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Untergründe einer Mutterbeziehung

 

Mit den Angriffen auf Joschka Fischer bearbeitet Bettina Röhl, die Tochter von Ulrike Meinhof, auch eigenes Erleben / FR vom 12.1.2001

Von Katharina Sperber

Wer ist Bettina Röhl? Bekannt geworden ist die 38-Jährige jüngst mit ausgegrabenen Fotos, die den Straßenkämpfer Joschka Fischer zeigen, und mit einem offenen Brief an den Bundespräsidenten, in dem sie ankündigt, den heutigen Außenminister anzuzeigen "wegen versuchten Mordes". Ein starkes Stück. So stark, dass es der Angegriffene nicht in bekannter Art ignorierte, sondern sich dazu getrieben sah, mehrfach Auskunft zu geben über seine "militante" Vergangenheit als "Putzmann" der Frankfurter Spontis in den politisch bewegten 70er Jahren. Öffentlich.

Bettina Röhl reicht das nicht. Viel Zeit und Mühe hat sie schon für ihre Recherchen investiert: Archive durchwühlt, Fotos und Filmsequenzen beschafft, selbst ihren Ruf gefährdet mit dem Versuch, Bilder teuer zu verkaufen, dem Urheber aber pro Foto nur eine Archivgebühr zu überlassen. Inzwischen gibt es eine einstweilige Verfügung, die es ihr verbietet, die Bilder zu verbreiten. Die Journalistin aber hält sich nicht daran, will sie doch einen "Staatsnotstand" erkannt haben, wenn ein Außenminister, der einst Polizisten verdrosch und, wie Bettina Röhl meint, für die grausigen Wirkungen geworfener Molotow-Cocktails verantwortlich zeichnet, weiter sein Amt versieht. Und weil sie die Pressefreiheit schon "verloren gegangen" glaubt, tritt sie unversöhnlich an, endlich der "Wahrheit" ans Licht zu verhelfen. So sträubt sie sich konsequenterweise gegen jeden Versuch, die Motive ihrer Handlungen auszuleuchten. "Die Wahrheit", schreibt sie auf ihrer Internet-Seite, "die Wahrheit ist aus sich heraus Motivation genug."

Also: kein Gespräch nirgends mit ihr. Und so ist man gezwungen, ihre Biografie und das zu lesen, was sie bisher über sich geschrieben hat. Das kann zu Spekulationen führen, die der Frau nicht gerecht werden, aber auch Fakten offen legen, die nicht nebensächlich sind. 1962 kommen Bettina und ihre Zwillingsschwester Regine in Hamburg zur Welt. Ihre Eltern sind die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof und der Verleger Klaus Rainer Röhl. Zwei in der damaligen Bundesrepublik bekannte Persönlichkeiten: Ulrike Meinhof, die linke, scharf analysierende und sozial engagierte Journalistin, Klaus Rainer Röhl, der Herausgeber der Zeitschrift konkret. Die Eltern sind nicht nur bedeutende Stimmen in der Szene der Kämpfer gegen Restauration, Atomwaffen und Vietnamkrieg. Sie sind auch vermögend und verbunden in "narzisstischen Größenfantasien", wie es Lorenz Böllinger beschreibt. Meinhof und Röhl glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben, und bestätigen sich darin gegenseitig. Der Psychoanalytiker und Strafrechtler Böllinger ist heute Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Bremer Universität und hat sich bei seinen Forschungen intensiv mit dem Umfeld Meinhofs beschäftigt.

Doch die Anerkennung der Größe des jeweils anderen hält bei dem prominenten Paar nicht an. 1968 kippt sie in Hass, die Eltern lassen sich scheiden. Die Mutter zieht mit den Zwillingen aus der Hamburger Villa nach Berlin und tituliert den Vater fortan nur noch als "das Schwein", der Vater macht aus seiner grenzenlosen Verachtung der Berliner Szene, in die Ulrike Meinhof taucht, keinen Hehl - die Größenfantasien bleiben.

