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Was Rudi Dutschke zu den Irrwegen der abgefallenen Achtundsechziger sagen würde.

von Gretchen Dutschke

Ich kann verstehen: Wie soll man es schaffen, die Last einer Schandgeschichte, die man selbst nicht verschuldet hat, ewig mit sich herumzutragen? Andererseits: Wie sollten wir sicher sein, daß in Deutschland nicht wieder Millionen von Menschen in Gaskammern umkommen? Ich stehe irgendwie dazwischen. Durch meinen Mann, der Rudi Dutschke hieß, bin ich ganz mit der deutschen Geschichte verbunden, und meine Kinder sind deutsch; ich selbst aber bin nicht deutsch. Kann ich also bekennen, daß es mich anekelt und mir Angst macht, wenn ich von alten Freunden meines Mannes nun höre, daß sein Land Deutschland mit der Eroberung durch die Amerikaner kulturlos gemacht worden ist, daß es durch Einwanderer, Asiaten, Unzufriedene und Aufrührer überfremdet wird, von Juden identitätslos gemacht worden ist? Diese ehemaligen Weggefährten meines Mannes behaupten, ihre Aussagen seien von und mit meinem deutschen Mann schon vor über dreißig Jahren entwickelt worden. Das verstehe ich nicht.

Daß manche Deutschen ihre Traditionen und ihre Kultur - genau sowenig wie die Franzosen oder Amerikaner - nicht verschwinden lassen wollen, kann ich verstehen. Das ist nicht überraschend und auch nicht zu mißbilligen. Das Problematische mit der Forderung der Wiederherstellung der deutschen Kultur ist, daß sie offenbar auf einer Klippe balanziert, jederzeit in der Gefahr, abzurutschen in den Sumpf von Rassismus, Nazismus und letztendlich in die Feindschaft zu allen Individuen und Völkern, die nicht ethnisch deutsch sind. Die Versuche, deutsche Kultur zu reinigen und zurückzuerobern, haben in den letzten Jahren zugenommen. Vor allem aber kommen sie nun nicht mehr nur von den traditionellen Rechtsradikalen und Neonazis, sondern von einigen Achtundsechzigern, die einen neuen, niederträchtigen Weg entdeckt haben, sich von den Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre loszusagen.

Rudi Dutschke hatte Angst gehabt, daß die Rechten seine vorsichtige (meist mit Pseudonymen vorgetragenen) Versuche, die Frage nach Deutschland zu stellen, mißbrauchen könnten. Er hoffte aber, daß er solchen Mißbrauch durch Argumentieren würde vermeiden können. Heute ist er nicht mehr da und kann sich deshalb nicht verteidigen. Er wird mißbraucht - von Rechten, die einmal seine linken Freunde waren. Oder waren sie es jemals?

Rudi Dutschke zu einem Fürsprecher einer nationalrevolutionären (oder linksfaschistischen) Bewegung zu machen ist eine absurde und bittere Verdrehung der Geschichte. Allerdings ist er nicht unproblematisch mit dieser Geschichte umgegangen. Er hat sich niemals mit den KZs auseinandersetzt, weder mit den sechs Millionen Menschen, die in Gaskammern umgebracht wurden, noch mit der Ausrottung eines Volkes, des Volks der Juden. Selbst schrieb er 1978: "So stellte sich mir die Frage nach den Verantwortlichen für den Zweiten Weltkrieg. Meine christliche Scham über das Geschehene war so groß, daß ich es ablehnte, weitere Beweisdokumente zu lesen und mich mit einer allgemeinen Erkenntnis zufriedengab: Der Sieg und die Macht der NSDAP, das Entstehen des Zweiten Weltkriegs ist von dem Bündnis zwischen NSDAP und den Reichen (Monopolkapital) nicht zu trennen." Wir können ihn verstehen, wir können ihn nicht entschuldigen. Wir können es nur nehmen, wie er es dargestellt hat, die Scham war zu groß.

