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17.01.2001 BILD ONLINE - Politik

Von M. MENDE und P. HUTH

Außenminister Joschka Fischer (52, Grüne) – gestern musste er als Zeuge im Prozess gegen den Terroristen Hans-Joachim Klein (52) vor dem Frankfurter Landgericht aussagen. Dabei bekannte sich der Außenminister zu seinen Gewalttaten in den frühen 70er-Jahren. Fischer: „Ich war kein Sozialarbeiter, ich habe auch mal hingelangt.“

 
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Joschka Fischer 1973: Der 25-Jährige rebelliert gegen Staat und Polizei. Er raucht, unter dem T-Shirt zeichnen sich Muskeln ab, die er mit täglichen Kraftübungen trainiert.

Frankfurt/Main, gestern 9.25 Uhr: Der Zeuge Joschka Fischer (52) auf dem Weg zur Begegnung mit seiner Vergangenheit...

Mit aufgeschlagenem Mantelkragen, den Kopf tief zwischen den Schultern vergraben, steigt er aus seinem dunklen Dienst-Mercedes. An 300 Journalisten vorbei geht er ins Frankfurter Landgericht, begleitet von 6 Leibwächtern.

Pünktlich um 9.30 Uhr betritt der Zeuge Fischer den Saal 165 C, öffnet den mittleren Knopf seines grauen Jacketts, setzt sich. Nervös spielen die Finger mit der goldgefassten Halbbrille.

Richter Gehrke: „Herr Fischer, ich muss Sie – wie jeden anderen Zeugen – belehren, dass Sie hier die Wahrheit sagen müssen. Sie können auch vereidigt werden. Dies nur der Form halber. Zu den Personalien. Sie heißen Fischer?

Fischer: „Ja.“

Gehrke: „Ihr Vorname – korrekter Vorname?“

Fischer: „Joseph-Martin. Joseph mit ph. Geboren am 12. 4. 1948.“

Gehrke: „Ich bräuchte Ihr Alter in Jahren.“

Fischer: „52.“

Gehrke: „Beruf?“

Fischer: „Bundesminister des Äußeren.“

Gehrke: „Und Ihr Wohnort? Der Ort reicht.“

Fischer: „Berlin.“

Gehrke: „Herr Fischer – wann haben Sie Herrn Klein kennen gelernt?“

Fischer: „In Vorbereitung auf diese Aussage habe ich mir die Frage selbst vorgelegt – aber ich kann mich beim besten Willen nicht genau erinnern. Das muss Anfang der 70er in Frankfurt gewesen sein.“

 

Fischer im Terror-
Prozess: Das Tagesprotokoll

Gehrke: „Fangen wir mal ganz vorne an.“

Fischer: „Die Sponti-Szene hat sich entwickelt aus dem auseinander brechenden SDS (Anm.: Sozialistischer Deutscher Studentenbund) heraus. Man muss das ein bisschen einbetten. Wir fühlten uns wie Fremde im eigenen Land. ‚Geh nach drüben‘ war ja noch die weiche Version, wie wir beschimpft wurden. Es gab aber auch ,Ihr gehört ins Arbeitslager‘ und ,sofort vergasen‘ war die härteste. Das war die Atmosphäre damals. Da wurde man vom Antikommunisten zum Kommunisten, weil das halt auch Provokation war.

Dann wollten wir ein anderes Leben. Wir wollten nicht auf irgendwelche Reformen vom Staat warten. Wir wollten das Leben anders organisieren, das richtige Leben im Falschen führen. (...)

Aber die 68er-Revolte, das war eine Freiheits-Revolte. Deshalb krieg ich so einen Hals, wenn das heute von einigen Leuten mit der Nazizeit verglichen wird.“

Gehrke: „Lassen Sie’s ruhig raus.“

Fischer: „Wissen Sie, damals ist mir, von Schulhof-Rangeleien mal abgesehen, völlig fremd gewesen, mich zu hauen. Ich bin im streng katholischen Flüchtlingsmilieu in Baden-Württemberg aufgewachsen, war Messdiener, wäre eigentlich eher ein idealer Kandidat für die Junge Union gewesen.“ (...)


