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Gewalt auf beiden Seiten

 

Frankfurts Ex-Polizeipräsident Knut Müller sieht Exzesse bei Beamten und Demonstranten

Vor dem Häuserkampf in Frankfurt am Main stand der "Finger-Plan": In den 60er Jahren hatte der damalige städtische Planungsdezernent Hans Kampffmeyer entlang dieser "Finger", Nebenstraßen einer Achse im gutbürgerlichen Stadtteil Westend, Hochhausbauten bei einer entsprechenden Grundstücksgröße frei gegeben. Die Folge war eine Welle der Spekulation. Kaufleute erwarben einzelne Häuser, ließen sie leer stehen, teils sogar das Interieur von Rollkommandos zerstören und hofften auf Genehmigung für Abriss und Neubau von Hochhäusern, sobald sie die Grundstücke zusammen hatten. Als Folge davon entstand die erste Bürgerinitiative Deutschlands, die Aktionsgemeinschaft Westend, die sich mit friedlichen Mitteln gegen die Zerstörung des Wohnquartiers wandte. Es kam aber auch zu ersten Hausbesetzungen.

"Wenn es nur um Hausbesetzungen gegangen wäre, hätte man die ganze Sache niedriger hängen können", sagt Knut Müller, der von 1970 bis 1980 Polizeipräsident in Frankfurt war. Er spricht von "fließenden Übergängen" zwischen dem Verbrennen von Schah-Puppen, Anzünden von Polizeiautos, Werfen von Molotow-Cocktails auf Polizisten, Attacken mit rasierklingen-bestückten Stöcken und Abschießen von Stahlgeschossen. "Das waren keine bloßen Exzesse."

Als Exzess wertet Müller dagegen, wenn Fischer seinerzeit einen Polizisten verprügelt habe. Er räumt heute ein, dass es derartige Übergriffe "in der Hitze des Gefechts" auf beiden Seiten gegeben habe. Es sei auch nicht in Ordnung gewesen, dass Polizisten noch auf am Boden liegende Demonstranten eingeschlagen hätten. Fischer habe auch nie im Verdacht gestanden, Molotow-Cocktails geworfen zu haben. Der heutige Vizekanzler sei zwar nach dem Tod Ulrike Meinhofs eine Nacht in Polizeigewahrsam genommen worden wegen des Verdachts, Mitverantwortung für das Verwenden von Brandsätzen getragen zu haben. Die Beweislage sei aber so dünn gewesen, dass Fischer gar nicht erst dem Haftrichter vorgeführt worden sei. ap

 

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frankfurter-rundschau vom 17.1.2001