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23. Mai 1998

Biographien verändert, Staaten erschüttert

Das Jahr 1968 hat vieles bewirkt - ein "Chronistenwerk" und zwei Sammelbände ergänzen sich dazu hervorragend

VON HANNES SCHWENGER

Wolfgang Kraushaar: 1968 - das Jahr, das alles verändert hat. Piper Verlag, München 1998. 288 Seiten, geb. 39,80 DM

Bärbel Danneberg/Aly Machalicky/Fritz Keller/Julius Mende (Hg.). Die 68er. Eine Generation und ihr Erbe. Döcker Verlag, Wien 1998. 392 Seiten, geb. 54 DM.Lutz

Schulenburg (Hg.). Das Leben ändern, die Welt verändern! 1968 - Dokumente und Berichte. Edition Nautilus, Hamburg 1998. 182 Seiten, 39,80 DM.

Im Jahr 1968 wurden Martin Luther King und Robert Kennedy ermordet, Richard Nixon wurde Präsident der Vereinigten Staaten und in China Präsident Lu Schao Tschi gestürzt, damit die erste Phase der Kulturrevolution beendet. Die Sowjetunion marschierte in Prag ein, die USA kämpften noch in Vietnam, und in Mexiko richtete die Polizei vor den Olympischen Spielen ein Blutbad an. War da noch was? Ja: Frühling in Prag, Mai in Paris, Osterunruhen in Berlin - drei Schüsse auf Rudi Dutschke. In Frankfurt brennt ein Kaufhaus, in Berlin der Fuhrpark des Springer-Konzerns. Die Notstandsgesetze werden verabschiedet. Die NPD sitzt in sieben Landtagen. In Düsseldorf wird die DKP, in Hamburg die KPD/ML gegründet. Ein Bundeskanzler wird geohrfeigt, ein Angeklagter scheißt in den Gerichtssaal, im Berliner Sportpalast wird Frank Zappa von einem rohen Ei getroffen.

Welch ein Jahr! Vielleicht hat es nicht "alles" verändert, wie Wolfgang Kraushaars Chronik etwas vollmundig behauptet, auch nicht "die Welt" und "das Leben", wie Lutz Schulenburg die 68er Parolen zusammenfaßt. Jedenfalls aber hat es die Verhältnisse in Ost und West zum Tanzen gebracht, sogar im neutralen Österreich, wie sich in dem Sammelband des Döcker Verlags "Die 68er" nachlesen läßt. Es hat Biographien verändert und ganze Staaten erschüttert, vielleicht sogar jenes Jahr 1989 vorbereitet, das dann tatsächlich alles verändert hat. Man kann - und die Chronisten und Verfasser der drei Bücher tun das ungehemmt - nahezu jede Veränderung, jede politische und kulturelle Entwicklung seitdem mit 1968 erklären und sie dem Mythos dieses einen Jahres einverleiben: Ob Frauen-, Friedens- oder Ökologiebewegung, alles soll 1968 begonnen haben. Selbst einen schlichten Vortrag von Felix Rexhausen im Republikanischen Club Berlin über soziologische Aspekte der Homosexualität findet Wolfgang Kraushaar erwähnenswert, vermutlich als frühes Zeugnis der Schwulenbewegung. Kein Wunder, daß ihm das Jahr aus den Fugen platzt: "Für die Bundesrepublik", stellt er im Vorwort seines Buches fest, "war 1967, das Jahr des Aufbruchs, wichtiger", weshalb er "numerisch betrachtet" lieber von der Protestbewegung der Jahre 1967-69 spricht. Das ist nicht nur numerisch richtig, zumal aus Berliner Sicht: Hier beginnt 1968 am 2. Juni 1967, dem Todestag Ohnesorgs. Das "Jahr, das alles verändert hat", hat in Deutschland mindestens zwei Jahre gedauert - vom Beginn des Protests gegen die Große Koalition bis zum Machtwechsel in Bonn. Schwer zu verstehen, warum sich Kraushaar trotz dieser Einsicht auf das Jahr 1968 beschränkt.

