zurück

 
SDS-Website  

 Die Welt, 30.12.2000

Es ging um die Kühltruhe

Was von 1968 bleibt, ist nur die Liberalisierung des gesellschaftlichen Lebens. Wolfgang Kraushaar sieht das anders 

Von Katharina Rutschky

Keiner der damals jung oder sogar sehr jung war, hat sich später im Rückblick auf

die Studentenbewegung als Altachtundsechziger geoutet. Das

Achtundsechzigertum ist eine neidvolle Erfindung der zu spät Geborenen,

der Medien, die das zehn-, zwanzig- und jüngst dreißigjährige Jubiläum

ungefragt begingen, und einer peniblen akademischen Forschung, die jedes

Flugblatt jener Jahre archiviert und uns bestimmt noch einmal mit einer

kritischen Ausgabe von Rudi Dutschkes Schriften versorgen wird. Meine

Prognose: Wolfgang Kraushaar, Jahrgang 1948, hat als Nachgeborener,

Publizist und Forscher an Jan-Philipp Reemtsmas Hamburger Institut für

Sozialforschung an allen drei Rezeptionen von "'68" teil. So weit ich

sehe, hat er sein ganzes bisheriges Arbeitsleben der Studentenbewegung im

Besonderen und der politischen Protestkultur im Allgemeinen gewidmet. 

Sein Buch "1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur" versammelt Aufsätze, in

