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Rudi Dutschke und die Wiedervereinigung

von Wolfgang Kraushaar

Nur einmal hat der Name Dutschke in der Öffentlichkeit Kritik, Protest und hier und da sogar Empörung ausgelöst. Das war am Ende der siebziger Jahre, als der ehemalige Wortführer der Studentenbewegung mit einer Reihe von Artikeln einen Vorstoß unternahm, um die Linke auf "die nationale Frage" aufmerksam zu machen. Mit Titeln wie "Die Deutschen und der Sozialismus" und "Wer hat Angst vor der Wiedervereinigung?" stieß er jedoch fast überall auf Ablehnung, bestenfalls Verwunderung und Kopfschütteln.

Rudi Dutschke ein Apologet der Wiedervereinigung, ein Vertreter des oft beschworenen, jedoch ebenfalls in Mißkredit geratenen "anderen Deutschland", etwa ein linker Nationalist? Unmöglich. Das schien nicht zu einem Mann zu passen, der als Sozialist, als Kulturrevolutionär, als entschiedener Internationalist bekannt geworden war; einem Mann, der ein glühender Verfechter der Revolution in Lateinamerika war und der hierzulande der Solidarität mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt überhaupt erst zum Durchbruch verholfen hatte.

Wiedervereinigung - dieses Dauerthema der antikommunistisch geprägten Restauration, das durch die Ostpolitik der SPD/FDP-Regierung viel von seiner Schärfe und Dramatik verloren zu haben schien, war immer noch eindeutig rechts besetzt. Und wenn es doch einige Stimmen gab, wie die der KPD/AO oder der KPD/ML etwa, die seit Mitte der siebziger Jahre für die deutsche Einheit eintraten, dann wurden sie nur als skurriles Zeichen einer sektiererischen Splittergruppe aufgefaßt. Und für Rudi Dutschke mußte zumeist die Information, daß er in der DDR aufgewachsen war, dazu herhalten, eine Erklärung für eine solche Initiative geben zu können. Es waren also eher persönliche Gründe, die dafür entschuldigend ins Spiel gebracht wurden. Politisch hielt man die Forderung nach einer Wiedervereinigung unter linken Vorzeichen nicht nur für undurchsetzbar, sondern auch für nicht wünschenswert. Die deutsche Frage galt - wie es die SPD jedem Neugierigen in den achtziger Jahren beinahe widerwillig erklärte - als geschlossen.

Ein unmittelbar biographisches Schlüsselereignis hat sich für Dutschke im November 1957 abgespielt. In der Aula der Luckenwalder Lenin-Oberschule versammeln sich die Klassen der Oberstufe, rund 150 Schüler, und das gesamte Lehrerkollegium. In einer Ansprache ermahnt der Schulleiter die künftigen Abiturienten, sich freiwillig für einen Dienst in der Nationalen Volksarmee (NVA) zu melden. Der einzige, der sich von seinem Jahrgang weigert, einen solchen paramilitärischen Dienst zu absolvieren, ist Rudolf Dutschke. Von dem Schulleiter zu einer Stellungnahme gedrängt, hält der knapp Achtzehnjährige in besonnenem Tonfall und ohne jegliche Polemik eine viertelstündige Rede gegen Militarismus und Wiederbewaffnung. Dem Aufsässigen wird über ein nach unten korrigiertes Abiturszeugnis der Weg zum Sportstudium in Leipzig blockiert; er muß sich stattdessen in einer Textilfabrik als Industriekaufmann ausbilden lassen.

Aufschlußreich ist, wie er seinen ersten politischen Auftritt in der Öffentlichkeit zehn Jahre später beschreibt. In einem im April 1968 nur wenige Tage vor dem Attentat für "STERN TV" angefertigten Porträt erklärt er: "Ich bekannte mich zur Wiedervereinigung, bekannte mich zum Sozialismus, aber nicht zu dem Sozialismus, wie er betrieben wurde, und sprach mich gegen den Eintritt in die Nationale Volksarmee aus. Ich war nicht bereit, in einer Armee zu dienen, die die Pflicht haben könnte, auf eine andere deutsche Armee zu schießen, in einer Bürgerkriegsarmee, und zwar in zwei deutschen Staaten, ohne wirkliche Selbständigkeit auf beiden Seiten, das lehnte ich ab." Die Begründung für seine Wehrdienstverweigerung ist bemerkenswert: Nicht etwa weil Dutschke sich grundsätzlich gegen einen Militärdienst ausspricht, weigert er sich in die NVA zu gehen, sondern weil diese als Bürgerkriegsarmee mißbraucht werden könnte, in der Deutsche auf Deutsche schießen müßten. 1958 hat sich kein Pazifist gegen das Militär aufgelehnt, sondern ein Patriot.

Als dann am frühen Morgen des 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer begonnen wird, ist Dutschke über diesen von vielen für unmöglich gehaltenen Akt ebenso empört wie seine Mitschüler an der Askanischen Schule in West-Berlin. Sie ziehen gemeinsam an die Sektorengrenze, um ihrer ohnmächtigen Wut Ausdruck zu verleihen. Angesichts des im demonstrativen Schutz der Volkspolizei hochgezogenen "antifaschistischen Schutzwalls" - so die offizielle Termonologie - kommt ihnen die Idee, eine Aktion gegen die Mauer durchzuführen.

Was dann einen Tag später geschieht, das beschreibt der Dutschke-Biograph Ulrich Chaussy so: "Am 14. August abends ist es soweit. Im Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit schleichen sie sich an einen Abschnitt der frisch errichteten Grenzmauer im Süden der Stadt heran. Unter dem Arm hat einer einen Stapel Flugblätter. Ein anderer hat ein Seil über der Schulter. Am Ende des Seils ist ein ankerförmiger Haken befestigt. Dann geht alles sehr schnell. Einer wirft das Seil über die Mauer, ein anderer die Flugblätter. Als der Anker sich nach ein paar bangen Momenten irgendwo an der Mauerkrone verhakt, packen sie das Seil und zerren aus Leibeskräften daran. Die Mauer soll einreißen, wenigstens an dieser einen Stelle, wenn sonst schon niemand etwas unternimmt. Die Mauer aber steht fest, wankt nicht, reißt nicht ein. Am Ende reißt das Seil, sie fallen auf den Hintern. Enttäuscht ziehen sie ab. Ihre Flugblätter drüben, jenseits der Mauer, werden die Volkspolizisten beim nächsten Kontrollgang einsammeln."

Diese Protestaktion ist im doppelten Sinne symbolisch: Zum einen zeigt sie die Entschlossenheit, mit der Dutschke einzugreifen bereit ist, wenn er einen politischen Willkürakt - den der Mauerbau als die größte organisierte Geiselnahme nach 1945 zweifelsohne darstellt - erlebt und sich keine Instanz finden will, die bereit ist, mehr als nur verbale Protestnoten auf den Weg zu geben, und zum anderen zeigt sie auch die Harmlosigkeit, ja Lächerlichkeit, mit der solche Aktivitäten zum Scheitern verurteilt sind.

