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Bilder der Gewalt

 

Nicht nur ehemalige "Politrocker" wie Joschka Fischer sehen den Frankfurter "Häuserkampf" heute gelassener / FR vom 13.1.2001

Von Hans-Jürgen Biedermann

In dieser Woche, bei der Premiere von Joachim Gaucks Talk im Ersten, wurde er zum x-ten Male nach den alten Zeiten gefragt, und Josef Martin Fischer, den alle Joschka nennen, hat auch diesmal nicht um den heißen Brei herumgeredet. Er sei schon ein schlimmer Finger gewesen und habe bei Demos ganz schön ausgeteilt. Getreu dem damaligen Motto: "Macht kaputt, was Euch kaputt macht."

Die siebziger Jahre erleben eine Renaissance. Seitdem Hans-Joachim Klein vor dem Frankfurter Landgericht steht, weil er bei dem Opec-Anschlag in Wien vor 25 Jahren einen Menschen erschossen haben soll, interessieren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen der einstige Demonstrations-Sponti zum Terroristen geworden ist. Nach den Jahren, als es zur politischen Kultur gehörte, auf der Straße zu protestieren, wird das Gericht den heutigen Außenminister Fischer fragen, wenn er am kommenden Dienstag als Prozesszeuge auftritt, der einstige Weggefährte von Klein-Klein, wie der in jener gewaltbereiten Gruppierung genannt wurde, die sich den harmlosen Namen "Putzgruppe" zulegte.

Nicht alle Hauptdarsteller beteiligen sich an der Rückschau. "Ich will da nicht drin rumrühren", wimmelt Rudi Arndt, 1971 für sechs Jahre zum Frankfurter Oberbürgermeister gewählt, alle Fragen ab und verweist auf seine Lebenserinnerungen, die er zu veröffentlichen gedenke.

Andere, wie der damalige Juso-Vorsitzende Karsten Voigt, der heute als Koordinator für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit in Fischers Außenamt sitzt, erinnern an die Ursprünge der Protestbewegung. "Als Benno Ohnesorg bei einer Anti-Schah-Demonstration 1967 in Berlin erschossen wurde, haben wir ein Komitee gebildet." Wie viele Gleichgesinnte in der Frankfurter Szene war der Juso in den folgenden Jahren häufig auf Achse. "Es gab ständig Anlass für Demonstrationen. Der Vietnam-Krieg, die Diktaturen in Chile, Griechenland und Spanien."

Zu diesen Themen kam ein Frankfurter Spezifikum - der Häuserkampf. Schon Ende der Sechziger begannen Hausherren im vornehmen Westend, Mieter aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Danach kamen Rollkommandos und schlugen die sanitären Einrichtungen kurz und klein, worauf die Eigentümer Abrissanträge stellten, um Platz für profitable Bürohäuser zu schaffen. Dabei spielte die Bürokratie im Rathaus eine dubiose Rolle, denn gelegentlich wurden Genehmigungen erteilt, von denen das Parlament im Römer keine Ahnung hatte. Der Baustadtrat Hans Adrian sprach bei einem Sonderparteitag der SPD ganz offen von "fehlerhaftem Verhalten der Verwaltung". Dadurch sei die Bodenspekulation im Westend begünstigt worden.

Die groteske Situation, dass einerseits Wohnungen leer standen, andererseits Wohnraum aber dringend benötigt wurde, war der Nährboden für Widerstand. Bei nächtlichen Blitzaktionen besetzten junge Leute, die ansonsten gegen Krieg und Unterdrückung demonstrierten, nach und nach bald ein Dutzend "entmieteter" Häuser. Dabei war persönliche Betroffenheit die Triebfeder, denn gerade Studenten, Lehrlinge oder junge Arbeiter brauchten bezahlbaren Wohnraum.

Die Okkupanten wurden vom so genannten Häuserrat angeleitet, den der mittlerweile namhafte Anwalt Christoph Kremer, damals Jurastudent, gegründet hatte. Dahinter, so sagt der heute 51-Jährige, steckte kein krawallträchtiger Haufen, sondern ein braves Bündnis von meist ausländischen Bürgern, das sich in erster Linie gegen Mietwucher zur Wehr setzte.