denen er mit erstaunlicher Akkuratesse Einzelaspekte des

Achtundsechzigertums oder seiner Protagonisten behandelt. Wer wissen will,

wie sie zum Geld, zur Elite oder zur Nation standen, wo die Stasi ihre

Finger drin hatte und welche größenwahrsinnigen Ideen manch einer im

Hinblick auf die Rolle West-Berlins für die Revolution und die Sprengkraft

des Stadtguerillas für die Zerstörung der faschistoiden Kleinfamilie hegte

und hektographiert zu vervielfältigen pflegte, der ist bei Kraushaar ganz

gut aufgehoben. Wer aber wissen will, was nach langem Vorlauf und mit

langem Nachspiel als 1968 sprichwörtlich geworden ist, muss sich wohl doch

noch gedulden. Kraushaar schickt seinem Sammelband zwar einen quasi

erkenntnistheoretischen, methodologischen Aufsatz voran, aber der tönt

unter der Überschrift "Wie über 1968 schreiben?" für meinen Geschmack viel

zu pathetisch. Die Zeitgeschichtsschreibung stellt zwar ein paar andere, im

 Unterschied zur Kreuzzugsforschung oder Pharaonenanalyse aber

keineswegs schwierigere Aufgaben. Letzten Endes kommt es denn doch auf die

Schlauheit des Forschers und vor allem seinen freien Kopf an. Kraushaar

lässt hier viele Wünsche offen und kompensiert sie unzureichend durch

Philologie und politische Korrektheit. Als unbekennende Feministin bin ich

ja gern nett zu Männern und sage es deshalb ungern, dass Kraushaars

sonderbare Anhänglichkeit an '68 mich an eine spezifische

Stammtischpolitik gehobenen Zuschnitts erinnert, die auch seinerzeit,

allerdings im unschuldigen O-Ton akademischer Jungintellektueller, sehr im

Schwange war. Vielleicht ist es nicht falsch, wenn ich hier am Rande

erwähne, dass ich nach einem Vorlauf als Mitglied der Sozialistischen

Jugend in der Documenta-Stadt Kassel selbstverständlich sofort bei

Studienbeginn in Berlin in den SDS eingetreten bin. Es war das Privileg

meiner Generation, dass wir das Schlau-, Frei- und Anderssein mit dem

Zeitgeist! > unter den Flügeln ausleben durften. Wir hatten ganz klare

Feinde in der alten Bundesrepublik - es bedurfte keiner politischen

Korrektheit, sie ausfindig und jedermann plausibel zu machen -, und wir

waren jung und unschuldig genug, ihr zivilisatorisches Defizit mit unserem

Generationenprotest zu verbinden. Mehr als verständlich, dass Nachgeborene

wie Kraushaar uns bis heute darum beneiden, dass wir zur richtigen Zeit

jung und schlau und vorn gewesen sind. Es hat lange vorher und nachher

keine vergleichbare dramatische und wahrhaftige Inszenierung zwischen

Eltern und Kindern, zwischen Avantgarde und Establishment, zwischen Geist

und Macht gegeben. Viele Jahre später wissen wir, dass von diesem Glück

nicht alle den schlauen und freien Gebrauch gemacht haben, den man sich

damals gewünscht hat. Die Altachtundsechziger haben ihren gehörigen Anteil

an Spießertum produziert, wie andere Generationen vorher auch. Altlinke,

Antifaschisten und Neomarxisten sind in den Jahren danach en masse in

den Sümpfen von Kultur- und Konsumkritik versackt - von den Verirrungen

des Sektierertums einmal abgesehen - und haben keineswegs so viel kreative

Ideen umgesetzt, wie man erwartet hätte. Ich bin trotzdem von den Gurus,

denen ich seinerzeit gefolgt bin, nicht enttäuscht. Dutschke, Rabehl oder

Langhans habe ich aber als ungefähr Gleichaltrige, außerdem als weibliches

Mitglied verschiedener politischer Vereine, anders erlebt, als Kraushaar

sie darstellt. Er vergisst in seinen Analysen völlig, wie jung alle damals

waren. Würde ein Dutschke heute nicht DJ oder Reporter sein, ein Langhans

nicht als Bachblütentherapeut Geld verdienen? Und Rabehl wäre, ohne die

Aureole von '68 und als Dutschke-Freund, Studienrat geworden oder

bestenfalls Fachhochschuldozent für Soziologie in Irgendwo. Stattdessen

ist Dutschke eine Legende, Rabehl ein rechter Schocker und Langhans ein

sexuelles Topfgericht, das unbegrenzt wieder aufgewärmt werden kann. Und

auch wird, wie bei Dutschke und Rabehl auf deren Weise, denn bis heute

misst sich Jugend - nicht jede Jugend, die kleinbürgerlich-proletarische

nehme ich aus - am Vorbild der Achtundsechziger. Eigentlich ein wichtiger

Grund, sie aufzuklären und nicht im Schwurbel neiderfüllter Fantasien

allein zu lassen. Auch die affektive Reaktion auf die Achtundsechziger

erübrigte sich, wenn die Aureole von '68 endlich ein wenig zerfleddert

würde. Nicht nur Kraushaar lebt und zehrt so oder so von dieser Aureole,

diesem Gerücht. Dutschke, Rabehl und Mahler, deren nationalen Sehnsüchten

und, was Mahler betrifft, nationalistisch-reaktionärer Option, Kraushaar

eine Enthüllungsstory widmet, müssten doch wohl in ihrer Bedeutung sehr

relativiert werden. Wer wie zum Beispiel ich im intellektuell

hochgestochenen SDS und seinen Arbeitskreisen außerdem in

Gewerkschaftsseminaren und als Minidozentin für Oberschüler und Lehrlinge

sich sonstwo herumgetrieben hatte, der konnte dem freischwebenden

Dogmatismus Dutschkes wenig abgewinnen. Da hatten das "Grandhotel

Abgrund", von Adorno und Benjamin vor allem bewohnt, und die neue

Jugendkultur, von den Beatles verkörpert, sehr viel mehr Anziehungskraft.

Dutschke hatte aber das Charisma und die Energie eines Stars - worüber er

redete, habe ich nie verstanden, und zu lesen war er auch nicht.

