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H.-Eberhard Schultz

Bremen, 9.2.1999

Betr.: SDS 68er-Bewegung internationalistisch nicht "national-revolutionär"!

Lieber Bernd Rabehl,

aufgeschreckt durch Meldungen aus Berlin (zuerst Weihnachtsausgabe der taz "Überfremdung droht", Papiere von Horst Mahler und Konsorten, zuletzt "Kanonische Erklärung zur Bewegung von 68" und "junge welt" vom 03.02.1999), setze ich heute endlich meine Idee in die Tat um, Dir einen geharnischten Protest zu schicken.

Wie Du weißt, habe ich die im letzten Jahr von Ines u.a. initiierten monatlichen Treffen mehrfach zum Anlaß genommen, mit den ehemaligen Genossen des Westberliner SDS einige Gedanken und Erinnerungen auszutauschen und hierzu auch vorbereitete schriftliche Beiträge ausgearbeitet. Meine wichtigsten Anliegen waren dabei:

  • persönliche Biographien nicht als interessegeleitetes Verdammen von Fehlentwicklungen, sondern als z.T. zufällige, z.T. notwendige Brüche einer berechtigten aber letztendlich gescheiterten Revolte zu begreifen;
  • herauszufinden, ob es eine gemeinsame Basis für ein neues historisches politisches Projekt mit einigen Ehemaligen geben könnte, zumindest aber gemeinsame politische Aktivitäten in dem einen oder anderen Bereich;
  • nicht zuletzt, die aufkeimende neue Protestbewegung von Studenten, Schülern und Arbeitslosen (selbst-)kritisch zu begleiten.

Nach dem Fiasko unseres "FU-Kongresses", das ich zunächst vor allem als persönliches und organisatorisches Versagen begriff, und dessen Hintergründe und Dimensionen mir nun zu schwanen beginnen, und einem von mir als sehr diffus und unpolitisch empfundenen Treffen in Kreuzberg schien es mir, als sei dies vorläufig nicht zu verwirklichen. Deshalb hatte ich beschlossen, mich erst einmal aus dem Kreis zurückzuziehen und mich in anderen Zusammenhängen mit der 68er-Bewegung intensiver zu befassen.

Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, daß unsere "Revival-Treffs" offenbar von Horst Mahler (u.a.?) systematisch genutzt wurden, um das abstruse Projekt einer Fortsetzung der 68er-Bewegung als nationalrevolutionäre-neofaschistische zu planen und zu organisieren. Dabei hatte ich Horst Mahler und Rainer Langhans längst für ein gemeinsames politisches Projekt abgeschrieben, Langhans wegen seines esoterischen Fundamentalismus und seines früheren "Outings" als Hitler-Fan, Mahler wegen seines ungeklärten Verhältnisses zur RAF-Geschichte, Geheimdiensten, seines langjährigen Gefängnisaufenthaltes, anschließender Sympathien für die FDP, der Veröffentlichung in der "Jungen Freiheit" usw.

Bei Deinen Beiträgen auf unseren Treffen war mir zwar eine gewisse Tendenz zu "Verschwörungstheorien" über den Westberliner SDS bzw. eine "Dutschke-Rabehl-Fraktion" mit Eurem "Zerschlagungsprojekt" aufgefallen, nie jedoch irgendwelche "nationalen oder Überfremdungs-Ideen" (Eine offenbar durchaus ernstgemeinte Bemerkung von Dir, daß ich - mit einem kurdischen Freund zu einem Treffen erschien - offenbar Bodyguards brauche, läßt sich rückblickend natürlich auch als Ausdruck Deiner "Bürgerkriegs-Phantasien" interpretieren. Vielleicht sollte ich mir die Beiträge daraufhin noch einmal genau durchsehen). Aber wichtiger scheint mir, sich mit den jetzigen Gedanken und Thesen von Dir im Zusammenhang mit den neuen Ergüssen des neonazistischen "Mahler-Maschke-Oberlercher- Vordenker-Trios" vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatte um die "doppelte Staatsbürgerschaft" zu befassen:

1. (persönliche) Vorbemerkung:

Jeder von uns hat nach der gescheiterten Revolte ein "Recht" auf Irrtümer und Irrwege und auch ich habe mich eine Zeitlang intensiv mit der Bedeutung der "nationalen Frage" für die Perspektive einer Gesellschaftsveränderung befaßt und vielleicht überbewertet. Ich bin ebenfalls der Meinung, daß man Einflüsse eines "US-Kultur-Imperialismus" kritisieren muß und halte bestimmte Maßnahmen, wie sie etwa in Frankreich gegen derartige Einflüsse getroffen wurden, keineswegs für reaktionär.

