, für die Arbeitsgruppen des morgigen Tages sind sie gewiß nicht ohne Bedeutung. Gegen den abenteuerlichen Versuch, Rudi zu einem nationalen Revolutionär umzufälschen, läßt sich nur argumentieren, wenn man es ernst nimmt, daß er eine deutsche Vereinigung unter sozialistischen Vorzeichen anstrebte, und daß ihm übrigens wie den meisten von uns die Phantasie fehlte, sich die staatliche Einheit Deutschlands als Ausdehnung des Machtbereichs der westdeutschen Großkonzerne auf die frühere DDR vorzustellen. Und ich behaupte, daß auch Rudis Weg zur den Grünen nicht darauf hinauslief, daß er sich am Ende seines Lebens von sozialistischen Zielen verabschiedet hätte: vielmehr war die Aufnahme der ökologischen Dimension eher eine Radikalisierung seiner Kapitalismuskritik und eine neue Begründung des Kampfes um eine Alternative zu einer selbstzerstörerischen Gesellschaft - für den er allerdings neue Bundesgenossen finden wollte. So jedenfalls hat er uns sein Konzept erklärt, als er einige Monate vor seinem Tode nach Hannover kam, um Freunde aus dem alten SDS für die Mitarbeit in einer grünen Partei zu gewinnen. 

Der Versuch, uns das Erbe Rudi Dutschkes zwanzig Jahre nach seinem Tode wieder zu vergegenwärtigen, findet nicht gerade unter günstigen Umständen statt. Ich führe einige Vorgänge und Fakten an: Ein prominenter einstiger Weggefährte ist zu den Rechtsradikalen übergelaufen, andere machen der neuen Rechten unbegreifliche und unverzeihliche Zugeständnisse. Die materialreichste jüngste Veröffentlichung über die außerparlamentarische Opposition der 60er Jahre schildert das Innenleben der unabhängigen Linken in Westdeutschland und Westberlin aus der Sicht der Spitzel und ihrer Stasi-Auftraggeber. Solche aus den Akten der Gauck-Behörde gespeiste Geschichtsschreibung suggeriert, daß fast alle Akteure der APO an den Strippen der Stasi gezappelt haben, bewußt oder unbewußt, und sogar ein überaus kenntnisreicher und verdienstvoller Chronist dieser Jahre macht sich diese Lesart zueigen. Das Militärbündnis, das Rudi Zeit seines Lebens mit guten Gründen abgelehnt und bekämpft hat, schwingt sich zum Verteidiger beschädigter Menschenrechte auf, und der NATO-Luftkrieg im früheren Jugoslawien wird von früheren Genossen mitgetragen oder befürwortet, die einst an der Seite Dutschkes den US-amerikanischen Kriegsapparat und seine weltweite  Interventionspolitik angegriffen haben. 

Es ist nicht leicht, in solchen Zeitläufen an das theoretische und politische Erbe Rudi Dutschkes anzuknüpfen. Vor allem nicht angesichts einer überaus erfolgreichen ideologischen Offensive des wieder selbstsicher gewordenen Establishment, das den Zusammenbruch der Sowjetunion dazu benutzt hat, um mit allem aufzuräumen, was auch nur die Möglichkeit einer Alternative zum Kapitalismus andeutet. Nicht nur die zu Recht gescheiterten poststalinistischen Regime sollten auf dem berühmten Müllhaufen der Geschichte landen, sondern alles Versuche, eine gesellschaftliche Ordnung jenseits des siegreichen Kapitalismus zu entwerfen - einschließlich des antiautoritären Sozialismus eines Rudi Dutschke. Daß die Rechte die gute Gelegenheit zum großen Aufräumen wahrgenommen hat, ist nicht verwunderlich, weniger selbstverständlich ist es, wie viele ehemalige Linke die neuen Sprachregelungen der FAZ übernommen haben, die den "realen Sozialismus" umstandslos mit "dem" Sozialismus gleich setzt. Die SPD, die jahrzehntelang einen freiheitlichen oder demokratischen Sozialismus dem sowjetischen Kommunismus entgegengestellt hat, war schnell dazu bereit, den Begriff des Sozialismus selbst preiszugeben, als starker Gegenwind zu spüren war. Waren sich vor dreißig Jahren die Sozialdemokraten mit revolutionären Sozialisten vom Schlage eines Rudi Dutschke wenigstens darin einig, daß die stalinistischen Führer nicht das geringste Recht hatten, sich auf den Sozialismus zu berufen, so ist nun eine vollständige Umwertung eingetreten: in Deutschland jedenfalls denkt inzwischen fast jeder an Zwang, Willkür, Mangel, ja an das Reich des GULAG, wenn er das Wort "Sozialismus" hört. Und von einem hochkarätigen Vordenker grünennaher Weltdeutung, der das Jahrhundert verstehen möchte, ist sogar zu hören, seit "der" Sozialismus zusammengebrochen sei, sollte man besser auch nicht mehr vom Kapitalismus sprechen. 

Rudi Dutschke, das ist meine Hoffnung, kann uns vielleicht helfen, diesem Zeitgeist zu widerstehen. Er ist ja nicht immer leicht zu lesen - aber als ich wieder einmal in seine Texte hineingeschaut habe, fand ich doch mehr Stoff zum Nach- und Weiterdenken als in vielen hochgepriesenen Büchern der letzten Jahre. Aber wichtiger noch als Einsichten aus seinen Schriften ist sein persönliches Beispiel, das sich schwerer schildern und vermitteln läßt. Für viele Menschen, die ihn gekannt haben, ist Rudi unglaublich lebendig geblieben, auch für mich. Fritz Teufel hat vor zwanzig Jahren einen Nachruf geschrieben, in dem er, wie ich finde, besser als andere etwas von Rudi festgehalten hat. Ich lese zum Abschluß einige Sätze von ihm vor: 

"Unter Aufklärung verstand Rudi nicht, daß ein paar revolutionäre linke Oberlehrer dem dummen Volk die Wahrheit einpaukten, unter Aufklärung verstand Rudi eher einen gemeinsamen Lernprozeß von unwissenden Menschen mit brüderlicher Grundhaltung. Wie alle großen Lehrer hat Rudi sich selbst immer als Lernenden begriffen.

Und unter Aktion verstand Rudi das gemeinsame Handeln, gemeinsame Vorgehen, gemeinsamen Widerstand gegen die Gewalt der gesellschaftlichen Reaktion und ihrer bezahlten oder freiwilligen Helfer. Unter Aktion verstand Rudi nicht das stellvertretende Handeln einzelner oder kleiner Gruppen für oder gar gegen die Masse der emanzipationsbedürftigen Menschen.....Rudi hat nicht übelgenommen. Er hat nicht kritisiert, ohne Gesprächsbereitschaft zu bewahren. Solidarische Kritik, kritische Solidarität und Selbstkritik waren für ihn keine Phrasen.

Rudis Verständnis war auch deshalb so groß, weil sein Verstand so groß war, so ungestüm arbeitete, und weil er nicht nur einen großen Verstand, sondern auch ein großes Herz hatte." (Aus: Rudi Dutschke, Mein langer Marsch. Reinbek bei Hamburg 1980, S. 252f)