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Der Spiegel 4/2001

D E B A T T E N

Zorn auf die roten Jahre

Die Polemik gegen die militante Vergangenheit von Joschka Fischer wird zum Strafgericht über eine ganze Generation: Die Revolte von 1968, so konservative Kritiker, war ein einziger monströser Irrtum. Wird dem Mythos vom berechtigten Aufruhr der Linken der Garaus gemacht? Von Reinhard Mohr

S chon jeder distanzierte Beobachter, der über Silvester Urlaub vom kalten Reich der deutschen Leitkultur machte und erst in diesen Tagen zurückkehrte, musste sich die Augen reiben: Eine bizarre Metamorphose hatte sich des deutschen Außenministers bemächtigt, ein rasender, surreal anmutender Paradigmenwechsel, der die Republik bewegte.

Joschka Fischer, dem Kritiker von links bis rechts im Zweifel stets die verwerfliche Anpassung an die bürgerliche Gesellschaft vorhielten, stand plötzlich als unverbesserlicher Gewalttäter am Pranger - als reueloser, ja sündenstolzer Ex-Revolutionär, der seinen schwarzen Kampfdress aus alten Sponti-Zeiten im Geiste noch unterm feinen Dreiteiler trägt. Nicht wenige werfen ihm nun beides zugleich vor: seine Vergangenheit und seine Gegenwart.

Eben noch gab er das Bild des Verräters revolutionärer Ideale ab, der seine militante Geschichte längst hinter sich gelassen hat und wie selbstverständlich mit den Großen dieser Welt parliert, und schon machten ihn ein paar Fotos aus den frühen siebziger Jahren zur Ikone des ewigen Straßenkämpfers, der Steine wirft und sich mit Polizisten prügelt (SPIEGEL 3/2001).

So entstand auch das Zerrbild eines linken "Gewaltmilieus", in dem Schlagen und Treten zur normalen Alltagsbeschäftigung zu gehören schien. Zur historischen Wahrheit gehört aber auch, dass es brutale Polizeieinsätze gab, bei denen das Einprügeln auf am Boden liegende Demonstranten, unter ihnen Frauen, keine Seltenheit war.

In einer Aktuellen Stunde des Deutschen Bundestages wurde nun jener "Oberrealo", der ein Jahrzehnt lang die Partei der Grünen unter Mühen zur unzweideutigen Anerkennung des parlamentarisch-demokratischen Rechtsstaats und seines Gewaltmonopols gedrängt hat, als Sympathisant von Terroristen verdächtigt, in dessen Wohnung womöglich von "Carlos" stammende Maschinengewehre samt Sprengstoff gelagert worden seien - aber auch als Spitzel des Verfassungsschutzes, der sich im Jahre 1976 so vor weiterer Strafverfolgung habe freikaufen können.

Während der gut zweistündigen Live-Übertragung der erregten Parlamentsdebatte am Mittwoch vergangener Woche, eine Mischung aus Mini-Purgatorium, gemäßigter Urschrei-Therapie und Stupa-Sitzung, schalteten über 700 000 Zuschauer den Ereignissender Phoenix ein - bei der zweiten (!) Wiederholung am späten Abend waren es zeitweise gar 1,5 Millionen, insgesamt fast eine Verzehnfachung der durchschnittlichen Einschaltquote.

Dass Fischer eine geradezu phantastische Projektionsfläche abgibt, die Hass und Sympathie auf sich zieht, das ist nicht neu - und es ist auch nicht überraschend, dass er zeitweise selbst Boris, Babs & BSE von Platz 1 der Schlagzeilen verdrängte.

Neu an der teils hysterischen Debatte über Fischers Rolle in der Frankfurter Sponti-Szene ist der Gestus der pharisäerhaften Teufelsaustreibung, mit der samt der Person gleich eine ganze Epoche - und eine ganze politische Generation - ex post und in einem Aufwasch erledigt werden soll.

Eine "Verortungsdebatte der Berliner Republik" nennt dies sprachsensibel Wolfram Weimer, Chefredakteur der "Welt", neben Scharfrichter Johann Michael Möller daselbst einer der leitenden Oberförster bei der Joschka-Jagd.

Das politische Ziel ist klar: Dem 68er-Mythos vom zornigen, im Kern berechtigten Aufruhr der Linken gegen ein politisch repressives, geschichtsvergessenes und auch sexuell verklemmtes Establishment soll der Garaus gemacht werden.

