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Tagesspiegel vom 11. November 1999

Geschichtsschreibung der Besiegten

Gregor Dotzauer

Die Volksbühne benutzt den RAF-Terroristen Holger Meins für eine Gegenveranstaltung zum 9. November

Irgendwann Mitte der 80er Jahre gab es im Frankfurter Theater am Turm einen grausamen Höhepunkt deutschen Regietheaters. Helmut Danninger inszenierte Schuberts Liederzyklus von der "Schönen Müllerin" mit einem am Kreuz hängenden Christus, der Kampfparolen von Holger Meins schrie. Vielleicht handelte es sich dabei um den Angriff der Wirklichkeit auf die Kunst, ganz sicher aber um einen riesigen Theater-Unsinn, der nur deshalb aufschlussreich war, weil er das Aufgehen des RAF-Terrors in einer mythologischen Konstruktion zu einer Zeit illustrierte, als das letzte Wort zum bewaffneten Kampf noch nicht gesprochen war.

Es war rund ein Jahrzehnt nach dem öffentlichem Selbstmord von Holger Meins 1974, der sich mit einem Hungerstreik gegen die Isolationshaft gewandt hatte. Es war gut zehn Jahre vor der erklärten Selbstauflösung der Roten Armee Fraktion 1998. Vor allem aber war es in einem Moment, in dem man weder den Mauerfall ahnen konnte, noch dass die friedliche Revolution in der DDR der revolutionären Gewalt in Westdeutschland die Schau stehlen würde.

Wenn die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz am 9. November 1999eine Gedenkveranstaltung für Meins ausrichtet, der vor genau 25 Jahren starb, ist das nicht nur eine Gegenveranstaltung zu den staatlichen Feierlichkeiten am Brandenburger Tor, deren Cello-seligen "Winds Of Change" die Volksbühne aggressivere Töne von Schorsch Kamerun und der Band Mutter entgegensetzt und Rap von Justus und Terror Taiga. Es ist der Versuch einer anderen Geschichtsschreibung, eine Gelegenheit, die Herren Schily, Fischer und Schröder süffisant darauf hinzuweisen, dass sie auch mal unbeugsame Linke sein wollten - und eine Probe darauf, wie weit sich die Bewegung von ihrem Weltbild aus den 60er und 70er Jahren entfernt hat.

"Die Waffe Mensch" - ein Abend auf allen Stockwerken. Im Parkett-Umgang, zwischen den Eingängen zum Saal, hängen mit je einem Foto die Toten der revolutionären Gewalt im Umkreis der RAF: Terroristen wie Staatsvertreter. Durch die Treppenhäuser wabert eine fast new age-taugliche Klanginstallation. Im Rang rezitiert ein Schauspieler Meins' Briefe aus der Haft, einen Stock höher beginnt im Stundentakt ein Hörspiel zum Projekt RAF. Dazu Fotos, Videos und theatralisierte Lesungen von Justiz- und Zeitungs-Texten. Die RAF wird so einerseits zu einem durch und durch ästhetisierten Phänomen, das auch ohne seinen ursprünglichen politischen Hintergrund gerade für Jüngere eine gewisse Anziehungskraft bewahrt: Der RAF-Terror hat für die Linke in diesem Zusammenhang vermutlich ähnliche Fegefeuer-Qualitäten wie Ernst Jüngers Stahlgewitter für die Rechte. Andererseits behält die RAF für ihren Umkreis eine Art von lebendiger Gegenwart, der sich durch die Sorge um die noch einsitzenden Gefangenen allein nicht erklären lässt. Deren Freilassung fordert die gesamte deutsche Theaterprominenz in einem Aufruf.

Man braucht nur den rappelvollen Roten Salon zu besuchen, wo Peter Germann von der Autonomen Antifa, der Schriftsteller Christian Geissler ("Kamalatta") und die aus der Haft entlassene Sieglinde Hofmann, die an der Schleyer-Entführung beteiligt war, darüber diskutieren: "Die RAF ist Geschichte - was bleibt?" Über der Bühne hängt ein Transparent mit der Aufschrift "freiheit für alle politischen gefangenen", und nicht nur das erinnert daran, dass offenbar eine Menge geblieben ist. Da klappert die Antifa-Rhetorik wie eh und je, dass erst ein Ostler wütend in den Saal ruft, man möge sich bitte mal an den Todesstreifen erinnern, und dann sogar eine Genossin aufsteht und sagt, sie könne den Schmarrn nicht mehr hören. Und Sieglinde Hofmann erklärt, dass man heute in einer ähnlichen Situation lebe wie vor zwanzig Jahren, und alles, was die Bewegung in Schwung gebracht habe, noch vorhanden sei. Es ist geradezu tröstlich, Christian Geissler sagen zu hören: "Wir brauchen jetzt keine Bomben, sondern Wissen. Als alter Kommunist sage ich: Wir müssen lernen, was los ist. Wo kommt die Macht her?" So sprechen Besiegte.

Und wo ist bei alledem Holger Meins? Als Person ist er an diesem 9. November allgegenwärtig, aber ungreifbar. Weil er, der erste große Märtyrer der RAF, letztlich keine Figur mit der Aura einer Ulrike Meinhof oder eines Andreas Baader war. Weil er als politischer Kämpfer viel zu sehr Formeln repetierte. Und weil er benutzt wird. Man kann wahrscheinlich ohnehin nicht wirklich verstehen, wie aus dem 1941 geborenen Meins, der 1966 den ersten Jahrgang der Berliner Filmhochschule besuchte, nach dem 2. Juni 1967, dem Tag, an dem der Student Benno Ohnesorg in Berlin von einem Polizisten erschossen wurde, der Terrorist wurde, als den man ihn heute kennt. Zu seinen Kommilitonen gehörten damals Wolfgang Petersen, der heute in Hollywood Filme dreht, und Harun Farocki, der ihn als Kameramann einsetzte. Man sieht Meins' Kurzfilm "Oskar Langenfeld", das Porträt eines Obdachlosen in zwölf Kapiteln, die einzige selbstständige Arbeit, die er hinterlassen hat: sensibles, detailverliebtes cinéma direct mit Godard-Einflüssen. "Der, den ich kannte", sagt Farocki, "den fernen Freund, mit dem ich einmal zu einem Festival nach Belgien gefahren bin, muss ich als literarische Figur imaginieren, so, als würde ich mich beim Schreiben fragen, wie kommt dieser oder jener von Punkt A nach Punkt B." Es ist möglich, dass Harun Farocki, der Holger Meins also nicht wirklich kannte, ihn am besten gekannt hat.