zurück

 
SDS-Website  

 

Wolfgang Kraushaar

Vom Außenseiter zum Außenminister Ein für Deutschland einzigartiges gesellschaftliches Cross-over: Joschka Fischers politische Karriere

 

I. Wieder einmal ist eine Art "Kulturkampf um 68" ausgebrochen, nur weitaus heftiger noch als zu jener Zeit, in der der unsinnige Vorwurf die Runde machte, die antiautoritäre Erziehung habe durch ihre Nichtwahrnehmung an Autorität zu der rechtsradikalen Welle von Fremdenhass und Gewalt beigetragen. Eine Bildersequenz im Stern, die Joschka Fischer in einer Aktion zeigt, die viele nicht mehr in ihr Bild vom Bundesaußenminister integrieren können, evoziert nicht nur Fragen nach Kontinuität und Bruch von individueller Biographie und Karriere, sondern auch solche nach dem Fall einer Generation, von der bereits viele dachten, dass sie mit der Bildung der rot-grünen Koalition ins letzte und auf Umwegen auch politisch erfolgreiche Stadium ihrer Folgegeschichte gelangt sei. Ganz im Gegensatz zu Fischers ungebrochener Wertschätzung durch einen Großteil der deutschen Bevölkerung nehmen unter den Kritikern in der Presse jene Stimmen zu, die ganz offensichtlich glauben, nun für sich die Gelegenheit zu einer Stunde der Abrechnung erkannt zu haben. Darunter stechen die Abrechnungsrhetoriken ehemaliger Aktivisten wie Götz Aly (Berliner Zeitung), Cora Stephan (Die Welt) und Thomas Schmid (FAZ) hervor. Nachdenklichere und skeptisch-abwägende Stimmen wie etwa die von Hans-Jochen Vogel (SZ), Stefan Reinecke (Tagesspiegel) und Christian Semler (taz) treten dahinter zurück.

II. Um ein wenig Abstand von den hochfliegenden Emotionen zu gewinnen, empfiehlt es sich, einen Deutungsrahmen zu öffnen, dessen Horizont weder von den Umrissen Frankfurts noch von den Grenzen Deutschlands fixiert wird. International betrachtet waren Ende der sechziger Jahre keine Großorganisationen wie Gewerkschaften, kommunistische oder sozialdemokratische Jugendorganisationen für die Ausrichtung der jeweiligen Bewegung ausschlaggebend, sondern eher minoritäre Gruppierungen, sogenannte Katalysatorgruppen. Es handelte sich dabei um Gruppen aus dem Bereich der wissenschaftlichen Intelligenz oder den Milieus unterdrückter Minderheiten, die sich wegen ihrer machtpolitischen Bedeutungslosigkeit zumeist auf eine Aufgabe beschränken mussten - Bewusstsein zu konstituieren.

In der Bundesrepublik, wo die Revolte bekanntlich 1967 an der Freien Universität in West-Berlin ausbrach, war ihr charismatischer Wortführer Rudi Dutschke. Der Mann, der ebenso rasch zum Idol wie zur tragischen Figur werden sollte, war ein DDR-Flüchtling, der nach dem Mauerbau dem Westen den Vorzug gegeben hatte. In Großbritannien war die führende Gestalt der studentischen Protestbewegung ein noch exotischer wirkender Mann, der Pakistani Tariq Ali. Er hatte ein Stipendium an der Universität Oxford erhalten und war im Zuge des anwachsenden Protests gegen den Vietnamkrieg zum Sprecher und Organisator geworden. In Frankreich, wo im Zuge des "Pariser Mai" seinerzeit die Machtfrage gestellt worden war, kam es wohl zur paradoxesten Personifizierung.