An den beiden biographischen Einschnitten der Jahre 1958 und 1961 ist erkennbar, mit welch existentieller Schärfe die Überzeugung bei Dutschke ausgeprägt ist, daß es sich bei BRD und DDR um zwei Staaten eines Landes handelt und daß alle politischen und militärischen Schritte, bei denen dies nicht respektiert wird, zurückgewiesen werden müssen.

Dutschkes politische Biographie als dem charismatischen Sprecher von Studentenbewegung und APO - die hier nicht weiter ausgeführt werden soll - bricht am Gründonnerstag 1968 abrupt ab. Schwerverletzt überlebt er ein Attentat, das ihn für mehrere Jahre aus dem politischen Geschehen herauskatapultiert und an dessen Spätfolgen er auch noch sterben soll. Danach scheitert die Bewegung gegen die Einführung der Notstandsgesetzgebung. Die antiautoritäre Bewegung zerfällt. Im September 1969 beginnt die sozialliberale Koalition. Vom Potential der außerparlamentarischen Opposition integriert die SPD, durch eine Amnestie für Demonstrationsstraftäter erleichtert, nicht wenig. In der Folge löst sich der SDS auf. Seine Kader, sofern sie nicht der neugegründeten DKP beigetreten sind, zerfasern sich im Gründungsboom verschiedener ML-Sekten.

In seiner fragmentarischen Autobiographie "Aufrecht gehen" aus dem Jahre 1978 kritisiert Rudi Dutschke die Beschränktheit der verschiedenen SDS-Generationen in ihrer Kritik an der DDR und der Sowjetunion. Zur Generation seiner Vorgänger im oder im Umfeld des SDS, er nennt namentlich Jürgen Habermas, Oskar Negt, Jürgen Seifert und Klaus Meschkat, schreibt er: "Dem Separatisten Adenauer und der erneuten Rekapitalisierung und Restaurierung des Kapitalismus konnte und mußte diese Generation des SDS auf der Grundlage ihrer und keiner anderen Lebens-und Geschichtserfahrung nur antworten mit den historisch so wichtigen Forderungen nach Demokratisierung in der BRD und Anerkennung der DDR, um den Frieden in Mitteleuropa zu sichern. Sich dabei in einem Dilemma zu befinden, die Kritik der Verhältnisse in der DDR und der Sowjetunion beschränkt durchführen zu müssen..., war unvermeidlich. Dieses Dilemma reproduzierte sich im SDS von Generation zu Generation, allerdings Wendungen und Verschiebungen in sich tragend." Und seine eigenen Überlegungen hintanstellend schreibt er, die durchaus sichtbaren Differenzen zwischen einigen DDR-Abhauern und den westlich geprägten SDS-Mitgliedern verwischend, im Sinne eines Resümees: "Zu der fundamentalen Frage der nationalen Geschichte und Identität, zur Rekonstruktion deutscher Klassenkampfgeschichte stießen wir noch nicht vor: der abstrakte und dennoch historisch noch unvermeidliche, tief moralisierende Internationalismus hatte zweifellos Elemente der Fremdbestimmung und der Sehnsucht nach einer echten Identität in sich."

Trotz seiner enormen Schwierigkeiten, das durch die Schußverletzung stark beeinträchtigte Sprachvermögen wieder auszubilden, hält Dutschke auch in der Zeit seiner Rekonvaleszenz an den für ihn maßgeblichen politischen Überzeugungen fest. Dazu gehört auch die Vorstellung einer Dialektik von Internationalismus und Nationalismus. Dies bezeugt eine Tagebuch-Notiz vom 10. Mai 1969. "Die `Nationale Frage'", heißt es darin, "das Problem der deutschen Wiedervereinigung als revolutionäres Kettenglied des Angriffs gegen Spätkapitalismus und Revisionismus muß endlich reflektiert werden, der Konterrevolution darf nicht der revolutionierende Boden der `nationalen Befreiung' innerhalb eines globalen Sozialismus-Kontextes überlassen bleiben."

Nach einer Odyssee über die Schweiz, Italien, England, Irland, wiederum England und Dänemark kommt Rudi Dutschke im Mai 1972 erstmals wieder nach West-Berlin. Zusammen mit einigen Freunden unternimmt er Rundreisen durch die Bundesrepublik, um wieder Kontakte zu Gruppen der unabhängigen Linken anzuknüpfen. Im Juli trifft er mit Bundespräsident Gustav Heinemann und dessen Frau zu einem sechsstündigen Gespräch zusammen. Dutschke ist vor allem an Fragen interessiert, die so klingen, als wolle er an den seit der Anti-NATO-Kampagne abgerissenen Faden wieder anknüpfen. Von dem ehemaligen Bundesinnenminister der CDU (1949/50) und Bundesjustizminister der SPD (1966-69) will er Details über dessen Erfahrungen mit dem Neutralitätskurs in der Deutschlandpolitik der fünfziger Jahre wissen. Heinemann hatte aus Protest gegen Adenauers Remilitarisierung dessen Kabinett verlassen, unter der doppelten Frontstellung - gegen Wiederbewaffnung und für Wiedervereinigung - zusammen mit Helene Wessel die "Gesamtdeutsche Volkspartei" (GVP) gegründet, diese nach einem Mißerfolg bei den Bundestagswahlen 1957 aufgelöst und war dann mit vielen seiner ehemaligen Parteifreunde zus SPD übergewechselt. Während sich Heinemann nach Perspektiven einer neuen APO erkundigt, versucht Dutschke mehr über dessen Erfahrungen mit der außerparlamentarischen Bewegung in der Mitte der fünfziger Jahre herauszubekommen. Das Zusammentreffen ist von einer wechselseitigen Sympathie, die die beiden verhinderten Deutschlandpolitiker füreinander empfinden, geprägt.

