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Ulrich K. Preuß

Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin

1968 von heute aus gesehen.

Kritische Bilanz der "APO" und ihre Wirkungsgeschichte: Erfolge und Sackgassen.

Vortrag auf der Rudi-Dutschke-Konferenz 21./22. Januar 2000 in Berlin anläßlich des 20. Todestages am 24. Dezember 1999

Heinrich-Böll-Stiftung

 

Symbol und Generationskohorte

"1968" ist zum Symbol für eine bestimmte Generation geworden, zu der man aus Altersgründen gehört oder nicht gehört. Inzwischen präsentieren sich auch schon junge Leute stolz als die "Generation der 1998er" als Alternative zu den "68ern", wobei sie freilich auf kaum mehr als auf die Tatsache verweisen können und wollen, dass sie dreißig Jahre jünger und somit ihre Haare noch nicht ergraut sind und auch der Bauchansatz noch nicht sichtbar ist... Bei derartigen Trivialitäten kann leicht enden, wer meint, die Geschichte als Handlungs- und Kampffeld von Generationen verflachen zu sollen. Zwar ist es durchaus richtig, dass eine Generation durch die Zeitgenossenschaft mit bestimmten historischen Ereignissen definiert ist, doch heißt das beileibe nicht, dass eine Generation stets dieselben historischen Erfahrungen gemacht hat. Dies würde erfordern, dass alle Angehörigen der Generationskohorte in der gleichen Weise über die historischen Ereignisse reflektieren und dadurch das Bild einer bestimmten Epoche erstellen. Dies ist weder für die Generation der "68er" noch für irgend eine andere Generation der Fall. Aber es kann natürlich sein, dass eine bestimmte Minderheit durch ihr Handeln historische Ereignisse prägt und mehr noch, die Wahrnehmung dieser historischen Ereignisse durch ihre Deutungen bestimmt und dann mit einer ganzen Generation identifiziert wird. So scheint es mit der Generation von "1968" zu sein, und deswegen ist nun, dreißig Jahre danach, der Kampf um die Deutung dessen, was 1968 geschah, neu entbrannt.

Jahrelang bedeutete "1968" das Symboljahr für einen heroischen und schließlich auch siegreichen Kampf um Aufklärung und Universalismus. Heute, insbesondere nach den grundlegenden Veränderungen des Jahres 1989, gewinnt eine entgegengesetzte Deutung an Einfluss. "1968" wird nun als Symbol einer Generation verstanden, die aufgrund ihres Mangels an Energie und politischer Vision an dem Projekt ihrer sich selbst auferlegten historischen Mission gescheitert ist. Das boshafte und ins Lächerliche gezogene, freilich keineswegs völlig aus der Luft gegriffene Bild eines ergrauten Mannes (sic), der in einer Mischung aus Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit die alten, zu Phrasen herabgekommen Sprüche wiederholt, ist in der deutschen Öffentlichkeit ziemlich populär geworden. Ganz offenkundig ist diese Karikierung eine neue Waffe im "Kampf um Anerkennung" verschiedener Gruppen um die kulturelle Hegemonie in der Gesellschaft. Wenn es einer Gruppe gelingt, in dem Felde der politischen Semantik Hegemonie zu erringen und ihre spezifische Deutung der Vergangenheit der Gesellschaft insgesamt aufzuerlegen, dann ist es äußerst schwierig, ein anderes Geschichtsverständnis zu etablieren. Daher sind auch heute nicht so sehr die historischen Ereignisse der sechziger Jahre als solche im Streit; vielmehr geht es um die Bedeutung des fast schon magischen Datums des Jahres "1968", das allerdings von Anfang an die Quelle heftigster Auseinandersetzungen über die intellektuelle Hegemonie in Deutschland gewesen ist. Hier geht es um Urheberschaft, Folgen und Bedeutung der rapiden Veränderungen, die die bundesrepublikanische Gesellschaft am Ende der sechziger Jahre erfuhr und von deren Erbschaft wir heute noch zehren. Der Geist dieser Erbschaft - kritische Aufsässigkeit, Zivilcourage, individuelles Engagement, politisch-intellektuelle Kreativität - ist glücklicherweise nicht das Eigentum einer bestimmten Generation.

 

