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Nationalisten waren wir nie!!

Ehemalige 68er SDS-Mitglieder distanzieren sich von Mahler und Rabehl.

In jüngster Zeit sind unsere ehemaligen Mitstreiter Horst Mahler und Bernd Rabehl wiederholt mit unverhohlen nationalistischen Positionen an die Öffentlichkeit getreten. Während Mahler Kapitalismus und "American Way of Life" in eins setzt und zu einer nationalen antiwestlichen Sammlungsbewegung aufruft, versucht Rabehl, seinen Überlegungen dadurch mehr Gewicht zu verleihen, daß er sich auf angebliche nationalrevolutionäre Implikationen in den Zielvorstellungen Rudi Dutschkes und des SDS beruft.

Wir, Mitglieder des SDS von 1968, die sich regelmäßig treffen, um Fragen unseres damaligen und heutigen Selbstverständnisses zu klären, lehnen die Verfälschung unserer politischen Geschichte mit nationalistischen Erklärungsmustern mit aller Entschiedenheit ab.

Wir wollen klarstellen, daß sowohl Horst Mahler als auch Bernd Rabehl nicht für den SDS und auch nicht für die 68er Bewegung sprechen, sondern nur ihr eigenes gewandeltes Verständnis dieser Bewegung von sich geben. Wir stellen gegenüber dieser Vereinnahmung fest:

Die antiautoritäre Bewegung von 1968 richtete sich gegen versteinerte Verhältnisse in West und Ost. Wir wollten mehr Freiheit, die Emanzipation des Individuums als Subjekt seiner eigenen Geschichte und darum die Beseitigung der kapitalistischen und hierarchischen Strukturen, die dieser Emanzipation im Wege standen und stehen. Die Bewegung verstand sich zudem als zutiefst internationalistisch und egalitär. Sie war über alle unterschiedlichen ideologischen Schattierungen hinweg durch zwei grundsätzliche Einstellungen charakterisiert:

  • durch die militante Gegnerschaft zum deutschen Nationalismus, das Entsetzen über die Eroberungskriege und die Verbrechen, die von Deutschen im Namen der deutschen Nation begangen wurden.
  • durch die Empörung über den Krieg der USA in Vietnam, die uns auf die Straße trieb, die uns dazu bewegte, die Grundlagen dieses Gesellschaftssystems in Frage zu stellen. Wir haben nach den Ursachen für diese Katastrophen geforscht und versucht, daraus Lehren zu ziehen. Wir wollten den Kapitalismus abschaffen.

Die 68er Bewegung war keine spezifisch deutsche Angelegenheit, sondern eine weltweite Jugendrevolte, die sich für einen gemeinsamen Kampf gegen globale Ausbeutung, Unterdrückung und Rassismus engagierte.

Sie war nicht antiamerikanisch, sondern gegen den amerikanischen Imperialismus gerichtet. Zusammen mit Rudi Dutschke bewunderten wir das andere, das unterdrückte und kämpfende Amerika.

Die Solidarität mit den unterentwickelt gehaltenen Ländern der Dritten Welt bildete einen wesentlichen Bestandteil unserer politischen Identität. Sie zeigte sich besonders auf dem Vietnam-Kongreß 1968.

Eine nationale Frage stellte sich für uns nicht, sei es, daß wir meinten, der Begriff der Nation lenke von der sozialen Frage nur ab, sei es, daß wir die Teilung Deutschlands als Ergebnis eines von Deutschland ausgehenden verbrecherischen Krieges akzeptierten.

Wir müssen Rudi gegen die Vereinnahmung durch nationalistische Kräfte in Schutz nehmen: Rudi war entschiedener Internationalist, der sich mit uns für die soziale Befreiung in allen Ländern einsetzte.

Wir können nicht verhindern, daß sich einige ehemaligen Genossen ihre politische Farbe wechseln. Wir wehren uns aber entschieden dagegen, daß unserem gemeinsamen Engagement nachträglich ein "nationalrevolutionärer" Charakter angedichtet werden soll.

Mahler und Rabehl versuchen vergeblich, die Nation als Agenten des Kampfes gegen die weltweit konkurrierenden und herrschenden Kapitalmächte zu beschwören. Davon distanzieren wir uns. Wir halten diesen Weg für falsch und gefährlich. Er erhöht die Kriegsgefahren und führt im Inneren zur Ausgrenzung und Verfolgung von Minderheiten. Wir sind empört über den Antisemitismus, den insbesondere Mahler zusammen mit seinem wiederentdeckten Nationalismus vertritt.

Mahlers und Rabehls Vorstoß ist umso unverantwortlicher, als er zu einem Zeitpunkt stattfindet, zu dem endlich versucht wird, das Staatsbürgerschaftsrecht zu reformieren. Wir sehen in der Aufhebung des Abstammungsprinzips eine wichtige Voraussetzung, um im Kampf gegen die durch die Kapitalherrschaft begründeten Ausgrenzungsprozesse zu solidarischem Handeln zu kommen.

Die UnterzeichnerInnen des Aufrufs:

Peter Strotmann, Heide Berndt, Rüdiger Stuckert, Günter Langer, Gisela Richter, Peter Neitzke, Ekkehart Krippendorff, Peter Welter, Brigitte Asdonk, Dirk H. Müller, Oleg Ilyapour, Michaela Reisin, Hanna Kröger, Marianne Regensburger, Peter Rambausek, Rudolph Bauer, Elsa Rassbach, Ulrich Ströhle, Gerd Röder, Klaus Meschkat, Marc Geoffroy, Karin Kerner, Hermann Pfütze, Hans Dieter Heilmann, Till Wilstorf, Urs Müller-Plantenberg, Susanne Schunter-Kleemann, Bodo Saggel, Eike Hemmer, Wolfgang Nitsch, Hans Eberhard Schultz, Guiseppe de Siati, Udo Riechmann, Michael Baumann, Siegfried Heimann, Ines Lehmann, Christian Ströbele, Hajo Funke, Barbara Paul, Eike Schweichel, Purgie Bruhn, Gretchen Dutschke, Jürgen Treulieb