Zum 20. Jahrestag des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 publiziert er in der von früheren SDS-Freunden gegründeten Zeitschrift "Der Lange Marsch", deren Name bewußt auf Dutschkes wohl bekannteste Formulierung, seine Forderung, einen "Langen Marsch durch die Institutionen" zu führen, anknüpft, seinen ersten Aufsatz nach Jahren. Der mit dem Pseudonym "R. Bald" unterzeichnete Text trägt den für ihn bezeichnenden Titel "Denk ich an den deutschen Sozialismus und Kommunismus in der Nacht, so werd ich um den Schlaf gebracht - Hat das noch Sinn?". Nach einer ausführlichen Schilderung seiner Erlebnisse am Tag des Volksaufstandes und einer scharfen Kritik an den rechten und linken Mythenbildungen, die sich um den 17. Juni ranken, greift er den zwischen BRD und DDR ausgehandelten und im Dezember 1972 ratifizierten Grundlagenvertrag an. Indem sich beide Staaten als souveräne Subjekte im Sinne des Völkerrechts gegenüberstünden, gäben sie "die geschichtliche Klassengemeinsamkeit der Kämpfe und Ziele der deutschen Arbeiter-Klasse" auf. Der DDR-Regierung macht er zum Vorwurf, mit der Unterzeichnung dieses Vertragswerks "die sozialistische Wiedervereinigung" zugunsten einer völkerrechtlichen Anerkennung durch die BRD preisgegeben zu haben. Dagegen reklamiert Dutschke in einer, gegenüber den sechziger Jahren schonungslos offenen und auch Mißverständnisse von rechts durchaus in Kauf nehmenden Sprache: "Uns Sozialisten und Kommunisten, die aufrecht und nicht ökonomisch-ideologisch gekrümmt an die sozialistische Wiedervereinigung Deutschlands herangehen, muß klar werden, daß der 'europäische` Sozialismus/Kommunismus eine Abstraktion ist, die die konkrete nationale Besonderheit nicht berücksichtigt. Die Verquickung der Nationen im internationalen kapitalistischen Produktionsprozeß, oder in den strukturell verschiedenen 'Systemen` hat nicht die geschichtliche nationale Substanz aufgehoben. Das gilt besonders für unser Land, für die sozialistische Wiedervereinigung zwischen Rhein und Oder-Neiße. Diese Aufgabe wird immer mehr eine der Arbeiterklasse in der DDR und der BRD." Die nationale Aufgabe, die hier an die Arbeiterklasse - als hätte die nicht an Klassenkampf- und Revolutionserwartungen schon genug auf dem Buckel - delegiert wird, ist, zumindest in der hier gewählten Formulierung, nicht ungefährlich. Indem Dutschke sich - vielleicht als Trotzreaktion auf die von SPD und SED propagierte und von ihm als Verrat empfundene Anerkennungspolitik - dazu hinreißen läßt, von einer "geschichtlichen nationalen Substanz" zu fabulieren, gibt er die von ihm ansonsten bemühte Denkfigur einer Dialektik zwischen Nationalismus und Internationalismus auf und macht sich selber zum Ideologen des Nationalen. Das organologische Substanzdenken ist immer ein unverwechselbares Kennzeichen der Rechten gewesen, die stets mit allen Mitteln versuchte, das gesellschaftlich Produzierte und insofern auch weiter Veränderbare auf einen wesenhaften Kern einer vermeintlich ersten Natur zurückzuführen.

Einen Schritt weiter geht Dutschke, indem er auf ein Pseudonym verzichtet und im November 1974 die Linke in der Zeitschrift "Konkret" mit der provokativen Frage "Pro Patria Sozi?" konfrontiert. Er kritisiert darin die kurz zuvor in Kraft getretene Neufassung der DDR-Verfassung wegen der Eliminierung der Bezeichnung "deutsche Nation". Aus dem "Sozialistischen Staat deutscher Nation" sei ein nahezu geschichtsblinder "sozialistischer Staat" geworden. Während die SED in den sechziger Jahren noch unzweideutig an der Wiederherstellung der nationalen Einheit Deutschlands festhielt, habe sie "diese echte Erbschaft der deutschen Arbeiterklasse" nun liquidiert.

Gegen diesen Schritt führt Dutschke als Autoritäten Marx und Engels ins Feld, die den dialektischen Zusammenhang von national und international nie aus den Augen verloren hätten. Aus dem Kommunistischen Manifest zitiert er das Diktum: "Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler." Gerade weil die nationalen Bourgeoisien in vielen Ländern unfähig gewesen seien, die nationale Frage zu lösen, hätten Marx und Engels erkannt, daß die Frage der Selbstbestimmung für die Fortentwicklung der Klassenkämpfe elementar sei. "Der Kampf um die nationale Unabhängigkeit", so konstatiert Dutschke, "wird...zu einem elementaren Punkt des sozialistischen Kampfes. (...) Im Prozeß des Erlernens des aufrechten Ganges in Richtung Freiheit mit Hilfe des politischen Klassenkampfes werden wir Sozialisten und Kommunisten es unvermeidlich lernen müssen, das Selbstbestimmungsrecht der 'deutschen Nation` sozialistisch zu konkretisieren." Obwohl es dieser Text nicht an Deutlichkeit missen läßt, so hat er dennoch keine Resonanz. Der Grund dafür dürfte freilich weniger darin zu suchen sein, daß die linke Leserschaft nicht zu irritieren wäre, sondern daß die Verbreitung des gesamten Heftes zu gering war. "Konkret" konnte nach dem Ende der Herausgebertätigkeit von Klaus Rainer Röhl mehrere Monate nicht erscheinen und begann unter der neuen Leitung von Hermann L. Gremliza gerade erst wieder wahrgenommen zu werden.

Sehr viel vorsichtiger geht Dutschke ein Jahr später vor. Als er im November 1975 in West-Berlin in einem engen Kreis, zumeist ehemalige SDS-Mitglieder, einen Versuch startet, die unabhängige und zersplitterte Linke in einer neuen Organisation zu sammeln, bringt er auch seine Überzeugung von der Notwendigkeit einer sozialistischen Wiedervereinigung ein. In einem vorbereitenden Thesenpapier für ein zweites Treffen in Hannover läßt er ein paar Hinweise auf die Bedeutung fallen, die "die nationale Frage" auch und gerade für "eine sozialistische Partei neuen Typs" gewinnen solle.

"Im Rahmen eines deutschen sozialistischen Übergangsprogramms", heißt es in der achten These, "ist die soziale Frage nicht von der nationalen Frage zu separieren - und diese Dialektik hat an der Elbe nicht aufgehört." Und in These neun: "Die 'Großmächte` haben Deutschland gespalten und glaubten damit, in Mitteleuropa die 'Ruhe` herzustellen. Inzwischen beginnt mehr denn je die politisch-militärische Unruhe in der BRD und in der DDR zuzunehmen. Die 'Entspannung` wird mehr denn je mit zunehmender Militarisierung verquickt." Weiter vertritt er die Ansicht, daß durch einen Sieg der CDU/CSU bei den im Herbst bevorstehenden Bundestagswahlen "die Gefahr politisch-militärischer Konflikte in Mitteleuropa" zunehmen werde.

Das Unternehmen erweist sich jedoch schon bald als Fehlschlag. Das zweite Treffen im Februar 1976 in Hannover findet mit hundertfünfzig Teilnehmern zwar statt, Dutschke nimmt an ihm jedoch gar nicht teil und Peter Brückner gibt in seinem insgeheimen Grundsatzreferat allen Hoffnungen auf eine traditionelle Organisationsform eine radikale Absage. Von einer Bezugnahme auf die Opposition in der DDR und das Problem der Teilung Deutschlands ist in den Diskussionen ohnehin nicht die Rede.

