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Berlin, den 5. Februar 1999

Offener Brief an Bernd Rabehl auf seine Camouflage

Camouflage militärisch: Tarnung einer Befestigungsanlage; Duden Fremdwörterbuch

Mein lieber Freund,

irgendwie bin Ich Dir richtig dankbar. Durch Deine Rede vor diesem Sängerverein, der dann keiner war, die in der "Jungen Freiheit" als Raubdruck erschien, hatte ich die Gelegenheit, an sehr spannenden Diskussionen teilzunehmen. Nicht nur ein ganzen Abend beim Freitagstreffen ehemaliger SDSler wird über Dein Artikel geredet, sondern die Telefone und Faxgeräte stehen nicht still und bis tief in die Nacht wird in den Kneipen darüber geredet. Selbst bei Veranstaltungen im Willy-Brandt-Haus sind Du und dein Text Gesprächsstoff, natürlich nicht offiziell, sondern eher subversiv. Die Aktion läßt grüßen.

Ich finde es einfach toll, wie Du das geschafft hast, hatte ich doch die Befürchtung in den letzten Jahren, Du könntest in Vergessenheit geraten, war ich doch manchmal der einzige Freund, der Dir aus alten Tagen geblieben war. Jetzt hast Du ja Horst Mahler, der Dir ja auch inhaltlich näher steht als ich, wir hatten ja immer leichte Differenzen.

Aber bitte, Du solltest mich auch nicht zu Deinen Feinden zählen, wo zu Du Dich, wie man munkelt, bei einigen alten Genossen gezwungen siehst. Ich habe und werde Dich immer verteidigen, wenn über Dich Dinge erzählt werden, die einfach nicht wahr sind. Darum auch dieser Offene Brief.

So wird zum Beispiel erzählt, Deine "nationale Wendung" wäre eine Reaktion auf die Wende nach 1989. Das ist einfach wirklich nicht wahr. Schon weit vor der Wende haben wir solche Fragen erörtert, in der Küche, aber immerhin. Ich war da immer etwas andrer Meinung, aber schon damals hast Du solche nationalrevolutionäre Gedanken doziert. Auch daß Rudi solche Gedanken gehabt haben soll. Dies nahm ich Dir damals nicht ab. Aber Rudi ist tot und kann Dich nicht mehr bestätigen und ob aus seinen nachlesbaren Äußerungen seine wahren Gedanken., also Deine, zu erheben sind, ist zweifelhaft. Aber diese einmalige Chance zu einer wahrhaft nationalen Revolution für Deutschland sei damals mit dem Attentat auf Rudi verloren gegangen und nun resignierst Du am deutschen Volk. Das hat so ein gewisses Geschmäckle von Blut und Boden. Von Boden ist bei Dir nun weniger die Rede, aber in Zeiten, in denen rechts und links nicht mehr zu unterscheiden sind, kann einen schon einmal der Boden unter den Füßen verloren gehen

Um jedem Mißverständnis vorzubeugen: Das andere was ich nicht durchgehen lassen werde, ist der Versuch Dich in die Neonazi-Ecke zu stellen. Mit solchen Dumpfbacken hast Du wirklich nichts gemein. Was Du da gesagt hast, kommt aus einer edleren Ecke, die der Carl Schmitts und Ernst Jüngers. Ihnen wird unterstellt sie wären präfaschistisch. E. Jünger und C. Schmitt waren ‘nie’ Faschisten. Sie unterlagen nur dem Irrtum, der NS-Staat könnte ihre Ideen verwirklichen. Als sie begriffen, dem sein nicht so, haben sie sich angeekelt vom Faschismus abgewandt und so bekamen sie ein antifaschistisches Mäntelchen. Die beiden zu rezeptieren, war schon immer ein Anliegen in gewisser Kreisen unabhängiger Linker. In unseren langen Küchengesprächen hast Du versucht, sie mir näher zu bringen, aber das alles blieb mir fremd. Ich habe mich in der Zwischenzeit mit den beiden etwas gründlicher befaßt; mehr mit Carl Schmitt, der wenigstens noch ein logisches Vergnügen bereitet, während ich mit Ernst angesichts seiner veredelten pubertär männlichen Omnipotentsphantasien nicht so klar komme.

Nun hat sich seit ihren Anfängen einiges geändert. Auf das Abenteuer einer totalen Mobilisierung soldatischer Arbeiter können wir auch nicht mehr hoffen. Aber was geblieben zu sein scheint: "Nach dem Waffenstillstand, der den Konflikt nur scheinbar beendet, in Wahrheit aber alle Grenzen Europas mit ganzen Systemen von neuen Konflikten umzäunt und unterminiert, bleibt ein Zustand zurück, in dem die Katastrophe als a priori eines veränderten Denkens erscheint." (E. J. Der Arbeiter S. 55) Dies ist für Dich auch das Szenario für Zentraleuropa heute in dem für Dich zu Ende gehenden Friedenszeitalter. Die Realität eines Fronterlebnisses in einem Stahlgewitter, in dem dem Elementaren zu begegnen sei, scheidet für Dich inzwischen wohl aus, aber Du könntest nun wenigstens teilnehmender Beobachter eines heraufziehenden Weltbürgerkriegs sein, wie ihn C. Schmitt kommen sah. Einen Krieg im offenen Raum Deutschland von importierten Partisanenformationen vorbereitet u. s. w. Deine Analyse ist die intellektuell schärfere Variante als die der Stoibers und seines Innenministers. Nun haben wir in Berlin keine CSU CDU und SPD sind machtbesessene Dilettanten, die Republikaner Dumpfbacken. Dich zu fragen, was denn dann zu wählen sei, ist angesichts Deiner Feststellung, das deutsche Volk sei ohne Kultur und Identität, müßig.

Beim Durchblättern C. Schmitts "Politischer Theologie" und der Schrift "Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus" fällt auf, daß wir es wiederum schwerer haben, als er zu seiner Zeit. C. Schmitt konnte im Bolschewismus noch einen ebenbürtigen Gegner erkennen und im Anarchismus den Feind. Wo sind sie geblieben. Der neue Feind ist der Fremde, nicht der Ausländer, für den bringt man angesichts der Kulturlosigkeit des eigenen Volkes noch Verständnis auf. Der Fremde ist der Feind. Das ist genial. Es kommt dann auf die Definitionsmacht an. Es können dann auch wahlweise eigene Volksgenossen sein. Die Sprayer, die Hundebesitzer, die ihre Hunde auf die Straße kacken lassen, die Wandpisser mit dem kurzen Schwanz u. s. w. Wie es den Plakaten so schön zu entnehmen ist: Das ist nicht unser Berlin, gelle!

Zum Schluß, ein Trost: In einer Zeit in der die Eliten machtbesessene Dilettanten sind, das Volk durch die amerikanische Reedukation, freudschem Psychoanalismus, Konsumismus kraftlos geworden ist und in der Agonie und Anomie herrschen, ist der wahre Denker einsam. Als Partisan und Solitär im Waldgang unter deutschen Eichen wirst Du wieder den Boden unter den Füßen spüren.

Weder bin ich für Dich noch bist Du für mich ein Feind. Ein für Deine verinnerlichte Jünger/Schmitt-Adaptation vielleicht unmöglicher Gedanke. Es ist nur etwas abhanden gekommen.

In alter Freundschaft

            • Till