Mit Daniel Cohn-Bendit war ein Deutscher jüdischer Herkunft, Sohn Berliner Emigranten, zur Symbolfigur geworden. "Nous sommes tous des juifs allemands!" skandierten Tausende von Demonstranten, nachdem Cohn-Bendit des Landes verwiesen worden war. Die Mehrzahl der führenden Aktivisten im Pariser Mai war jüdischer Herkunft: Alain Geismar, André Glucksmann, Alain Finkielkraut, Pierre Goldman, Alain Krivine und viele andere legen davon Zeugnis ab. Das gilt auch für Polen, wo der Geschichtsstudent Adam Michnik, der bereits an der Warschauer Universitätsrevolte von 1966 beteiligt war, eine Schlüsselrolle spielte. Sicher lassen sich für manche Länder auch Gegenbeispiele finden. Die Häufung jedoch, in der Außenseiter zu Sprechern einer Revolte werden konnten, gibt hinreichend Anlass, um über deren gesellschaftliche Sonderrolle nachzudenken.

Es stellt sich die Frage, was jene Außenseiter, Flüchtlinge oder Kinder von Flüchtlingen zu Wortführern hat prädestinieren können.

Beim Versuch, eine Antwort zu finden, ist möglicherweise die Figur des jüdischen Parias von besonderer Bedeutung. Der Begriff stammt von Max Weber, der die Juden im Rahmen seiner Religionssoziologie als "Pariavolk" bezeichnet hat. Parias sind für ihn durch eine Form negativer Privilegierung gekennzeichnet - je gedrückter ihre faktische Lage war, so sein Schluss, umso größer seien ihre Erlösungshoffnungen gewesen. Hannah Arendt hat diesen paradoxen Begriff in ihrem Aufsatz "Die verborgene Tradition" zwar nicht definiert, ihm jedoch mit den Porträts von Heinrich Heine, Bernard Lazare, Charlie Chaplin und Franz Kafka exemplarische Geltung verschafft.

Für sie stand der jüdische Paria vor der Wahl, entweder als Parvenü in der Illusion von Gleichheit und Akzeptanz sozial aufzusteigen oder sich zu seiner Rolle zu bekennen und für seine eigenen Rechte ebenso wie der anderer Unterdrückter und Ausgegrenzter zu kämpfen. Cohn-Bendit hat diese Figur in einer Rückbetrachtung für sich explizit in Anspruch genommen. Wie auch immer diese Bewertung ausfallen mag, unstrittig ist, dass im Typus des Parias Diskriminierung und Privilegierung miteinander verschränkt sind. Und es könnte sein, dass in dieser Paradoxie ein Schlüssel zur Erklärung mancher führenden Rolle in der 68er-Bewegung liegt.

III. Es wäre jedoch verfehlt, sich solche Parias als individuelle Impulsgeber vorstellen zu wollen. Von mindestens ebenso großer Bedeutung ist die Szene, das Milieu oder die Subkultur, aus der sie hervorgegangen sind, über die sie eine Multiplikatorenrolle finden oder in der sie sich kontinuierlich bewegen. Was "Swinging London" für die Popkultur, was das Amsterdam der Provos für die gegenkulturellen Einflüsse auf Kontinentaleuropa und New Yorks Greenwich Village für eine Künstlergeneration war, die von Bob Dylan bis Andy Warhol reichte, das spielte sich in potenzierter Form in San Franciscos Bay Area ab. Die Radikalisierung der Studenten in Berkeley, der Schwarzen in Oakland, der Hippies um Haight Ashbury und der Homosexuellen in und um die Castro Street schufen neuartige kulturelle Codes und Muster, die - Hollywood war nicht weit entfernt - multimedial vermittelt ihre Wirkung rund um den Globus nicht verfehlten.

IV. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre war Frankfurt gewiss nicht mit dem zu vergleichen, was sich in der im Jargon als Frisco bezeichneten Hauptstadt der Gegenkultur abspielte. Die Bankenmetropole am Main war jedoch, ohne der Kalten-Kriegs-Insel West-Berlin die Rolle der Geburtsstadt der Revolte streitig machen zu wollen, seinerzeit eine Ausnahmeerscheinung - theoretisch, politisch und vor allem soziokulturell. An keinem anderen Ort in der Bundesrepublik war eine vergleichbare Dynamik im Gange. Das lag daran, dass hier auf engstem Raum mehrere Faktoren zusammenstießen - eine durch die Kritische Theorie geprägte antiautoritäre Bewegung, die sich auf eine ganz unverwechselbare Weise in einen revolutionären Ansatz transformieren wollte, eine von der SPD bestimmte Kommunalpolitik, die sich links von der Mitte der Bundespartei positionieren wollte, und eine galoppierende Wohnraumzerstörung, die insbesondere im Westend als Angriff von Spekulanten auf die Interessen der großen Bevölkerungsmehrheit wahrgenommen werden musste.