Seit die deutsche Linke beim Fall der Mauer 1989 eine überaus schlechte, zuweilen peinliche Figur gemacht hat, wird versucht, rückwirkend auch mit dem großen Rest aufzuräumen, mit jenen Jahren, da der Zeitgeist so links war wie der Grieche an der Ecke und der Suhrkamp Verlag; mit einer Zeit, als RCDS-Vorsitzende einfach nur ignoriert oder gleich aus dem Saal getragen wurden - wie MdB Friedbert Pflüger erregt seine persönliche Erfahrung mit den 68ern resümierte.

Jetzt ist die Rache der Braven für diese fortdauernde Schmach angesagt, der Angriff der immer schon guten Gegenwart auf die böse übrige Zeit. Erst recht dann, wenn die Immer-schon-Anständigen stets von Neuem daran erinnert werden, dass das Leben vieler irrender Rebellen von einst aufregender war - und ist - als Kreisversammlungen der Jungen Union und die CDU-Hinterbank im Bundestag mit dem Recht auf die zweite Zwischenfrage an den Außenminister.

Der zuständige Sprecher der nachgeborenen "Generation Golf", Florian Illies, 29, nannte Fischer in der "FAZ" zwar einen, der "in seiner staatsmännischen Arroganz, seiner Wichtigtuerei ... oft unerträglich" sei "und jedenfalls niemand, dem man Sympathien entgegenbringen müsste" - doch vehement wandte Illies sich gegen das "gnadenlose Anständigkeitspathos" der neuen "christdemokratischen Tugendwächter", die nun in "merkwürdiger Selbstgerechtigkeit" alles unter einen "Sittlichkeitsverdacht" stellten, was dem "deutschen Kontinuitätswahn" zu widersprechen scheine.

Der neueste Aufstand der Anständigen signalisiert: Die Studentenrevolte, auch wenn sie damals ein weltweites Ereignis von Paris bis San Francisco war, ist in der christdemokratischen Interpretation nur als ein einziger gewalttätiger Irrtum der Geschichte akzeptabel. Nach dem Willen der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel kann es nur ein politisch korrektes Verhältnis zu 68 geben - das der eindeutigen "Distanzierung".

Diese Mischung aus Chuzpe und unbeschwerter Kenntnislosigkeit kommentierte der Berliner "Tagesspiegel" mit den Worten, hier werde den 68ern tatsächlich zum Vorwurf gemacht, "dass es sie überhaupt gegeben hat" - obwohl "die BRD zu jeder Zeit die beste aller möglichen Welten war". Logo: "Genauso steht es in Fähnleinführer Fieselschweifs Pfadfinderhandbuch."

Doch im überhitzten Fieber der Treibjagd, die so gar nicht zum christlichen Forderungskanon von Beichte, Reue, Demut und Buße passen will, ist der konservativen Opposition ein schlichtes Faktum entgangen.

"1968" war bis vor wenigen Tagen noch ein historisches Datum, das die Schülerinnen und Schüler von heute nur zum Gähnen reizte, der "Generation Golf" am iMac normalerweise nicht einmal mehr ein müdes Lächeln abringt und den ergrauten Veteranen nur noch zu ganz hohen Feiertagen Anlass bietet, bei Rotwein und toskanischem Ziegenkäse von jenen alten Zeiten zu reden, da die Samstagsdemo mit oder ohne Straßenkampf fester Bestandteil des Alltagslebens war, das sich im Übrigen zwischen Wohngemeinschaft, Uni, Druckkollektiv, Badesee, Grüneburgpark und Stadtteilplenum bewegte.

Nicht zu vergessen: Der "typische 68er", ob als Lehrer, Müsliman oder zotteliger Globetrotter, wurde zur reinen Karikatur, zum unerschöpflichen Reservoir für Kabarett und Comedy.

Doch deutsche Vergangenheitsbewältigung, recht verstanden, folgt ihren eigenen ehernen Gesetzen: dem ewigen Kontinuitätsverdacht (neuer Faschismus versus linker Terror) und einem moralischen Rigorismus, der selten Gefahr läuft, sich einmal selbst praktisch bewähren zu müssen.

Außer Hitler (und der Nazi-Herrschaft) ist kein Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte derart ausgiebig, leidenschaftlich und ergebnislos diskutiert worden wie jene letzte "Revolution", die heute so weit entfernt scheint wie der Mond.

Zu jedem runden Jahrestag - der letzte war 1998 - ergoss sich eine Flut von historiografischen, selbstreflexiven und ideologiekritischen, aber auch literarischen Werken auf den Büchermarkt: von Bommi Baumanns militantem Szene-Bekenntnis "Wie alles anfing" (1975) über Peter Moslers "Was wir wollten, was wir wurden" (1977) bis zu F. C. Delius' Romanen und Peter Schneiders Essays.

