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Donnerstagskreis

Vereinigte Linke in der Berliner SPD  

Erkennen und Gestalten -Nr.12/II  
Rerum cognoscere causas - der Dinge Wesen ergründen – 
Vergil / J.W.Goethe  

Privatisieren – Strangulieren

Zur Bilanz der Privatisierungspolitik

Die wirtschaftliche und finanzielle Situation Berlins hat sich seit 12 Jahren stetig verschlechtert: Hatte Berlin im Jahre 1990 Schulden in Höhe von 18 Milliarden DM, sind es nun 78 Milliarden DM. Hinzu kommt die 40-Milliarden-DM-Garantie für Geschäfte der Bankgesellschaft. Etwa 70 Milliarden DM zusätzlicher Verpflichtungen aus dem Wohnungsbau schlagen jährlich mit rund 3 Milliarden DM an Zinszahlungen zu Buche.

Seit 1995 verspricht die SPD, sie werde die Finanzen ordnen und die Deckungslücke zwischen Einnahmen und Ausgaben "durch eine kontinuierliche Rückführung der Netto-Neuver-schuldung" schließen und so im Rahmen "einer Spar- und Umstrukturierungspolitik aus eigener Kraft und sozial ausgewogen die Handlungsfähigkeit wiederherstellen". Bis zur Konsolidierung würden Verkäufe die Zwischenfinanzierung sichern.

Zunächst sollte das Ziel der Konsolidierung bereits zur Jahrtausendwende erreicht sein, dann 2002, dann 2009 - und nun in unbestimmter Zeit. Die Berliner vermuten Pflaumenpfingsten.

Die bisherigen Lösungsvorschläge

·   Wir haben bereits berichtet, wie bis 1995 die Probleme der Stadt durch Gigantomanie gelöst werden sollten. Diese Methode ist zwischenzeitlich stillschweigend ad acta gelegt worden - ohne die notwendige Rechenschaft zu legen.

·   Seither wird versucht, vor allem durch Abbau des öffentlichen Dienstes und durch Privatisierungen (Verkauf öffentlichen Eigentums) zu „konsolidieren“.

Die Privatisierung ist zum Kernstück der sogenannten „Sparpolitik“ geworden. Für kurze Zeit wurde behauptet, die Verkäufe würden der Überbrückung finanzieller Engpässe dienen, bis man zur „Konsolidierung“ gelangt sei.

In Wahrheit stand aber von Anfang an eine ideologische Position hinter der Forderung zu privatisieren. Dieses Konzept, das global angepriesen und umgesetzt wird, beschreibt Deutschlands bekanntester „Unternehmensberater“, Roland Berger, wie folgt:

„Die hohe Staatsquote in der EU behindert Innovation und Wachstum. Sie lag im Jahre 2001 im EU-Schnitt bei 44,8 % (48,0% in Deutschland) gegenüber 29.6 % in den USA. Uns stehen nur 55 % unseres BIP (Bruttoinlandsprodukt)  für Innovation und Wachstum zur Verfügung – den Amerikanern 70 %. Branchen wie das Bankwesen, Energie, Transport, Wasserversorgung, Abwassermanagement und viele andere sind weitgehend in Staatshand. Durch Privatisierung und Liberalisierung würden sie innovativer und produktiver, könnten schneller wachsen und unsere Bürger bei niedrigeren Preisen besser versorgen. Außerdem führt die hohe Staatsquote in der EU zu einer Wohlstands- und Einkommensumverteilung.“

Unmissverständlich wird hier klar, dass die Verkäufe öffentlichen Eigentums das Ziel sind. Dass diese Maßnahmen der Konsolidierung der Staatsfinanzen dienen, wird von Herrn Berger nicht einmal in Erwägung gezogen. 

Da noch immer viele Politiker dieser Ideologie glauben entsprechen zu müssen und sie den Bürgern als notwendige Schritte zur Haushaltskonsolidierung darstellen, ist es Zeit die Erfolge dieser Politik zu überprüfen. Als Erfolge betrachten wir allerdings nicht die „Einkommensumverteilung“ zu Gunsten der von Herrn Berger beratenen Großkapitalisten.

Für uns sind Erfolge nur dann gegeben, wenn sie dem Gemeinwesen dienen.