Bernd Rabehl schrieb einen Artikel, der in dem rechten Blatt Junge Freiheit unter dem Titel "Ein Volk ohne Kultur kann zu allem verleitet werden" veröffentlicht worden ist. Von Horst Mahler kann man extrem rechte Gedanken in seiner "Flugschrift an die Deutschen, die es noch sein wollen, über die Lage ihres Volkes" lesen. Ich möchte einige Thesen aus diesen beiden Werken von Rabehl und Mahler nehmen und dann hinzufügen, was Rudi zu diesen Themen tatsächlich gesagt hat, und in welchem Kontext.

         These 1. Deutsche Kultur wurde nach dem Krieg in Westdeutschland durch Amerikanisierung zerstört. Diese Zerstörung wurde vor allem durch Juden vorangetrieben, die die deutsche Identität und das deutsche Volk beseitigen wollten und wollen. "In Deutschland durften sich nach der Niederlage nur von den Besatzungsmächten lizenzierte Persönlichkeiten öffentlich äußern. Mit ihrer Lizenzpolitik haben die Alliierten sichergestellt, daß die von der American Jewish Conference approbierte Deutung über die Medien auch in Westdeutschland die kulturelle Hegemonie erlangte." (Mahler) "Die psychologische Aktion, von der die amerikanischen Deutschlandspezialisten 1944-45 sprachen, die nationale Tradition aufzulösen, die Eliten zu entmachten und auszutauschen, die Kultur und die psychologische Disposition der Menschen zu verändern und vor allem Institutionen zu schaffen, die der Dynamik eines modernen Kapitalismus entsprachen, ist 1998 längst verwirklicht." (Rabehl)

Die Amerikaner, von denen Rabehl redet, waren Deutsche (meist Juden), die aus bekannten Gründen in den dreißiger Jahren aus Deutschland geflohen waren. Die Elite, die entmachtet werden sollte, das waren die Beamten der Naziregierung und Nazibürokratie. Mahler macht die deutschen Täter zu Opfern der Juden. Solche Phänomene der Umdrehung sind bekannt. Rudi hat von der Schwierigkeit geredet, ein Deutscher zu sein. Wie das aber nun von den ehemaligen Freunden verdreht wurde! 1967:

"Der Tag der deutschen Einheit war in den Jahren der Konjunktur ein glänzendes Beherrschungsinstrument...(Es wurde eine) herrschaftsorientierte Beeinflussung der psychischen Disposition der Menschen praktiziert".

Es waren nicht Amerikaner, die die Geistesväter der antiautoritären Bewegung in Deutschland waren, sondern Deutsche aus der emanzipativen Tradition deutscher Geschichte (Adorno, Horkheimer, Marcuse). Die psychische Beeinflussung kam von der Restnazis und Konservativen, die die herrschaftsorientierte Ausrichtung aufrechterhalten wollten. Rudi hat keinen Zweifel gehabt, daß ein Identitätsverlust stattgefunden hat und daß das eine Gefahr für Deutschland war. Er glaubte, daß ein Versuch gemacht werden müßte, deutsche Identität zurückzugewinnen. 1976:

Die deutsche Sozialismusfrage ist auch eine Frage der Identifikationsgeschichte. Die italienischen Sozialisten und auch die französischen haben einen ungeheuren Vorteil: Sie haben noch eine nationale Identität, nicht die Identität der Bourgeoisie, sondern eine nationale Identität des Volkes und der Klasse. Nach dem 2. Weltkrieg, durch die Teilung des Landes, ist eine Situation entstanden, wo die Arbeiterklasse in diesem Land einen besonderen Identitätsverlust erlitten hat."
"Wenn die vom bösen Deutschen oder so etwas reden, und wir das noch mitspielen, dann sind wir natürlich erst recht in der Niederlage drin und werden nicht in der Lage sein, deutsche Verhältnisse und deutschen Sozialismus im Rahmen des internationalen Zusammenhangs zu reflektieren. Auf der einen Seite gilt es, die nationale Besonderheit als solche zu reflektieren, und damit wieder Identität zu gewinnen. Schwer genug, in der Tat - ein gebrochenes Land - damit Identität zu gewinnen, national und sozial, extrem schwierige Angelegenheit. Aber auf der anderen Seite unerläßlich, um die Sozialismusfrage hier stellen zu können."

Rudi hat aber niemals die Frage der deutsche Identität getrennt von der Situation in der Welt betrachtet.

