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Veteranen-Geschichten

 

Nur wer die Auseinandersetzung mit den Lebensentwürfen der heute Jungen verweigert, kann derart arrogant urteilen wie die 68er

Von Jenny Niederstadt

Alte Menschen haben schon immer gerne von den Schlachten erzählt, die sie in ihrer Jugend geschlagen haben. Aber es war auch schon immer so, dass die nachfolgende Generation diese Geschichten gar nicht hören wollte. Das gilt auch für Fischers Veteranen-Erinnerungen.

Die Reaktionen auf seine Aussagen im Stern und vor dem Frankfurter Landgericht waren deshalb voraussagbar: Zu Wort melden sich Altersgenossen - ehemalige Weggefährten, ehemalige Gegner verklären gemeinsam ihre Jugend. Und durchleben noch einmal die für sie längst ausgestandenen Kämpfe. Die an ein paar Fotos inszenierte Aufregung ist für sie willkommener Anlass, erneut über das Thema zu reden, das ihnen am wichtigsten ist: sie selbst.

Diese Eitelkeit vieler Wortführer ist vor allem deshalb so langweilig, weil die 68er längst ihren Frieden mit dem einst bekämpften System gemacht haben. Die Gegner von damals gehören heute gleichermaßen zum Establishment, sitzen auf guten Posten, verdienen gutes Geld. Die Differenzen von einst haben sich auf ein Minimum reduziert. Heute sind ihre Gemeinsamkeiten untereinander größer als die mit den eigenen Kindern. Die sind ihnen suspekt - auch den 68ern, die für ihre Taten von damals Anerkennung fordern.

Natürlich haben sie vor einem Vierteljahrhundert das System Bundesrepublik aufgebrochen und verändert. Und natürlich profitieren davon auch die Jüngeren. Doch wer ist schon dankbar für die gesellschaftlichen Gegebenheiten, in die er hineingeboren wird ? Gerade die 68er müssten wissen, dass die Verklärung von Geschichte lähmend wirken kann.

Es ist deshalb verwunderlich, wie unsouverän die Protagonisten der einstigen Jugendbewegung auf die Gleichgültigkeit ihrer Kinder reagieren: Die Mystifizierung von 1968 kommt offenbar nicht ohne eine Herabsetzung der heutigen Jugend aus. Wenn es um ihre Kinder geht, sind die Straßenkämpfer von einst professionelle Bedenkenträger geworden. Weil sie die Jugend nicht in ihre politischen Kategorien fassen können, werfen sie ihr vor, unpolitisch zu sein. Und reden damit das politische Gewicht ihrer Kinder klein.

An ihnen haben viele 68er zwar gern die jeweils aktuellen politischen und gesellschaftlichen Modelle erprobt. Heute aber reden sie über ihre Nachkommen wie über Fremde. Nennen sie unpolitisch, narzisstisch und karrieregeil. Etikettieren sie mal mit "Die Eigensinnigen", mal mit "Die neuen Hedonisten". Ihr Egozentrismus geht dabei so weit, dass selbst diese Etiketten zwanghaft auf sie selbst verweisen: Mit dem Begriff der "89er" machten 68er aus ihren Kindern einen bloßen Zahlendreh der eigenen Geschichte.

Natürlich sind diese Versuche, die Jugend zu kategorisieren, vor allem hilflos. Denn an den unterschiedlichen Lebenswelten von heute rutschen die Begriffe ab. Niemand bezeichnet sich selbst als "Techno-Kid", "Girlie" oder Teil der "Fun-Generation". Das tun Eltern, die in den Redaktionen, Universitäten und politischen Ämtern sitzen. So versuchen sie, ihre Kinder greifbar zu machen.

Doch die lassen sich nicht unter einem Schlagwort einordnen - im Gegensatz zu ihren Eltern: Diejenigen, die sich heute noch 68er nennen, sind wohl die letzten, die sich freiwillig und sogar begeistert unter einem Markennamen versammelt haben. In den jetzt wieder aufgewärmten Erinnerungen schwingt ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft mit. Auch wenn Fischer von seiner Geschichte redet, sagt er "wir" statt "ich". Damit überspielt er seine individuelle Verantwortung und glättet Differenzen. Im Stern-Interview fragte er sogar seine Gesprächspartner, ob sie nicht auch einmal Steine geworfen hätten. So als müssten doch alle Biografien irgendwie der von Fischer gleichen.

Doch an Jüngeren prallt diese Nabelschau ab. Die Diskussion um Fischers Vergangenheit interessiert nicht, weil sie zu sehr erinnert an oft erlebte wahlkampftaktische Anbiederung von Politikern. Man musste mitansehen, wie die SPD-Spitze zu Techno tanzte, wie der CDU-Generalsekretär auf dem Kickboard durch Berlin rollte und Westerwelle im Big-Brother-Container zu diskutieren versuchte. Da wundert sich niemand über einen Außenminister, der den Revoluzzer gibt.

Die Gleichgültigkeit gegenüber dieser Art von Selbststilisierung ist alles andere als ein Beleg dafür, dass die Jüngeren unpolitisch wären. Denn sie widersteht dem politischen Mainstream und setzt ihm eine Vielfalt von Lebensentwürfen entgegen, die ohne ein konstruiertes Wir-Gefühl auskommt. Nur wer die Auseinandersetzung mit diesen Entwürfen verweigert, kann derart arrogant über seine Kinder urteilen wie die 68er. In ihrem Unbehagen der Jugend gegenüber stehen die ihren Eltern in nichts nach.

Über die "Generation der Unbefangenen" schrieben Soziologen einmal, sie sei vor allem am Ausbau ihres persönlichen Lebensstandards und an ihrem beruflichen Fortkommen interessiert. An politischen Fragen hatte gerade mal ein Drittel der Befragten Interesse, nur ein Bruchteil bezeichnete sich in der Umfrage als "kritisch". Die Studie erschien 1964.

 Frankfurter Rundschau vom 21.1.2001