Das neue Zeitalter

Oskar Negt schrieb, dass 1968 mit geschichtlich so bedeutsamen und folgenreichen Jahren wie 1789, 1848, 1914 und natürlich 1933 vergleichbar sei. Diese Daten repräsentieren, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, den Beginn eines neuen Zeitalters. Sie kennzeichnen die Heraufkunft neuer sozialer Strukturen und politischer Institutionen, neuer Eliten, Ideen und Werte. Gleichzeitig aber sind diese Daten auch zwischen den verschiedenen Gruppen der Gesellschaft höchst kontrovers. Vergleichen wir nun "1968" mit jenen anderen bedeutsamen Jahren so fällt auf, dass in diesem Jahr keine sichtbare Veränderung der bestehenden politischen Machtstrukturen stattfand. Der berühmte Machtwechsel von 1969 brachte keine bisher in Obskurität lebenden neue Eliten an die Macht, keine Umverteilung der vorhandenen gesellschaftlichen und politischen Ressourcen, keine Heraufkunft einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, keine neuen Symbole von Herrschaft. Der Wechsel vom Jahre 1969 fand im Rahmen der gegebenen verfassungsmäßigen Ordnung statt. Es handelte sich um einen ganz normalen Regierungswechsel, in dem eine andere Fraktion innerhalb der politischen Elite die Regierungsämter übernahm. Dennoch waren die Veränderungen, die durch "1968" herbeigeführt wurden, vielleicht ebenso tiefgreifend und folgenreich wie die einer wirklichen politischen Revolution. Dabei sind es sicherlich nicht die wirklich dramatischen Ereignisse jenes Jahres welche diesen nachhaltigen Einfluss von "1968" auf das kollektive Bewußtsein der deutschen Gesellschaft befriedigend erklären können. Was tatsächlich neu war, war das ungestüme, impulsive und leidenschaftliche Engagement erheblicher Teile der Bevölkerung in öffentlichen Angelegenheiten, etwas, was Deutschland lange Zeit nicht erlebt hatte. Noch überraschender war vielleicht der Umstand, dass die verbreitete Unzufriedenheit großer Teile der jüngeren Generation, vor allem der Studenten, sich nicht in nationalistischen, rassistischen oder anderen rechtsradikalen Ideologien niederschlug, sondern in Kritik an dem, was sie als undemokratische Strukturen der deutschen Gesellschaft identifizierten. Hält man sich die Unwilligkeit oder Unfähigkeit großer Teile des deutschen Bürgertums vor Augen, die Weimarer Republik im Jahre 1933 zu verteidigen, dann ist dieser Umstand als eine bemerkenswerte Errungenschaft anzusehen. Es gab aber noch andere, mehr Untergründe und zum Teil auch ambivalentere Neuerungen, die charakteristisch für "1968" wurden. Ich meine, erstens, die Herausbildung eines neuen Verhältnisses zwischen der Sphäre des privaten Lebens und der Öffentlichkeit, ja, überhaupt die Entdeckung der Öffentlichkeit jenseits des Staates; zweitens, die Tendenz zur Moralisierung der Politik, mit Folgen, zu denen man auch die deutschen Varianten von Terrorismus zählen muss; schließlich, drittens, die Herausbildung neuer Akteure in der politischen Arena Deutschlands, die wir inzwischen allgemein als neue soziale Bewegungen zu kennzeichnen gewöhnt sind. Zu allen drei Neuerungen möchte ich einige Anmerkungen machen.

Die Entdeckung der Öffentlichkeit.