Was haben die Privatisierungen erbracht?

1. Geld für das Land Berlin

Die Frage nach dem Ertrag der Verkäufe, ist leicht zu beantworten: Es ist der Kaufpreis, den die Privaten an die Staatskasse bezahlt haben. Und der messbare "Gewinn für den Staatshaushalt" liegt im Wegfall von Zinsleistungen, weil man in Höhe dieser Erträge keine Kredite aufnehmen musste.

Von 1996 bis 2001 wurden die öffentlichen Betriebe Bewag, Gasag, die Wasserbetriebe und die GEHAG zu einem (Gesamt)-Preis von 7,9 Milliarden DM veräußert. Das ergibt bei einem durchschnittlichen Zinssatz von 5,4% rund 436 Mill. DM jährlich.

222 Millionen € spart der Haushalt jährlich an Zinsen.

Zu den volks- und betriebswirtschaftlichen Gesamtrechnungen gehören allerdings die entgangenen Erträge und der dauerhafte Vermögensverlust für das Gemeinwesen.

2. Die Verkäufe im Einzelnen

Zu den Verkäufen wurde – wie bei Roland Berger - mit rosiger Zukunft und großartiger wirtschaftlicher Entwicklung durch "strukturelle Entscheidungen“ gelockt.

2.1 Der Verkauf der Bewag

Erinnern wir uns an den Bewag-Verkauf von 1997! Das Land besaß noch 50,82 % der Anteile. Diese wurden an drei Bieter verkauft: für 970 Mill. DM erwarb der Konzern „Southern Company“ mit 21,6% die wirtschaftliche Führung; 730 Mill.DM zahlte die VIAG für 16% der Anteile, 590 Mill.DM die VEBA für 13% Anteile. Insgesamt erbrachte der Verkauf der Bewag für das Land 2,29 Milliarden DM.

Der Haupt-Erwerber, die "Southern", heute "Mirant", versprach, Berlin zum Ausgangspunkt der Expansion eines weltweit agierenden nordamerikanischen Stromkonzerns für Osteuropa zu machen.

Was geschah tatsächlich? Die "Mirant" zog sich im Jahre 2001 nach Amerika zurück, nicht ohne den "abartig hohen Preis" (so die Konzern-Chefin Marce Foller) von 3,55 Milliarden DM mitzunehmen, den Vattenfall Europe für ihren Anteil bezahlte. Gekauft hatte Southern für 970 Mill. DM - investiert keinen Pfennig, denn schon den Anteilskauf finanzierte "Southern" mit einem Griff in die Bewag-Kasse. Alles, 3,55 Milliarden DM, war Reingewinn auf Kosten Berlins. Der ganze "deal" hatte für die Amerikaner nur ein einziges Ziel: Auf risikolose Weise bei den dummen Deutschen Geld abzuzocken.

Heute bangt Berlin: Wo wird der neue Eigentümer, "Vattenfall Europe",der nun über den Hamburger Energieversorger HEW zu 89% an der Bewag beteiligt ist, seine Großkundenbetreuung ansiedeln? Und bleibt die Bewag tatsächlich auf Dauer als Regionalgesellschaft erhalten und ihr Vermögen im Unternehmen?

Die Zeichen stehen schlecht: Die Anlagen werden heute auf Verschleiß gefahren, bis die Turbinen platt sind. Wenn die Produktion zusammenbricht macht das nichts. „Vattenfall Europe“ verfügt über ausreichende Mengen an Atomstrom. Vorstandsvorsitzender Klaus Rauscher gibt deshalb auch keine Garantie für deren Fortbestand: „Kraftwerke laufen so lange, wie sie wirtschaftlich betrieben werden können.“

Das große Ausschlachten kommt. Das Datum steht sogar schon fest : Der 31.Januar 2003. Dann wird die Bewag im Staatskonzern Vattenfall aufgehen - mit Trennung von Vermögen und vom Risiko, dem Personal nämlich. Und dann erfolgt zunächst der Verkauf der nicht betriebsnotwendigen Grundstücke der Bewag. Das wird Hunderte von Millionen € bringen. Die gehen nach Schweden.  

Die Arbeitsplätze hat man in der Bewag von 9.591 (1997) auf 5.040 (2002) also um 47% abgebaut, 2007 sollen es noch 4.350 sein.

