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Moral, Gewalt, Joschka

 

Die 68er reflektieren ihre politische Sozialisation

Von Martin Altmeyer

Die These von der Historisierung der Bundesrepublik und ihrer ersten rebellischen Generation wird schon durch die Affekte widerlegt, welche die Rückschau auf den "deutschen Herbst" und seine Vorgeschichte hervorruft. Es ist nicht nur eine versprengte Nachhut der Vorgängergeneration, sondern auch die übereifrige Vorhut einer glatten Nachfolgergeneration, welche sich im Jagdfieber den sprachlosen Hass zurückwünscht, der vor 30 Jahren die Fronten miteinander verband.

Im allgemeinen Stimmengewirr ist aber ein Gespräch herauszuhören, das die 68er unter sich führen. Eine Generationendebatte findet statt, die gerade deshalb historische Wahrheit zutage fördert, weil sich auch Gewandelte und Geschädigte, Verräter, Renegaten und diverse Racheengel an der Selbstverständigung beteiligen. Im imaginären Gerichtsverfahren gegen Joschka Fischer geht diese Generation vor allem mit sich selber ins Gericht. Einer auffällig verlängerten Adoleszenz inzwischen weitgehend entwachsen, bestimmt sie die Diskursqualität - entgegen dem lange gepflegten Selbstbild einer Daueropposition, die im chronifizierten Blick von unten gerne auch den Blick des Kindes auf die Welt der Erwachsenen, den Blick des unschuldigen Kleinen auf die schuldigen Großen eingenommen hat. Die Nachkriegskinder sind als Kohorte der jetzt 50-Jährigen dabei, öffentlich ihre Bildungsgeschichte als die der Bundesrepublik zu rekonstruieren und die Amnesie aufzuheben, die über beidem liegt: Aufklärung als Selbstaufklärung.

Aufklärung als Selbstaufklärung

 

Welche Reminiszenzen bewegen wohl Thomas Schmid - politischer Redakteur der FAZ, einst selbst kreativer Kopf im "Revolutionären Kampf" -, der Revolte eine Nähe zum "Geist der Väter" zu bescheinigen und an der interessierten Legende einer intakten Gesellschaft zu basteln, die, als historische Antwort auf die nationalsozialistische Barbarei aufgebaut, "den Ansturm der neuen Barbaren überlebte"? War die Bundesrepublik in ihren ersten beiden Jahrzehnten ein Hort der liberalen Demokratie, der lebendigen Auseinandersetzung, der diskursiven Konfliktregelung? Funktionierte die Gewaltenteilung denn? Erfüllte das Parlament seine Aufgabe? War die Justiz unabhängig? Verhielt sich die Polizei angemessen und im rechtsstaatlichen Rahmen, als die Jugend auf die Straße ging und sich die Freiheit der Demonstration gegen die Übel der Welt nahm? Musste nicht einiges geschehen, "um aus Kindern des Bildungsbürgertums Anhänger gewaltsamer Aktionen" zu machen (Christian Semler)? War die Wahl der Mittel nicht auch eine Folge der Mittel der Wahl?

Noch in seinem Rückblick auf "die paranoid engen Augen, die fanatisch finsteren Intellektuellen-Visagen mancher damals dominierender Apo-Heroen" weckt Joachim Kaiser (SZ v. 13./14.1.) in uns die keineswegs paranoide Erinnerung an die Pogromstimmung jener Zeit, der Rudi Dutschke zum Opfer fiel.

Ob mit den außer- und antiparlamentarischen Attacken des "roten Jahrzehnts" (Gerd Koenen) das demokratische Potenzial der Bundesrepublik Deutschland nicht erst geweckt worden ist, das unter einer autoritären Formierung weitgehend noch in der Verfassung schlummerte - das ist die erste große Frage der aktuellen Auseinandersetzung, die man versöhnlich so beantworten könnte: Das staatliche Gewaltmonopol wird nicht mit der Muttermilch aufgesogen, seine Anerkennung ist eine kulturelle Leistung und mit dem Vertrauen verbunden, dass es zur Zivilisierung sozialer Konflikte beiträgt und nicht missbraucht wird.