Während der damals grassierenden Gründungswelle leninistischer, maoistischer und auch offen stalinistischer Kleinorganisationen schälte sich eine undogmatisch, zum Teil auch anarchistisch geprägte Subkultur heraus, die sich in Abgrenzung zum Organisationswahn der pseudoproletarischen Sekten mit leichtem Augenzwinkern als spontaneistisch verstanden wissen wollte - die Sponti-Szene. Deren Geschichte ist von einem Nebel an Mythen umrankt, die nicht von ungefähr kommen. Es sind Orte, Szenen, Gruppen und insbesondere - im Abstand von drei Jahrzehnten - mitunter exotisch schillernde Einzelpersonen, die von einer Aura des Geheimnisses umgeben waren. Einerseits war die Szene ein durchaus offener Sozialzusammenhang, in der es Neuankömmlingen nicht schwer fiel, einen Platz zu finden, andererseits aber war alles, was sich dem Alltagsleben entzog, in ein merkwürdiges Licht des Geheimnisvollen getaucht. Nach welchen Regeln sich Zusammenkünfte, Demonstrationen und Aktionen abspielten, bedurfte eingehender Erkundigungen. Im Grunde wäre seinerzeit ein Ethnologe am besten geeignet gewesen, die auf einer Art von Tribalismus gründenden Verkehrsformen zu analysieren.

Auf den Plenarversammlungen der Spontis, zumeist im Kommunikationszentrum des Studentenhauses, wo sich in der Regel zwischen hundert und 250 Personen trafen, traten die Rituale ungeschützt hervor. Es war eine kleine Gruppe von rhetorisch erprobten und mit allen Wassern gewaschenen Wortführern der Betriebgruppe "Revolutionärer Kampf", kurz RK genannt, die bei den Fließbandarbeitern der Opel-Werke in Rüsselsheim vergeblich nach dem revolutionären Subjekt Ausschau gehalten hatte, die in ihrer Interaktion die Entwicklung bestimmte und die Entscheidung über verschiedene Handlungsalternativen partout nicht aus der Hand geben wollte. Während einer dieser Debatten kam ein Teilnehmer auf die Idee das sich immer wieder aufs neue reproduzierende Rollenmuster in einem Beitrag mit den Worten zu glossieren: Es gehe zu wie in einer Kirchengemeinde - Daniel Cohn-Bendit spiele den "Guten", Joschka Fischer den "Bösen", Matthias Beltz den "Pfarrer" und Thomas Schmid den "Messdiener". Schallendes Gelächter war die Reaktion.

Trotz aller Überzeichnung steckte in dieser Persiflage ein Moment an Wahrheit. Der heutige Europaabgeordnete der Grünen war unbestreitbar die Integrationsfigur, von Insidern als "Zentrist" bezeichnet, der Bundesaußenminister die polarisierende Kraft, von Spöttern als "Verteidigungsminister" apostrophiert, der Kabarettist war der ausgleichende und um Gerechtigkeit besorgte Patriarch und der FAZ-Leitartikler das, was Boulevardblätter wohl als "Chefideologen" benannt hätten. Trotz aller Angriffe, mit denen insbesondere die RK-Frauengruppe ihrer Führungscrew das Leben schwer machte, trotz aller Konflikte, Kontingenzen und Entwicklungssprüngen - dieses Führungsquartett konnte seine Hegemonie über lange Zeit durchsetzen und aufrechterhalten. Ob dieses Bild von einer Machtstruktur, das sich der Szene-Öffentlichkeit bot, auch intern, d.h. in den entsprechenden Wohngemeinschaften, im gleichen Maße Gültigkeit besaß, muss allerdings bezweifelt werden.