Zahllose Fernseh-Dokumentationen, "Arte"-Themenabende und TV-Diskussionsrunden zur besten Sendezeit - unvergessen 1978: Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit im mehrstündigen verbalen Nahkampf mit Matthias Walden und Kurt Sontheimer - rückten immer wieder die große Auseinandersetzung über parlamentarische und außerparlamentarische Opposition, über Demokratie, Gewalt und das Recht auf zivilen Ungehorsam, Kapitalismus und Entfremdung in den Mittelpunkt der streitenden Öffentlichkeit.

Ganze Bibliotheken von Sekundärliteratur beschäftigen sich mit nahezu jedem Aspekt der Revolte und ihren Ausläufern - allein der Hamburger Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar füllt mit seinen minutiösen Analysen der Epoche mehrere Regalmeter (zuletzt: "1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur").

Und wären es nur all die "Kursbücher", 1965 von Hans Magnus Enzensberger gegründet, jene laufende Chronik des Denkens und Fühlens der neuen Linken, gern auch die einschlägigen Artikel im "Pflasterstrand", in "Konkret" und der "Tageszeitung" - die verspäteten Kämpfer gegen "68" hätten instruktive Lektüre bis zum nächsten Bundestagswahlkampf.

Doch jenseits all dessen gibt es ein ganz anderes, nicht kriminalistisches Geheimnis der Vergangenheit, jenes "schwarze Loch" der kollektiven Erinnerung, das der Historiker, Autor und Ex-Maoist Gerd Koenen, 56, in seinem Buch über die siebziger Jahre "Das rote Jahrzehnt" (erscheint im April bei Kiepenheuer & Witsch ) zu beschreiben versucht.

Schon 1980 schrieb Hans Magnus Enzensberger, wie stets allen anderen zuvorkommend, ein Gedicht unter dem Titel "Andenken":

Also was die siebziger Jahre betrifft

kann ich mich kurz fassen ...

Widerstandslos, im großen und ganzen,

haben sie sich selbst verschluckt ...

Dass irgendwer ihrer mit Nachsicht

gedächte, wäre zu viel verlangt.

Und tatsächlich, wenn es heute darum geht, sich die damaligen "revolutionären" Motivationen noch einmal zu vergegenwärtigen, sich zu fragen, "woher diese von lebendigen Erfahrungen und Interessen fast unberührte, abstrakte Theorie- und Organisationswut, diese jederzeit abrufbare Militanz und Empfänglichkeit für weltrevolutionäre Phraseologien eigentlich kamen" (Koenen), dann spürt jeder Ex-Aktivist dieses schwarze Loch, die Schwierigkeit und auch den Unwillen, sich in die so fern scheinende Zeit zurückzuversetzen.

Und es stimmt ja auch: Da wurde trotz aller biografischen und politischen Brüche manches verdrängt und verklärt, schlicht vergessen oder zum Stoff herzerwärmender Anekdoten verarbeitet.

Immerhin, einen sachdienlichen Hinweis für die Suche nach der verlorenen Zeit, nach ihrem Geschmack, ihrer Verrücktheit und eigentümlichen Anziehungskraft liefert Koenen bereits im Vorwort seines Buches:

Der imaginäre Anschluss an die "wirkliche Geschichte", den wir so fieberhaft suchten, war also eine Flucht aus der unerträglichen Leichtigkeit unserer eigenen Lebenswelt, der wir nicht trauten, zurück in das Zeitalter der Weltkriege und Bürgerkriege, das uns viel "realer" und gegenwärtiger erschien.

Die Frankfurter Spontis allerdings wollten, trotz aller Leidenschaft für Theorie und Endlosdiskussion, von dieser Flucht in das Zeitalter der russischen Revolution wenig wissen. Sie schufen sich im Lauf der Jahre, die der Auflösung der alten Apo und des SDS folgten, ihre eigene Lebenswirklichkeit.

Das Leben im Kollektiv, ob Wohngemeinschaft, Alternativprojekt oder Sponti-Plenum, war Mitte der siebziger Jahre für Tausende von "Genossinnen und Genossen" der Normalfall geworden. Es war der Versuch frei nach Adorno, "ein richtiges Leben im falschen" zu führen, eine subkulturelle, durchaus hedonistische, lebensbejahende Gegengesellschaft zu jenem zerstörerischen Kapitalismus zu etablieren, der samt seinem Staat zum Feind erklärt wurde - ganz egal, wer gerade Bundeskanzler war.

Denn "das Ganze war das Unwahre", und die Wirklichkeit hatte keine Chance gegen die Ideologiekritik, schon gar nicht gegen die unstillbare Sehnsucht nach dem "ganz Anderen".