"Entscheidend ist, daß der national beschränkte Blick beendet werden muß. Wenn man nur den Blick auf die BRD macht, dann kann man nur noch weinen vor der deutschen Misere. Und ich glaube, das Weinen und das Erzaehlen von der deutschen Misere ist kein Ewigkeitszustand, und es lohnt sich auch nicht."

1977:

"Ohne weitere, viel weitere Annäherung der beiden deutschen Staaten, ohne reale Annäherung der Menschen wird die Zurückgewinning der Identität und Geschichte unmöglich werden."

Rudi hat auf jeden Fall gesehen, daß der deutsche Faschismus der Ursprung des Verlustes an Identität war. 1978:

"Der deutsche Faschismus hat nicht nur die deutsche Arbeiterklasse zerstört. Er hat auch in Mitteleuropa die Entwicklungsfähigkeit, die Kampfmöglichkeit der internationalen Arbeiterklasse des Sozialismus auf eine Minimum reduziert, hat gewissermaßen dem Sozialismus keine Chance gegeben."

·         These 2. Die Amerikanisierung machte Westdeutschland zu einem kapitalistischen Anhängsel der Besetzer. "In Europa bedeutet diese politische Überfremdung die grundlegende Zerstörung von Volk und Kultur, vor allem dann, wenn die Zersetzung der nationalen Identität bereits so weit fortgeschritten ist durch die kapitalistische Umwertung der Werte wie in Deutschland." (Rabehl)

Wir sollen offenbar den Eindruck bekommen, daß Deutschland vor dem Krieg gar nicht kapitalistisch war. Das stimmt aber nicht. Trotz des Namens Nationalsozialismus war Deutschland unter den Nazis sowie davor grundlegend kapitalistisch. "Faschismus ist ein historischer Begriff und ist so wenig zu trennen vom Antisemitismus wie vom Bündnis mit dem Großkapital," schrieb Rudi. Er sah es differenziert. Das imperialistische Interesse an deutscher Wiedervereinigung zwischen Rhein und Oder-Neiße war niemals vorhanden. (Für die deutsche Bourgeoisie war es ein Kampf gegen sozialistische Wiedervereinigung. Fuer die anderen kapitalistischen Länder eine Notwendigkeit im Kalten Krieg und Hilfe für ihre ökonomische Konkurrenzsituation.

Rudi hat von der Amerikanisierung und Russifizierung Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg geredet; aber niemals dachte Rudi, daß der amerikanische Einfluß zu Überfremdung und Zerstörung des deutschen Volks führen würde, mit den national-chauvinistischen Folgerungen, die daraus zu ziehen wären. "Gezielt wird gelogen. Wenn ich von Amerikanisierung und Russifizierung schreibe, dann geht es um Produktions- und Lebensverhältnisse, die nach dem 2. Weltkrieg in verschiedener Art und Weise aufgepfropft, grossmachtmäßig bestimmt wurden."

Rudi hatte mit Chauvinismus nichts im Sinn. Niemals wollte er in die Hände der Rechten spielen. Dennoch war es ein Fehler, so zu sprechen. Denn diese Worte können zu leicht von national-chauvinistischen Rechten benutzt werden. Da war Rudi blind. Aber was meinte er dann? 1978:

