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Ein Konservativer als "Mentor der Linken"?

Ein Brief von Günter Langer an Horst Mahler

Berlin, den 4.1.1998 (sic!)

Lieber Horst,

ich habe Dein Papier gelesen. Wie versprochen, hier nun meine Anmerkungen.

Zunächst zu Deinem Anliegen. Du gehst davon aus, der auf uns zukommenden Barbarei entgegenwirken zu wollen. Das kann ich erst mal akzeptieren, obwohl ich gar nicht genau weiß, ob, warum und woher die Barbarei wirklich kommt. Ich akzeptiere selbstverständlich auch, Gedanken aus nichtlinker Sicht in die Debatte einzubeziehen. Das gilt natürlich auch für die Thesen von Günter Rohrmoser (CSU).

Am 1.12.97 hast Du Deine Laudatio zu Rohrmosers 70. Geburtstag in Stuttgart vor einem Sammelsurium rechter Prominenz gehalten. Wenn Rohrmoser "Mentor der Linken" ist, wie Du ihn siehst, warum erzählst Du das dem Alt-Nazi Filbinger? Willst Du Rohrmoser vor seinem eigenen Publikum in Verruf bringen?

Es ist provokant, einen Konservativen als "Mentor der Linken" vorzustellen. Das animierte mich zum Lesen Deines Vortrages. Ich wollte einfach wissen, warum Du das so siehst. Obwohl ich das Papier von vorne bis hinten durchgelesen habe, konnte ich leider keine Antwort auf diese Frage finden. Statt dessen finde ich als Quintessenz Deiner Ausführungen die Behauptung, Deutschland müsse sich von der US-amerikanischen Hegemonie, den Bedingungen der Kriegsniederlage, befreien. Das deutsche Volk müsse zu sich selbst finden, um den barbarischen Trieb unterdrücken zu können.

Die Behauptung, Deutschland leide unter der US-amerikanischen bzw. "westlichen" Hegemonie ist, wie Du sicher weißt, nicht neu. Schon nach dem für Deutschland verlorenen 1. Weltkrieg wurde sie vehement von bürgerlichen Nationalisten als auch von einer Reihe linker Revolutionäre vertreten. Als mögliche Strategie zur Überwindung dieser Hegemonie wurde das Bündnis mit dem "Osten", dem bolschewistischen Rußland, häufig verbunden mit einer revolutionären Rätedemokratie für Deutschland, gesehen und propagiert. Nationalisten und Sozialisten/ Kommunisten müßten dafür an einem Strang ziehen. (Ausführlich nachzulesen in Otto-Ernst Schüddekopf, Nationalbolschewismus in Deutschland 1918-1933, Ullstein-Verlag, Ffm-Berlin-Wien 1972).

Ob diese "östliche" Orientierung schon unter Bismarck und insbesondere seinen Nachfolgern unter Nationalisten weiter verbreitet war, scheint mir denkbar, müßte ich konkret aber erst nachprüfen. In der Arbeiterbewegung wurde sie aber noch nicht vertreten. Im Gegenteil, Marx dachte sogar über Kriege nach, die Rußland vom Zarentum befreien könnten.

Während der Weimarer Republik verstummte die Auffassung nie ganz, daß sich Nationalisten und Linke verbünden müßten. Sie wurde zeitweilig sogar von der KPD vertreten. Deine Behauptung stimmt also nicht, "die Linke" habe sich nie um die nationale Frage gekümmert und das Feld allein den Rechten überlassen. Nach dem 2. Weltkrieg versuchte die SED unter Walter Ulbricht das Thema aufzugreifen. Sie warf der Bundesregierung vor, für ein Linsengericht der "Westmächte", die nationale Einheit zu sabotieren.

In APO-Zeiten wurde die Debatte auch geführt. In SDS-Kreisen wurde einerseits der Nationalismus für Auschwitz verantwortlich gemacht und deshalb zumindest für Deutschland verworfen, andererseits wurde eine Wiedervereinigung unter revolutionären Vorzeichen angedacht (Dutschke). Die nationale Frage wurde im Zeichen des Anti-Imperialismus für die Länder der Dritten Welt dagegen einheitlich positiv gesehen (Algerien, Vietnam, Kongo etc.). Stalins Konzepte des "Sozialismus in einem Lande" und des "Großen Vaterländisches Krieges" wurden in ihrer Begrifflichkeit und auch dem Inhalt nach als zu national bezogen und damit als problematisch gesehen.