Die Kürzungen der Instandhaltungsleistungen (siehe oben) bringen dem Konzern Gewinn – Berlin aber den Verlust an mittelständischen Arbeitsplätzen.

Das Vermögen der Bewag ist ausgeweidet worden: Um die Dividenden zu erhöhen, wurden 512 Mill. DM der Rücklagen in  1999 auf das  Grundkapital (nach dem die Dividende berechnet wird) „umgebucht". Der Gewinn für die Privaten durch diese „Aktion“: 228 Mill. DM - bei unverändertem Ertrag!

Das Land Berlin hatte 1996/1997 noch insgesamt 99 Mill. DM aus der Bewag erhalten. Seit der Privatisierung hat das Land statt der Dividende nur noch Strieders berühmte Mitspracherechte. Die werden erwartungsgemäß nicht wahrgenommen.

Die Preise der Bewag sind seit der Privatisierung gestiegen: 2001 gegenüber 2000 um 4,1%! Einen Teil dieser Preiserhöhungen zahlt das Land Berlin – durch die Sozialhilfe.

Die Bilanz: Der Verkauf der Bewag hat 2.290 Mill. DM erbracht, er hat 4.550 Menschen direkt und viele weitere mittelbar arbeitslos gemacht. Er bedeutete den Verzicht auf rund 50 Mill. DM jährliche Dividende (250 Millionen DM bis heute). Die Verbraucher zahlen mehr, die Steuereinnahmen sanken, Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe stiegen, Krankenkassen und Sozialsysteme werden zusätzlich belastet. Für Tausende Menschen und Familien ist das der Sturz in die Perspektivlosigkeit.

2.2 Wasserbetriebe

Der Teilverkauf der Wasserwerke, des größten kommunalen Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsunternehmens in Europa, wurde damit begründet, dass dieser Berliner Betrieb über ein "Know-how" verfüge, das - durch einen Privaten vermarktet - bis nach China strahlen würde.

Nachdem heute alle überregionalen Projekte in den Sand gesetzt worden sind, erarbeitete der Wirtschaftsberater der privaten Erwerber ein "Sanierungskonzept". Sein Inhalt: Die Wasserwerke sollen sich auf ihr regionales Kerngeschäft beschränken.

Die Wasserbetriebe wurden 1999 teilprivatisiert. 51 % der Anteile behielt das Land Berlin, das übrige wurde zu gleichen Teilen an die Konzerne Vivendi und RWE verkauft. Der Erlös erbrachte 3,38 Milliarden DM.

Vivendi und RWE sind Konkurrenten, die sich nur in einem einig sind: Eine möglichst hohe Rendite zu erzielen.

Schon ein Jahr nach dem Erwerb folgt, was wie ein Ganovenstück anmutet: Mit Bilanzfälschungen, mit dem geheimnisvollen US-Investor "Global Energy", dessen Engagement zum Kauf des SVZ „Schwarze Pumpe“ sich alsbald in Luft auflöst, erreichte man enorme Gewinnausschüttungen an die Privaten und den öffentlichen Haushalt, obgleich kein Gewinn erzielt wurde. Das Geld war nämlich nicht geflossen. Das Cayman-Geschäft zum Verkauf der IBAG im gleichen Jahr lässt grüßen.

Und damit nicht genug: Die Privaten bekommen vertraglich neben der Rendite einen Gewinnzuschlag von 2% auf das von ihnen eingebrachte Kapital - und zwar 28 Jahre lang. Diese Vereinbarung hatte das Verfassungsgericht Berlin für verfassungswidrig erklärt. Dennoch wurde diese sittenwidrig anmutende Rendite gesichert. Das führt - so die Untersuchungen des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen - zu einer Verzinsung des eingebrachten Kapitals in Höhe von 20 %.

Diese private Rendite muss erwirtschaftet werden. Und das wird zur Erhöhung des Wasserpreises zwischen 20 - 30 % im nächsten Jahr führen.

Die Berliner werden sich wohl auch daran gewöhnen müssen, dass Bedürftige - wie das in London schon jetzt der Fall ist - erst dann spülen dürfen, wenn sie zunächst eine Münze in den Wasserspender geworfen haben.