"Wer von uns heute kann so ohne weiteres noch sagen, ungebrochen, ich bin Deutscher. Und das ist ja eine der großen Schwierigkeiten, jene Gebrochenheit, d.h. Gebrochenheit als Ausdruck von Geschichtslosigkeit. Wenn Generationen jahrzehntelang nichts anderes erlernen, als auf der einen Seite amerikanisiert zu werden und auf der anderen Seite russifiziert zu werden, dann entsteht Geschichtslosigkeit. Und Resultat der Geschichtslosigkeit ist auch, sich nicht mehr in der deutschen Misere wirklich zu verhalten, dennoch in der deutschen Geschichte zu stehen, zu verstehen, was schwer genug ist. Aber man kann sich, ob man es will oder nicht, auf die Dauer nicht davonstehlen aus der Geschichte, aus der man kommt, und man hat nicht frei gewählt, als Deutscher geboren zu sein. Aber im Rahmen der Geschichte habe ich dort drin meine Arbeit zu tun, soweit es mir möglich ist, und d.h., deutsche Geschichte aufzuarbeiten."
"Ich kann also keine Diskussion führen über die nationale Frage, wenn ich nicht genauestens versuche, mir klar zu werden über die Diskussionen, die innerhalb des Kontinents vor sich gehen, die innerhalb der internationalen Klassenkämpfe sich vollziehen. Gerade weil die deutsche Sozialdemokratie und die deutsche Arbeiterklasse keine Klarheit hatten über den Begriff der Nation und ihrer internationalen Dimension, erleben wir 1914 einen Sieg des Chauvinismus."
"Ein Volk, eine Arbeiterklasse, eine Intelligenz, die ohne Identität ohne Geschichts- und Klassenbewußtsein dahinvegetiert, kann notwendigerweise auch eine neue Gefahrenzone in Mitteleuropa werden. Besonders dann wenn die Entspannung nicht gerade in der BRD und der DDR in eine Entmilitarisierung umschlägt... Wenn die Linke weiter versagt, so wird die Rechte mit Sicherheit nicht versagen."
"Aber es kam etwas in die Luft in der Zeit, in der der Wolf (Biermann) kam (1976), und es war auch eine geschichtlich neue Situation, wo spürbar wurde, da geht etwas zu Ende. Es geht zu Ende eine Geschichte der Amerikanisierung in der BRD. Das ist ökonomisch zu einem Teil zu verstehen, bringt ja neue Widersprüche in die BRD und im Verhältnis zwischen US-Imperialismus und deutschem Monopolkapital westdeutscher Prägung."

·         These 3. Überfremdung durch Immigration. "Wir haben es mit Eroberern zu tun, die darauf aus sind, den gebürtigen Deutschen, den ‚Eingeborenen‘, die Heimat wegzunehmen. Durch die beschlossene Änderung des Staatsbürgerrechts funktioniere "die Verfassung nicht länger als eine Art Besitzstand der Volkszugehörigen" (Mahler). "Wenn die Völkerwanderung nicht zum Stillstand kommt, könnte Europa schon bald, wie Ernst Nolte fürchtete, zu einem Anhängsel Asiens und Afrikas werden." (Mahler) "Die militärische, militante und fundamentalistische Abschließung der einzelnen Volksgruppen von den Gastgebern und die gleichzeitig artikulierte Feindschaft zu den nationalen Werten Westeuropas und Deutschlands säen Zwietracht, Feindschaft und Fremdenhaß."

Manche fragen, was Rudi bloß dazu gesagt hätte, wenn er heute leben würde. Er hat sich dazu geäußert. Eher nebenbei, aber deutlich, 1978:

"Die deutsche Frage war mir nie fremd, ich verließ die DDR nicht, um in ein Exil zu gehen. Zwar in fremde Verhältnisse, aber nicht in ein fremdes Land... Bei mir ist nirgendwo... die reaktionäre Kategorie ‚Überfremdung‘ zu finden." Und: "Ein wirkliches Kettenglied - und der Streik in Hanau weist darauf hin - sind noch immer besonders die ausländischen Arbeiter... Diese disponible Reservearmee des westdeutschen Kapitalismus ist darum subversiv."

·         These 4. 1968 hat die Zerstörung der deutschen Identität vollendet. "Wir erleben dieses Resultat der Kulturrevolution von 1968 jetzt als die Hölle, denn mit Tradition und Religion ist unsere sittliche Substanz verflogen." (Mahler) "Es erfordert einige Anstrengung des Denkens, das geistige Vakuum - diesen Zustand der absoluten Negativität, die uns als Menschen und als Volk ja jetzt wirklich auszulöschen droht - als etwas Positives und in diesem Sinne als eine geschichtliche Leistung der 68er zu erkennen und anzuerkennen." (Mahler)

Sind die Deutschen ein Volk ohne Kultur? Deutsche Kultur ist nach dem Krieg nicht verlorengegangen. Sie hat sich aber geändert, ein Naturgesetz. Kultur ist innig mit der Sprache verbunden. Zwar gibt es Musik, Kunst und Gegenstände, die Art von menschlichen Beziehungen, Verhaltensregeln, die auch eine Kultur ausdrücken, jedoch die Sprache steht im Kern. Deutsche Sprache hat sich geändert, sie existiert aber weiter und steht auch nicht in der Gefahr zu verschwinden. Sprachreinigungsversuche sind so absurd wie ethnische Säuberung.