Die inzwischen immer häufiger im Zusammenhang von Nachforschungen, neuerlichen Ermittlungen und öffentlichen Spekulationen genannte "Putzgruppe" war in ihrer Rolle weder einzigartig noch neu. Bereits im Frankfurter SDS hatte es 1968/69 die sogenannte "Lederjackenfraktion" gegeben, die dem Aktionismus in einer bis dahin unbekannten Weise frönte. Mit clever einstudierten Schachzügen vermochten sie die Polizei zu narren und die Spuren ihrer bloß mehr als nur symbolisch angelegten Aktionen auf dem Campus und in verschiedenen Teilen der Innenstadt zu hinterlassen. Ihr besonderer Clou hatte im Januar 1969 darin bestanden, dass sie die Tochter des damaligen Frankfurter Polizeipräsidenten Littmann, ein späteres Mannequin, in ihre Reihen aufnahmen und sich mit ihr eingehakt, die Ordnungskräfte damit in einer ganz besonderen Weise provozierend, auf Demonstrationen zeigten.

Zu Beginn des "Häuserkampfes" war die "Lederjackenfraktion" jedoch bereits längst vergessen; die meisten ihrer Mitglieder waren Maoisten geworden, noch 1969 in die KPD/ML ein- und beinahe ebenso rasch wieder ausgetreten. Die Entstehung der "Putzgruppe" war innerhalb der Sponti-Szene keine besonders außergewöhnliche Entwicklung. Gemessen an der Gewalt, die sowohl von der Polizei bei Demonstrationen als auch von Schlägerkommandos, die im Auftrag einiger Hausbesitzer vereinzelt Mieter terrorisierten, die nicht bereit waren, nach den ersten Drohungen mehr oder weniger umgehend ihre Wohnungen zu räumen, verübt wurde, lag eine Art Selbsthilfegedanke relativ nahe. So wie irgendwann die "Rote Hilfe" gegründet wurde, deren Hauptziel es war, sich um politische Gefangene zu kümmern, so entstanden auch einige Gruppierungen, die sich wie die "Putzgruppe" auf militante Auseinandersetzungen besonders vorzubereiten versuchten. Da sie sich nach außen relativ stark abschotteten, waren über ihre Zusammensetzung kaum mehr als Gerüchte zu hören.

Die Topographie der Mythen war auch von Orten bestimmt, deren Namen nur den Dazugehörigen etwas sagten. Ein solcher Ort war etwa der sogenannte "Kolb-Keller", der Keller in dem am Beethovenplatz gelegenen, nach dem früheren Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb benannten Studentenheim, der als eine Mischung aus Versammlungsort und Wochenend-Disco diente und nach der Besetzung eines weiteren Hauses in der Bockenheimer Landstraße 93 vom "93-Keller" abgelöst wurde.

So wie von wichtigen Personen grundsätzlich nur mit dem durch einen präponierten Artikel eingeleiteten Vornamen genannt wurden, wie "der Dany", "der Joschka", "der Cecco", "die Linda" usw., so wurden die besetzten Häuser, die in gewisser Weise als "eroberte Gebiete" angesehen wurden, als "die 93", "der Block" oder "die Bockenheimer" bezeichnet. Signalisierte schon die Bezeichnung "Häuserkampf" für die sukzessiven Hausbesetzungen, dass vor allem Bezeichnungen, die als aktionistische Euphemismen gelten konnten und eher an das Vordringen der Roten Armee in Berlin oder Stalingrad erinnerten, die Chance hatten, sich kommunikativ zu verankern, so galt das erst recht für die entscheidenden Straßenschlachten im Westend - am Grüneburg- und am Kettenhofweg sowie bei der Blockräumung. Nur von "der Meinhof-Demo", mit der im Mai 1976 das Ende der Sponti-Szene als Mobilisierungszusammenhang eingeläutet wurde, wurden Episoden eher flüsternd zugeraunt als prahlend hervorgehoben.

V. Am Anfang seiner politischen Biographie war Joschka Fischer zweifelsohne ein klassischer Außenseiter, jedoch kein Paria. Seine Eltern waren Deutsch-Ungarn, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Baden-Württemberg geflohen waren. Er hatte sowohl den Besuch eines Gymnasiums als auch eine Fotografenlehre abgebrochen und war Mitte der sechziger Jahre als Tramp durch Europa gezogen.