Die Abwendung vom Linksradikalismus hatte bei seinen Anhängern eine Veränderung der Republik, ihre Demokratisierung zur Voraussetzung, die für die "politische Einkehr nur selten den Kniefall" (Joscha Schmierer) erzwang, der mit der Biographie auch die Persönlichkeit gebrochen hätte. Diese dialektische Sicht würde einen Lernprozess auf beiden Seiten dokumentieren: auf unserer nicht zuletzt die Erleichterung darüber, dass das utopische Projekt einer "befreiten Gesellschaft" in all seinen Varianten gescheitert ist und weder die terroristische Strategie des bewaffneten Kampfes, noch die maoistische der revolutionären Volksdemokratie, die Schmierer, Koenen oder Semler mit ihren Organisationen vertraten, zum Ziel geführt hat - und auch nicht die des anarchistisch-spontaneistischen "Wir wollen alles!" mit ihrem antiautoritären Kadertum, dem Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit und eben auch Thomas Schmid entstammen.

Ein zweiter Komplex reicht tief in die seelische Verfassung der 68er-Generation, unter die Oberfläche ihrer Militanz in den moralischen Rigorismus, der sie speiste. In den ersten 20 Jahren seines Bestehens hatte das neue Deutschland/West im Windschatten des Kalten Krieges die Aufklärung der Nazi-Verbrechen nicht nur juristisch bis an die Verjährungsgrenze verschleppt, während der verordnete Antifaschismus in Deutschland/Ost mit der Projektion des Bösen auf den Klassenfeind das verhinderte, was man einmal die Aufarbeitung der Vergangenheit nennen sollte. Die historische Aufgabe der Erinnerung hatte man sozialpsychologisch der Nachfolgegeneration hinterlassen, die sie im Westen (im Osten verwaltet gerade die Enkelgeneration das antifaschistische Erbe der DDR auf ihre Weise) im Kampf mit der kollektiven Imago der Nazi-Eltern zu bewältigen versuchte. Ist es da verwunderlich, dass sich in die politischen Auseinandersetzungen jener Zeit auch die projektiven Verkennungen eines Generationenkonflikts hineinschoben oder der familiäre Ablösungskampf der Nachkriegsgeneration unbewusst an gesellschaftlichen Themen ausgetragen wurde? Die exotische Identifikation mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt verdankte sich gewiss auch einem offenen kosmopolitischen Blick, aber im Kult um Che Guevara oder Mao-Tse-Tung war auch eine jugendliche Sehnsucht nach Idolen zu erkennen, mit allen moralischen Illusionen und grotesken Irrtümern, die sich heute noch im Bild des edlen Asylbewerbers finden.

Die unaufgeklärte Moralschicht im Sozialcharakter der 68er hat Auswirkungen auch auf die nächste Generation - das müsste eine dritte Frage im mehrschichtigen Diskurs der Vergangenheitsbewältigung sein. Als "Unfähigkeit zu trauern" hatten Alexander und Margarethe Mitscherlich einmal den scheinbar spurlosen Verlust des kollektiven Ich-Ideals der Deutschen in Gestalt des geliebten Führers beschrieben. Die fehlende Trauerarbeit ihrer Väter und Mütter war für die revoltierende Jugend eine entscheidende Triebkraft ihrer politischen Sozialisation, die so ein eigenes Ich-Ideal hervorbrachte: Wir übernahmen die Schuld unserer Eltern, der sie sich nicht hatten stellen wollen (oder können, weil sie so unsäglich groß war), und wir bezogen unseren Stolz aus der unausgesprochenen Gewissheit, die besseren Deutschen zu sein, indem wir uns unserer Herkunft schämten.

