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12. Mai 1998

Das Jahr der Imagination

Ernst und Spaß vereint, nach dreißig Jahren:

"Protest! Literatur um 1968"

Zur jüngsten Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum in Marbach

VON THOMAS RATHNOW

Der Protest kam unvermutet, und wirkte doch wie bestellt. Das Publikum war eben erst im überfüllten Humboldt-Saal des Deutschen Literaturarchivs begrüßt worden. Der Essayist Michael Rutschky als Festredner der Eröffnung der Ausstellung über Literatur um 1968 auf dem Weg zum Mikrophon, da füllte sich plötzlich die Bühne mit jungen Menschen, die Transparente entrollten. Eine Frau, vermutlich Studentin, begann ein Flugblatt zu verlesen, das zunächst daran erinnerte, daß am 9. Mai 1976, also vor genau zweiundzwanzig Jahren, Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle aufgefunden worden war.

Das ging so friedlich, ohne jeglichen Einwand der Veranstalter vonstatten, daß man für Augenblicke glauben konnte, die Marbacher wollten zeigen, daß sie schon wüßten, wie man eine im Grunde biedere Ausstellung ihrem Gegenstand entsprechend zu einem Event macht. Auf ausgerollten Leintüchern las man die Parolen "Freiheit für alle politischen Gefangenen", "Beim langen Marsch geht manchmal etwas schief" und das in diesen Tagen unvermeidliche "Piep, piep, piep", das hier allerdings in die frohe Botschaft mündete, daß Rudi Dutschke uns lieb habe.

Es gab nicht den Hauch eines Eklats. Ein paar Zwischenrufe meist älterer Herren wirkten auch nicht wirklich empört, eher wie Hilfestellungen für eine protestierende Jugend, an die man sich gewöhnt hat und die nicht mangels autoritären Widerspruchs die Orientierung verlieren sollte. Publikum und Demonstranten nahmen mit großer Gelassenheit an einem scheinbar vertrauten Spiel teil. Als der Text verlesen war, zogen die Störer genau so rasch wieder ab, wie sie gekommen waren. Eine Sprengung der Veranstaltung hatten sie nicht im Sinn. Sie hatten lediglich die Tagesordnung um einen Redebeitrag erweitert.

Die kleine, unaufgeregte Szene dokumentiert womöglich besser als alles, was in der Marbacher Ausstellung zu sehen ist, wie sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik seit und durch 1968 verändert haben. Zugleich ist an ihr ablesbar, daß Gesten und Formen der 68er inzwischen das Repertoire des politischen Protests prägen. Die jungen Demonstranten hatten erkennbar keine Angst vor möglichen Reaktionen - es gab auch keine. Und das "Establishment" im Saal zeigte keine Angst vor einer möglichen Provokation. Vielmehr quittierte es besonders deutliche Anleihen beim Jargon von vor dreißig Jahren mit einem fröhlichen Gelächter des Wiedererkennens. Vor allem der Vorwurf, im Schiller-Nationalmuseum werde "die 68er Revolte kulturindustriell verwurstet" sorgte für große Heiterkeit.

Dann erläuterte Michael Rutschky doch noch an zwei prototypischen Vertretern des "deutschen Jünglings" und der "deutschen Jünglingin" von 1968, wie der Wechsel des kulturellen Leitmediums der heranwachsenden Intelligenz mit dem Ende der bildungsbürgerlichen Hegemonie in der Bundesrepublik zusammenhing. These: Was moderne Lyrik (Celan, Bachmann) war, sollte soziologische Theorie (Horkheimer, Habermas) werden. Danach schlenderte man endlich durch die Ausstellungsräume, in denen die papierenen Hinterlassenschaften von 1968 säuberlich beschriftet und in Vitrinen aufgereiht lagen.