Aber als fortschrittlicher Mensch und erst recht Marxist sollte man die relative Bedeutung dieser Frage gegenüber der sozialen Frage beachten und jeden Versuch einer völkischen Vereinnahmung gerade in Deutschland entschieden bekämpfen.

Eine "Verabsolutierung der nationalen Frage" kann daher zumindest in den kapitalistisch-imperialistischen Metropolen nur zwangsläufig in die Irre führen, insoweit hatte Rosa Luxemburg wertvolle Kritik geleistet, auf die wir uns damals im übrigen in dieser Frage immer positiv bezogen haben, wenn ich mich recht erinnere. Und die nationalen Befreiungskämpfe im Trikont haben wir nie als "Idee einer Internationale der Nationalrevolutionäre" begriffen, wie dies das völkische Vordenkertrio Mahler und Co. suggerieren wollen (Artikel 7 ihrer "kanonischen Erklärung"), die sich nicht scheuen den Berliner Vietnamkongreß vom Februar 68 dafür zu mißbrauchen.

2. Zum Vietnam-Kongreß

In der maßgeblich von Rudi Dutschke mitbearbeiteten "Schlußerklärung der internationalen Vietnamkonferenz" heißt es u.a.:

  • "... eine zweite revolutionäre Front gegen den Imperialismus in dessen Metropolen kann nur dann aufgebaut werden, wenn die antiimperialistische Oppositionsbewegung lernt, die spätkapitalistischen Widersprüche politisch zu aktualisieren und den Kampf um revolutionäre Lösungen in Betrieben, Büros, Universitäten und Schulen aufzunehmen ...
  • Wir rufen die antiimperialistischen Widerstandsbewegungen auf, darüberhinaus immer wieder auf gemeinsamen Massenmanifestationen gegen den US-Imperialismus und alle seine Handlanger in Westeuropa hinzuarbeiten. Im Verlauf dieses gemeinsamen Kampfes muß die politische und organisatorische Zusammenarbeit zwischen den revolutionären Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und den Widerstandsbewegungen in den USA und in den westeuropäischen Ländern intensiviert und zu einer Einheitsfront ausgebaut werden.
  • Es siege die vietnamesische Revolution!
  • Es siege die sozialistische Weltrevolution

(Rudi Dutschke’s eigenes Referat auf dem Kongreß vom 18.02.1968, das in seinen Beitrag für das Rowohlt-Taschenbuch eingearbeitet und zum Teil überarbeitet wurde, ruft zum Kampf gegen den US-Imperialismus und die "Zentren des Imperialismus" auf, erwähnt revolutionäre Kämpfe in Griechenland und Spanien ("Nach 30 Jahren faschistischer Diktatur ist in der Einheitsfront der Arbeiter und Studenten eine neue revolutionäre Kraft entstanden ...") und endet mit der Parole: "Es lebe die Weltrevolution und die daraus entstehende freie Gesellschaft freier Individuen!" (zitiert nach Frankfurter Schul- und Studentenbewegung, herausgegeben von W. Kraushaar, Dokumente, S. 344f). Im Referat von H.-J. Krahl vom gleichen Tage - beide haben ihre Beiträge bekanntlich abgesprochen - wird zur Kampagne "Zerschlagt die NATO" angemerkt, daß darin auch der "Versuch ihrer innerkapitalistischen Auflösung" vereitelt wird, "d.h., den Kampf gegen das nationalistische und faschistische Programm des Gaullismus ..." und stellt als eine der Zielsetzungen der Kampagne fest:"Die innerkapitalistischen Widersprüche zu einer qualitativen Verbreitung der massenweise zur Bildung einer Zweiten Front gegen den Imperialismus in den Metropolen auszubilden; 2. Den Versuch einer praktischen internationalen Koordination der sozialistischen Protestbewegung Westeuropas durch die gemeinsame Aktion zu erreichen." (ebenda, S. 346 - Hervorh. v.Verf.))

