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Michael Zander (ASTA FU)

REDEBEITRAG ZUR "EINWEIHUNG" DES RUDI-DUTSCHKE-WEGES (12.4.99)

Bekanntlich war Rudi Dutschke ein Protagonist unter Studierenden, deren Rebellion Teil der viel größeren 68er-Bewegung war. In dieser Bewegung kämpften Lehrlinge, Lohnabhängige, Frauen und ganze Völker der sog. Dritten Welt um Befreiung.

Ihre hauptsächlichen Aufgaben sahen Dutschke und Mitstreitende in der Solidarität mit der "Dritten Welt" und im Engagement gegen den herrschenden Militarismus. Auch heute noch hätte Dutschke mehr als genug Grund zu kämpfen:

Er wäre empört darüber, daß das Massensterben in der Dritten Welt nicht aufhört, weil der Westen auf dem Weltmarkt tödliche Bedingungen diktiert und durch seine finanzielle Macht die Rohstoffe der Erde monopolisiert hat.

Rudi Dutschke würde die NATO-Angriffe auf Jugoslawien schärfstens verurteilen - und zwar schon deswegen, weil er wüßte, mit wem er es zu tun hat: Er schrieb seinerzeit über den französischen Imperialismus, der Ende der 50er Jahre nach einem antikolonialen Aufstand 80.000 Madegassen ermordete. Dutschke kämpfte gegen den gigantischen Völkermord in Vietnam. Heute wüßte er, daß die USA den jahrelangen Krieg der Contras gegen Nicaragua finanziert haben. Er wüßte, daß der "Westen" noch heute Regimes an der Macht hält, die Zigtausenden Tod und Vertreibung bringen - sei es in der Türkei oder in Lateinamerika. Schon deshalb würde Dutschke die Behauptung des Westens, es gehe der NATO um Menschenrechte, als Propagandalüge entlarven, mit der die wahren Kriegsziele verschleiert werden. Er gelangte zu folgendem Schluß: Die NATO mimt die Weltpolizei, aber sie ist vom Verbrecher nicht zu unterscheiden.

Dutschkes internationalistischer Standpunkt brächte ihn übrigens in scharfen Gegensatz zum ehemaligen Mitstreiter Rabehl, der heute vor der rechtsextremen Burschenschaft Danubia über das angebliche Problem der "Überfremdung" und des Verlusts der "nationalen Kultur" faselt.

Möglicherweise hat aber der "Westen" unfreiwillig eine Dialektik der Moral in Gang gesetzt, die sich gegen den Westen selbst richten könnte. Wie die Studierenden damals sich über den Gegensatz zwischen gepredigter Freiheit und realem Vietnamkrieg empörten, so könnte heute sich Kampfgeist daran entzünden, daß der "Westen" Menschenrechte verbal hochhält, sie selbst aber dauernd verletzt. Vielleicht wird der Westen bald selbst und mit unerbittlicher Konsequenz an seinem eigenen Maß gemessen werden. Dann kommt die Zeit, in der auch der schreiende Widerspruch hervorstechen wird zwischen einem Rudi-Dutschke-Weg und einer Universität, die Wissen überwiegend nur im Rahmen des herrschenden Opportunismus produziert

Rudi Dutschke erläuterte einst, was eine Kritische Universität - im Unterschied z.B. zur FU - war bzw. sein könnte. "Die 'Kritische Universität' ist die Rückbesinnung auf den ursprünglichen Inhalt von Wissenschaft als Prozeß der Selbstbefreiung des Menschen durch Aufklärung. Die gesellschaftliche Situation und ihre Möglichkeiten sollen analysiert werden, immer unter dem Aspekt der Veränderbarkeit in Richtung auf die Vermenschlichung der Gesellschaft. Dieser ursprüngliche Inhalt von Wissenschaft ist identisch mit dem Begriff der Demokratie..." - Rudi Dutschke und die FU - ein unversöhnlicher Widerspruch!