Die Ausstellung, vom Literaturarchiv zusammen mit dem Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg und dem Deutschen Rundfunkarchiv gemeinsam ausgerichtet und konzipiert, gliedert das umfangreiche Material in sieben Abteilungen und 30 Unterkapitel; man setzt auf Differenzierung, nicht auf thesenhafte Zuspitzung. Eine programmatische Fragestellung liegt dem Ausstellungskonzept nicht zugrunde, vielmehr ist das Bemühen erkennbar, möglichst weit auszuholen, um ein Epochenbild zu geben, das notwendigerweise über das Literarische im engeren Sinne hinausgehen muß: Anders als der Ausstellungstitel suggeriert, wird die Sicht primär gerade nicht auf Literatur als Vehikel des Protests gerichtet. So räumt die Ausstellung jenen Strömungen, die um 1968 einer politischen Instrumentalisierung von Literatur das Wort reden, ebensoviel Raum ein, wie den gleichzeitig auftretenden Gegenbewegungen - exemplarisch vertreten von dem an amerikanische Undergroundtexte anknüpfenden Rolf Dieter Brinkmann oder dem auf eine Poesie der Selbstwahrnehmung setzenden Peter Handke. Die Entstehung einer emanzipatorischen Frauenliteraturwird genauso thematisiert, wie eine neue antiautoritäre Kinder- und Jugendliteratur.

"Literatur um 1968: Politischer Protest und postmoderner Impuls" überschreibt Helmuth Kiesel seinen Essay, der den Katalog beschließt und die Koordinaten, innerhalb derer sich die Ausstellung bewegt, auf den Begriff zu bringen sucht. Literatur- und mentalitätsgeschichtlich neue Perspektiven auf eine inzwischengründlich bearbeiteten Zeit, ergeben sich durch die vorgenommene Ordnung des im wesentlichen bekannten Materials nicht.

In diesem Kontext überrascht das Stichwort von der "Postmoderne". Ausführlich dokumentiert wird der heftig geführte Streit, der im Sommer 1968 über Leslie Fiedlers Plädoyer für eine "postmoderne Literatur" entbrannte. Der amerikanische Literaturwissenschaftler empfahl in seinem zunächst in "Christ und Welt", später im amerikanischen "Playboy" abgedruckten Vortrag die Verabschiedung der tragischen Heroen der klassischen Moderne und sprach sich statt dessen für eine Hinwendung der Literatur zu Trivialmythen, Massenkultur und populären Genres wie Pornographie oder Science Fiction aus. Rolf Dieter Brinkmann griff dies begeistert auf, Martin Walser lehnte diesen Bruch mit traditionellen Vorstellungen von gesellschaftskritischer Literatur scharf ab.

Deutlich wird in der Ausstellung vor allem eines: Die divergierenden literarischen und ästhetischen Strömungen um 1968 lassen sich nicht auf einen einfachen Gegensatz - etwa von Engagement versus Subjektivität - bringen. Eher ließe sich auch im Hinblick auf politische Aktionen zwischen den "Ernst-" und der "Spaßfraktionen" unterscheiden, zwischen jenen, die auf die emanzipatorische Kraft von Theorie und Analyse setzen und jenen, die sich in die subversive Tradition der französischen Surrealisten, der Situationisten oder Dadaisten stellen. Für erstere mag exemplarisch Rudi Dutschke stehen, für letztere Fritz Teufel und Rainer Langhans, deren Flugblätter als Beispiele eines der surrealistischen Rhetorik verpflichteten Umgangs mit der Wirklichkeit gelesen werden können. (Der Staatsanwalt sah das anders, Philologen wie Peter Szondi und Peter Wapnewski bestätigten aber schon damals vor Gericht diese Lesart.)

In einem Rückblick auf 1968 hat Hans Magnus Enzensberger, der einzige Schriftsteller, der beweglich genug war, um vor, während und nach der Studentenrevolte intellektuell von außerordentlichen Einfluß zu sein und bis heute zu bleiben, von einer Jahreszahl gesprochen,"in der sich das Imaginäre eingenistet hat". Von heute aus gesehen beeindruckt vor allem, wie ganz unabhängig von allen realpolitischen Chancen auf radikale Änderungen, plötzlich ein Zeitgefühl zu herrschen schien, das die Gegenwart emphatisch auflud und die politische sowie die ästhetische Phantasie beflügelte. Diese "Stimmung" ist es nicht zuletzt, die sich auf den heutigen Betrachter der Texte und Dokumente der 68er übertragen kann - und die sich so fundamental unterscheidet, von der Rückwärtsgewandheit vieler Aktionen, die 68er bloß nachspielen.

Schiller-Nationalmuseum Marbach, bis 30. November, täglich von 9 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung ist der Katalog "Protest! Literatur um 1968" erschienen (672 Seiten mit 220 Abbildungen, 40 DM).

1998 Verlag DER TAGESSPIEGEL