Doch von Mißerfolgen dieser Art läßt sich Dutschke keineswegs abschrecken. In einem undatierten Manuskript versucht er die von ihm unterstellte Dialektik von Nationalismus und Internationalismus bis in den Vormärz des 19. Jahrhunderts hinein zurückzuverfolgen. Seine These lautet, "...daß der Kampf um die nationale Selbständigkeit immer verbunden ist auch mit einem internationalen Kampf, mit dem Klassenkampf." Der Sozialdemokratie macht er zum Vorwurf, daß sie den Sieg des Chauvinismus 1914 dadurch mitverschuldet habe, daß sie in der Arbeiterklasse keinen Begriff von der Nation und ihrer internationalen Dimension entwickelt habe: "Keine Klarheit der Arbeiterklasse in der nationalen Frage - und die Arbeiterklasse geht in den angeblich 'nationalen` Krieg, ohne sich der ungeheuren Konsequenzen bewußt zu sein, die sich durch diesen Krieg ergeben mußten. Die Sozialdemokratie erwies sich als unfähig, das Problem als solches zu erkennen." Nach 1945 müsse man wegen der mangelnden sozioökonomischen Macht von einer "Zerschlagung der Nation" sprechen. Obwohl die deutsche Arbeiterklasse durch den Faschismus und die Spaltung des Landes gelitten habe, sei es ihre Aufgabe, ein nationales Klassenbewußtsein zu entwickeln und die Wiedervereinigung zu ermöglichen.

In ganz ähnlicher Weise äußert er sich im Herbst 1976 in einem Interview der Stuttgarter Schülerzeitung "das gesicht". Gleich zu Beginn auf den möglichen Widerspruch aufmerksam gemacht, daß er, der sich als "deutscher Sozialist" bezeichne, immer noch im Ausland lebe, klärt er, worum es ihm geht: "... es geht um die deutsche Sozialismussache." Diese sei in ihrer Perspektive auch eine Frage der Identifikationsmöglichkeit. In Italien oder Frankreich z.B. hätten Sozialisten und Kommunisten einen großen Vorteil, weil sie sich auf "eine nationale Identität" zurückbeziehen könnten, eine Identität nicht der Bourgeoisie, "... sondern eine nationale Identität des Volkes und der Klasse in Relation zur sozialen Bewegung." Genau daran mangele es der deutschen Arbeiterklasse und aller anderen sich sozialistisch begreifender Fraktionen. Diesen "besonderen Identitätsverlust" gelte es zu überwinden. Geschehen könne das nur, wie er am Ende des Interviews meint, indem "der national beschränkte Blick beendet" werde. Dabei dürfe man sich auch von Kritik aus dem Ausland nicht irritieren lassen: "Daß von außen, von den anderen Ländern, uns so oft gesagt wird `die schlimmen Deutschen' oder `die bösen Deutschen' ist Unsinn ... Wenn die vom bösen Deutschen oder so etwas reden, und wir das noch mitspielen, dann sind wir natürlich erst recht in der Niederlage drin und werden nicht in der Lage sein, deutsche Verhältnisse und deutschen Sozialismus im Rahmen des internationalen Zusammenhanges zu reflektieren. Also, auf der einen Seite gilt es, die nationale Besonderheit als solche zu reflektieren und auch damit wieder Identität zu gewinnen. Schwer genug, in der Tat - ein gebrochenes Land - damit Identität zu gewinnen, national und sozial, extrem schwierige Angelegenheit. Aber auf der anderen Seite unerläßlich, um die Sozialismusfrage hier stellen zu können. Auf der anderen Seite muß natürlich auch nach außen geblickt werden. Aber von innen aus und nicht von außen nach innen. Und wenn wir nach außen blicken, (dann) aber mit beiden Beinen auf unserem Boden." Diesen letzten Gesichtspunkt, die Frage nach der Optik und insbesondere nach dem geopolitischen Standpunkt, hebt er mehrmals hervor, ganz so, als wolle er sich nicht zum Vorwurf machen lassen, die deutschen Verhältnisse von Dänemark aus zu kritisieren.

Wirkliches Aufsehen erregt dagegen eine Folge von Artikeln, die in der von Röhl mittlerweile herausgegebenen Zeitschrift "das da", später "das da / avanti", erscheint. Den Auftakt macht ein im Juli 1977 unter dem Titel "Die Deutschen und der Sozialismus" publizierter Text, der weitgehend mit dem zuletzt genannten Kapitel aus seiner Autobiographie identisch ist.

Daß Portugal mit der Bundesrepublik mehr zu tun haben könne als mit der DDR, diese für einen Nachkriegs-Geborenen aus der Neuen Linken sicher nicht untypische Meinung, bildet den Einstieg für seine Philippika. "Die deutsche Misere ist bei einer solchen Denk- und Daseinsweise", weist er mit sichtlicher Empörung diese Ansicht zurück, "in eine linke Misere umgeschlagen." Gegen das nahezu umfassende Desinteresse an den Verhältnissen in der DDR auf der einen und die zynisch-reaktionären Rechtfertigungen politischer Verfolgung durch die DKP auf der anderen Seite reklamiert er eine Haltung, seine eigene: "Als ich wenige Tage vor dem Bau der Mauer die DDR verließ, war mir eins schon klar: Du gehst nicht ins 'Exil`. Du gehst in einen anderen Staat, nicht aber in ein anderes Land." Mit dieser Einstellung kritisiert er den Mangel an historischer Kontinuität seitens der Linken. "Amerikanisierung" und "Russifizierung", wie er es nennt, seien stets vorangeschritten, nicht aber die "Wiedergewinnung eines realen Geschichtsbewußtseins der Deutschen". Das führe zwangsläufig zur Zerstörung der Dialektik von sozialer und nationaler Frage. "Die deutsche Misere ist eine linke Misere", wiederholt er schon fast resignativ. "Es ist für mich ohne Zweifel: in der DDR ist alles real, bloß nicht der Sozialismus; in der BRD ist alles real, bloß nicht 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit`, bloß keine reale Demokratie." Beide Systeme steckten in einer Krise. Die Entspannungspolitik sei ambivalent. Sowohl im Osten als auch im Westen werde weiter aufgerüstet. Ob die Linke daraus einen Ausweg weisen könne, müsse eher fraglich bleiben.