Du selbst hast damals die "Notwendigkeit der internationalen Solidarität mit den Volkskriegen gegen den Imperialismus in der Dritten Welt" als etwas ganz anderes als diese angebliche "Internationale der Nationalrevolutionäre" begriffen. Vielmehr die erforderliche "Internationalisierung des Kampfes gegen den Imperialismus, der zugleich die Auseinandersetzung mit dem nationalen Herrschaftsapparat mit einbezieht" davon abhängig gemacht, daß "ein starker sozialer Rückhalt in den Metropolen selbst vorhanden ist" (Bernd Rabehl. "Von der antiautoritären Bewegung zur sozialistischen Opposition"(!), Hamburg 1968, S. 177 - Hervorh. v. Verf.) Und im gleichen Artikel übrigens unsere Revolte als "eine andere Qualität" als das dumpfe Aufbegehren der ratlosen Jugend von 1914 interpretiert und die begierig von einer streng autoritär erzogenen Jugend aufgesogene Lebensphilosophie von Nietzsche analysiert als "Antwort auf die Enttäuschung über die bürgerliche Demokratie Bismarck’schen Zuschnitts, über die ‘Kulturlosigkeit’ der hochindustrialisierten Gesellschaft, die alle menschlichen Beziehungen den Gesetzen der Kapitalakkumulation unterwarf." (ebenda, S. 152) - Trifft dies nicht genau den lächerlichen Aufguß von Mahler und Kohorten?

3. Zu Deinen "Überfremdungsthesen"

So treffend Du sicher einige Erscheinungsformen des Prozesses "Die Dilettanten wollen ihre Macht sichern" beschreibst, so verfehlt ist die Analyse der hierfür verantwortlichen Zustände und Interessen.

Deine Thesen glänzen im übrigen durch eine eklatante Faktenverdrehung zum Zwecke der Uminterpretation unserer gemeinsamen Geschichte 67 bis 69, hierzu haben Gretchen Dutschke und Detlev Michel schon das Notwendige gesagt. (Hierbei müssen wir uns allerdings im Gegensatz zu ihren Ausführungen auf die Situation bis 69/70 beschränken. Nicht nur wegen der Auflösung des SDS und der anschießenden politischen Brüche, sondern auch weil Rudi nach dem Attentat und der erzwungenen jahrelangen Abwesenheit von der politischen Praxis nicht mehr "der Alte" war oder sein konnte und sich in der entstehenden "Grünen-Bewegung" neu definierte. Ob man aus dieser Zeit Zitate und Ansatzpunkte für ein falsches Herangehen an die "nationale Frage" finden kann, interessiert mich in dem Zusammenhang daher nicht). Das gilt leider auch für Deine Darstellung der heutigen Situation.

Deine Behauptung von der drohenden "Überfremdung" stellen die Tatsachen auf den Kopf: Du behauptest:"Der Import der Partisanenformationen der internationalen Bürgerkriege und Kriegsschauplätze ... durch den Zuzug hochorganisierter und gleichzeitig religiös oder politisch fundamentalistisch ausgerichteter Volksgruppen" bedrohten "den ethischen und moralischen Zusammenhang der zentraleuropäischen Völker" grenzt dies - mit Verlaub gesagt - an mittleren Schwachsinn.

  • Worauf stützt sich Deine Analyse? Auf die bürgerliche Statistik doch wohl ebensowenig wie auf irgendeine fundierte gesellschaftskritische Untersuchung, sondern eher auf diffuse "Überfremdungsängste", die von bestimmten Kreisen systematisch geschürt werden. Die Tatsachen sehen doch ganz anders aus.
  • Laß mich dies am Beispiel der von Dir sicherlich auch gemeinten kurdischen Volksgruppe mit der (politischen) PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) verdeutlichen: Richtig ist, daß sich diese in den letzten Jahren nicht "ruhig verhalten" haben, sondern insbesondere durch große Demonstrationen und einer Reihe von Besetzungsaktionen und Brandstiftungen in die Schlagzeilen gerieten (Aktionsformen übrigens, die aus der weltweiten 68er Bewegung stammen ...), die vor allem zum Ziel hatten, auf den gnadenlosen Vernichtungskrieg des türkischen Militärs gegen die kurdische Bevölkerung hinzuweisen und die Regierungen in Westeuropa aufzufordern, statt der militärischen, wirtschaftlichen und politischen Hilfe ernsthafte Schritte für eine friedliche politische Lösung zu ergreifen.