LinkBILD-Ted: Soll Fischer Außenminister bleiben?
 
Gehrke: „Und die Gewaltfrage?“

Fischer: „Natürlich wurde die Gewaltfrage rauf und runter diskutiert überall. Meine Haltung dazu war eigentlich immer ganz klar. Aber ich will mal was zu meiner persönlichen Entwicklung sagen. Warum ich militant wurde:

Ich wurde Ostern 68, Ostermontag, an der Frankenallee mit meiner damaligen Frau windelweich geprügelt,

obwohl wir damals gar nichts gemacht hatten. Das war der Punkt, wo sich etwas ändert in meinem Kopf.“ (...)

Gehrke: „Und dann kam die Putzgruppe?“

Fischer: „Die Putzgruppe diente zur Verteidigung der besetzten Häuser. Und die Putzgruppe habe nicht ich gegründet.“

Gehrke: „Was heißt das konkret?“

Fischer: „Wir sind in den Taunus gefahren und haben trainiert, wie man sich wehrt. Der Erfolg war überwältigend negativ – die Blocks wurden einer nach dem anderen geräumt, fertig.“

Gehrke: „Wie kam es zu den berühmten Fotos von Ihnen, auf denen auch Herr Klein zu sehen ist?“

Fischer: „Das war am Bornheimer Uhrtürmchen. Die Polizei hat eine Demo aufgelöst. Die Polizei machte Jagd auf einzelne Demonstranten. Da waren welche, die kamen aus Köln. Einer war verletzt, ich wollte helfen. Einer rief noch „Zurück, zurück!“ Aber ich lief nicht mehr weg. Das war eine individuelle Entscheidung. Ich habe mich umgedreht und bin zum ersten Mal nicht mehr weggelaufen.“ (...)

Gehrke: „Wenn ich die Fotos richtig sehe, gab es keine Waffen?“

 
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Der Funkwagen, der bei der gewalttätigen Demonstration 1976 in Frankfurt in Flammen aufging. Der Polizist Jürgen Weber wurde schwer verletzt. Fischer nahm an der Demo teil.

Fischer: „Nein, es gab keine Waffen.“ (...)

Gehrke: „Gab es bei irgendjemandem, der Ihre Sympathie hatte, Waffen? Auch Brandsätze?

Ich muss Sie jetzt belehren, dass Sie nach Paragraph 55 nicht zu antworten brauchen, wenn Sie sich selbst belasten würden.

Wir wollen hier ja keine Fehler machen.“

Fischer: „Ich antworte trotzdem gerne. Nein, es gab keine Waffen.“

Gehrke: „Der Terrorist Carlos, der in diesem Verfahren ja auch vernommen wurde, hat angegeben, in Ihrer Wohngemeinschaft mit Daniel Cohn-Bendit seien Waffen gelagert worden.“

Fischer: „Na klar. Nee, also wirklich: Wer schläft schon gerne auf Waffen und Sprengstoff, wenn er nicht gerade Carlos heißt? Das ist grotesk. Wer Dany und mich kannte, wusste, es gibt keinen ungeeigneteren Platz.“ (...)

Gehrke: „Sie wollten nie gegen die demokratische Grundordnung vorgehen?“

Fischer: „Ich war Revolutionär und kein Demokrat.

Und ich habe auch lange gebraucht, bis ich die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland als etwas Einzigartiges begriffen habe.“

Gehrke: „Diese Schlussworte zeigen, dass wir nicht nur den Zeugen Fischer, sondern einen Außenminister vernommen haben. Vielen Dank.“

Fischer: „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, Herr Vorsitzender. Und bei den anderen auch.“

Fischer zögert einen Moment. Setzt die Brille auf und geht auf seinen ehemaligen Freund Hans-Joachim Klein auf der Anklagebank zu. Fischer streckt ihm die Hand entgegen, der Angeklagte schüttelt sie herzlich. Sie wechseln wenige Worte. Dann verlässt Fischer den Gerichtssaal.