Im deutschen politischen Denken ist die öffentliche Sphäre traditionell fast ausschließlich mit dem Begriff der politischen Macht und des Staates verbunden gewesen. Welche Auffassungen über die Legitimität und den Charakter eines spezifischen Regierungssystems auch in der Gesellschaft vorherrschend gewesen sein mögen, es hat immer eine breite Übereinstimmung darüber gegeben, dass Revolutionen in der öffentlichen Sphäre stattfinden. Private Beziehungen galten als unpolitisch und konnten auf keinen Fall die Quelle für grundlegenden sozialen Wandel darstellen. Die zunächst studentische, dann bald außerparlamentarische Bewegung stellte diese Prämisse einer Dichotomie des Privaten und des Öffentlichen radikal in Frage. Um das Ausmaß der Veränderungen der deutschen Gesellschaft zu verstehen, ist es notwendig, sich des institutionellen Erbes des deutschen Etatismus und der dominanten Rolle der Bürokratie in der Entwicklung der deutschen Gesellschaft zu erinnern. Die deutsche Version der "rule of law", der berühmte Rechtsstaat, wird nicht selten und nicht ganz zu Unrecht auf die erste rechtliche Kodifikation auf deutschem Boden, das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794, zurückgeführt. Diese Kodifikation wurde von der preußischen Bürokratie vollbracht, und ihr aufgeklärt-autoritärer Geist lebte noch in dem Konzept des Rechtsstaates fort, als dieser längst eine konstitutionell-demokratische Grundlage erhalten hatte. Nicht weniger doppeldeutig für die Gestalt der zukünftigen deutschen Gesellschaft waren die preußischen Reformen in der Ära der napoleonischen Kriege in den Jahren nach 1806. Sie erlegten der zögernden und widerstrebenden Bevölkerung grundlegende Institutionen der Marktgesellschaft auf, die den realen Verhältnissen und den Mentalitäten weit vorauseilten. Dieses Muster eines von aufgeklärten Eliten autoritär auferlegten Durchbruchs kann man schließlich auch bei der Gründung des Deutschen Reiches von 1871 erkennen, die nach dem Bilde feudaler und konservativer Eliten erfolgte, nachdem die liberal-revolutionären Kräfte von 1848, für die nationalstaatliche Einheit im Rahmen des liberalen und demokratischen Verfassungsstaates gekämpft hatten, geschlagen worden waren und sich in der Folge gezwungen sahen, die politische Führung der traditionellen vorbürgerlichen Eliten anzuerkennen. Eine wichtige Implikation dieser etatistischen deutschen Tradition war die Identifizierung der öffentlichen Sphäre mit dem Staat und seine unbefragte Überlegenheit seiner Autorität über alle sozialen Beziehungen... Der Begriff des Rechtsstaats verkörperte das Prinzip der Legalität, welches die Unterordnung der staatlichen Bürokratie unter die verbindliche Kraft des Gesetzes forderte. Nach seinen Kanteschen Ursprüngen war der Begriff des Rechtsstaates die Verkörperung des Vernunftstaates, eine philosophisch rationalisierte Version des aufgeklärten Despotismus des absoluten Monarchen des 18. Jahrhunderts. Herrschaft des Rechts bedeutete Herrschaft der Vernunft, nicht Herrschaft des Volkes. Während im angelsächsischen Traditionszusammenhang "rule of law" und Volkssouveränität untrennbar miteinander verbunden waren, jedenfalls keinen Gegensatz bildeten, konnte der Rechtsstaat als eine Art von Ersatz für die Demokratie existieren. Im Gegensatz zum Geist der amerikanischen und auch der französischen Revolution war der Rechtsstaat nicht notwendigerweise der Ausdruck des kollektiven Willens; vielmehr repräsentierte er die Institution, die der Garant bestimmter Privilegien und individueller Rechte war. Diese Institution konnte durchaus ein aufgeklärter und wohlwollender Monarch sein. Auch wenn der Rechtsstaat die absolutistische Gewalt bändigte und begrenzte, so tendierte er doch dazu, die passive Haltung der Untertanen bis hin zur Unterwürfigkeit zu fördern, ganz anders als das französische Konzept eines auf Gleichheit beruhenden aktiven politischen Körpers. So war denn auch die Widerstandskraft gegen eine Beseitigung selbst dieses minimalistischen Rechtsstaates im 20. Jahrhundert bekanntlich sehr gering. Trotz der Einführung der konstitutionellen Demokratie nach 1945 blieb doch der etatistische Einfluss in Deutschland auch nach den Erfahrungen des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges erhalten. Ein Grund, warum diese Tradition ein viel zäheres Leben hatte als viele vorausgesehen hatten war der Glaube, dass Demokratie sich nur auf den Staat und seine Institutionen beziehe, nicht aber auf die bürgerliche Gesellschaft. Demokratie wurde als öffentliche Autorität definiert, die im Namen des Volkes durch die Organe des Staates herrschte. Außerhalb des Staates existierte "das Volk", eine Menge von Individuen, welche die interessenzerklüftete zivile Gesellschaft bildete und unter dem Prinzip der Freiheit lebte. Das Reich der "unverantwortlichen" Freiheit und die Sphäre des Staates mussten strikt voneinander getrennt bleiben. Ebenso wie die partikularistischen und pluralistischen gesellschaftlichen Kräfte daran gehindert werden mussten, das Gemeinwohl zu stören, so hatten auch die Prinzipien, die sich auf den Staat bezogen, wie das demokratische Prinzip, auf Distanz zur zivilen Gesellschaft zu halten.

Auf diesem Hintergrund mussten natürlich die Forderungen der Studenten in den 60er Jahren nach Demokratie in den Universitäten, den Schulen, den Krankenhäusern, im Geschäftsleben oder sogar in der Familie als vollkommen absurd erscheinen. Nach Auffassung der Studenten dagegen war dies eine notwendige Infragestellung der etablierten Autoritäten und der nicht mehr legitimen Eliten. Die Öffnung der engen, stickigen und hierarchischen Institutionen würde sie dem frischen Wind eines universalistisch-egalitären Geistes aussetzen und die Eliten dazu nötigen, ihre Autorität im Lichte demokratischer Prinzipien zu rechtfertigen. Im engen Zusammenhang mit ihrer Herausforderung der traditionellen Trennung von Staat und Gesellschaft war der Angriff auf die überkommene Dichotomie von öffentlich und privat. Entsprechend der herrschenden Auffassung und der sozialen Lebenspraxis in den 50er und 60er Jahren Westdeutschlands war die Gesellschaft in erster Linie der Lebensbereich der privaten Individuen. Man mag darüber streiten, ob sich diese Haltung, wie häufig vorgeschlagen, als eine durchaus verständliche Reaktion auf die Politisierung der deutschen Gesellschaft in der Zeit des Naziregimes deuten lässt, unter dem es keine gesicherte und geschätzte private Sphäre gab. Jedenfalls gab und gibt es auch weiter zurückreichende Quellen für diese Wertschätzung der privaten Sphäre, die übrigens im Grundgesetz selbst keineswegs so deutlich ausgeprägt ist wie seine damals herrschenden Interpreten annahmen.