In der Nach-APO-Zeit, also in der Zeit der maoistisch-stalinistischen Parteigründungen, wurde auf Theorien der Vornazizeit zurückgegriffen, verbunden mit der Dreiweltentheorie der Chinesen. Der nationale Aspekt wurde gegen den "Westen" und gegen die Sowjetunion ins Spiel gebracht. Der Nationalbolschewismus der Roten Khmer wurde zunächst wohlwollend aufgenommen, erst Hollywoods "The Killing Fields" deckte den wahren Charakter dieses spezifischen nationalen Sozialismus auf. (Die Pol Potsche Mordmaschine richtete sich primär gegen die im Lande siedelnden Vietnamesen und anderen nationalen Minderheiten, sowie gegen alle Intellektuellen.) Mao wurde bejubelt, die blutige Besetzung Tibets gutgeheißen, der Grenzkrieg gegen Indien und die Strafaktion gegen Vietnam gerechtfertigt, mit einem Wort, die nationalistische Politik der KP Chinas wurde letztlich als solche gar nicht mehr gesehen.

Die bürgerlich/demokratischen Parteien in der BRD haben glücklicherweise nie groß ins nationalistische Horn gestoßen, im historisch "richtigen" Moment aber haben sie gehandelt und die "Einheit der Nation" nicht nur gepriesen (Willy Brandt), sondern auch hergestellt (Helmut Kohl). Hans Modrow wurde wieder Deutscher. Die Ultrarechte hatte keine Chance, sich an dieser Frage zu profilieren. Der brutale Rechtsextremismus, die Fremdenfeindlichkeit, der Antisemitismus der Nachwendezeit ist nicht etwa entstanden, weil die Linke oder die bürgerlichen Demokraten in der nationalen Frage versagt hätten, sondern ist aus völlig anderen Ursachen heraus entstanden. Aber dazu später.

Die kleine linke Fraktion der Antinationalen (Bahamas, Konkret) betont den schädlichen Einfluß des Nationalismus in Deutschland auch auf die Linke. Sie bringt das Gefühl der Generation der militanten Hausbesetzer und Autonomen zum Ausdruck, für die die Parole "Nie wieder Deutschland" die Quintessenz aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts war. Mögen die Parolen der Autonomen etwas vereinfachend und vielleicht sogar neben der Sache liegend sein, ohne sich aber konkret mit der Diskussion in der Bahamas auseinanderzusetzen, sollten wir hier keine vorschnellen Urteile abgeben. Seit Jahren diskutieren dort Autoren sehr detailliert "die nationale Frage".

Deine Behauptung, "die Linke" kümmere sich nicht um die nationale Frage, ist für die gesamte Zeit nach dem 2. Weltkrieg genauso falsch, wie sie es für die Zeit davor war. (Peter Brandt und Herbert Ammon gaben sogar ein Buch heraus mit dem Titel "Die Linke und die nationale Frage", Hamburg 1981. Dort sind jede Menge Dokumente zu diesem Thema vorgelegt worden).

Unserem Café-Gespräch habe ich entnommen, daß Du Dich mit Rainer Langhans einig siehst, der in seinem alten TAZ-Interview davon gesprochen hatte, wir müßten die Sehnsüchte unserer Mütter und Väter aufnehmen und "sozusagen die besseren Faschisten werden". Ich nehme an, Du siehst darin keinen Unterschied zu Deiner Überzeugung, die Linken müßten die besseren Nationalisten werden. Meiner Meinung nach irrst Du hierin fundamental, denn Rainer diskutiert das Individuum, Du das Volksganze.