Im April 1978 startet Dutschke mit dem Beginn einer dreiteiligen Artikelfolge eine neue Offensive. "Wer hat Angst vor der Wiedervereinigung?" fragt er, sich präventiv an seine Kritiker wendend, in provokativer Weise. Und nach einigen Zwischenkommentaren nimmt er im letzten Teil grundlegend "Zur nationalen Frage" Stellung. Seine Argumentation baut sich, das jedenfalls läßt sich in dieser Logik herausarbeiten, aus drei Thesen auf: 1. "Die beiden deutschen Fragmente...sind die Grundlage der Festigung des Status Quo der politisch-ökonomischen Machtzonen des kapitalistischen Imperialismus made in USA und des Imperialismus der allgemeinen Staatssklaverei Rußland." 2. "Die Systeme in der BRD und in der DDR stecken beide in einer schweren Legitimations- und sozialökonomischen Krise. In beiden Staaten bricht der innere ideologische Halt allmählich zusammen. Das gemeinsame Ziel beider Seiten läuft darauf hinaus, die innere Opposition mit den verschiedensten Mitteln zu brechen." 3. "Die große Schwäche der radikalen Opposition in der Mitte Europas scheint mir darin zu liegen, daß es weder theoretisch noch politisch-organisatorisch gelungen ist (teilweise nicht einmal versucht wurde), eine neue Kooperation und Kommunikation zwischen West- und Osteuropa herzustellen. Daß es nicht gelang, zwischen den beiden deutschen Fragment-Staaten ein oppositionelles Netz aufzubauen." Kurzum: Die Situation ist da, niemand aber nutzt sie. Nach Dutschkes Einschätzung ist die Krise in beiden deutschen Staaten, die wiederum die Grundpfeiler der beiden imperialistischen Machtblöcke USA und UdSSR abgeben, so weit fortgeschritten, daß die Notwendigkeit oppositionellen Handelns gegeben ist. Doch ein politisches Subjekt, das eine Brücke zwischen Ost und West hätte bilden können, existiert nicht. Es mangelt an einer theoretischen Konzeption, an einer politischen Organisation, ja an einer Infrastruktur, die dafür erst eine Voraussetzung bieten müßte. Der letzte Satz des Textes, ein Aufruf, die Umwandlung der Krise der Herrschenden in eine totale Krise der radikalen Opposition zu verhindern, zeigt, wie tief in dieser Frage die Resignation in Dutschkes Einstellung hineinragt.

Die Reaktion auf die Artikelfolge ist extrem unterschiedlich. Bereits an den Überschriften von zwei Stellungnahmen ist zu erkennen, wie weit sie auseinandergeht: "National ist revolutionär!" und "Vorsicht, nationale Sozialisten!". Der Euphemismus stammt von einem der einflußreichsten Theoretiker der Neuen Rechten, von Henning Eichberg; der Warnruf von Arno Klönne, einem Mitbegründer des Sozialistischen Büros und Spezialisten für Fragen des Nationalismus und Rechtsradikalismus.

Eichberg versucht die Studentenbewegung, der er unterstellt, sie habe auf neuartige Weise politische Probleme als Identitätsfragen angegangen, als Vorläuferin der nationalrevolutionären Bewegung in die radikale Rechte zu vereinnahmen. Anstatt eine "Ersatzidentität" in der Dritten Welt zu suchen, käme es nur darauf an, zu erkennen, daß die Identitätsfrage notwendig auf die nationale Frage hinauslaufe. Ebenso wie es revolutionär sei, wenn die Iren, Basken, Indianer und andere ethnische Minderheiten für ihre jeweilige Identität einträten, sei es revolutionär, wenn es die Deutschen, in West wie in Ost, für die ihrige täten. Dutschke habe dafür, für eine revolutionäre Lösung der nationalen Frage, so jedenfalls muß man den Beitrag verstehen, den Weg gewiesen.

Klönne, der die letzten hundert Jahre deutscher Einheitsbemühungen Revue passieren läßt, warnt dagegen nachdrücklich vor einer Politisierung der nationalen Frage. Der Begriff des Nationalen sei "von rechts her besetzt". Eine auf diese Fährte gelockte Linke könne nur zu einem Klima beitragen, von dem die Rechte profitiere. Eine Vereinigung von BRD und DDR unter nationalen Vorzeichen würde überdies zu einer Potenzierung der jeweils vorhandenen Nachteile führen.

Es ist nicht bekannt, wie Dutschke auf den rechten Vereinnahmungsversuch und die linke Zurückweisung reagiert hat. Bekannt ist aber, mit welchen Argumenten er ein Jahr später auf den von sozialdemokratischer Seite erhobenen Vorwurf des "Linksnationalismus" reagiert, der die Versöhnung mit den Ländern des Ostens aufs Spiel setzen würde. Er weist ihn mit Empörung als eine Variante des einst von Habermas gegen ihn erhobenen "Linksfaschismus"-Vorwurfs zurück. Und auf den Einwand, er gefährde die Entspannungspolitik, repliziert er, daß Verträge und Regierungen nicht unbedingt auch die Völker repräsentierten. Gerade weil er für die Entspannung eintrete, müsse er die "Klassenkampfspannung" in beiden Systemen sehr ernst nehmen. Es könne nicht angehen, daß die Sozialdemokratie, bloß um eine außerparlamentarische Kritik von links an ihrer Außenpolitik fernzuhalten, sich diffamatorischer Vorhaltungen bediene.

Es gibt allerdings auch eine Stimme der Linken, die Dutschkes Vorstoß, mit geringen Abstrichen als kongenial begrüßt und wichtige Teilelemente seiner Argumentation unmittelbar übernommen hat. Sie stammt von dem ursprünglich trotzkistisch orientierten Historiker Peter Brandt und dessen Kollegen Herbert Ammon, die in der 1981 erscheinenden Anthologie "Die Linke und die nationale Frage" nicht nur Auszüge von Dutschkes Texten aufnehmen. Am Ende der umfänglichen Einleitung machen sie sich den zentralen Gedanken zu eigen, daß die deutsche Teilung gleichsam "als Dachträger des west-östlichen Gleichgewichts" fungiere. In Anknüpfung an die Konföderationspläne der fünfziger Jahre schlagen sie einen Staatenbund vor, der die Kooperation in den wichtigsten Sektoren institutionalisieren solle. Die Linke beider deutscher Staaten fordern sie auf, ihre Angelegenheiten selbst in die Hände zu nehmen und für einen Rückzug aller ausländischen Truppen, ein Ausscheiden aus beiden Paktsystemen und die Umwandlung beider Armeen in rein defensive Territorialstreitkräfte einzutreten. Im Gegensatz zu Dutschkes Initiative klingen ihre Vorschläge, die ohne einen emotionalen Appell an die Arbeiterklasse auskommen, sehr viel pragmatischer und konkreter.

An den Einzelstationen seiner politischen Biographie läßt sich unzweideutig nachweisen, daß die Forderung nach Wiederherstellung der nationalen Einheit Deutschlands eine durchgängige Grundposition Rudi Dutschkes war. Allein seine vermutlich aus taktischen Gründen erfolgende Rücksichtnahme, für Texte zur nationalen Frage bis Mitte der siebziger Jahre ausschließlich Pseudonyme zu verwenden, hat den Blick darauf versperrt.