Wie dem auch sei, viele Deutsche glaubten, dass die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und die Interaktionen innerhalb der Familien, der Schulen, der Universitäten, der Massenorganisationen, der privaten Unternehmen und der öffentlichen Bürokratien privat waren und daher für politische Interventionen ungeeignet; das bedeutete auch, dass diese Binnensphären auch als untauglich für öffentliche Debatten galten. Diese strikte Grenzziehung geriet zunächst in den Universitäten ins Wanken, später dann auch in anderen Bereichen der Gesellschaft. Was als eine rein studentische Bewegung begonnen hatte, öffnete sich allmählich zu anderen Bereichen der Gesellschaft. Themen, die bisher der öffentlichen Aufmerksamkeit entgangen waren, wurden nun in aller Öffentlichkeit diskutiert; in vielen Fällen wurden sie überhaupt erst als problematisch dadurch erkannt, dass sie überhaupt der öffentlichen Diskussion ausgesetzt waren. Das schmerzlichste Beispiel dafür war die Rolle, die die Elterngeneration der rebellierenden Studenten während der Zeit des Naziregimes gespielt hatten und, vielleicht noch viel schmerzhafter und schändlicher, ihr dauerhaftes und in vielen Fällen störrisches Schweigen unmittelbar nach 1945. "1968" bedeutete daher auch eine Störung des geheimen Gründungspaktes des Bundesrepublik, dessen Hauptinhalt das Vergessen der schändlichen Zeit zwischen 1933 und 1945 bedeutete. Dieser Vertrag verband sich, wie eine Art Bußübung, mit eifrigen Bemühungen, die kapitalistische Ökonomie wieder herzustellen und sich in den westlichen antikommunistischen Kreuzzug einzugliedern.

Die Moralisierung der Politik.

Bislang habe ich die Auswirkungen von "1968" auf die Dichotomie Gesellschaft des Nachkrieges skizziert. Die Ausdehnung der öffentlichen Agenda erweiterte natürlich auch die Erfordernisse für eine demokratische Legitimierung, denen sowohl gewählte wie auch nichtgewählte Eliten ausgesetzt wurden und die nun der Maßstab wurde, an dem öffentliche Politiken zunehmend gemessen wurden. Manche Sozialwissenschaftler mögen argumentieren, dass eine Neuordnung der Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft am Ende der 60er Jahre ohnehin überfällig war, weil das Ausmaß ihrer wechselseitigen Durchdringung die bisherigen institutionellen und ideologischen Konstruktionen, die auf der hoheitlichen Überlegenheit des Staates über die Gesellschaft beruhten, obsolet gemacht habe. Tatsächlich hatte der Staat seine traditionelle Abgeschlossenheit gegenüber den etablierten ökonomischen und sozialen Kräften längst verloren, wenn er sie je besessen haben sollte. Konservative Theoretiker malten das Schreckbild an die Wand, dass diese partikulären Kräfte dabei waren, den Staat zu erobern und seine Einheit zu unterwandern. Sie fürchteten, dass der Staat zur Beute der Ansprüche pluralistischer Kräfte geworden sei und seine Überlegenheit über die Gesellschaft verloren habe. Aber auch ihnen entging nicht, dass die Gesellschaft zunehmend abhängiger von staatlichen Interventionen wurde, durch die sie mit den materiellen und immateriellen Ressourcen versorgt wurde, die sie selbst nicht mehr zu erzeugen vermochte. So war also die Durchbrechung der Dichotomie von öffentlich und privat, Staat und Gesellschaft gewiss nicht das Ergebnis von "1968", sondern Folge objektiver gesellschaftlicher Strukturveränderungen. Dennoch können derartige strukturelle gesellschaftliche Entwicklungen die skizzierten Veränderungen nicht vollständig erklären. Die Studenten und Intellektuellen nahmen natürlich die von ihnen postulierte Notwendigkeit des Wandels nicht als eine Anpassungskrise wahr, sondern als eine genuin moralische Krise, deren Ursache sie in einem Mangel an Aufrichtigkeit, Offenheit und öffentlicher Diskussion über wichtige gesellschaftliche Angelegenheiten sahen. Sie nahmen also die Begrenzungen der öffentlichen Sphäre nicht als eine strukturelle Schwäche einer im übrigen wohlgeordneten Gesellschaft wahr - dies wäre eher der Ansatz eines professionellen politischen Soziologen gewesen -, sondern als einen tief und schmerzlich empfundenen Mangel an moralischer Offenheit der Eliten gegenüber Problemen, die nicht ausschließlich in den Kategorien wirtschaftlichen Wachstums, von Stabilität, Vollbeschäftigung und eines ungestörten Funktionierens des Staatsapparates behandelt werden konnten. Die Schwierigkeiten, denen die Bundesrepublik am Ende der 60er Jahre gegenüberstand, hatten zweifellos ökonomische und fiskalische Dimensionen. Hellsichtige Ökonomen hatten das Ende der Nachkriegsrekonstruktionsperiode vorausgesagt und angekündigt, dass das westdeutsche Wirtschaftswunder bald zu Ende gehen werde. Während der ersten kleineren Rezession seit 1949 gab es eine Regierungskrise, die 1966 in der Bildung der großen Koalition endete; sie beraubte die deutsche Politik praktisch einer gewichtigen politischen Opposition. Auf erste Zeichen ökonomischer Krisenerscheinungen reagierte die Große Koalition nicht nur mit einer aktiven, d.h. politisch-administrativ gesteuerten Wirtschafts- und Industriepolitik, sondern auch mit einer Anpassung des Grundgesetzes auf die neuen ökonomischen Planungsbedürfnisse.