Wenn ich Rainer richtig verstanden habe, glaubt er, unsere Mütter und Väter hätten Sehnsüchte gehabt, die für sich genommen völlig ok waren, wie z.B. der Wunsch nach Frieden und Freuden, der Wunsch nach Wohlstand und Sicherheit, der Wunsch nach Ordnung und Sauberkeit, der Wunsch nach Gemeinschaftlichkeit und Solidarität, der Wunsch nach Harmonie und Geborgenheit, nach Vertrauen etc. Fuer Rainer haben sich diese Ziele zur Spiritualität verdichtet. Das Spirituelle konnte von den Nazis aufgenommen und ins Reelle rückübersetzt werden, wenn auch in pervertierter Form. Sie boten Wohlstand (Volkswagen), sie boten Harmonie (Abschaffung des Parteiengezänks), sie boten Gemeinschaftlichkeit (Volksgenossenschaft), Geborgenheit (HJ, BdM), Freude (KdF), Sicherheit (KZ), Frieden (Siegfrieden), Sauberkeit (Duschen in Auschwitz), Solidarität (Müttergenesungswerk, Winterhilfe), Ordnung (Gestapo), Vertrauen (Führerprinzip) etc. Rainer will diese Sehnsüchte natürlich nicht pervertieren, sondern sie zu ihren wahren Bedeutungen verhelfen. Indem dies geschieht, würden die Individuen in sich gestärkt und der Barbarei verloren gehen.

Du, Horst, gehst ebenfalls von einer Ich-Schwäche der Individuen aus und glaubst, nur durch die Bejahung der Identifikation mit dem Ganzen, mit dem Volk, mit der Nation, könnte sich eine Kraft entwickeln, die der Barbarei widerstehen könnte. Ich bin kein Psychologe, aber das klingt heftig nach Fetischismus. Warum soll ein Mensch identisch sein mit etwas ihm Äußeren? Brauchst Du Gott wegen der Gleichung Mensch = Volk, weil Gott = Mensch bzw. Mensch = Gott, Volk = Gott usw.?

Der Mensch ist ein Mensch, weil er ein Mensch ist (Brecht) und nicht weil er ein Teil einer Klasse, einer Religionsgemeinschaft oder eines Volkes ist. Identität gibt es nur mit sich selbst. Der Mensch hat Bedürfnisse und Sehnsüchte, er benutzt sich selbst und andere dazu, diese zu realisieren. Das Volk oder, etwas zivilisierter, die Nation ist zunächst mal eine Ansammlung von Menschen und von daher notwendigerweiser nicht identisch mit einem einzelnen Menschen. Es kann nur eine Bündelung unterschiedlicher Interessen hervorbringen und als solches ein Eigenleben führen, das von dem der ihm angehörigen Menschen völlig verschieden sein muß (liberale Staatsauffassung). Rohrmoser als konservativer Kritiker des Liberalismus sieht das vermutlich ganz anders, aber Spiritualität kann Nichtidentisches auch nicht identisch machen ("Einheit von Einheit und Differenz"). Deinen Ausführungen über Hegel ("Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe...") kann ich das auch nicht entnehmen.

Rainers Vorstellungen darüber, warum seine Eltern Faschisten wurden, sind andere als Deine. Bei ihm spielt die Nation, das Volk etc. keine Rolle, in Deinen Thesen kommen die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Einzelnen bezeichnenderweise nur sehr nebulös vor: Die "Sehnsucht nach einem Dasein als deutsche Nation auf angestammtem Boden in Würde, Freiheit und Sicherheit". Du begründest auch nicht, woher diese von Dir diagnostizierte Sehnsucht kommt, zumal niemand den Deutschen den angestammten Boden streitig gemacht hat. In Eurer Argumentationskette gibt es eine gewisse formale Parallelität, aber keine inhaltliche Gleichheit. Ihr meßt beide der Spiritualität eine große Bedeutung bei, aber Gott ist bei Euch beiden völlig verschieden, so auch der Mensch.

Kommen wir zu der Frage zurück, warum wir gegenwärtig einen Neuaufguß der braunen Soße erleben. Bei Dir finde ich lediglich den Hinweis, daß das so ist ("die Not wird täglich größer"), aber Du gibst keine Erklärung für dieses Phänomen. Da Du aber schon an einer Kur gegen diese Krankheit bastelst, glaubst Du also offensichtlich, die Ursachen zu kennen ("Versenkung im Irrsinn"?). Es wäre schön, wenn Du sie uns mitteilen würdest, denn ich glaube, da liegt bei Dir der Hase im Pfeffer. Ohne gute Diagnose gibt's bekanntlich keine exakte Therapie.