"Wir waren viel zu naiv, um ein Programm zu entwickeln", sagt der Jurist heute und bestreitet jegliche Nähe zur Putzgruppe. Mit gewaltsamen Demonstrationen verscherze man sich die Sympathien der Bevölkerung, sei damals Konsens gewesen, und deshalb habe man auf Distanz zu den "Politrockern", wie sie von OB Arndt genannt wurden, geachtet. Der damalige Polizeipräsident Knut Müller, der auch im Rentneralter von 71 Jahren noch einer Anwaltstätigkeit nachgeht, urteilt, die Hausbesetzer hätten zwar dafür gesorgt, "dass der Stadtteil erhalten geblieben ist", doch bei der Verteidigung der Häuser eindeutig überzogen. "Der Rechtsstaat kann keine Gewalt dulden."

Als Gerichtsvollzieher die ersten Räumungstitel vollstrecken wollten und sich dabei der Rückendeckung durch die Polizei versicherten, wurde das Klima spürbar rauer. Im Kettenhofweg - dort bauten die Besetzer Barrikaden aus Müllcontainern, Badewannen und Möbeln - flogen dem Polizeipräsidenten "ausgefräste Stahlbrocken" um die Ohren. Die Polizei knüppelte ihrerseits auf Kinder und harmlose Fußgänger ein. "Alle haben zur Eskalation beigetragen", meint Kremer, und einer aus Joschkas Putzgruppe pflichtet bei: "Wahnsinnige gab es auf beiden Seiten."

Während in der Stadt vieles auch im übertragenen Sinne zu Bruch ging, etablierten sich Diskussionszirkel, in denen über Strategien nachgedacht wurde. Karsten Voigt, der Mann aus der linken SPD-Ecke, war im Club Voltaire zu Hause, Joschka Fischer in der Szene-Disko "Batschkapp".

Die beiden Lager, Reformer und Radikale, trafen sich im März '74 bei einem "Tribunal" im Volksbildungsheim. Dort wurde vor allem mit der Polizei abgerechnet, und in diesen Kontext passte die Verbalattacke von Versammlungsleiter Gerhard Zwerenz, wonach die Ordnungshüter zum Büttel der Politik verkommen seien. Christoph Kremer erkannte in der Polizei gar "den Kumpanen der Wohnraumzerstörer". Daniel Cohn-Bendit ging es um Allianzen, und er sah in der Nachwuchsorganisation der SPD einen denkbaren Verbündeten: "Die Jusos haben sozial-revolutionäres Potenzial."

Karsten Voigt stellte bei der heißen Debatte die Gewaltfrage. Seine These, wonach nicht einmal Übergriffe von Polizisten Gewalt legitimierten, wurde von der Spontiszene mit Schmährufen beantwortet. Doch Voigt blieb dabei: Auf prügelnde Polizisten müsse ausschließlich mit juristischen Mitteln reagiert werden. Der Sozialdemokrat erntete Hohngelächter, als er Gewalt auch gegen Sachen kategorisch ablehnte und sich für politischen Wandel durch Reformen aussprach. Diese "reformistische Strategie", davon ist er noch heute überzeugt, habe das Westend als Wohnquartier letztendlich gerettet. Da urteilt Christoph Kremer differenzierter. "Wir haben Bausubstanz erhalten, aber nicht die Mieterstruktur." Der Anwalt wohnt dort und stellt fest, dass er bei einem Spaziergang "überhaupt keine Kinder sieht".

Kalli Berkemeier, in der Hochzeit des Häuserkampfes Vorsitzender im Planungsausschuss der Stadtverordnetenversammlung, bei den Sozialdemokraten schon immer Querdenker, sieht in den politischen Versäumnissen die Hauptursache für die Gewaltexzesse auf den Frankfurter Straßen. Die Polizei habe die Fehler durch harten Einsatz kaschieren sollen. "Die hat zuerst zugeschlagen und danach erst die Putzgruppe. Ansonsten hätte es die nie gegeben", ist Berkemeiers Sichtweise.