Nun stellen wir fest, daß Rudi vom Verlust deutscher Identität geredet hat und daß er ihn teils auf den Faschismus, teils auf die Amerikanisierung zurückführt. Warum hat er so etwas gesagt? Er hat den Weg für Mißverständnisse geöffnet. Er hat ein Resultat möglich gemacht, das er nicht beabsichtigt hat. Denn während er immer als Hauptziel die Emanzipation der Menschen in der Welt von Ausbeutung und Erniedrigung sah, war Deutschland für ihn sein zufälliger Wirkungsort, weswegen er Deutschland und die Widersprüche der deutschen Gesellschaft - jedoch immer innerhalb eines internationalen Kontexts - als Ausgangspunkt nahm. So aber konnten seine Worte schnell ihrer emanzipativen und sozialistischen Ziele entledigt und daraus ein rechtsradikaler, nationaler Chauvinismus gemacht werden. Rudi wäre entsetzt, wenn er das wüßte. Er hat seine Ziele deutlich bezeichnet. "Es gilt also nicht mit dem Imperialismus zu koexistieren, sondern ihn mit den in unserer Epoche zur Verfügung stehenden Mitteln an seinen schwächsten Stellen zu bekämpfen, um dem Ziel, einer Welt ohne Hunger und Krieg, näher zu kommen." Das antiautoritäre Ziel blieb für Rudi grundlegend. 1970:

"Der ganze Mist unseres Landes wird deutlicher als je zuvor nach dem 2. WK wieder sichtbar. Der Muff der angetasteten, aber unzerstörten Autoritäts- Verhältnisse wird wieder deutschgemäß. Gelingt der Rechten ein Eingriff in die Jugend, meine im Sinne der 20iger Jahre, so verlieren wir ein entscheidendes Kettenglied!! Hier wäre auch ein sozialistisch antiautoritäre Beleuchtung der Deutschlandfrage von grundlegender Relevanz. Unser Volk hat jegliches Selbstbewußtsein verloren, wenn es je ein solches hatte: vielleicht der Stolz über das Volk der Dichter und Denker. Aber gerade dieses subversive Element unserer Geschichte wurde bisher nie Ausgangspunkt einer politischen Selbstbestimmung und Reflexion des Volkes."
"Die außerparlamentarische Opposition mit dem SDS an der Spitze war in der Mitte der 60iger Jahre der erste breitere Versuch unter den guten historischen Bedingungen des Niedergangs der Adenauer-Zeit aus der eigenen deutschen Scheiße mit eigenen Beinen herauszukommen."

·         These 5. Rudi wollte eine Nationalrevolution in Deutschland. "Die nationale Frage spielte bereits in den sechziger Jahren eine Rolle bei der Konstituierung einer neuen Opposition. Sie war damals vor allem antiamerikanisch und antirussisch eingestimmt. So gesehen gehörten die Nationalrevolutionäre Dutschke und Rabehl zu keinem Zeitpunkt zur traditionellen Linken." (Rabehl) In der Solidarität mit Vietnam wurden ab 1965 die Ziele einer nationalen Befreiung auf Deutschland übertragen. "Gleichzeitig sollte der Keim der Subversion nach West- und Osteuropa getragen werden, um jeweils die Hegemonie der Großmächte zu untergraben. "Dutschke blieb sich später immer bewußt, daß die Radikalopposition zerschlagen wurde bzw. in die Auflösung getrieben wurde, weil die Zielsetzung der nationalen Revolution bestanden hatte und dagegen von unterschiedlicher Seite Front gemacht wurde." "Für Dutschke bestand kein Zweifel, daß die Radikaloppositon eine grundlegend Niederlage erfahren hatte, unter anderem auch deshalb, weil nationalrevolutionäre Ziele aufgegeben worden waren." "Dutschke war bemüht, eine derartige Opposition bündnisfähig zu machen mit konservativen und nationalen Gruppen.. Die Kader von DKP und ML-Parteien sollten nicht mit einbezogen werden." (Rabehl)