Nun sind die jungen Rechtsextremisten mit dieser nationalen Schamkultur konfrontiert, und sie provozieren uns mit dem Bekenntnis, dass sie stolz darauf sind, Deutsche zu sein. Ein eitler, negativ fixierter Nationalismus: "Nie wieder Deutschland!" erhält seine seitenverkehrte Antwort mit ihren barbarischen Konsequenzen: "Deutschland den Deutschen!" Bodo Morshäuser hat in seinen Streifzügen durch die Gedankenwelt der rechten Szene auch in dieser Zeitung auf diesen entgleisenden Generationendialog hingewiesen - und auf die Verhandlungsunfähigkeit, die er auf beiden Seiten produziert. Selbst der tragische Feldzug der Meinhof-Tochter gegen die Linken gehört noch in diesen blinden Zusammenhang.

Es ist eine bittere Ironie der 68er-Geschichte, dass die historische Berufung auf eine hochfahrende Moral im Streit über den Kosovokrieg Befürworter und Gegner miteinander verband. Die humanitäre Begründung der militärischen Intervention verlangte in Deutschland, ebenso wie ihre heftige Ablehnung, nach dem emphatischen "Nie wieder!". Ob: "Nie wieder Krieg!" oder: "Nie wieder Faschismus!" - darauf konnte sich die Generation nicht einigen und blieb in ihrem moralischen Sonderanspruch gespalten.

Joschka Fischer hatte diese Alternative vorgegeben und sich für eine Dämonisierung des Milosevic-Regimes entschieden, die Scharping in seinem Heiligen Krieg gegen den neuen Hitler und das zweite Auschwitz zur symbolischen Rechtfertigung der wirklichen Kollateralschäden ermutigte. Dabei hätte die Berufung auf eine internationale Polizeifunktion mit dem Ziel einer Beendigung des grausamen Bürgerkriegs genügt, um zwischen die Fronten zu gehen, statt in einem pädagogischen Luftkrieg Belgrad zu bombardieren. Die eigentliche moralische Korruption des "robusten" Einsatzes bestand nicht in seiner fehlenden völkerrechtlichen Grundlage, sondern in der westlichen Strategie einer unbedingten Vermeidung eigener Opfer, die eine Entsendung von Bodentruppen zur Trennung der verfeindeten Gruppen gekostet hätte. Auch auch diesem Feld wäre Selbstaufklärung über die fatalen Wirkungen eines Generationenphantasmas angebracht.

Moral als Hypermoral

 

Joschka Fischer ist der Repräsentant dieser politischen Generation. Er verkörpert wie kein anderer ihre lebendige Geschichte, ihr krisenhaftes Erwachsenwerden, ihre parlamentarische Zivilisierung und ihre gesellschaftliche Gegenwart. Wer in den 70-er Jahren in seiner Nähe war und genügend Distanz zu ihm hielt, konnte seine Begabung damals schon erkennen. Sie enthielt - neben Intelligenz, Machtgespür und einigen exzessiv ausgeprägten Sekundärtugenden - eine kommunikative Kompetenz besonderer Art: Er entwickelte eine suggestive Überzeugungskraft, die er je nach Situation in den verschiedensten Facetten schillern ließ und in öffentlichen Reden zu einer Brillanz steigern konnte, die seine Zuhörer aufs Höchste faszinierte.

Diese enorme Wirkung verdankte sich nicht nur dem literarischen Wissen des Autodidakten und seiner in den endlosen Debatten jener Zeit geschulten Rhetorik, sondern auch einem moralischen Unterton, der den Geist dieser Epoche aufs Genaueste traf. Gerade deshalb konnte er der martialischen Hypermoral der RAF im Namen des Humanismus so überzeugend entgegentreten. Den Gegner, selbst den in den eigenen Reihen, mit einer guten Portion Aggression anzugreifen, war eines der Markenzeichen, mit denen er, kein Meister der filigranen Spielkunst, sogar im Fußball reüssierte. Ohne diese Lehrjahre der Militanz, ohne die moralische Schulung, ohne den Blick in den existenziellen Abgrund wäre Fischer nicht das, was er heute ist. Anerkannt noch im Hass seiner verspäteten Feinde, die ihn zu Fall bringen wollen - wegen seiner Zukunft, nicht wegen unserer Vergangenheit, über die er gerade Selbstauskunft erteilt.

 Frankfurter Rundschau vom 23.1.2001