Der Eindruck, der sich erst in seinen letzten Lebensjahren abzuzeichnen begann, daß der Wortführer der bundesdeutschen Studentenrebellion zugleich ein Verfechter der Wiedervereinigung von links sein könnte, ist also keineswegs irreführend oder falsch. Vielmehr ist das Bild, das Dutschke als einen puren Internationalisten zeigt, der sich neben der Opposition in seinem eigenen Land nur für den Vietcong, lateinamerikanische und andere Befreiungsbewegungen der Dritten Welt begeistern kann, stark korrekturbedürftig. Der Sachverhalt ist, auch wenn die von ihm verfochtenen Positionen zum Teil ziemlich schablonenhaft sind, doch sehr viel komplizierter.

Um Dutschkes Entwicklung und das sich in ihr durchhaltende nationale Grundmotiv zu verstehen, muß man sich die Ausgangslage zu Beginn der sechziger Jahre nach dem Mauerbau vergegenwärtigen. Wer zu dieser Zeit nicht nur abstrakt an der Notwendigkeit, sondern zugleich auch an der Aktualität der Revolution festhalten wollte, der mußte, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, als sektiererischer Spinner zu erscheinen, eine kühne gedankliche Konstruktion entwerfen, um seine Position noch in Einklang mit dem in der Gegenwart aufscheinenden Potential an Gesellschaftsveränderung bringen zu können. Gegenüber standen sich zwei scheinbar völlig widersprechende Gegenwartserfahrungen: Zum einen der fast vollständige Verlust an oppositionellen Kräften in beiden deutschen Staaten - in dem westlichen durch mehr Integration und in dem östlichen durch mehr Repression erzielt -und zum anderen die seit Jahren anhaltende, zum Teil durchaus erfolgreiche Offensive nationaler Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt. Niemals zuvor und niemals danach haben soviele Kolonialländer ihre nationale Unabhängigkeit errungen wie zu Beginn der sechziger Jahre; Algerien und der Kongo sind nur die herausragendsten Beispiele dafür.

Der sich offenbar beschleunigende Prozeß der Dekolonialisierung wurde, was durchaus zweifelhaft hätte sein müssen, wenn man ihn als Transformation der internationalen Ökonomie verstanden hätte, als fortschreitende Destabilisierung des Imperialismus wahrgenommen. Um die revolutionäre Dynamik in den Ländern der Peripherie aufgreifen und damit die Stagnation in den Metropolen erschüttern zu können, bedurfte es einer globalen Theorie der politischen Ökonomie. Eine solche lag zwar in der Form der klassischen, an Rosa Luxemburg und Lenin orientierten Imperialismustheorie vor, diese war jedoch nach der Liquidation der wichtigsten bolschewistischen Theoretiker, wie Bucharin z.B., nicht mehr, von Einzelstudien einmal abgesehen, auf einem der Gegenwart angemessenen Entwicklungsstand. Um diese Defizite, an denen ja marxistische Ökonomen wie Baran, Sweezy und Sternberg bereits arbeiteten, auszugleichen, hätten Jahre für intensive Studien und Analysen veranschlagt werden müssen.

Einfacher war es, die empfindlich spürbaren analytischen Lücken mit einer generalisierenden Kapitalismustheorie zu überspringen. Dies konnte am besten mit dem linkshegelianisch prononcierten Marxismus vom Beginn der zwanziger Jahre gelingen, dem vermeintlich materialistisch gewendeten Totalitätsanspruch des deutschen Idealismus in der Philosophie von Ernst Bloch und Georg Lukacs, die sich vor allem gegen das sozialdemokratisch erstarrte Denken aus der Zeit der II. Internationale wandten.

Und mit Versatzstücken der beiden genannten theoretischen Strömungen arbeitete Dutschke zusammen mit Bernd Rabehl zur Zeit der Subversiven Aktion: Mit Elementen der Imperialismustheorien von Luxemburg, Lenin und Bucharin versuchten sie den Nachweis zu erbringen, daß die Kapitalakkumulation auch in den Entwicklungsländern zur Proletarisierung führen müsse, und mit Lukacs und Bloch, kurze Zeit später kamen auch noch verschiedene Autoren der Kritischen Theorie hinzu, daß die Stabilität der "Wohlstandsgesellschaft" ideologischer Schein und eine Verschärfung der sozioökonomischen Widersprüche in the long run auch hier unvermeidlich sei.

Da die Sowjetunion mit ihrer Propagierung einer Politik der friedlichen Koexistenz nur noch als Bremser dieses ineinandergreifenden Prozesses erschien, mußten sich die Hoffnungen auf andere Kräfte konzentrieren, in denen der antiimperialistische Kampf nicht durch die Erfordernisse eines immer wieder aufs neue auszubalancierenden Gleichgewichts im Ost-West-Verhältnis verstellt war - auf Lateinamerika. Hier gab es mit Kuba das Beispiel einer erfolgreichen Revolution und mit den Operationen der Guerilla in Bolivien und Venezuela die Hoffnung auf ein Übergreifen auf den südamerikanischen Kontinent. Im Zuge der Eskalation des Vietnamkrieges hat dann der Vietcong die lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen in ihrer Vorbildfunktion mehr und mehr ersetzt. Dies ist durch den Tod Ché Guevaras im Oktober 1967 und den nachfolgenden Zusammenbruch der Guerilla in Bolivien noch erleichtert worden.

Mit der Spaltung Vietnams in einen nördlichen und einen südlichen Teil, die bekanntlich den jeweiligen Machtblöcken im Ost-West-Konflikt zuzurechnen waren, gab es überdies noch eine Parallele zur deutschen Situation. Wichtiger aber noch dürfte die Tatsache gewesen sein, daß die FNL, worin sie sich von den anderen nationalen Befreiungsbewegungen unterschied, für die Wiedervereinigung Vietnams kämpfte.

Der Internationalismus der Studentenbewegung bestand im übrigen in aller Regel, was zumeist übersehen wird, darin, den nationalen Kampf eines Landes, das gleichzeitige Ringen um soziale Befreiung und nationale Unabhängigkeit, zu unterstützen. Die fast paradoxe Aufgabe internationaler Solidarität war es also, vor allem nationale Kämpfe zu stärken. Erreicht werden sollte die Beendigung von Fremdherrschaft.

