zurück

 
SDS-Website  

 

Times mager

Postheroisch

 

Entzieht man der Befragung des Außenministers im Bundestag zu seiner aktionistischen Vergangenheit das politische Pathos aktueller Debatten, so bleibt vor allem die Erkenntnis, dass die Historisierung der Bundesrepublik nunmehr die Ebene des Parlaments erreicht hat.

Was auf den ersten Blick wie ein argumentativer Potlatsch wirkte, geriet auf der symbolischen Ebene zu einer Feierstunde nachträglicher bundesrepublikanischer Identitätsbildung. Zum mutmaßlich letzten Mal bot sich die Gelegenheit, die wilden Jahre im Eifer glühender Reden zu memorieren. Der oppositionelle Furor gab erst die Vorlage für die größte im Bundestag versammelte Alterskohorte, sich noch einmal in der so geliebten Außenseiterrolle zu wähnen. Man wurde den Eindruck nicht los, als wohnte man einer selbstevozierten Wiederkehr des Verdrängten bei.

Dass die Veranstaltung zu einem historischem Kaffeekränzchen mit Tortenwerfen geriet, lag nicht zuletzt an dem Auftritt Angela Merkels, die genau in jenem Moment ihre Rolle als Ostdeutsche abstreifte, in dem es darauf hätte ankommen können, sie einzunehmen. Ein Kulturvergleich des Steinerollens Ost und West hätte möglicherweise ergeben, dass es Zeiten gegeben haben muss, in denen Widerstand zur Pflicht wird. Das angestrengte Bemühen Merkels, aus dem Fischerschen Biografismus politisches Kapital zu schlagen, erweist sich so als ein Produkt gesellschaftlicher Überanpassung.

In diesem Sinne dient der Fall Fischer nicht zuletzt dazu, eine geschichtlich werdende heroische Form von Politik durchzuarbeiten, während sich die politische Praxis längst in einer Passage zum Transpolitischen befindet. Nur so ist zu verstehen, dass sich alle Zerfallssymptome, der Rückzug von sieben Ministern binnen zweier Jahre, nicht zu einer Krise addieren lassen. Das Geschäft des Regierens ist dabei, sich der Praxis sportlicher Professionalität anzuverwandeln. Erfolgreich ist, wer nicht verliert, und wer verliert, handelt Vertragslösung und Abfindung aus. Sieht man vom Fall Daum ab, der noch einmal Moral und Fallhöhe ins Spiel brachte, so hat sich die Rolle des Fußballtrainers auf die pure Messbarkeit reduziert. Analog dazu hat die Politik damit begonnen, sich auf die additve Logik der Charts auszurichten. Die politische Klasse arbeitet nicht mehr nur an der politischen Gestaltung, sondern besorgt auch die Organisation ihrer Selbstabschaffung. So war Jost Stollmann der erste Minister einer Bundesregierung, der seine Aufgabe bereits vor Amtsantritt zu aller Zufriedenheit gelöst hatte. Vom eben erst zurückgetretenen Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, hört man, dass er bereits zum Amtsantritt vor zwei Jahren andere vertragliche Bindungen eingegangen war. Er agierte als einer, der an die Politik nur ausgeliehen war, wie es im Fußballjargon heißt. Vor diesem Hintergrund ist der Kampf um Joseph Martin F. einer um einen allmählich verschwindenden Politikertypus. Was die Kombattanten eint, ist ihr Unbehagen gegenüber den nachwachsenden Vertretern des Postheroischen. tt

 Frankfurter Rundschau vom 18.1.2001

zurückTopseite