Die wirtschaftlichen Folgekosten des Verkaufs waren verheerend. An den Wasserwerken, die jedes Jahr 1 Milliarde DM für Instandhaltungen aufwendeten, hingen 10 000 außerbetriebliche Arbeitsplätze, zumeist in kleinen regionalen Betrieben, die tatsächlich Berlinerinnen und Berliner beschäftigten - und hier ihre Steuern zahlen. Diese Ausgaben wurden nach der Privatisierung sofort um die Hälfte auf 564 Millionen DM in 2000 gekürzt, was den Tod vieler dieser Betriebe bedeutete. Wird das aktuelle Konzept der Reduzierung auf das Berliner Kerngeschäft durchgesetzt, wird dieser Kahlschlag den Abbau mindestens weiterer 1300 Arbeitsplätze zur Folge haben.

2.3 Die GASAG

Die GASAG wurde im Juni 1998 privatisiert. Berlin besaß zu diesem Zeitpunkt noch 51,2 % der Aktien. Diese wurden an Gaz de France und an die Bewag verkauft. Das erbrachte 1,41 Milliarden DM.  Von den 2.568 Arbeitsplätzen 1998 wurden bis heute 1.381 Arbeitsplätze (53 %) "sozialverträglich" abgebaut,  

Durch die zu diesem Zweck mit den Gewerkschaften ausgehandelten Sozialpläne entstanden zunächst Verluste in Höhe von 558 Mill. DM.

Sie wurden durch die Erhöhung der Gas-Preise um 43,7% bis 2001 "erwirtschaftet".

Der Versorger Gasag rechnet mit weiter steigenden Preisen und Gewinn, der nunmehr - nach Ablauf der Sozialpläne - desto lebhafter in die Kassen der Eigentümer sprudelt.

Anders werden das die Berliner sehen, deren Mietnebenkosten erheblich gestiegen sind und weiter steigen. Auch hier bezahlt das Land Berlin die Kosten soweit Sozialhilfebedürftige dadurch betroffen sind und auch hier fallen Steuern und Sozialleistungen weg. 

Nun folgt ein besonderes Schelmenstück: Die Gasag war für 1,41 Milliarden DM dem Land abgekauft worden. Im Jahre 2000 verkauft der Erwerber das Gasnetz für 1,6 Milliarden DM an die KG AL München, eine allgemeine Leasinggesellschaft, heute Kordax München. Da sie das Gas-Netz aber für den Betrieb benötigen, least es die Gasag von dem Erwerber für 12 Jahre zurück.

Sale-and-lease-back nennt sich diese "Geschäftspraxis".

Nur damit es niemand überliest: Man kauft vom Land für 1,41 Milliarden DM und verkauft einen Teil des Erworbenen für 1,6 Milliarden DM.

Der Erwerber muss den Kaufpreis schnell wieder hereinholen. Wenn der Konzessionsvertrag im Jahre 2008 abläuft, kann die Gasag die Anlagen zurückkaufen – wenn sie dazu finanziell in der Lage ist.

Man braucht kein Prophet sein: Das wird teuer – und zwar für Berlin, denn die Stadt kann nicht zulassen, dass die Gasversorgung zusammenbricht.

Immerhin: Anette Fugmann-Heesing nennt den Gasag-Verkauf eine „Erfolgs-Story“!

2.4 Die Bankgesellschaft

Mit Privatisierung der Bankgesellschaft Berlin schrieben die Verantwortlichen ein besonders schreckliches Kapitel Bankengeschichte.

Allein für die Kapitalerhöhung 2001 wurden 3,5 Mrd. DM Haushaltsmittel eingesetzt. Durch die Risikoabschirmung entsteht dem Land am Ende ein Verlust von mindestens 16 Milliarden DM, im günstigen Fall verteilt auf 30 Jahre. Es können aber auch 45 Milliarden DM werden. Die neuste Forderung:

Zusätzlich eine Garantie über 10 Mrd. DM für die Berliner Bank!

Eine Kontrolle gab und gibt es nicht! Deshalb fordert der Rech-nungshof von Berlin die im Zuge der Bildung der Bankgesellschaft beseitigten Prüfungsrechte wiederherzustellen.

Wird gar noch die Sparkasse verkauft, dann verzichtet Berlin auf ein wichtiges Instrument der Finanz-, Wirtschafts-, und Sozialpolitik.