Aus der Retrospektive betrachtet können diese Ereignisse als ein Zeichen dafür interpretiert werden, dass die westdeutsche Gesellschaft durch eine Modernisierungskrise hindurchging, weil das politische System es nicht rechtzeitig geschafft hatte, sich auf das "Ende der Nachkriegszeit" und die damit einhergehenden neuen technologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen einzustellen. Doch war dies, wie gesagt, kaum die Wahrnehmung der politisch aktiven Minderheiten der westdeutschen Gesellschaft. Deutschland war zu einem der wichtigsten Mitglieder der westlichen militärischen Allianz geworden, deren behaupteter Zweck in der Bewahrung von Freiheit und Demokratie lag. Dafür aber legte sie jedenfalls aus der Sicht der Studenten etwas laxe Maßstäbe in bezug auf die demokratische und moralische Qualität einiger ihrer Mitglieder, Freunde und Verbündeten an, wenn diese nur hinlänglich antikommunistisch waren. Verantwortungsethische Rechtfertigungen konnten natürlich gegenüber der geballten Gesinnungsethik einer im Geiste der reeducation erzogenen und dadurch moralisch sensibilisierten Jugend nicht viel ausrichten. Sie wurden als blanker Zynismus empfunden. Und obwohl die Bundesrepublik natürlich durchaus ein demokratisches Land war, gab es auch hier fragwürdige Erfahrungen. Der Prozess der Entnazifizierung, der nach 1945 eingeleitet worden war, wurde sehr schnell von den westlichen Alliierten gestoppt, um die Kooperation der westdeutschen Eliten zu erhalten. Es war daher kein Zufall, dass der 1945 zum Schweigen gebrachte Prozess einer kollektiven Selbstreflexion und einer genauen Analyse der Gründe für die historisch beispiellose Barbarei des Dritten Reiches genau in dem Moment an die Oberfläche der Gesellschaft trat, als die erste ökonomische Krise und die daraus resultierenden politischen Instabilitäten sichtbar wurden.

Die Behauptung also, dass "1968" kaum mehr gewesen sei als eine Anpassungskrise der sich schnell, vielleicht allzu schnell vom Kriege erholten und im Eiltempo modernisierten westdeutschen Industriegesellschaft, mag einiges für sich haben. Doch erklärt das nicht viel. Denn Modernisierungskrisen nehmen in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen sehr unterschiedliche Formen und Gestalten an. Man sieht das deutlich wenn man die Reaktionen anderer entwickelter Industriegesellschaften des Westens auf ähnliche Herausforderungen betrachtet, denen Deutschland im Laufe des 20. Jahrhunderts ausgesetzt war. Schweren wirtschaftlichen Krisen, technischen Revolutionen und tiefgreifenden sozialen Erschütterungen waren im 20. Jahrhundert alle entwickelten kapitalistischen Industriegesellschaften ausgesetzt. Jede von ihnen musste mit diesen Herausforderungen auf ihre Weise umgehen und ihr angesammeltes kulturelles Kapital zur Lösung einsetzen. Dabei haben unter dem nachhaltigen Einfluss eines spezifischen kulturellen Erbes, intellektueller Gewohnheiten und institutioneller Besonderheiten viele Probleme in Deutschland bekanntlich dramatisch andere Antworten gefunden als gleiche oder ähnliche Herausforderungen in anderen Gesellschaften. Bis zu einem gewissen Grade gilt das auch für die vorwiegend studentische Protestbewegung, die bekanntlich nicht auf die Bundesrepublik, nicht einmal auf Europa oder gar nur auf Westeuropa beschränkt war. Es ist keineswegs überraschend, dass ist ihre bundesrepublikanische Variante ganz wesentlich durch die kulturellen Traditionen Deutschlands geprägt wurde.

Der spezifisch deutsche Weg, gesellschaftliche Unzufriedenheit auszudrücken, bestand in der zweiten Hälfte der 60er Jahre in Deutschland darin, die Politik zu moralisieren. Der moderne Begriff der Politik, wie ihn klassisch Max Weber formuliert hat, besteht in der Monopolisierung der physischen Gewaltmittel im Staat. In letzter Instanz wird das Gemeinwohl nach diesem Begriff durch die Androhung oder Anwendung von Zwangsgewalt herbeigeführt. In Deutschland, insbesondere in Preußen, wo die protestantisch-lutherische Auffassung von der Trennung von Politik und Religion besonders stark ausgeprägt war, hatte die Vorstellung einer innerweltlichen Askese immer auch als Rechtfertigung für die Anwendung von Gewalt in einer grundlegend sündigen Welt gedient.