Umso besser ergänzen den strengen Chronisten die beiden Sammelwerke zu Theorie und Praxis der "68er", auch wenn sich das Buch mit diesem Titel vorwiegend auf Österreich bezieht - so daß nicht die Berliner Kommune 1 und 2, sondern die "Kommune Wien", Otto Mühls AAO, Longo Mai und die ARENA-Bewegung als Beispiele dienen. Das gerät etwas austrozentrisch, ist aber anschaulicher als Kraushaars Chronik und Schulenbergs Reader, in dem Manifeste, Programme und "Plattformen" die Realität von 1968 unter einem Berg von Papier begraben.

Die Österreicher wollen es genauer wissen. "Was ist dran an den 68ern? Was haben sie bewirkt, was versäumt?", fragen die Herausgeber und lassen Zeitzeugen zu Wort kommen und miteinander diskutieren. In ihrem Buch kommen nicht nur Theoretiker und Akteure der Studentenbewegung wie Helmut Dahmer, Robert Schindel und Rolf Schwendter zu Wort, sondern auch "Innenansichten und Einsichten" (Boris Jezek) aus 68er Kommunen und Kinderläden zur Sprache. Nicht nur 68er Eltern, sondern auch ihre Kinder berichten über "Kindsein im ersten Wiener Kinderkollektiv", ein hartes Los, wenn man Thomas, dem Sohn der Schriftstellerin Karin Spielhofer glauben darf: "Die anderen Kids durften Coca-Cola trinken und bei McDonalds essen, und sie durften...mit Spielzeugwaffen und Barbie-Puppen spielen... Pech für uns, daß wir als Versuchskaninchen herhalten mußten."

Soviel ironischer Abstand tut gut, damit kein jüngerer Leser glaubt, er habe mit 1968 die Weltrevolution versäumt. Das gilt auch für die Bürger der einstigen DDR, die nach Wolfgang Kraushaars Ansicht "eine deutsche Gesellschaft minus 1968" war. Das kann nur schreiben, wer 1968 in Frankfurt verbracht hat und nicht in Berlin erlebt hat, wieviel Teilnahme und Solidarität damals in beiden Richtungen über die Mauer schlug: Es war Wolf Biermann, der mit seinem Lied "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke" die Westberliner Studenten und auf der gleichen Schallplatte Robert Havemann und seine Söhne ermutigte, die öffentlich gegen den Einmarsch in Prag protestierten. Erst kürzlich hat Annette Simon aufgezählt, wieviele Dissidenten und spätere Bürgerrechtler sie zu den 68ern der DDR rechnet, denen die Öffentlichkeit, aber nicht der Mut zum Widerstand fehlte: Thomas Brasch, Jürgen Fuchs, Rudolf Bahro, Gerd und Ulrike Poppe, auch Bärbel Bohley. "Die Achtundsechziger in der DDR", schreibt sie in einem Essay, hatten es nur "viel schwerer, sich dem lustvollen und euphorischen Strom der Rebellion zu überlassen. Ihnen stand eine ganz andere autoritäre Staatsgewalt gegenüber." Wie die meisten Ostdeutschen hat sie damals das Interview des einstigen DDR-Bürgers Dutschke mit Günter Grass im Westfernsehen beeindruckt: Vor allem "die antiautoritäre Frechheit, dort im Schlabberpullover zu sitzen und das gesamte gesellschaftliche System, dem er angehörte, in Grund und Boden stampfen zu wollen. Ich habe mir dieses Interview noch einmal angehört und war überrascht über die tatsächlichen Inhalte. Diese revolutionäre Romantik auf der einen Seite, die Phantasie, daß die arbeitenden Massen sich demnächst an die Revolution machen werden, und andererseits die Forderungen nach der Wiedervereinigung Deutschlands als tagespolitische Aufgabe. Ich hatte völlig vergessen, daß Dutschke dies dort vertreten hatte." Na also, liebe Brüder und Schwestern im Osten, ihr habt nichts versäumt.

1998 Verlag DER TAGESSPIEGEL