Das Thema – durch uns in die Öffentlichkeit getragen - bleibt auf der Tagesordnung.

2.5 Bundesdruckerei

Der Verkauf der Bundesdruckerei durch den Bund erweist, dass nicht allein "Berliner Unfähigkeit", sondern das System der Privatisierungen für den Staat und seine Bürger zum Misserfolg führt.

Die Berliner Bundesdruckerei ist Ende 2000 von Hans Eichel privatisiert worden. Sie wurde von der Authentos - Gruppe für 2,0 Milliarden DM erworben.

Die Bundesdruckerei, in der Banknoten, Personalausweise und Führerscheine hergestellt werden, schrieb vor der Privatisierung schwarze Zahlen. 1990 beschäftigte die Druckerei noch 4.000 Mitarbeiter, derzeit sind es noch 1.690 (Abbau um 57%). Die Authentos-Gruppe ist nach dem Erwerb in die finanzielle Schieflage geraten. Im August 2002 wurde die Zahlungsunfähigkeit abgewendet - durch Hilfe des Bundes. Immerhin wird hier Material von höchster Bedeutung für das Staatswesen hergestellt.

Vor einem geplanten Weiterverkauf nach einer "Sanierung" wurde die Authentos-Gruppe vor kurzem auf einen Zwischenerwerber übertragen. Der neue Eigentümer, die JFVVG 39, hat die Bundesdruckerei nunmehr für einen € und Übernahme von 1 Milliarde DM Schulden erworben. Das Sanierungskonzept wurde von Roland Berger persönlich erarbeitet. Er verlangt den weiteren Arbeitsplatzabbau von ca. 300 Arbeitsplätzen. Eine "Expansion auf internationale Märkte erfordere wettbewerbsfähige Strukturen und niedrigere Kosten" - so der Vorstandsvorsitzende Ulrich Wöhr. Der Erfolg bleibt – wie immer – unwahrscheinlich. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen:

Da wird ein rentabler Betrieb verkauft. Es werden 2.310 Arbeitsplätze abgebaut, bald sind es 2.610. Das sind gute Vollzeitarbeitsplätze gewesen, die Steuern und Sozialabgaben brachten. Was bleibt, ist ein Betrieb, der sich der vagen Hoffnung hingibt, "internationale Geschäfte" machen zu können. Im entscheidenden Augenblick freilich muss die öffentliche Hand zahlen, da staatliche  Interessen unmittelbar berührt sind.

3.  Fazit

Die Ideologen des Neo-Liberalismus wie Roland Berger versprachen:

Mit der Privatisierung der Banken, der Energie, der Wasser- und Abwasserversorgung

·       würden die Betriebe innovativer und produktiver.

·       Sie würden schneller wachsen.

·       Die Bürger würden bei niedrigeren Preisen besser versorgt.

1.  Bei der Bankgesellschaft hofft Berlin mit einem Schaden von 16 Milliarden DM davon zu kommen. Es könnten aber auch 45 Milliarden DM und mehr werden. Der Betrieb soll gesund geschrumpft werden. 4000 Arbeitsplätze werden gestrichen. Die Leistungen für die Kunden werden abgebaut, das Filialnetz wird reduziert, die Gebühren werden erhöht. In allen Punkten das Gegenteil des Versprochenen.

2.   Die Bewag wurde und wird ausgeraubt – und wir können zufrieden sein, wenn der Betrieb als regionaler Versorger erhalten bleibt. Auch hier in allen Punkten das Gegenteil des Versprochenen.

3.   Die Gasag ist in einen „Flottenverband“ zerhackt worden. Die Preise sind drastisch gestiegen. Auch hier in allen Punkten das Gegenteil des Versprochenen.

4.   Die Berliner Wasserbetriebe sind nicht gewachsen, sondern reduziert worden. Die Preise werden dramatisch steigen. Auch hier in allen Punkten das Gegenteil des Versprochenen.

In keinem einzigen dieser Fälle hat die Privatisierung die versprochenen Vorteile erbracht. Damit wird deutlich, was die Strategen des Radikal - Kapitalismus als Erfolg bezeichnen: Sie wollen nicht nur 55% des BIP zu ihrer Verfügung, sondern - wie in den USA – 70%.