Da ich die Kurden und die PKK-Organisationen aus meiner beruflichen Tätigkeit heraus sehr gut kenne, laß mich Dir versichern: Das erklärte Ziel der PKK-Führung und ihre gesamte Aufklärungs- und Erziehungsarbeit unter ihren Anhängern läuft darauf hinaus, sie nicht von ihrer Heimat zu entfremden und auf eine baldige Rückkehr und ein Leben in Kurdistan vorzubereiten - sie liegen hier buchstäblich auf gemachten Koffern und betreiben kaum die Asylverfahren ausreichend konsequent, um längere Zeit hierbleiben zu können, aber das ist ein anderes Thema ...

Darüberhinaus gibt es eine große Zahl von türkischen und kurdischen Arbeitsemigraten, die zum Teil schon sehr lange hier leben (über eine Millionen). Viele von ihnen sind hier im Arbeitsleben, Schule usw. integriert, ein größerer Teil ist dies (noch) nicht, haust in Gettos und ist sicherlich auch dem Einfluß islamischer Fundamentalisten o.ä. ausgesetzt. Von diesen wiederum will ein größerer Teil - wie bei den politisch-kulturell bewußten Kurden - in die Heimat zurück, wenn die Zustände dies zulassen, ein anderer Teil wird abgeschoben und/oder so marginalisiert, daß er zur Rückkehr gezwungen wird.

Trotz dieser eklatanten Probleme dieser beiden größten Gruppen, kann man ernsthaft nicht von einem ("Bürger-")Krieg sprechen, nicht einmal zwischen den Gruppen der Türken und Kurden, auch wenn man die Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen ihnen nicht bagatellisieren sollte. Organisierte und bewaffnete Kämpfe (bei uns) zwischen ihnen gab es in den letzten fünf Jahren nicht und werden auch von keiner Seite propagiert.

Jedenfalls haben Bundeskriminalamt und Generalbundesanwalt trotz flächendeckender Observation und Registrierung in den letzten fünf Jahren keinen einzigen Toten durch Angriffe seitens von PKK-Anhängern festgestellt, was nicht gerade für Dein "Bürgerkriegsszenario" spricht -

  • Also nicht einmal einen Bruchteil der Opfer von Anschlägen der Neonazis und Rassisten!
  • Was aber soll das Gerede von "Bürgerkriegsformation", die unsere "Ruhe" stören und unseren ethischen und moralischen "Zusammenhang" bedrohen? Gibt es nicht genügend historische Beispiel dafür, daß Arbeitsemigranten und andere Zuwanderer nach einigen Generationen spätestens auch in Deutschland integrale Bestandteile der jeweiligen Klasse/Schicht geworden sind?

Dieses Beispiel ließe sich durch zahlreiche Dokumente, Erklärungen und wissenschaftliche

Untersuchungen nachweisen, falls Du hieran Interesse hast. Ich halte es auch für durchaus typisch jedenfalls für politische Befreiungsbewegungen, wie die Tamil-Tigers aus Srilanka o.ä.

Auch wenn ich darüber nicht so genau informiert bin, dürfte die Situation bei den diversen Gruppen und Gruppierungen aus Ex-Jugoslawien bei uns (Serben, Bosnier, Albaner u.a.) nicht grundlegend anders sein.