Neugierde und Empörung führten ihn über Stuttgart im Frühling 1968 nach Frankfurt, eines der beiden Zentren der außerparlamentarischen Bewegung in der Bundesrepublik. Äußerst rasch gewann der Nicht-Student Anschluss an einen der führenden Kreis im SDS und integrierte sich in dessen Aktivitäten. Wer ihn zu Beginn der siebziger Jahre außerhalb des politischen Geschehens erlebte, der konnte den Eindruck haben, es mit einem einsamen Wolf zu tun zu haben, der vielleicht eines Tages am Rande des sozialen Abgrunds stehen würde. Seine Rolle bei Versammlungen und Debatten war ganz eigentümlich.

Er war niemand, der in eine Diskussion eingeführt oder sie moderiert hätte. Statt dessen wartete er, meist von einer der hinteren Reihen aus ab, bis sich ein erstes Stimmungsbild abzeichnete, dann aber ergriff er mit einer Vehemenz das Wort, dass sich nicht wenige seiner Vorredner zu ducken begannen, um nicht zum Objekt seiner verbalen Attacken zu werden. Das Beeindruckendste daran waren sein zupackender Gestus und vor allem der Klang seiner Reibeisenstimme. Auch er war bereits früh von einer Aura des Geheimnisses umgeben. Es war schwierig, beinahe aussichtslos zu erkennen, woher dieser energiebesessene Mann, der an keinerlei Mangel von Selbstbewusstsein litt, kam und wohin er wollte. Manche haben ihn bereits Mitte der siebziger Jahre als einen lebenden Mythos bezeichnet. Seine Stellung innerhalb der zumindest an ihrer Spitze hierarchisch strukturierten Sponti-Szene war unumstritten, er war das, was manche als "die Nr. 2" bezeichneten. Nach Cohn-Bendit, der schon allein wegen seiner einmaligen Rolle im "Pariser Mai" einen Sonderpart hätte beanspruchen können, nahm Fischer einen Platz ein, der ihn zu keinerlei integrativen Aufgaben verpflichtete, ihm andererseits aber einen erheblichen Spielraum für eigene Vorstöße bot.

Was die Entwicklung im Anschluss an die eigentliche Studentenrevolte anbetraf, repräsentierte er eine ganz bestimmte, inzwischen längst historisch gewordene Phase. Der "Revolutionäre Kampf" verstand seinen Interventionsbereich als Untersuchungsgegenstand. Seine Aktivisten sahen in ihrem politischen Kampf für die Belegschaft der Opel-Arbeiter auch eine Form von Aktionsforschung, durch die ihre praktischen Erfahrungen einem ständigen Zwang zur Selbstkorrektur ausgesetzt waren. Das alles konnte jedoch nichts daran ändern, dass sie in Rüsselsheim auf verlorenem Posten standen. Als das Ende absehbar war, Fischer war wegen eines Konflikts bereits entlassen worden, schalteten sich die hochmotivierten Politkader in zwei anderen Bereichen ein. Zum einen im Anschluss an eine kurze Streikbewegung der Wirtschaftswissenschaftler an der Universität und zum anderen im Westend, weil sie dort erlebten, welche politische Brisanz die Hausbesetzungen von Studenten und anderen jungen Leuten gewannen. Das führte innerhalb kurzer Zeit zu einer völligen Verlagerung ihrer Aktivitäten.

Cohn-Bendit pendelte zwischen dem Campus, wo inzwischen eine eigene Gruppierung gegründet worden war, und verschiedenen Stadtteilen hin und her. Fischer, der auf seinem Weg zur Karl-Marx-Buchhandlung beinahe täglich auch der Mensa einen Besuch abstattete, strafte die Seminaristen nur mit verächtlichem Blick und konzentrierte sich auf die außeruniversitäre Bewegung. Ihm hatten es besonders die Subproletarier, die Lehrlinge und andere aufbegehrende junge Leute angetan, die allein nie einen Schritt auf den Campus, geschweige in einen der Hörsäle wie den sagenumwobenen HVI zu setzen gewagt hätten, in dem sich fast alles abgespielt hat, was von der Revolte festzuhalten war. Fischer hat vermutlich wie kein zweiter in der Bundesrepublik jene Phase repräsentiert, in der ein Teil der ehemaligen SDS-Aktivisten die Reste der außerparlamentarischen Bewegung in einen neuen gesellschaftlichen Zusammenhang zu transformieren versucht hat.

