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Klaus Meschkat

Beitrag zur Namensgebung des Rudi-Dutschke-Wegs in Dahlem

Als Freund und Weggefährte von Rudi Dutschke bin ich eingeladen worden, einige Worte aus Anlaß dieser Namensgebung (eines Weges auf dem Gelände der Freien Universität) zu sprechen. Eine Universität ehrt sich selbst, wenn sie an ihre lebendigste und wichtigste Zeit erinnert. Das Wirken von Rudi Dutschke ist mit der Geschichte dieser Freien Universität eng verbunden. Er war nämlich nicht nur der politische Aktivist und unermüdliche Organisator, als der er bekannt geworden ist, sondern auch der junge Wissenschaftler, der sich im Rahmen geduldiger akademischer Arbeit um die Erklärung der grundlegenden Zusammenhänge und Widersprüche der Gesellschaft seiner Zeit bemühte. Die Befreiung von der beschränkten Begriffswelt und den Vorurteilen des Kalten Krieges vollzog sich zuerst in den Seminaren und öffentlichen Diskussionen an dieser Universität, und diese Auseinandersetzungen hat Rudi Dutschke entscheidend mitgeprägt. Den Kalten Kriegern beider Seiten konnte dies nicht genehm sein: Rudi Dutschke hat sich nicht vereinnahmen lassen, weil er an der scharfen Kritik an Stalinismus und Neostalinismus ebenso gründlich gearbeitet hat wie an der Analyse des weltweiten Systems kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung, das damals in der Barbarei des Vietnamkrieges seinen sichtbarsten Ausdruck fand. Mit einer solchen Analyse und dem daraus folgenden Handeln befanden wir uns im Einklang mit unseren amerikanischen Freunden aus der Antikriegsbewegung in den USA – und in schärfstem Gegensatz zu den hierzulande staatstragenden Kräften, die damals allen Ernstes behaupteten, die Freiheit Westberlins werde von den USA in Vietnam verteidigt. Rudi Dutschke hat wie kein anderer daran mitgewirkt, daß diese Freie Universität, einst aus dem berechtigten Widerstand gegen stalinistische Bevormundung und Repression entstanden, Ende der 60er Jahre ihrer vornehmsten Aufgabe gerecht wurde, einen Beitrag zur geistigen und politischen Orientierung ihrer akademischen Bürger und der Bürger dieser Stadt zu leisten – gegen staatlich progagierte Dummheit und den bekannten Meinungsterror im offiziellen Westberlin jener Jahre.

Ist mit einer solche Namensgebung auf dem FU-Gelände alles wieder gut geworden, weil Rudi Dutschke dieser Universität symbolisch zurückgegeben worden ist? Soll alles vergessen und vergeben sein, was die Versöhnung stören könnte? Ich bin gegen ein solches Vergessen. Wenn ich an die Zeit vor dreißig Jahren denke, dann auch daran, daß damals ein junger Mann von den Teilnehmern einer offiziellen Kundgebung in Westberlin um ein Haar gelyncht worden wäre, nur weil er Rudi Dutschke ähnlich sah. Die politische Führung Westberlins hat niemals Verantwortung übernommen für die von ihr ausgelöste und von der Springer-Presse noch verstärkte Progromhetze, und ihre heutigen Nachfolger aus denselben Parteien und manchmal aus demselben Geiste haben jedenfalls noch keine Schritte unternommen, um die fortbestehende Schuld gegenüber unserem zu früh gestorbenen Freund Rudi Dutschke abzutragen. Sie könnten dies tun, wenn sie sich anstrengen würden, ihn in einer seiner Bedeutung angemessenen Weise demonstrativ zu ehren. Darauf warten wir noch immer vergebens. Die heutige bescheidene Veranstaltung darf keine Alibifunktion haben, sie muß einklagen, was längst überfällig ist.

Leider muß ich zu einem Zeitpunkt über Rudi Dutschke sprechen, zu dem einige ehemalige Mitstreiter seine politischen Überzeugungen willkürlich und bösartig umfälschen. Der Internationalist und antiautoritäre Sozialist wird umgedeutet in einen Nationalrevolutionär deutscher Art, nur weil ihm, zu Recht, wie wir heute wissen, die deutsche Spaltung keine Ruhe ließ. Gerade wegen solcher unerträglicher Vereinnahmungsversuche will ich bewußt der Versuchung widerstehen, den Freund Rudi Dutschke, der nicht mehr mit uns diskutieren kann, als Kronzeugen für heutige Parteinahme zu bemühen. Das ändert aber nichts am meiner Überzeugung, daß die damaligen politischen Positionen Rudis und unseres SDS von Aktualität sind auch angesichts des gegenwärtigen Kriegs in Europa: Die unversöhnliche Gegnerschaft gegenüber dem Stalinismus und dem US-amerikanischem Imperialismus ist nicht dadurch obsolet geworden, daß nur einer der beiden Kontrahenten des Kalten Krieges übriggeblieben ist. Jedenfalls dürfen wir mit Fug bezweifeln, daß Rudi die Wende der Spitzenpolitiker einer von ihm mitbegründeten Partei nachvollzogen hätte, die sich heute, wenn auch widerstrebend, der Logik der US-amerikanischen Kriegsmaschine unterwerfen.

Angesichts verbreiteter Orientierungslosigkeit müssen heute wieder grundlegende Debatten über Krieg und Frieden, über Herrschaft und Ausbeutung im Weltmaßstab geführt werden, vielleicht in Schonräumen, wie sie die öffentlichen Universitäten noch anzubieten haben. Der Freien Universität mag da wieder eine wichtige Aufgabe zufallen. Damit könnte sie sich der Ehre würdig erweisen, daß ein kleiner Weg auf ihrem Gelände ab heute den Namen Rudi Dutschke trägt.

Berlin, 12.4.99