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Neuigkeiten von einer alten Front

 

FR-Kommentar: Man darf sich wundern über die politische Reibungshitze, die Joschka Fischers Vergangenheit erzeugt hat

Von Knut Pries

Einer hat sich richtig wohl gefühlt, als da im Deutschen Bundestag der Kulturkampf ausbrach: Helmut Kohl, der einst auf diesem Felde beachtliche Landgewinne errang. Zwar verfolgt der alte Feldherr mittlerweile das Geschehen in stummer Bescheidenheit von der Hinterbank, aber das Wohlgefallen über die muntere Schlacht stand ihm ins freudig gerötete Gesicht geschrieben: geistig-moralische Wende, die zwote! Die Brandung geht hoch noch, in der er Anno dunnemals stund wie ein Fels. Was tut's, dass die Nachfolger Kiesel sind - Hauptsache, es schäumt!

Und geschäumt hat es: Vom Bundeskanzler abwärts, über seinen Außenminister, dessen Biografie mehr Anlass der Debatte war als ihr wirkliches Thema, über die Fraktionschefs Struck und Schlauch und die grüne Vizepräsidentin Antje Vollmer bis zu Zeitzeugen namens Erler oder Stiegler sind sie aufs Podium gestiegen, um verblüffend kämpferisch - ja, was eigentlich zu tun? Nicht so sehr, um Joschka Fischer aus der Bredouille zu helfen, sondern um eine ganze Generation zu verteidigen, die, anderthalb Generationen später, von der konservativen Seite des Hauses als militante Blindgänger in einer Sackgasse des Rechtsstaates verschrieen wurde. Wer sich darüber nicht freut, der darf sich immerhin wundern.

Wundern zunächst über das, was da auf beiden Seiten zusammenkam und sich zu kuriosen Kohorten formierte: Auch wenn er die dünne, rote Linie zum Terrorismus nie überschritten hat, bleibt der Ex-Revolutionär, -Steinewerfer und -Polizisten-Vermöbler Fischer ein vorgeschobener Vertreter seinerzeit virulenter antiautoritärer Impulse.

Mit dem biederen Juristen, Zeitsoldaten und heutigen bayrischen SPD-Abgeordneten Ludwig Stiegler verbindet ihn herzlich wenig. Ähnlich schwer auszumachen ist die emotional-biografische Schnittmenge zwischen Friedrich Merz, dem Beinahe-Rocker aus dem Sauerland, und Angela Merkel. Die musste in der DDR zwischen Anpassung und Aufmüpfigkeit lavieren, ist aber beim Rückblick auf die Ereignisse im anderen Teil des Landes zu denselben Ergebnissen gekommen wie Merz.

Wundern darf man sich ferner über die politische Reibungshitze. War das nicht alles längst aufgearbeitet und erledigt? Nicht nur liegt ja die Zeit, um die es geht, rund drei Jahrzehnte zurück. Sie ist überdies immer wieder Gegenstand ausführlicher Debatten gewesen, bei denen Alt-68er und ihre Gegner von damals, flott auf neuen Kurs gegangene Renegaten mit widerborstigen Veteranen der Bewegung, genervte Kinder mit ihren genervten Hippie- und Sponti-Eltern über deren Hinterlassenschaft zankten. Nur hatte man sich daran gewöhnt, dies als Steckenpferd der Kulturabteilung zu sehen, eine Sache des Feuilletons. Die operative Politik schien mit der Angelegenheit spätestens abgeschlossen zu haben, als der Pflastersträndler Fischer auf dem Weg zum Außenminister die Turnschuhe ablegte.

Dass nun noch einmal und mit solcher verspäteter Hingabe um ein schon fast historisches Erbe dort gefochten wird, wo üblicherweise die Tagesaktualität und allenfalls die Zukunft bis zur nächsten Wahl zur Debatte stehen, hat mehrere Gründe.

Zum einen steckt natürlich auch in diesem Kampf eine gute Portion Krampf. Gar so erbittert, wie sie da vor der Kamera auftreten, sind sie hernach nicht - in den Kneipen rund um den Reichstag lässt man die alten Zeiten gelassener Revue passieren. Zum Zweiten und des ungeachtet zeigt sich freilich, dass die Reminiszenzen bei allen zum Teil grotesken Unschärfen nach wie vor beachtliche Bindewirkung und Potenzial zur Lagerbildung entfalten.

Die fade Einheitlichkeit des politischen Angebots - hier sortiert sie sich auf einmal zu Konturen: War "68" ein notwendiger, wenn auch in den Siebzigern teilweise entgleister Vorstoß, das Land liberaler, weltoffener und toleranter zu machen? Oder doch ein unerträglicher Verstoß gegen die Spielregeln einer Gesellschaft, die all dieses schon war? Darüber dividieren sich die Schlauchs und die Gerhardts, die Vollmers und die Merkels zu lang vermisster Übersichtlichkeit auseinander. Das wird man, etwa bei künftigen Anläufen, die Grünen zur neuen FDP oder zum Partner der CDU zu erklären, zu bedenken haben.

An diesem Punkt sollte das Wundern ins Lernen übergehen. Wie uns die Protagonisten beider Lager diese Etappe der jüngeren Vergangenheit erzählen, sagt etwas über ihre Absichten für die Gestaltung der nächsten. Es enthüllt, mehr als Programm-Präambeln und Werte-Geschwurbel, ein Stück Grundorientierung und instinktive Mitte, aus der Politik entsteht. Da haben wir Reste einer tatsächlichen Wahlmöglichkeit: Stolz auf ein Land, das nach Merkelscher Lesart seit 1949 ununterbrochen freiheitlich, solidarisch und weltoffen war? Oder Einverständnis mit der Entwicklung einer Gesellschaft, die an einem Punkte Typen wie Joschka Fischer nötig hatte und robust genug war, ihnen die Plastersteine aus der Hand zu nehmen?

58 000 Bild-Leser haben bereits gewählt: 75,9 Prozent gegen Fischer. Das verdient eine Antwort aus dem Geiste guter, alter Anti-Springer-Tradition: Das Gegenteil kann nicht falsch sein.

 Frankfurter Rundschau vom 19.1.2001