Siehst Du die Ursachen eher im Versagen der einzelnen Personen (Loser-Bewußtsein), in einer falschen Wirtschafts- oder Vereinigungspolitik, oder in der durch den "von den USA getragenen atlantischen Hegemonieanspruch" hervorgerufenen Fremdbestimmung des deutschen Volkes ("Schuldknechtschaft") und damit der einzelnen Mitglieder dieses Volkes ("gebückte Haltung")? Dein Hinweis auf die für uns schädliche US-Dominanz scheint auf letzteres zu deuten, denn warum wäre Dir sonst der Anti-Amerikanismus ("zerstörerisches Besatzungsregime") so wichtig? (Zu den Ursachen des Neuaufgusses der brauen Soße ist die kleine Schrift von Burkhard Schröder, Im Griff der rechten Szene, Reinbek/Hbg 1997, sehr informativ.)

Worin siehst Du eigentlich "unsere gegenwärtige antinationale Bewußtseinsstruktur"? Wer ist denn der Träger dieses Bewußtseins, die Linke, die Liberalen, Kohl? Setzt denn die Bundesregierung nicht knallhart die nationalen Interessen gegenüber unseren Bündnispartnern und dem Rest der Welt durch? Wo werden denn die nationalen Interessen verletzt, beim Euro, in der EU, in der NATO? An welchem Punkt sollte denn der US-Hegemonieanspruch konkret infrage gestellt werden? Du forderst "die ausstehende intellektuelle Befreiung", Du reklamierst ein Ende der "geistigen Fremdherrschaft" für "das deutsche Volk", die Überwindung "des zerstörten Nationalbewußtseins". Anstatt konkret zu werden, flüchtest Du Dich an diesem Punkt in die Kritik der "Political Correctness" und behauptest, diese sei eine neue Form einer "totalitären Herrschaft bestimmter Ideen" und würde eine "positive Reflexion der deutschen Nation in ihrer vollen Bandbreite tabuisieren". Das ist etwa das gleiche als ob ich sagen würde, der Ball ist rund weil er rund ist.

Kommen wir zum Holocaust, dem von Dir ausgemachten "spirituellen Phänomen". Du schreibst: "Der Völkermord hat uns als Menschen zerstört. Zuallererst uns Deutsche, auch als Volk. Aber nicht nur uns". Vorher stellst Du dem deutschen Volk "das jüdische Volk" gegenüber, gehst also von einem rassistischen NS-Konzept aus (War Marx Deutscher oder war er Jude, war Tucholsky Deutscher oder Jude, ist mein Sohn Deutscher oder ist er ein vietnamesischer Bastard, war Albert Einstein Schweizer, Deutscher, Amerikaner, Jude oder schlicht Albert Einstein?). Goldhagen ist Dir ein "Prohibitor", ein "Verhinderer der deutschen Wiedergeburt", die Opfer des NS-Weltherrschaftsstrebens werden bei Dir als "Sieger über Deutschland" zu Missetätern, die jetzt den Holocaust "unheilig instrumentalisieren", "das Reich des Geistes" in Deutschland "fremder Herrschaft unterwerfen".

Horst, möglicherweise ist die Welt ja ungerecht, aber "die Gefährlichkeit der Deutschen" (Rohrmoser) mußte von den Siegern der Geschichte gebrochen werden. Die Deutschen haben das ohne "Beschädigung oder gar Zerstörung ihrer Identität als Volk und Nation" (Rohrmoser) nicht geschafft. Hier eben irren Günter Rohrmoser und mit ihm Horst Mahler. Die Deutschen ohne ihre Juden, ohne ihre vielfältigsten Minderheiten sind selbst nur ein Rudiment. Dein Vater war als Nazi vermutlich mit diesem Rudiment glücklich, aus welchen Gründen immer. Indem er und/oder seine Gesinnungsgenossen die Juden, Roma und Sinti in die Gaskammern getrieben haben, haben sie nicht "zuallererst uns Deutsche zerstört", sondern sie haben schlicht und einfach "zuallererst" Juden, Roma und Sinti umgebracht. Die "Vernunft der Geschichte" hat, Gott sei Dank (ich bin Atheist, finde Deinen Gottesbegriff aber brauchbar.), diesem Irrsinn ein Ende bereitet.