Die Zauberworte hießen "Theorie und Praxis", "System", "Widersprüche", "dialektischer Umschlag", "Massen", "Basis", "Kampf", "Bewegung", "Identität", "Entfremdung" und "Betroffenheit".

Alles war irgendwie politisch, doch das Politische war immer auch privat - wie auch umgekehrt. Alles war falsch, und alles musste anders werden.

Die Befreiung der Sexualität, neben dem Dauerkonflikt mit der Elterngeneration (inklusive alter Nazis) großes Thema schon 1968, differenzierte sich allmählich in die unendlichen Probleme der "Beziehungskiste" aus. Auch die wurde zuweilen öffentlich ausgepackt in jener Sponti-Szene, die die Beteiligten nur englisch "scene" aussprachen, beinah so wie "family" und "good vibrations". Die Frauenbewegung attackierte die Machos und erzwang Debatten über Macht, Lust und Geschlecht in den selbst gebauten Hochbetten zwischen Bornheim und Westend.

Und die Musik. Die Musik war überall - von den Rolling Stones über Velvet Underground bis zu den Doors. Sie verlieh den Dingen Flügel. Ansonsten lauerte überall die "Repression des Staatsapparates", dem manchmal nur mit "Gegengewalt" ein wenig beizukommen war. Trotz "Putzgruppe": Meistens lief man vor den Knüppel schwingenden Polizeihundertschaften weg, so schnell es ging. Hilfreich war immerhin der Aufbau von "Gegenöffentlichkeit". Aus Flugblättern und Infos wurden Zeitungen und Zeitschriften. Eine hieß "Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten", kurz "ID".

"Wir konnten mit dem Lächeln der Freiheit den größten Unsinn sagen", bemerkte Daniel Cohn-Bendit, und es ist weder Koketterie noch Sündenstolz, wenn der Ex-Frankfurter Wolfgang Kraushaar feststellt: "Im Grunde wäre seinerzeit ein Ethnologe am besten geeignet gewesen, die auf einer Art von Tribalismus gründenden Verkehrsformen zu analysieren." "Verkehrsformen", auch ein altes Zauberwort.

Der Übergang von der antiautoritären Rebellion der späten sechziger Jahre in die unterschiedlichsten Strömungen der radikalen "Neuen Linken" - von den maoistischen "K-Gruppen" bis zu den "Spontis" und der terroristischen "RAF" - zu Beginn der Siebziger brachte eine Flut selbstsuggestiver, aktionistischer Theorie hervor.

Ihre wortreiche Unbedingtheit und Radikalität, ihre Mischung aus Endzeitstimmung und Erlösungsglaube ist heute kaum noch nachzuvollziehen.

Selbst ein berühmter Philosoph wie Herbert Marcuse schrieb damals eine teils kitschig wirkende Befreiungsprosa, und die ungezählten schriftlichen Zeugnisse dieser Epoche sind für viele Zeitgenossen immer wieder Quell ungläubigen Staunens und peinvoller Erinnerung, aber auch großer Heiterkeit.

1979 resümierte Joschka Fischer im Frankfurter "Pflasterstrand":

Unsere Revolution gab es einfach nicht, weder hier noch in Vietnam, Persien oder China, es gab und gibt sie lediglich in uns. Mit Revolution verbanden wir niemals nur einen politischen Umsturz, einen anderen Staat, eine andere Macht- und Eigentumsverteilung, sondern vielmehr die Verneinung all dessen. Kein Staat, keine Macht und kein Eigentum. Und so war diese Revolution der Neuen Linken von Anfang an eine unpolitische Revolution, eine Revolution gegen die Politik, und entsprechend unwirklich (aber sehr wirksam!) fiel sie dann auch aus.

Ist die "Freiheitsrevolte" (Fischer) von 68 in Wahrheit also eine große Lüge, ein reiner Mythos - oder hat sie, obwohl sie nicht "demokratisch" war, das Land dennoch demokratisiert und liberalisiert, wie es der bisherige Konsens der "Berliner Republik" nahe legt?

Eine unaufgeregte und pragmatische Antwort kommt wieder einmal aus dem Westen - in diesem Fall von einem Deutschen, der britischer Staatsbürger geworden ist: Lord Ralf Dahrendorf, der als "Baron of Clare Market in the City of Westminster" im Londoner Oberhaus sitzt.

Vergangene Woche sagte er: "1968 war eine verständliche Revolte in einer verfahrenen Situation".

In jenen wilden Tagen war Dahrendorf einer der herausragenden politischen Antipoden des Studentenführers Rudi Dutschke.

Was den Rest der Geschichte betrifft: Der Kampf geht weiter.


 DER SPIEGEL 4/2001

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