Diese Zielsetzungen ließen sich natürlich allesamt auch auf die Situation im geteilten Deutschland übersetzen. Die oft beschworene internationale Solidarität wies insofern ein hohes Maß an nationaler Suggestivität auf. Und wenn Rudi Dutschke - wie in seinem Aufsatz "Proletarischer Internationalismus und Imperialismus" etwa - mit Lenin- und Trotzki-Zitaten eine explizite Dialektik von Internationalismus und Nationalismus beschwor, dann war keineswegs klar, was dies politisch bedeuten sollte, wie das Übergreifen der an der Peripherie offen zutagetretenden revolutionären Prozesse auf die Metropolen konkret aussehen sollte. Klar war nur, daß sich damit auch eine politische Offensive zur Herauslösung der beiden deutschen Staaten aus ihren jeweiligen Militärblöcken und zur Überwindung der Teilung Deutschlands legitimieren ließ. Doch was hätte klar sein müssen, das wurde längst noch nicht gesehen.

Am spektakulärsten war vielleicht Dutschkes, seinerzeit freilich unbekannt gebliebene Idee, West-Berlin aus dem kapitalistischen System herauszubrechen, es unter internationaler Garantie in einen antiautoritären Freistaat umzuwandeln und damit "einen strategischen Transmissionsriemen für eine zukünftige Wiedervereinigung Deutschlands" zu gewinnen. Alles weist darauf hin, daß der Internationalismus für einige führende Köpfe im West-Berliner SDS ein zeitweiliger Ausweg war, um eine doppelt blockierte Politik zur Wiederherstellung der nationalen Einheit Deutschlands wieder in Gang bringen zu können.

Wenn von Dutschke marxistische Klassiker mit der von ihm propagierten Dialektik von Sozialem und Nationalem, von Nationalem und Internationalem zitiert werden, dann wird deren Bedeutung nirgends inhaltlich ausgeführt. Die Zitate wirken, jedenfalls kann man sich dieses Eindrucks nicht erwehren, wie Legitimationsformeln für ein Vorhaben, von dem der Zitierende vielleicht nur zu genau weiß, daß er es aus eigener Kraft kaum begründen könnte, ohne damit den Unwillen seiner Leser hervorzurufen.

Im Gegensatz zu seiner völlig verdeckten, von Legitimationsproblemen überlagerten und konzeptionell zudem sehr verschachtelten Position der sechziger Jahre drückte Dutschke im darauffolgenden Jahrzehnt, wie durch seine entsprechenden Zeitschriften-Artikel wohl hinreichend deutlich geworden ist, seine Ansichten nicht nur offener, sondern auch in ihrer Argumentationsstruktur klarer aus. Die Option, um die es ihm vor allem ging, eine Wiedervereinigung Deutschlands unter sozialistischen Vorzeichen, wurde unverblümt ausgesprochen und auch in ihren bündnispolitischen Implikationen transparent gemacht. Interessant war hierbei insbesondere, wie sich seine eigene Position in der Auseinandersetzung mit den Ostverträgen zugleich aktualisierte und profilierte.

Die von ihm ja bereits frühzeitig geübte Kritik an der von der Sowjetunion verfolgten Politik der friedlichen Koexistenz wurde fortgeführt durch eine weitreichende Ablehnung der Entspannungspolitik. Dutschke, der natürlich nicht grundsätzlich gegen Entspannung war, griff vor allem die Prämissen an, die der neuen Ostpolitik zugrundelagen. Seiner Ansicht nach konnte eine Entspannungspolitik nur dann erfolgreich sein, wenn sie die grundlegenden Wurzeln für den Spannungszustand beseitigte, anstatt ein die wirklichen Konfliktpotentiale bloß konservierendes Arrangement zu treffen. Weil er die Spaltung Deutschlands, die als Ergebnis von NS-Herrschaft und Zweitem Weltkrieg entscheidend für die Blockkonfrontation zwischen West und Ost war, völlig unangetastet sah, griff er die Verfechter einer für ihn nur vordergründigen Entspannungspolitik kompromißlos an. Er kritisierte die neue Ostpolitik der SPD/FDP-Regierung ebenso wie die DDR-Anerkennungspolitik der SED wegen der von beiden Seiten für höchst unterschiedliche Ziele preisgegebenen Wiedervereinigung. Der Kompromiß zwischen den sich im Kalten Krieg scheinbar unversöhnlich gegenüberstehenden Lagern war in seinen Augen ein fauler. Denn durch den Abschluß des Grundlagenvertrages und die auf der Basis des Status Quo erfolgenden Neuorganisierung würden die Spannungsherde keineswegs beseitigt. Es entfiele lediglich der zu Adenauers und Ulbrichts Zeiten geführte Nervenkrieg und es würden einige Erleichterungen im Besuchs- und Transit-Reiseverkehr sowie in begrenzten humanitären Fällen erzielt. Währenddessen ginge die beiderseitige Aufrüstung nicht nur weiter, sondern verschärfte sich. Was den Anhängern des Bahrschen Konzepts "Wandel durch Annäherung" paradox erscheinen mußte, daß die Fortschritte in der Entspannungspolitik mit einer schwindelerregenden Steigerung der Rüstungsspirale Hand in Hand gingen, das war für Dutschke nur zu konsequent. Solange die Spaltung Deutschlands nicht aufgehoben war, solange konnte es auch keine Entspannungspolitik geben, die ihren Namen wirklich verdiente.

Doch Dutschke war nicht in der Lage, seine Einsichten auch in zweckinstrumentelles politisches Handeln umzusetzen. Er war zwar immer noch Gallionsfigur einer in viele Winkel versprengten Neuen Linken, in praktischer Hinsicht war er, was er sicherlich nicht gesehen hat, viel zu isoliert, als daß er einen nachhaltig spürbaren Einfluß auf die sich unablässig wandelnde Szene links von der SPD hätte nehmen können. Sein Versuch, eine sozialistische Organisation aufzubauen, die weder sektiererisch noch opportunistisch war, scheiterte dementsprechend kläglich. Er versteckte sich jedoch nicht hinter dem Versagen und zog sich etwa zurück, sondern strich den so gut wie vollständigen Mangel an einer radikalen Opposition, die einen Zusammenhang zwischen den linken Kräften in beiden deutschen Staaten stiften könnte, ungeschminkt heraus. Für ihn war "die deutsche Misere", er formulierte das fast wie die Einsicht in ein unvermeidliches Scheitern, eine "linke Misere".

Dutschkes Vision hat sich nicht erfüllt. Weder haben sich zwei deutsche Staaten, auch wenn nichts unversucht gelassen wurde, um diesen Eindruck zu erwecken, vereinigt, noch können die Voraussetzungen, unter denen dies geschehen ist, als sozial geschweige denn sozialistisch bezeichnet werden. Dutschke war ein zu entschiedener Antikapitalist, als daß er das Ergebnis eines solchen Prozesses, der nicht ohne hoffnungsvolle Momente begonnen hatte, hätte gutheißen können. Dutschke war aber auch aus einem solchen Holz, daß er jetzt nicht aufgegeben, sondern - vermutlich mit einer Trotzreaktion - die Umwälzung der Gesellschaftsverhältnisse in einem Land gefordert hätte. Das Negativresultat wäre von ihm, eine uneingeschränkte Kommunikation und Kooperation gleichzeitig aber auch erst ermöglichend, wohl als Anstachelung aufgenommen worden.