Du siehst mit Rohrmoser eine gewisse Identität zwischen Holocaust und Archipel Gulag. Das erinnert an die derzeitige Debatte um das Livre Noir, das Schwarzbuch des Kommunismus, oder auch an die alte Gleichsetzung rot gleich braun. Du schreibst, es sei nicht wichtig, wer mehr Menschen umgebracht habe, Hitler oder Stalin. Du kannst es Dir aber nicht verkneifen, dennoch eine (falsche) Aussage dazu zu machen (Vgl. hierzu die Beiträge in Le Monde diplomatique, dt. Ausgabe in TAZ vom 12.12.97). Die Motive, die hinter dem Kommunismus bzw. dem Nationalsozialismus stehen, hältst Du für irrelevant. Deswegen kannst Du auch keinen Unterschied mehr sehen zwischen der Haltung Deines Vaters gegenüber den Naziverbrechen und Deinen eigenen Handlungen in der RAF. Denn "die bewegende Kraft" der "marxistischen Rebellen" und "die treibende Kraft" der Hitleranhänger haben "dieselben Quellen". Du sitzt ideologisch mit Deinem Vater in einem Boot und kannst nun gemeinsam mit ihm nach einem Ausweg suchen. Dir ist es einerlei, ob Du Dich mit "Linken" oder "Rechten" auseinandersetzt. Solange sie sich zu Gott bekennen wie Du, müssen sie gleichermaßen bekehrt werden. Wenn es Dir wirklich um die Verhinderung der Barbarei im Sinne eines weiteren Gemetzels geht, ist das der falsche Weg. Ich erinnere nur an die Kreuzzüge, die Inquisition, die Hexenverbrennungen, die vielen Religionskriege, ich erinnere an den derzeitigen Krieg im ehemaligen Jugoslawien, an die Grausamkeiten des Dschihad, an die Taten der Taliban in Afghanistan und an die der Fundamentalisten in Algerien, alles Gemetzel im Namen Gottes, durchgeführt von Gottgläubigen.

Wer hat die Opfer mal zusammengezählt, die dem religiösen Wahn zuzuordnen sind? Statt sie beschönigend "kleinere Leichenberge" zu nennen und als irrelevant zu erklären, da sie "nicht hoch genug waren, um den Standpunkt des Geistes zu erhöhen", solltest Du auch über die Opfer diskutieren, die dem Idealismus zuzuschreiben sind und nicht dem dialektischen Materialismus, bzw. der Aufklärung. Diese Opfer sind gerade nicht durch das von Dir beklagte "verendlichende Denken", dem von Dir angegebenen Grund für "Bürgerkriege", verursacht worden, sondern im Gegenteil durch den Glauben an das "Unendlich Ganze". Für den Nachweis, daß man "vermeintlich böse Gedanken" nicht durch "Köpfe abschneiden" beseitigen kann, war weder der Holocaust noch der Archipel Gulag notwendig. Die Reformation war schon Beweis genug.

Weder die Besetzung des Nationalen durch die Linken, noch die Hinwendung zu Gott, die Abkehr von der Aufklärung, finde ich in Deinem Beitrag hinlänglich begründet. Alles spricht für das Gegenteil. Bleibt Deine Forderung, beides zu machen, sowohl daß sich die Linke mit der Nation identifiziert, als auch zu Gott findet. Das ist jedoch nichts anderes als der fromme Wunsch, daß in der Politik, genau wie in der Mathematik, zweimal minus plus ergibt. Einen Beweis für diese kühne These versuchst Du auch gar nicht erst.

Falls Günter Rohrmoser also nichts besseres zu bieten hat, als Du in Deiner Laudatio ausgeführt hast, ist er in meinen Augen keinesfalls ein "Mentor der Linken", er ist und bleibt ein Konservativer. Wenn er sogar die "Defundamentalisierung der Kultur" durch die Liberalen und Linken beklagt, würde ich ihn sogar unter die Rubrik "Reaktionär" einstufen. "Der Ernstfall" ist nicht "die Krise unserer liberalen Republik", es ist Rohrmoser selbst. Vor langer Zeit haben wir beide, Du und ich, verschiedene, wenn auch ähnliche Irrwege beschritten. Laß uns doch nun gemeinsam neue Irrwege, die von Rohrmoser angepriesenen, vermeiden.

In diesem Sinne wünsche ich ein erfolgreiches Jahr 1998.

Günter Langer