Mit „uns“ meint Herr Berger  also die „Innovatoren“, die in Europa „schlechtere Renditeaussichten haben als in den USA.“

Wir, die Bürger Berlins sind definitiv nicht gemeint. Wir sind die Opfer einer solchen Politik, stellen das Kapital dar, dass die Neo-Liberalen mit ihren „Strukturreformen“ ausweiden wollen.

4. Die Folgen

Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit ist das wichtigste Ziel sozialdemokratischer Politik. Die oben beschriebene Politik setzt aber auf die Vernichtung von Arbeitsplätzen.

Bei der Bewag wurden nach der Privatisierung 4.550, bei der Gasag 1.380 Arbeitsplätze vernichtet. Bei den Wasserwerken wurden direkt und indirekt  6.000 Arbeitsplätze, bei der Bundesdruckerei 2.160 abgebaut.  Bei der privatisierten Wohnungsbaugesellschaft GEHAG wurden 200 Mitarbeiter eingespart. Die Landesbank Berlin–Girozentrale (Sparkasse) hatte 1996 noch 7.130 Beschäftigte, 2001 noch 5.781, also 1350 Mitarbeiter weniger (minus 19%) . Bei der Bankgesellschaft Berlin sollen bis 2005 insgesamt noch 4.000 Arbeitsplätze wegfallen. Bei den Krankenhäusern wurde das Pflegepersonal um rund 6.000 verringert.

Insgesamt wurden durch die Politik der Privatisierung mindestens 25.000 Arbeitplätze vernichtet, direkt oder indirekt.

Der Verlust von Arbeitsplätzen durch Kaufkraftverlust ist in diesen Zahlen nicht enthalten. Der Einzelhandel und das Gaststättengewerbe haben 58 000 Arbeitsplätze abgebaut.

Wie stark Frauen durch die Politik der Arbeitslosigkeit und sozialen Kürzungen betroffen werden, zeigt der Armutsbericht 2002 des Senats. In Berlin gab es im Jahre 2001 157.100 allein erziehende Mütter. Unsichere soziale Verhältnisse und immer teurer werdende Kinderversorgungseinrichtungen haben zur Folge, dass sich Frauen ihren Kinderwunsch versagen. Das führte nach der Wende bis heute zu einem dramatischen Geburtenausfall, damit zu einem permanenten Sterbeüberschuss, Abwanderung von jungen gut ausgebildeten Frauen und sinkender Einwohnerzahl. Das spüren auch jene, die Politik nur mit dem Taschenrechner machen, beim Länderfinanzausgleich (Stadtstaatenprivileg).

Frühere Generationen haben bewusst bestimmte Lebensbereiche dem kapitalistischen Wettbewerb und der Konkurrenz entzogen. Auch kapitalistische Staaten haben erkannt, dass Wasser, Strom, öffentlicher Verkehr, Entsorgung und Gesundheit zu Bereichen gehören, in denen sich die Gesellschaft in die Zwangshaft weniger begibt, wenn sie das Geschäft nicht selbst betreibt. Anderswo wird enteignet oder wie in England rekommunalisiert: Es gab ein Nein zur Privatisierung der Londoner U-Bahn. Die Schweizer haben im September 2002 mit einer Volksabstimmung das “Gesetz über den Strommarkt“, welches die Privatisierung vorsah, mit großer Mehrheit abgelehnt.

Die Bilanz der Berliner Privatisierungspolitik ist eine Katastrophe. „Neue zukunftssichere Arbeitsplätze“ wurden versprochen, mindestens sollten die verbleibenden gesichert sein. Nichts  davon ist erreicht worden. Nicht die öffentlichen, sondern die privaten Finanzen der beteiligten „Investoren“ haben nachhaltige Konsolidierung erfahren. Nach sieben Jahren melden Gasag, Bewag, Bankgesellschaft und Wasserwerke unverändert Stellenstreichungen. Neue zukunftsfähige Arbeitsplätze - Fehlanzeige. Versprechungen, nicht einmal die vertraglich vereinbarten, sind erfüllt worden („Zukunftsfonds“).

Es war und ist eine Politik gegen sozialdemokratische Prinzipien - ohne Rechtfertigung.

Berlin, im Dezember 2002      

Gerlinde Schermer