Seine ursprüngliche politische Bedeutung, die sich in Frankfurt durchaus herumsprach, bundesweit jedoch unbekannt blieb, kann deshalb darin gesehen werden, dass er als Redner und Organisator eine Verbindung zwischen dem studentischen und einem außeruniversitären, sozial zum Teil deklassierten Milieu herzustellen versucht hat, um auf diesem Weg zwei sozial völlig heterogene Felder miteinander zu fusionieren.

Die politische Karriere Joschka Fischers ist rückblickend betrachtet ein gesellschaftliches Cross-over, wie die Bundesrepublik kein zweites kennt: Vom sozialen Außenseiter zum Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Werdegang eines beinahe Marginalisierten in eine Spitzenfunktion des Staates ist mindestens so erklärungsbedürftig wie die Existenz von Fotos, die mit dem Bild des Ministers nicht in Einklang zu bringen sind. Eine solche Karriere, die in früheren Jahrzehnten undenkbar gewesen wäre, wirft zahlreiche Fragen auf, die manche seiner Biographen nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet haben. Statt dessen hagelt es, insbesondere seit dem Kosovo-Krieg an Beschimpfungen, Verdächtigungen und Denunziationen.

VI. Geschichte schreiben, meinte Walter Benjamin einmal, heiße "Jahreszahlen ihre Physiognomie" zu geben. Doch welche Gesichtszüge mit "1968" in Verbindung gebracht werden sollten, ist noch immer höchst umstritten. Jenes Jahr steht sicher für eine starke, vielleicht sogar die weitreichendste politische Herausforderung in der Geschichte der alten Bundesrepublik. Eine Tiefenwirkung besaß die antiautoritäre Bewegung vor allem aber als ein soziokultureller Bruch, als die Implementierung eines neuen Lebensgefühls. Eine grundlegende Veränderung der Mentalitäten, Lebensstile und Lebensentwürfe, die Ausbildung zivilgesellschaftlicher Normen, die Fundamentalliberalisierung der neuen Mittelschichten wären in dieser Form ohne die von der antiautoritären Bewegung freigesetzten Schubkraft kaum denkbar gewesen. Das schillernde Jahr stand jedoch nicht nur für Aufbruch, Umwälzung und Emanzipation, sondern auch für einen Flirt mit dem totalitären Kommunismus, zugleich markiert es die Geburtsstunde einer Apologie der Gewalt, des RAF-Terrorismus.

Inzwischen ist "1968" aber vor allem eine Münze im Kampf um das politische Selbstverständnis dieser Republik geworden. Und in diesem Zusammenhang kommt der Frage, ob ein Polizisten verprügelnder Demonstrant ein Vierteljahrhundert später Bundesaußenminister hätte werden dürfen, eine maßgebliche Rolle zu.

Allemal wichtiger ist jedoch, ob dieser Minister, der wie kein zweiter die 68er-Geschichte in ihren respektablen wie in ihren unakzeptablen, hässlichen Aspekten personifiziert, seine Position halten und damit sein Amt weiter ausführen kann. Denn politisch betrachtet ist die Situation ebenso einfach wie brutal: Träte Fischer zurück, bräche die rot-grüne Koalition auseinander, die Grünen gerieten in eine Existenzkrise und das gesamte Parteiensystem verschöbe sich objektiv nach rechts.

Vielleicht bekämen wir dann tatsächlich eine Berliner Republik, eine Republik, wie sie sich kaum einer von deren Wortschöpfern wünschen dürfte.

Wolfgang Kraushaar war Mitte der siebziger Jahre AStA-Vorsitzender an der Universität Frankfurt. Heute ist er Politologe und Historiker am Hamburger Institut für Sozialforschung und hat sich zuletzt mit den Bänden Frankfurter Schule und Studentenbewegung - Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail sowie 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur an der Historisierung der 68er-Bewegung beteiligt.

 Frankfurter Rundschau vom 20.1.2001