Das sind schwerwiegende Behauptungen (eigentlich Beschuldigungen), daß Rudi im Grunde alle Leute betrogen hatte, daß er heimlich eine Nationalrevolution machen wollte, also gar keine Kulturrevolution, keine antiautoritäre Bewegung, keinen Internationalismus, sondern, eigentlich Nationalsozialismus. Daß Rudi dieses heimliche Projekt während seines Lebens und Wirkens in 15 Jahren niemals öffentlich zugab. Kann es sein, daß er mich, seine Frau während dieser ganzen 15 Jahre hinters Licht geführt hat? Daß er mich, eine Amerikanerin, eigentlich als Feind betrachtet hat, daß er seine anderen engsten Freunde, den Chilenen, den Ecuatorianer, die Juden, die Tschechen, die Engländer, Kanadier, Ungarn und Amerikaner, alle betrogen hat? Das sind solche verleumderischen Behauptungen von Bernd Rabehl, daß man ihm die schlimmsten Lügen, Verdrehungen und Bosheiten zutrauen muß.

Rudi hat sich sehr mit der deutschen Frage beschäftigt, aber nicht um eine nationale Revolution im Sinne eines mächtigen deutschnationalen Staates zu schaffen. Schon 1960 überlegte er:

"Das nationale Machtstreben ist schon weitgehend eingeschränkt. (Am Beispiel der Bundesrepublik die Notwendigkeit der Ausschaltung nationalen Machtstrebens erklären, um die Freiheit zu erhalten im Rahmen der freien Welt.)"

Nationen waren immer international miteninander verflochten und sollen es auch bleiben. Deswegen war für Rudi der Internationalismus sehr wichtig. Von diesem Gesichtspunkt wich er nie ab. 1964:

"Die schon heute konstituierte Weltgesellschaft (unter Bedingungen der friedlichen Koexistenz) weist nach vorn, die Internationalisierung der Strategie der revolutionären Kräfte scheint mir immer dringlicher zu werden."

1965/66:

"Wir haben uns bisher vom Gegner vorschreiben lassen, was Proletariat sei oder nicht (Verelendungstheorie) und das primär darum, weil wir nicht fähig waren, den Provinzialismus der Nationalgesellschaften als falsche konkrete Totalität zu begreifen."

1967:

"Der revolutionäre Nationalismus ist kein Dauerzustand, muß in militanten und sozialen Humanismus transformiert werden."
"Wir machen unsere Arbeit heute unter weltgeschichtlichen Bedingungen, in einem ganz realen Sinne. Heute ist die Bundesrepublik absolut nicht mehr als Nationalstaat zu begreifen, wir stecken in einem System von internationalen Zusammenhängen. Wir stecken in der NATO... Wir brauchen einen internationalen Weltmarkt, der nicht die eine Hälfte der Welt ständig mehr verelendet, um so die Konflikte weiterzuproduzieren...Der Nationalstaat als Hemmnis ist nicht überwunden. Er steckt im Bewußtsein der Menschen drin. Und unser Problem besteht gerade, dieses ideologische Hemmnis zu beseitigen, um die internationale weltweite Vermittlung sichtbar zu machen. Der Prozeß unserer Arbeit baut immer mehr die Chancen ab, daß NPD-mächtige Führer Massen erfassen können."

1968:

"Auf keinen Fall dürfen wir mit der nationalen Niveaulosigkeit der halbrevolutionären Kräfte fortfahren. Die Konterrevolution arbeitet international."

1969:

"Wesentlich scheint mir zu sein, ob es uns gelingt, die ‚dezentralisierten Zentralen‘ der einzelnen Gebiete permanent und systematisch miteinander zu vermitteln. Die ‚nationale Frage‘, das Problem der deutschen Wiedervereinigung als revolutionäres Kettenglied des Angriffs gegen Spätkapitalismus und Revisionismus muß endlich reflektiert werden, der Konterrevolution darf nicht der revolutionierende Boden der ‚nationalen Befreiung‘ innerhalb eines globalen Sozialismus-Kontextes überlassen bleiben."