In den 60er Jahren wurde jedoch in Deutschland und auch in den Vereinigten Staaten, einem von Grund auf protestantischen Lande, der Gebrauch von Zwangsgewalt für die Verwirklichung politischer Ziele problematisch. Der Vietnam-Krieg bewirkte nicht nur einen zunehmenden Widerstand gegen die Anwendung von Gewalt, sondern beförderte auch die Herausbildung einer Ethik, die alle Menschen für Brüder und Schwestern erklärte und das Ideal einer universellen Solidarität proklamierte. Diese zunehmend moralische Sicht auf die Politik verwarf das Prinzip der Staatsraison als unmoralisch und rechtfertigungsunfähig und wurde zum Maßstab für die Bewertung der Außenpolitik der bundesdeutschen Regierung durch die außerparlamentarische Opposition. Das Vakuum, das die Abwesenheit einer pluralistischen öffentlichen Sphäre geschaffen hatte, wurde nun durch die moralischen Forderungen einer intellektuellen Minderheit gefüllt, welche den Anspruch erhob, den wahren Geist einer demokratischen Gesellschaft zu repräsentieren.

Die Moralisierung der Politik war die spezifisch westdeutsche Reaktion auf die gesellschaftlichen Krisen der 60er Jahre, und diese gründete im wesentlichen in der protestantischen Tradition. Intellektuelle Minderheiten suchten den Raum öffentlicher Diskurse dadurch zu erweitern, dass sie ihn mit moralischen Forderungen füllten. Sie wiesen nicht nur traditionelle Begriffe politischer Rationalität zurück, nach denen Politik ein Prozess des Ausgleichs gegensätzlicher partikularer Interessen sei, sondern auch eine institutionelle Definition von Politik, durch die ein Mindestmaß an Rationalität des politischen Prozesses gewährleistet wird. Folgerichtig definierte sich die Bewegung von 1968 auch selbst als "anti-institutionelle" Kraft. Konstituierte Gebilde wie der Staat selbst und seine Einrichtungen - die Universitäten, die Schulen, aber auch die Einrichtungen des Marktes, die Familie, etablierten Institutionen - gerieten unter den Verdacht, letztlich nichts anderes zu sein als Agenturen der Unterdrückung individueller Freiheiten. Die Moral universeller Brüderlichkeit (und dann später sehr bald auch: Schwesterlichkeit) sollte das moralische Vakuum füllen, unter dem nach Auffassung der außerparlamentarischen Opposition die meisten Institutionen litten (oder doch jedenfalls leiden sollten).

Eine der folgenschwersten Konsequenzen dieses Prozesses der Moralisierung der Politik nach 1968 war die Entstehung des politischen Terrorismus, der noch bis vor kurzem wie ein Alptraum über der deutschen Innenpolitik lag. Der Terrorismus der 70er Jahre war die wohl radikalste Ausdrucksform der in der deutschen Geschichte angelegten Tendenz, politische Probleme in moralische Konflikte umzudefinieren. Die Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF), überwiegend, jedenfalls in der ersten Generation, junge Intellektuelle, nahmen ihre Rhetorik einer weltumspannenden Brüderlichkeit und einer befreienden Roten Armee Fraktion wortwörtlich und buchstabengetreu, ebenso wie den unbedingten Charakter ihrer moralischen Forderungen. (Nicht überraschend, waren die fanatischsten Jünger auch gänzlich zur Ironie oder Selbstironie unfähig). Sie glaubten, dass physische Aktionen in der Lage seien, die Machtstruktur einer moralisch degenerierten und kriminellen Gesellschaft zu erschüttern, weil seine moralische Schwäche mit Notwendigkeit die physische Schwäche seines sozio-ökonomischen Systems zur Folge habe. Durch Angriffe auf die Repräsentanten der herrschenden Ordnung glaubte die RAF die Ordnung selbst überwinden und überwältigen zu können. Diese These war natürlich selbst widersprüchlich, denn entweder war die herrschende Ordnung moralisch empfindsam, und dann bestand keine Notwendigkeit, sie gewaltsam anzugreifen; oder aber sie war so gewaltsam und skrupellos, wie die Terroristen behaupteten, und in diesem Falle konnte die von einer kleinen Gruppe ausgeübte Gewalt lediglich begrenzte Wirkungen haben, allenfalls symbolischen Charakter annehmen und jedenfalls die Machtstrukturen nicht ändern. Darüber hinaus war es auch widersprüchlich, individuelle Repräsentanten des Systems physisch anzugreifen, um auf diese Weisen in den Massen den Willen zum Aufstand und zum Widerstand zu erzeugen, wenn zur gleichen Zeit das System als so durch und durch korrupt bezeichnet wurde, dass die Massen darin unheilbar verstrickt und damit Teil des Problems waren und nicht, wie nach traditioneller revolutionärer Doktrin, der entscheidende Hebel zu seiner Lösung.