  • Dies schließt nicht aus, daß in diesen Gruppen von Emigranten Gewalttaten bis hin zu Tötungen vor allem in der Form von Blutrache häufiger vorkommen als uns lieb ist: Eine archaische Form der Konfliktlösung aus der Zeit von feudalen-absolutistischen Strukturen, die auch bei uns noch nicht allzu lange zurückliegen - ganz zu schweigen davon, daß sie durch periodisch auftretenden Amokläufe von Desperados aus unseren Kulturkreisen durchaus in den Schatten gestellt werden, was Brutalität und Ausmaß betrifft. ... auch hier übrigens eine wesentliche Ursache, ihre gezielte Marginalisierung und Gettosierung als Flüchtlinge ohne ernsthafte Integration.
  • Etwas anders sieht es natürlich in den bestimmten Milieus wie Heroin-Mafia, Prostitution und Rotlichtmilieu, Schmuggel und Glücksspiele usw. (also in der neueren Sicherheitsdebatte "organisierte Kriminalität" genannt) aus: Hier gibt es hin und wieder Bandenkriege mit einer ganzen Reihe von Toten. Du bist aber sicher (noch?) Marxist genug, um zu wissen, daß dies wohl moderne Ausdrucksformen sozialer, deprivilegierter Randgruppen ("Lumpenproletariat") sind und mit Fragen unserer Kultur herzlich wenig zu tun hat. Jedenfalls sind die Opfer von Blutrache oder Mafiaauseinandersetzungen immer die eigenen Landsleute und die Zahl ihrer Opfer zu vernachlässigen gegenüber den anderen "Bedrohungen unserer Sicherheit" und Ruhe: Fast zehntausend Verkehrstote jährlich, schwerste Umweltzerstörung usw.

An diesen Beispielen wird deutlich:

Deine Thesen sind also von der Wirklichkeit weit entfernt. Sie bedienen die Klichees dumpfer Ressentiments, die von interessierten Kreisen geschürt werden . Bist Du offensichtlich auf eine von bestimmten Politikern und Medien "Fiktion", einen "Reklamespot" bzw. eine Inszenierung hereingefallen, die Du im anderen Zusammenhang so vehement beklagst?

Umgekehrt wird doch ein Schuh daraus: Die ins Exil getriebenen Arbeitsemigranten und Flüchtlinge folgen dem Gesetz eines gnadenlosen Imperialismus auch im Zeitalter der Globalisierung, die bedingungslose Unterstützung diktatorischer Regimes wie des türkischen Militärregimes ist militär-strategischen Interessen geschuldet, deren historische Wurzeln bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg leicht zurückzuverfolgen sind.

Schärfstens davon zu trennen ist die Frage, ob nicht die Bürgerkriegsszenarien, wie sie in Afrika (Somalia, Ruanda), im Nahen Osten (Kurdistan usw.) oder in Asien (Armenien, Tscheschenien) schlimmste Horrorvisionen übertreffen, tendenziell auch Europa und die imperialistischen Zentren bedrohen (wie von Robert Kurz u.a. vertreten). Eine wichtige These, über die gründlich diskutiert werden muß. Sie betrifft aber nicht die gegenwärtigen Situationen bei uns, sondern eine mögliche Tendenz aufgrund der dem kapitalistischen System auch in seinen Metropolen innewohnenden barbarischen, selbstzerstörerischen Tendenzen, für die Marxisten die Wolfsgesetze des Kapitalismus/ Imperialismus verantwortlich machen und nicht etwa die marginalisierten Randgruppen, Lumpenproletariat oder andere gesellschaftliche Kräfte, über die diese Gesetze sich manifestieren - ganz zu schweigen von den widerlichen völkischen Implikationen bei den Wortführern der Jungen Freiheit und anderer Neonazis.

  • Maßgebliche politische Kräfte des modernen deutschen Imperialismus verfolgen die ökonomische und militär-strategisch abgesicherte Konzeption eines Kerneuropas, bestehend aus Deutschland und Frankreich mit dem assoziierten England, um das sich einige Regionen gruppieren dürfen (Nord-Italien, Nord-Spanien, Benelux, Skandinavien usw.), der Rest ist auszubeutende und auszupressende Peripherie, die systematisch mit völkischen Ansätzen auseinandergetrieben und gegenseitig aufgehetzt wird.
  • In diesem Sinne wird die "nationale Frage" eingesetzt als Hebel, um das imperialistische Kernland zusammenzuhalten und die Ränder durch das Aufeinanderhetzen von auseinanderdividierten und gegeneinander gehetzten Ethnien zu schwächen und ausbeuten zu können - das erste erfolgreiche Beispiel ist Ex-Jugoslawien, weitere systematische völkisch-nationalistische Wühlarbeit ist in der früheren Sowjetunion nachweisbar (vgl. die Analysen von Rüdiger Minow u.a.). All dies müßte Dir bekannt sein ...