In der Vorankündigung ihres Buches "Sag mir, wo du stehst", das im April bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen soll, schreibt Bettina Röhl: "Im Laufe des Sommers 1968 setzte eine zunehmende Verwahrlosung von uns Kindern ein. Wir wurden nicht mehr ordentlich angezogen, morgens gab es kein Frühstück, jedenfalls nicht mehr regelmäßig, und die Wohnung versank in Unordnung. Das alles mischte sich mit bürgerlichen Restideen, die meine Mutter noch bewahrte. So bekam meine Schwester Klavierunterricht und ich sollte Geige spielen lernen. . . . In derselben Zeit begannen auch die Kämpfe zwischen meiner Mutter und mir. In Hamburg war ich immer hübsch angezogen, sauber und gekämmt gewesen. Ich hatte mich wohl damit gefühlt. . . . Bis an den Rand der Erschöpfung habe ich versucht, meine Mutter zu verstehen." Ohne Erfolg. Und so wählt sie einen anderen Weg, die Zuneigung der Mutter auf sich zu lenken: "Ich versuchte, das beste antiautoritäre Kind zu sein. Das wildeste, lauteste, ungezogenste und revolutionärste." Die Schwester, beide waren damals sieben Jahre alt, sieht zufällig, dass die Mutter Pistolen unter dem Pullover trägt, "was mich maximal erschreckte", schrieb Regine Röhl 1995 im Spiegel. "War es dieser Augenblick, in dem ich beschloss, alles Erlebte zu vergessen und vieles, was danach kam, gar nicht an mich herankommen zu lassen? Tatsache ist, dass das Verdrängen zu meiner Bewältigungsstrategie wurde." Regine Röhl arbeitet heute als Ärztin.

Bettina Röhl aber wählte den Beruf der einstmals als Journalistin gefeierten Mutter und in ihrem offenen Brief an den Bundespräsidenten eine Sprache, die Frauen und Männer, die die 50 überschritten haben, im eindringlichen, aber auch verquasten Stil stark an den RAF-Duktus erinnert. Ebenfalls im Spiegel 1995 schreibt Bettina, über den Tod der Mutter, von dem sie aus dem Radio erfuhr, und der Beerdigung, an der die Töchter nicht teilnahmen, sei schon bald in der Familie "nicht mehr geredet worden". Die damals 13-Jährige aber "saß stundenlang am Fenster . . . und hörte Uriah Heep, Pink Floyd und Deep Purple. Musik, die meinen Vater an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachte. . . . Damals setzte diese merkwürdige eiserne Treue ein. Eine Treue, die, glaube ich, damit zu tun hat, dass man sich vornimmt, eine Wiedergutmachung zu leisten."

Wiedergutmachung wofür? Dafür, dass das Kind nicht vermocht hatte, der Mutter zu helfen, sie zu halten vor dem Absturz in den Terrorismus. 1970 war Ulrike Meinhof in den Untergrund gegangen, hatte die Kinder nach Sizilien bringen lassen. Von dort holte sie drei Monate später der heutige Chefredakteur des Spiegel, Stefan Aust, und brachte sie zum Vater nach Hamburg. Weil Gerüchte kursierten, die Mutter wolle ihre Töchter in ein palästinensisches Waisenhaus nach Jordanien schaffen. Bettina und Regine Röhl besuchten nach der Festnahme Ulrike Meinhofs ihre "Mami" ein paar Mal im Gefängnis, dann brach der Kontakt völlig ab. Ob von Amts wegen oder aus freien Stücken der Mutter, wissen sie bis heute nicht.

Die Teenager verstanden das alles nicht. Wie auch? Aber bis heute spielt sich die tragische Lebensgeschichte, die gestörte Beziehung einer Mutter zu ihren Töchtern in aller Öffentlichkeit ab, weil Ulrike Meinhof zur Person der Zeitgeschichte geworden ist und es eines ihrer Kinder nicht lassen kann, vor Publikum Sinn in diese Geschichte zu bringen, unterstützt von Verlegern, die sie ermutigen, ihre Biografie zu schreiben, oder von Mitstreitern der Mutter, die nun abrechnen wollen mit der eigenen Vergangenheit.

Wie immer die Geschichte der Bettina Röhl weitergeht, ihre Erinnerungen wird sie nicht löschen können. Beispielsweise an jenen Tag, als Ulrike Meinhof zur Jahreswende 1969/70, also noch ehe sie in den Untergrund ging, der Filmregisseurin Helma Sanders in einem Interview sagte: "Man kann nicht innerhalb einer Familie Konkurrenzverhältnisse aufheben, ohne nicht darum kämpfen zu müssen, die Konkurrenzverhältnisse auch außerhalb der Familie aufzuheben, in die jeder reinkommt, der also anfängt seine Familie zu verlassen." Die offene Ankündigung, ihre Kinder zu opfern politischen Ideen, denen auch ein Joschka Fischer einst nahestand. ". . . und meine Schwester Regine hockte am Klavier und unterbrach die tristen Worte meiner Mutter mit vorsichtigen Klaviertönen." Ulrike Meinhof blieb taub.

 Frankfurter Rundschau vom 12.1.2001

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