Ebenso wie die von der außerparlamentarischen Bewegung betriebene Moralisierung der Politik als ihre radikalste Zuspitzung und zugleich pervertierteste Konsequenz den deutschen Terrorismus der RAF und der ihr verwandten Gruppen hervorbrachte, so hat auch ihr anti-institutioneller Impetus, eine in der Aufbruchphase der Vermischung von Politik und Moral, langfristig auch seine problematischen Seiten deutlich hervortreten lassen. Der Eigenwert von Institutionen findet in Deutschland viel weniger selbstverständliche Anerkennung als in seinen westlichen Nachbarländern, ganz besonders natürlich als in Großbritannien. Ja, ein Blick in die inneren Struktur, vor allem aber auch auf die äußere Gestalt von Institutionen wie Schulen, Universitäten oder öffentlichen Plätzen erweckt häufig genug den Eindruck, dass die deutsche Gesellschaft diese Institutionen überhaupt nicht schätzt. Die unübersehbaren Zeichen der äußerlichen Verwahrlosung selbst der Orte, an denen sich Schüler und Studenten täglich treffen und dort gemeinsam einen großen Teil ihrer Kindheit und Jugend verbringen, zeugen davon, dass sie vielfach für viele innerlich leer und bedeutungslos und zu Stätten der Verlorenheit geworden sind. Natürlich wird es immer Politiker geben, die fiskalische Gründe vorbringen können, um zu erklären, warum sie zum Beispiel die Institution des Bildungswesens nicht angemessen finanzieren können. Aber wir alle wissen, dass Geldknappheit nie ein absolutes, sondern immer ein relatives Phänomen ist, d.h. dass die politischen Prioritäten bestimmen, wofür die vorhandenen Mittel ausgegeben werden. Aber selbst diejenigen, die innerhalb der Institutionen arbeiten, haben häufig das Vertrauen in ihre Integrität und Bedeutsamkeit für die Gesellschaft verloren. Im Gegensatz zu der studentischen Generation, die die Bewegung von 1968 auslöste und deren Mehrheit zumindest dem geistigen Erbe der Universität stark verbunden war, scheint heute der Sinn für die Notwendigkeit eines pfleglichen Umganges mit Institutionen nicht sehr entwickelt zu sein. Man wird nicht erwarten können, dass Schüler und Studenten ihre Schulen und Universitäten besonders hoch schätzen und sich mit ihnen identifizieren, wenn ihre eigenen Professoren eine häufig sehr indifferente Haltung gegenüber ihren Institutionen einzunehmen scheinen. Der anti-institutionelle Affekt ist sicherlich auch eine Erbschaft des Protestantismus, für den die Einheit von Staatsgläubigkeit und Innerlichkeit kein Problem darstellte. Insofern liegen die Wurzeln der Moralisierung der Politik und ihrer anti-institutionellen Konsequenzen viel tiefer als die Bewegungen von 1968. Aber sie knüpften so bruchlos an dieses deutsche Erbe an, dass man, wenn man den Sinn für die Ironien der Geschichte noch nicht verloren hat, wohl sagen kann, dass sie das überkommene Erbe bewahrten und fortsetzten, indem sie es sich aktiv und durchaus auch kreativ aneigneten.

Neue soziale Bewegungen.

Wie ich bereits sagte, ist eine neue Grenzziehung zwischen Staat und Gesellschaft und zwischen öffentlichem und privatem Leben eine der nachhaltigsten Wirkungen der Veränderungen, die durch die Bewegung von 1968 herbeigeführt worden sind. Dies hatte bedeutsame Veränderungen der kulturellen Muster der Gesellschaft zur Folge und wurde zum Ausgangspunkt für die Herausbildung der sogenannten neuen sozialen Bewegungen, d.h. der Friedensbewegung, der Frauenbewegung, der ökologischen Bewegung und verschiedene Erscheinungsformen der Jugendbewegung. Diese Bewegungen waren "neu", weil sie weder auf die Emanzipation einer bestimmten Klasse noch auf die Umverteilung von materiellem Reichtum gerichtet waren und sind; sie ignorieren die klassischen Ziele und Ideen der sozialen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, welche die Gesellschaft primär in sozio-ökonomischen Kategorien wie Einkommen, Status, Mobilität, Ungleichheit, Zugang zu Gütern und Leistungen etc. definierte; dieses waren die Brennpunkte der "alten" sozialen Bewegung, der Arbeiterbewegung. Den neuen sozialen Bewegungen geht es in erster Linie um die Qualität von gesellschaftlichen Lebensverhältnissen wie beispielsweise eine gesunde Umwelt, urbane Lebensräume, gewaltfreie soziale Beziehungen unter Bedingungen von Gleichheit, kulturelle Autonomie etc.; ihre Eigenart besteht darin, dass sie nicht durch eine autoritative Entscheidung des Souveräns (über die Allokation von Ressourcen oder über die notfalls exekutiv durchsetzbaren Pflichten der Bürger) hergestellt und der Gesellschaft gewissermaßen von oben auferlegt werden können. Diese "postindustriellen" und "postmateriellen" Orientierungen der neuen sozialen Bewegungen, wie sie häufig bezeichnet werden, unterminieren vor allem die traditionelle Annahme, dass staatliche Zwangsgewalt letztlich das entscheidende Mittel für die Verwirklichung politischer Ziele darstelle.