Die "Überfremdungsangst" ist also nur das ideologische Spiegelbild einer rassistisch-völkischen Politik.

Bleibt zu fragen, ob es Zufall ist, daß Deine "Überfremdungs-Thesen" und die "kanonische Erklärung zur Bewegung von 68", also die theoretische Offensive des Neo-Nazi-Trios ausgerechnet zur Jahreswende 98/99 geführt wird. Zu einem Zeitpunkt also,

  • in dem die Rot-Grüne Regierung, die zum Teil als Erfüllung des "Marsches durch die Institutionen" interpretiert wird, -
  • in dem nach Insider-Erwartung überraschend schlechten Abschneiden der drei nationalistisch-extremistisch rechtsradikalen Parteien (was wohl auf ihre Zerstrittenheit und fehlendes zündendes Programm und Strategie zurückzuführen sein dürfte) -
  • zu Beginn der Debatte über die doppelte Staatsbürgerschaft (Zur Vermeidung von Mißverständnissen: Damit unterstütze ich keineswegs die Politik der "Rot-Grünen-Regierung": Schon das Gesetzesvorhaben ist insofern reaktionär, als es die Staatsbürgerschaft an das Bekenntnis zur FDGO koppeln will usw. Ich habe nicht zur Wahl von Rot-Grün aufgerufen und bin Illusionen in ihre Vorhaben entschieden entgegengetreten, weil ich der Meinung bin, daß sie den Sozialabbau, die Militarisierung und Faschisierung unter dem Deckmantel einer "Sicherheitspolitik" gandenlos vorantreiben und Europa zu einer Festung unter deutscher Führung ausbauen wird, wie es die CDU-FDP-Regierung nicht gekonnt hätte. Trotzdem muß man die Abkehr vom "jus sanguinis" als historischen Fortschritt begrüßen und die rechtsradikale Hetzkampange gegen den "Doppelpaß" bekämpfen. Zumal diese eindeutig völkisch-rassistisch (und nicht "nur" national) determiniert ist, weil ja die meisten europäischen Nationalstaaten nach dem Vorbild Frankreichs die Staatsbürgerschaft gerade nicht an die Blutsbande knüpfen.) entwickelt wird -
  • oder über den deutschen Tellerrand hinaus betrachtet: Zu einem Zeitpunkt, in dem die Auswirkungen der globalen Krise von Südost-Asien über Lateinamerika sich bei uns abzeichnen?

Dies ist natürlich kein Zufall sondern Ausdruck des Versuchs, den starken nationalistisch- rassistischen Tendenzen weiter Kreise unserer Bevölkerung angesichts des desolaten organisatorischen Zustandes ihrer Parteien und Gruppen vor dem Hintergrund der weltweiten tiefen ökonomischen, sozialen und politischen Krise sowie Staatsverdrossenheit ein neues Programm und eine neue Führung zu geben. Daß dazu eine Uminterpretation der 68er Bewegung herhalten soll, ist der krampfhafte Versuch, endlich die "kulturelle Hegemonie" zurückzuerobern, die man infolge der 68er-Bewegung verloren hatte ...

Dieser lächerliche Versuch muß scheitern. Zu durchsichtig ist das Fischen im Trüben, zu plump die Fälschung der Fakten und der Geschichte. Je mehr sie sich auf die 68er-Bewegung berufen, desto mehr werden sie sich als Wasserträger der Neonazis entlarven.

Und Du solltest nicht als "nützlicher Idiot" mit einer weiteren neuen national-völkischen "Verschwörungstheorie" von Rudi und Co. im Westberliner SDS fungieren. Denn damit machtest Du Dich nicht nur nachträglich zum Komplizen derer, die für den Tod von Rudi Dutschke verantwortlich sind, wie Detlev Michel schrieb, sondern auch zum Komplizen derer, die als geistige Brandstifter für den Tod von Emigranten und Flüchtlingen zumindest mitverantwortlich sind. Und dies wäre mehr als widerlich ...