1969: In einem Brief an Bernd Rabehl erklärte Rudi, wie er diese Frage sah, vielseitig, komplex, und keineswegs, wie Bernd das heute interpretiert:

"Seit relativ langer Zeit spreche ich von der nationalen Frage als Bestandteil des internationalen revolutionären Prozesses. So wie Versailles, so waren Teheran und Potsdam nichts anderes als kapitalistisch revisionistische Machtentscheidungen, kapitalistisch bürgerliche Realpolitik und ideologisierte sozialistische Realpolitik entschieden über das Schicksal der Völker, entschieden gegen den revolutionären Kampf der Klassen. Warum wurden bis heute von den deutschen Revolutionären diese Unterdrückungsergebnisse liegengelassen, seit Jahrzehnten konterrevolutionären Parteien und Personen überlassen. Es geht mir hier, wie Du merkst, nicht um nationale Gefühle, die benutzenswert sind bzw. waren, es geht mir allein um die Voraussetzungen, Bedingungen und Möglichkeiten der vollen Analyse dessen, was ein revolutionäres, sozialistisch antiautoritäres Programm auszeichnen muß. Als revolutionäre Materialisten wissen wir sehr genau, daß es in beiden bisherigen Weltkriegen der deutsche Imperialismus war, der aus ökonomischen, politischen u.a. Gründen die Erschießung und Ermordung von vielen Millionen von Menschen ausgelöst hat. Wir wissen aber gerade als Sozialisten, daß nicht ein imperialistischer Staat, sondern der Imperialismus als Totalität die objektive Voraussetzung für den Ausbruch und die Durchführung der Weltkriege darstellte."

Rudi hat allerdings auch hier die KZs vergessen. Ein schwerwiegender Fehler. Er fühlte sich ständig genötigt - und auch zurecht -, sich von rechten Gesichtspunkten und rechter Vereinnahmung abzugrenzen. 1974:

"Vor einigen Tagen ging die Carstens-Sau auf die Bedeutung der ‚nationalen Frage‘ ein, die nationalchauvinistische Variante der Strauß und Dregger findet ihre ‚offizielle‘ CDU/CSU-Ausdrucksform. Hoffentlich bin ich nicht zu früh und zu wenig abgesichert in den Kampf eingestiegen." "Bei Eichberg gibt es nur einige Zitate von mir mehr, aus dem Zusammenhang gerissen, versteht sich. Um nationalistisch vorgehen zu können. Von meinem Sozialismus-Fundament in der Diskussion über die so schwierige deutsche und europäische Frage bleibt dann bei ihm nichts mehr übrig." "Nennings Sorgen vor einem Vierten Reich kann ich verstehen. Das Dritte Reich steckt noch zu tief in den Knochen. Doch es steht bei mir kein Reich zur Debatte, ganz im Gegenteil. Demokratie und Sozialismus, Nation und Kontinent steht für mich auf der Tagesordnung. Es geht bei mir darum, zu erkennen, warum ohne eine Klärung der nationalen Frage im Herzen Europas, ohne Friedensvertrag usw., trotz Entspannungsverträgen usw. die Kriegsgefahr und nicht die Friedenssicherung steigen muß."
"Für mich ging und geht es allein darum, theoretisch und politisch klarzumachen, wie dieses Zentrum Mitteleuropa sich nicht davonstehlen kann, erst recht nicht die Sozialisten, Kommunisten und Demokraten europäischer Klassenkampfgeschichte, diese komischen Deutschen kommen da nicht drumrum, es sei denn sie stehlen sich davon, haben den Schwanz eingezogen oder sind mit dem bestehenden Status quo der herrschenden Supermächte einverstanden, Leben mit Atombomben und schwelenden Krisen... Die (Amerikaner und Russen) haben uns befreit vom deutschen Faschismus, die deutsche Arbeiterklasse, das deutsche Volk war aus verschiedensten Gründen unfähig, diesen Akt in die eigene Hand zu nehmen. Verlieren wir aber damit das Recht, aufrecht gehen zu lernen?"

1978:

"Die lokale und nationale Lage kann ich doch allein im internationalen Blick richtig einordnen, oder?"