In der Vergangenheit hatte die Eroberung der Staatsgewalt stets als der unverzichtbare erste Schritt einer revolutionären Durchsetzung politischer Ziele gegolten. Nach den Politikzielen und -kriterien der neuen sozialen Bewegungen vermag die Innehabung der Hebel der souveränen Staatsgewalt wenig auszurichten. Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, insbesondere der Zusammenbruch der kommunistischen Regime Ost- und Mitteleuropas in den Jahren nach 1989 haben gezeigt, dass tatsächlich eine "gute" soziale Ordnung mit dem "Monopol physischer Zwangsgewalt" schwerlich dauerhaft zu etablieren ist. Allerdings war dies eine Einsicht, die vielen Akteuren der Bewegung von 1968 seinerzeit noch ziemlich fremd war. Nicht wenige hatten eine ziemlich verzerrte Wahrnehmung ihrer eigenen Rolle in dem damaligen Prozess. Einige betrachteten sich, ganz traditionell leninistisch, als bloßen Wurmfortsatz eines von ihnen nach wie vor als historisches Subjekt gefeierten Proletariats, von dem sie die Revolutionierung der Gesellschaft erwarteten, wobei wohl auch hier überwiegend die Vorstellung einer Eroberung der Staatsgewalt als unverzichtbar angesehen wurde. Andere dagegen, bereits sensibilisiert durch die Realitäten des realen Sozialismus, verabschiedeten sich vom Proletariat und erklärten bestimmte Randgruppen wie die Insassen von Gefängnissen und anderen geschlossenen Anstalten oder sogar das Lumpenproletariat zum neuen revolutionären Subjekt. All dies war Teil der Konfusionen, welche mit Notwendigkeit in einer neuen sozialen Situation entstehen und wenn historische Vorbilder, die uns die neue Lage erklären und verstehen lassen könnten, nicht bestehen. "1968" war präzedenzlos, und so können wir uns nicht wundern, dass das Neue, das damals entstand, von den Akteuren selbst ebensowenig verstanden und vielfach ebensosehr missverstanden wurde wie von den Beobachtern. Denn tatsächlich nahmen hier folgenreiche gesellschaftliche Veränderungen ihren Anfang, und zwar solche, die mit dem vielbeschworenen und viel gefürchteten "Marsch durch die Institutionen" wenig zu tun haben, der ja doch wohl von allen Beteiligten als Aufruf zur Eroberung der Institutionen verstanden wurde. Heute verstehen wir besser, dass der Wandel kultureller Muster, von Mentalitäten, von individuellen und kollektiven Werten und schließlich auch von sozialen und politischen Institutionen einen nachhaltigen Einfluss auf die Struktur der Gesellschaft hat und dass die radikalsten Veränderungen der Gesellschaft mehr erfordern als einen bloßen Wechsel der souveränen Macht von einer politischen Elite zu einer anderen.

Die neuen sozialen Bewegungen gehören sicherlich zu den wichtigsten und folgenreichsten Erbschaften von "1968". Man mag sie schätzen oder nicht, sie haben jedenfalls die Themen und die Formen der politischen und kulturellen Diskurse in der Bundesrepublik Deutschland grundlegend verändert. Ihre Quellen mögen in dem erwähnten Prozess der Moralisierung der Politik gefunden werden; doch in der Zwischenzeit sind sie politische Akteure aus eigenem Recht geworden. Während in den Jahren der Entstehung der neuen sozialen Bewegungen die Beziehungen der Geschlechter zueinander oder die "Ausbeutung der Natur" öffentliche Aufmerksamkeit wohl nur erreichen konnten, weil sie in der Tat moralisiert wurden, sind sie nun mehr oder minder umfassend in das Rahmenwerk "normaler Politik" integriert worden: Moralische Anklagen über den patriarchalischen Charakter der Gesellschaft haben heute mehr den Charakter ideologischer Rechtfertigungen für sehr konkrete Forderungen wie Quoten auf dem Arbeitsmarkt oder anderen Bereichen, in denen ein Wettbewerb um knappe Ressourcen stattfindet. Ähnliche Entwicklungen können in dem Felde der Ökologie beobachtet werden.

Allgemein gesprochen können wir sagen, dass die hochgespannten Ideen und politischen Ziele von "1968" weitgehend auf den Boden der gesellschaftlichen Normalität zurückgekehrt sind; in vielen Fällen sind sie gar regelrecht banalisiert worden. Aber dies, so scheint es, ist der Preis, den jede erfolgreiche politische und soziale Bewegung der jüngeren Geschichte für ihren Erfolg zu bezahlen hatte. Um die Erinnerung an die heroischen Zeiten und die "Reinheit" der Bewegung und ihrer Ideen zu bewahren, ist sie in besonderem Maße für ihre Umwandlung in einen Mythos anfällig. Die Tatsache, dass "1968" ein Mythos geworden ist, ist vielleicht der überzeugendste Beweis für die Behauptung, dass diese Bewegung tatsächlich tiefe nachhaltige und folgenreiche Wirkungen auf die Gesellschaft der Bundesrepublik gehabt hat.