Und auch dies sollte klar sein: Daß die Wortführer der neuen Rechten um das Vordenkertrio in ihren theoretischen Elaboraten selbstverständlich nicht - jedenfalls gegenwärtig nicht - zu rassistischen Gewalttaten aufrufen oder diese auch nur rechtzufertigen versuchen, entschuldigt sie nicht, weil sie versuchen, mit ihren "Theorien" die national-völkische kulturelle Hegemonie wiederherzustellen und so den Boden für eine neue Form "national-sozialistischer" Krisenbewältigung zu schaffen. (Daß sich dies sehr schnell ändern kann, wird in den Artikeln von Till Meyer "Von ganz links nach ganz rechts - Horst Mahler interpretiert 1968 deutsch-national ..." jw, 03.02.1999, S. 4 und Alfred Schobert, "Stoibers RAF", Konkret 2/99, 2. 34f) Dafür brauchen sie die Uminterpretation unserer 68er-Bewegung als "erste Weltrevolution gegen den Kapitalismus" im Sinne ihres "Rechtes eines jeden Volkes für eine national-revolutionäre wie sozial-revolutionäre Selbstbefreiung".

Du solltest Dir für diese Rolle eines "nützlichen Idioten" zu schade sein!

Mit diesem Brief wollte ich Dich auffordern, Deine verfehlten und abwegigen Thesen, die ich für rassistisch und nationalistisch halte zu überdenken. Laß Dich nicht zum Kronzeugen der Vordenker der Deutsch-Nationalen machen!

4. (persönliche) Schlußbemerkung:

Hinsichtlich dieser Entwicklung kann ich eine gewisse Genugtuung nicht verhehlen, daß ich mich trotz aller Aufforderungen auf dem "FU-Kongreß" geweigert hatte, auf dem Podium Platz zu nehmen, solange Mahler dort sitzt und von dort nur meinen Beitrag gehalten habe ("Die Kommune 2: Was bleibt von dem antiautoritären Projekt im Rahmen des Westberliner SDS 30 Jahre danach?") mit den Ausführungen über die "kulturelle Hegemonie" als eine der größten Nachwirkungen der 68er Bewegung, die mit der Mahnung schlossen:

  • "Dazu gehört für mich auch der Versuch, die Wurzeln von "Ausschwitz", die Wurzeln den nationalsozialistischen Faschismus im Kapitalismus und in der spezifisch deutschen autoritären Charakterstruktur bloßzulegen. Dieser antifaschistische Grundkonsens - in ausdrücklicher Abgrenzung zum antitotalitären Grundkonsens, dem Beschwören der freien demokratischen Grundordnung und was dergleichen antikommunistischer Ideologien mehr sind - ist daher für mich auch die wichtigste Minimalbasis jeder politischen Aktivität aus unseren Reihen, der eine klare Abgrenzung fordert. Deshalb kann es für mich keine Diskussion und erst recht keine Gemeinsamkeit mit Leuten geben, die mit der "Neuen Rechten" reden, in ihren Organen publizieren usw., unter welchen Vorwänden oder subjektiven Rechtfertigungen auch immer! Dies wäre mehr als der Verrat unserer Ziele. Dies wäre die Ausgeburt eines grenzenlosen Opportunismus, der "eigentlichen Geisteskrankheit der Intellektuellen" (O. Negt, a.a.O, S. 9)

Damals gehörtest Du zu jenen, die Beifall geäußert haben - anschließend wurde gerade auch die Abgrenzung zur "Jungen Freiheit" vertieft, von Dir war dazu nichts zu hören:

Bist Du inzwischen dieser "eigentlichen Geisteskrankheit" der Intellektuellen verfallen?

Es wäre bedauerlich und für mich persönlich eine noch größere Enttäuschung als Deine Weigerung vor mehr als dreißig Jahren zusammen mit uns in die "SDS-Kommune" zu ziehen, wie für den neuen Westberliner Landesvorstand beschlossen. Aber auch darüber würde die Geschichte hinweggehen.

Auf eine positive Stellungnahme hoffend.

PS:

Diesen Brief richte ich zunächst an Dich persönlich, schicke ihn zur Kenntnis aber auch an die frühere Genossen, so daß davon auszugehen ist, daß er in irgendeiner Form oder auszugsweise veröffentlicht wird ...