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21. Dezember 1998

Ein Dutschke der Türkei

Film über hingerichteten Studentenführer rührt an Tabus

VON THOMAS SEIBERT

Der Held der türkischen Linken starb am 6. Mai 1972. Deniz Gezmis, als charismatischer Studentenführer so etwas wie der Rudi Dutschke der Türkei, wurde im Morgengrauen jenes Tages in Ankara zum Galgen geführt und zusammen mit zwei Freunden erhängt. Gezmis wurde damals Opfer einer landesweiten Strafaktion der Militärs gegen Linke und Intellektuelle. Ein gutes Vierteljahrhundert später hat der Regisseur Reis Celik jetzt das Leben Gezmis' verfilmt, einen Hit gelandet - und eine heftige Diskussion ausgelöst, die gesellschaftliche Wunden bloßlegt. Denn während die westeuropäische 68er-Generation mit ihrem Marsch durch die Institutionen längst ans Ziel gekommen ist, wurden viele ihrer türkischen Zeitgenossen durch die Militärputsche von 1971 und 1980 an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

"Hoscakal yarin - Lebe wohl, Zukunft" ist der erste Versuch, die 68er Ära in der Türkei in einem Film aufzuarbeiten. Dabei ist die Biographie von Deniz Gezmis wie gemacht für ein Drehbuch: 1968, als die türkischen Studenten wie ihre Kommilitonen in ganz Europa auf die Straße gingen, wurde Gezmis als gutaussehender 21jähriger Studentenführer bekannt. Der aus dem osttürkischen Erzurum stammende Gezmis studierte Jura in Istanbul und engagierte sich dort in linken Gruppierungen. Seine Markenzeichen - Cordhose und Militärparka mit Pelzkragen - wurden zur Uniform einer ganzen Generation. Als nach dem Militärputsch von 1971 die Studentenproteste erneut aufflammten, ließ die Armeeführung viele Intellektuelle und Journalisten verhaften. Gewalttaten wie die Entführung und Ermordung eines israelischen Konsuls und die Geiselnahme von Vertretern einiger NATO-Verbündeter in der Türkei heizten das Klima weiter an. An Gezmis und seinen zwei Freunden Hüseyin Inan und Yusuf Aslan wurde deshalb ein Exempel statuiert: sie wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Weggefährten und Freunde Gezmis' haben viel am Film des Regisseurs Celik auszusetzen. Die Vorwürfe beziehen sich meist of historische Fehler und Mängel in der Darstellung des Studentenführers, der von dem Schauspieler Berhan Simsek verkörpert wird. Kritik kam unter anderem von einem Verein der 68er; selbst der Vater von Gezmis meldete sich zu Wort und verdammte das Werk. Doch auch die Kritiker müssen sich in der Diskussion Vorwürfen stellen; der Schauspieler Tuncel Kurtiz, der in dem Film einen Armee-Offizier spielt, hielt den 68ern vor, selbst nichts zur Aufarbeitung beigetragen zu haben: "In Frankreich, Deutschland oder Italien sind schon Dutzende Filme über dieses Thema gemacht worden." Einige Beobachter wie der Filmemacher Bedri Baykam äußern Verständnis für die Kritik der 68er, verweisen aber auf die aktuelle Dimension und Wirkung des Streifens: "Wenn man den Film und die Tränen der Zuschauer gesehen und ihren Applaus gehört hat, glaube ich, daß es eine richtige Entscheidung war, den Film zu machen."

Der Stoff von "Lebe wohl, Zukunft" ist auch deshalb so brisant, weil jedwede Kritik an der Armee in der Türkei bis heute so gut wie tabu ist. Zwar wurden die Staatsstreiche von 1971 und 1980 zunächst von vielen Türken und selbst von vielen Intellektuellen als notwendiges Eingreifen gegen die Unfähigkeit der Politiker und die entfesselte Gewalt auf den Straßen begrüßt. Doch die Kehrseite der Putsch-Medaille - Unterdrückung besonders der Linken durch Folter, Haft und manchmal auch Mord - ist nach wie vor ein so sensibles Thema, daß in der breiten Öffentlichkeit kaum daran gerührt wird. Unter anderem wegen dieser Entwicklung politischer Tabu-Zonen beklagen einige westliche Diplomaten in Ankara in der heutigen Türkei eine nationalistische Grundstimmung, die das Land durchzieht und sich als eine Art Glaubensbekenntnis verfestigt hat. Das macht sich auch im politischen Sprachgebrauch bemerkbar: während Linksextremisten auch als solche bezeichnet werden, heißen militante Rechtsextremisten allgemein "Idealisten". Vielleicht hängt es mit diesem politischen Klima zusammen, daß sich manche Türken fragen, ob der Regisseur Reis Celik die historisch überlieferten letzten Worte des Studentenführers unter dem Galgen aus politischer Vorsicht in seinem Film unterschlagen hat. Denn sie lauteten: "Hoch lebe der Marxismus-Leninismus."

1998 Verlag DER TAGESSPIEGEL