An Schlußfolgerungen aus seinen lange Zeit übersehenen nationalen Vorstößen ist festzuhalten:

1. Dutschkes unablässiges Insistieren auf der deutschlandpolitischen Dimension jeglicher linker Politik war zunächst einmal richtig. Es hat in der Tat eine lang anhaltende Verdrängung all jener Fragen und Probleme gegeben, die mit der Spaltung Deutschlands und der Existenz zweier deutscher Staaten zusammenhingen. Die falsche Unmittelbarkeit des Internationalismus ist in der Neuen Linken die Kehrseite dieser Ausblendung gewesen. Die internationale Solidaritätsarbeit war ein Substitut für eine Auseinandersetzung mit den Verhältnissen des eigenen Landes, an die man sich wegen der offenliegenden Zusammenhänge mit der jüngsten deutschen Geschichte nicht zu rühren traute. Diese Reaktion, die Integrität ihrer Motive einmal außer Frage gestellt, ist zwar verständlich, dennoch aber bloß reflexhaft. Sie geht einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den Folgen deutscher Geschichte, ganz entgegengesetzt, aus dem Wege und verlagert ihre Anstrengungen auf eine Ebene, die weitgehend folgenlos bleiben mußte. Es gehört zur Tragik von Dutschkes politischem Wirken, daß er diesen Substitutionalismus, der ja ursprünglich nur ein Umweg in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Land hätte sein sollen, mitermöglicht hat. Eine Dialektik, für die das dem 19. Jahrhundert entlehnte Kategorienpaar Nationalismus - Internationalismus ohnehin unbrauchbar gewesen wäre, fand nur im Kopf statt.

2. Dutschkes unnachgiebige Kritik an der zu kurz greifenden und letztlich, aufgrund ihrer und in dieser Form nicht zu stoppenden Negativdynamik, in ihr Gegenteil umzuschlagen drohenden Entspannungspolitik war richtig. Der Nachrüstungsbeschluß war, was lange Zeit niemand sehen wollte, das Dementi der neuen Ostpolitik. Der Preis des Pragmatismus in den zwischenstaatlichen Beziehungen lag jedoch nicht nur in einer immer unkontrollierbarer werdenden Rüstungsspirale, sondern auch im weitgehenden Verzicht auf eine Gesellschaftskritik in den staatssozialistischen Ländern. Während die radikale Linke, von ein paar trotzkistischen Grüppchen einmal abgesehen, einfach die Augen verschloß gegenüber der repressiven Verfestigung der Verhältnisse in Polen, der CSSR und der DDR etwa, versteifte sich die Sozialdemokratie in dem Glauben, die Früchte ihrer Entspannungspolitik nicht zu gefährden, darauf, keine anderen Beziehungen als zu den allein staatlich legitimierten Organisationen zu pflegen. So wie sie sich weigerte, Repräsentanten von Solidarnosc etwa, als bloße Gesprächspartner zu akzeptieren, so schuf sie mit der Verabschiedung eines gemeinsamen Papieres mit der SED ein seltenes Dokument politischer Desorientierung. Durch Berührungsangst und Staatsfixierung ist keine Auseinandersetzung mit der sozialen, ökonomischen und ökologischen Realität in der DDR zustandegekommen. So ist bereits im Vorfeld jenes Prozesses, der mit der Fluchtwelle des Sommers 1989 einsetzte, das Terrain preisgegeben worden, dessen Verlust man nun, mit den Resultaten konfrontiert, so einmütig bejammert.

3. Dutschkes Versuch einer Reaktualisierung der nationalen Frage jedoch war gefährlich. Er hat sich nicht nur ohnehin nicht gescheut, die schier bodenlosen Probleme der Deutschen mit dem Terminus Nation fassen zu wollen, sondern er hat diese zudem auch noch als ein Ursprüngliches, als etwas Substantielles gedacht. Beides jedoch hätte er sich verbieten sollen. Die Semantik eines solchen Begriffs ist nicht von seiner Geschichte unabhängig. Dutschke hat sich im Zusammenhang seiner Initiativen nicht mit Problemen belastet, deren ungebrochene Aktualität wir nun schon seit Jahren mit der Affinität des Nationalen mit Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Fremdenhaß und dergleichen mehr erleben. Im Kontext seiner Artikel hat er sich mit keinem Wort zu diesen naheliegenden Implikationen und unabschätzbaren Gefahren geäußert. Diese Blindheit ist umso erstaunlicher als sich ja durchaus prominente Beispiele einer Dutschke-Rezeption von rechts, unter nationalrevolutionären Vorzeichen, anführen lassen.

4. Dutschkes Versuch einer Reaktualisierung von Traditionen, die er einer deutschen Arbeiterklasse zurechnete, war illusionär. Sein Unvermögen, die veränderte gesellschaftliche Situation in BRD wie in DDR wahrzunehmen, zeigt sich in keinem Punkt durchschlagender. Die Wiederbelebung des proletarischen Kampfes in Ost wie in West war wohl der Fluchtpunkt all seiner Anstrengungen und - zugleich das unbeabsichtigte Eingeständnis seines zentralen politischen Scheiterns. Mit den klappernden Kategorienschemata des orthodoxen Marxismus - so wie ihn der junge Lukacs noch zu Beginn der zwanziger Jahre verstanden hatte - ließ sich die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mehr zukunftweisend politisch begreifen. Seine Mythologisierung der Arbeiterklasse als dem einzig möglichen historischen Subjekt, ein Irrglaube, der pseudowissenschaftlich kaschiert nur zu oft in politische Sackgassen geführt hat, schreckte nicht einmal davor zurück, durch den angeblich historischen Nachweis, daß die nationalen Kämpfe der Arbeiterklasse immer auch internationale Kämpfe gewesen seien, eine Geschichtsklitterung vorzunehmen. Dieses idealisierende Bild, das die Arbeiterklasse als den historischen Garanten der Revolution zeigt und ihren Anteil am Zustandekommen des NS-Regimes verharmlost oder unterschlägt, ist ebenfalls nicht ungefährlich.

Kurzum, so wichtig es auch wäre, in der Auseinandersetzung mit Rudi Dutschkes politischer Biographie eine Klärung des überaus defizitären Fragekomplexes - die Linke im eigenen Land - voranzutreiben, so irreführend wäre die Hoffnung, sich unmittelbar auf die von dem Wortführer der Studentenrebellion ausgeteilten Denkzettel berufen zu können.

(leicht gekürzte Version des gleichnamigen Artikels in der Zeitschrift "Mittelweg" Nr. 36 -2/92)