Die Truppe um Joschka Fischer, behelmt und mit schwarzen Tüchern vor den Gesichtern, beschreibt einer aus der Clique als eine "große Freiheitsbewegung", die "tapfer und aufrecht gekämpft" habe. Gelegentlich mit heimtückischer Taktik, wenn sie versprengte Polizeibeamte in die Mangel genommen hat.

Unstrittig ist auch, dass so manche Polizeiattacke zur Eskalation beigetragen hat. Der Vorsitzende der Jungen Union, Thomas Müller, war Zeuge, als eine "friedliche Demonstration" aufgelöst wurde, und forderte deshalb Knut Müller auf, seinen Hut zu nehmen. Schließlich hatte auch Hans Michel, Fraktionsvorsitzender der SPD im Römer, die Nase voll, weshalb er öffentlich die Frage nach "der Rechtfertigung der brutalen Polizeieinsätze" stellte. Derweil durften sich mit Schlagstöcken ausgerüstete Zivilkommandos weiter ungehindert austoben, wurden unbeteiligte Passanten - Randfiguren bei den Demos gegen Fahrpreis-Erhöhungen - von Uniformierten aus Tränengaspistolen beschossen.

Polizeipräsident Knut Müller geriet zunehmend in Erklärungsnot. Er sah sich ohnehin angefeindet, denn vor der Räumung eines Häuserkomplexes im Westend hatten seine Beamten die Bewohner nächtelang mit starken Scheinwerfern drangsaliert, die auf die Fenster gerichtet waren. Müller wurde das Etikett des "Hardliners" angeheftet, weil er bei einer Pressekonferenz im Präsidium einem Vertreter der Studentenzeitung Diskus das Wort entzog und sogar mit dem Rauswurf des missliebigen Fragestellers drohte. Der Polizeipräsident war auch ansonsten nicht zimperlich und bezeichnete Hausbesetzer gelegentlich als "irrsinnige Spießer, die Bürgerkrieg spielen". Solcher Verbalradikalismus heizte die Stimmung an. Hausbesetzer Kremer kann die "Gemeinheiten" des Polizeipräsidenten bis heute nicht vergessen. Der habe den Häuserrat "diskriminiert" und "keine Sensibilität für die soziale Lage" gezeigt.

Heute sagt Müller über damals: "Ich habe nach außen eine offizielle Rolle gespielt und mich vorbehaltlos hinter die Polizei gestellt. Mein innerer Zustand blieb verborgen." Intern habe er Tacheles geredet, denn "natürlich sind nicht alle Einsätze mit kühlem Kopf geplant worden. Es hat Übergriffe gegeben." Einen Anlass zum Rücktritt sah Müller freilich nicht.

Derweil wird ein Kumpel von Joschka Fischer, Johnny Klinke, auf diese Verbindung immer wieder angesprochen. Der Pastorensohn ist mittlerweile Direktor des renommierten Frankfurter Varieté-Theaters "Tigerplalast". Er hält es schlicht für Blödsinn, dass Fischer mit einem Brandanschlag im Mai '76 auf einen Polizeibeamten in Frankfurt in Verbindung gebracht wird. Auch Ex-Polizeipräsident Müller sieht das so: "Es gibt keinerlei objektive Beweise für eine Beteiligung Fischers." Der Fall, bei dem der Polizeibeamte Jürgen Weber schwere Verbrennungen erlitt, ist bis heute nicht geklärt. "Wir ermitteln gegen Unbekannt", sagt Job Tilmann, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Folgt man Johnny Klinke, dann war der heutige Europaabgeordnete der Grünen, Daniel Cohn-Bendit, die Lichtgestalt in der damaligen Sponti-Szene. Seinerzeit hätten die "Aufkäufer der RAF" bei den Rekrutierungsversuchen kaum einen Stich gemacht, weil Cohn-Bendit die "Trennungslinie" zum Terrorismus klar erkannt und immer wieder vor dem "Abgleiten" gewarnt habe. Für seine Überzeugungsarbeit, die bei Hans-Joachim Klein erfolglos blieb, habe Cohn-Bendit den Friedensnobelpreis verdient, ist Klinke überzeugt.

 Frankfurter Rundschau vom 13.1.2001

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