Persönlich war er außerordentlich sympathisch und gab mit seinem Gretchen

überall ein rührendes junges Paar, wie ich noch keines kannte. Trotz oder

wegen dieser Einschätzung brach ich in Tränen aus, als ich von dem

Attentat auf ihn erfuhr und nahm natürlich an der Demonstration teil, die

in die Kochstraße führte und in brennenden Lastwagen und einer

zersplitternden Glastür gipfelte, durch die Horst Mahler gedrückt

wurde. Ich habe vorhin von der Stammtischpolitik gesprochen, die auf Seiten

der politisierenden Jugend in den Sechzigern mangels Alternativen so gut

in Schwung war wie heute bei Kraushaar aus forschungsstrategischen

Gründen. Stimmungsumschwünge, atmosphärische Veränderungen und ih! >r

verrücktes Personal sind eben schwerer zu begreifen und zu beschreiben als

Meinungen, die auf Papier zu haben sind bis heute. Zwischen 1966 und

1968/69 kam es in Westdeutschland zu einem zivilisatorischen Sprung, für

den mich in Kassel der KZ-Überlebende Meyer, mein Philosophielehrer und

die Sozialistische Jugend trainiert hatten. In Berlin taten die Grauen

Eminenzen des SDS, Endzwanziger waren sie damals erst, und last but not

least die Professoren Mollenhauer, Claessens und Lämmert mit einem

bodenständigen Liberalismus und Humanismus das ihre, um mich auf den

richtigen Weg zu bringen. Das muss ich erwähnen, weil Kraushaar, wie viele

andere vor ihm, und vermutlich werden ihm noch andere folgen, die

Dramatisierung von Positionen und Personen als darstellerischen und

interpretatorischen Kunstgriff überstrapaziert. Das antiautoritäre,

liberale und humanistische Moment von 1968 hat Bestand gehabt und prägt

die deutsche Gesellschaft bis heute, nicht zu ihrem Schaden. Es reichte in seinen

 Wurzeln aber weiter zurück als in die Generation der

Unschuldigen, die um 1940 herum geboren waren. Ich erinnere mich an einen

akademischen Lehrer, der froh war, sich des ganzen Titularwesens der

deutschen Uni entledigen zu dürfen: "Sagen Sie einfach Herr Müller!" Die

Studentenbewegung hatte überall Helfer und Helfershelfer. Mit dem Konzept

der Kinderläden rannte man im Berliner Senat Türen ein, die hoffnungsfroh

aufgehalten worden waren. Ein Beispiel von vielen. Wie viele andere,

typisch Männer, möchte ich sagen, hat es Kraushaar mit der großen Politik,

die auch am kleinen Stammtisch verhandelt wird. Sie kennen den Witz über

die Machtverteilung zwischen einem Ehepaar? Er entscheidet über Krieg und

Frieden - sie über die Anschaffung einer Kühltruhe. '68 handelt,

metaphorisch gesprochen, von der Kühltruhe. Die deutsche Gesellschaft

hatte einen Nachholbedarf an zivilisatorischen Selbstverständlichkeiten,

die mit eigentümlichem Aplomb durchgesetzt werden mussten. Ging es u! >m

die Klassengesellschaft, die Revolution oder die Abwehr von Atomtod und

Faschismus? Nein, es ging um die freundliche Behandlung von Kindern in der

Schule, um die Selbstbestimmung der Frau, um die Abschaffung der

Kleiderordnung und die Etablierung des protestantischen Gewissens als

Richtschnur des Handelns - auch für Katholiken. Ich erlebte 1967/68 dann

den Aufstand von Studenten, die bis dahin den Weg in den SDS oder die

Gewerkschaft nie gefunden hatten. Sie warfen Bände von Goethes Werken der

Sophien-Ausgabe aus den Fenstern des Germanischen Seminars! Mir waren

Bücher heilig - andererseits kannte ich Lenins Schrift über den

Radikalismus als Kinderkrankheit. Es galt also, großzügig zu sein. Das

deutsche Bürgertum und seine Kinder hatten einen Nachholbedarf, den sie in

K-Gruppen, in der RAF und heute in der Suche nach einem reinen

ökologischen Gewissen zu befriedigen gedachten. Es gab nicht nur

Verwirrungen, sondern auch eine Menge Tote. Aber Kraushaar, wie viele

andere, die sich mit den sagenhaften 68ern einlassen, befasst sich nur

mit dem Stammtisch und seinem Gerede von der großen Welt nach altbekannten

Mustern, die jenem Umschwung des Zeitgeistes, der damals stattgefunden und

längst auch die seinerzeit perhorreszierte "Springerpresse" samt ihrer

Leserschaft umgewälzt hat, in keiner Weise gerecht wird. In meinem Leben -

aber das habe ich auch erst auf Nachfrage eines jungen Mädchens

eingestanden, das wissen wollte, ob ich froh sei, eine Deutsche zu sein -

in meinem Leben gab es tatsächlich zwei beflügelnde Ereignisse. Zum einen

'68, zum andern die Wiedervereinigung, die ich als leidenschaftliche

Berlinerin gefeiert habe. Im Februar 1968 war ich froh, so viele gut

gelaunte Menschen bei der Antikriegsdemonstration (Vietnam) auf meiner

Seite zu wissen. Böse und verbissen war auch 1989 niemand, bloß froh und

glücklich; als die Mauer fiel. Gemotzt wurde später. Kraushaar ist

Stammtischpolitiker und Philologe. Was damals passiert ist, muss anders,

als er es getan hat, noch aufgearbeitet werden. 

 

Wolfgang Kraushaar: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur. Hamburger Edition, Hamburg, 370 S., 48 Mark.

(c) Die WELT online: http://www.welt.de