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Gedenken an das Attentat auf Dutschke

30. Jahrestag der Schüsse auf den Studentenführer

30 Jahre nach dem Attentat auf Rudi Dutschke haben Freunde und Weggefährten am Samstag in Berlin an den Studentenführer erinnert. Rund 100 Menschen trafen sich bei strömendem Regen auf dem Kurfürstendamm an der Stelle, wo eine in den Gehweg eingelassene Tafel auf den Mordanschlag vom 11. April 1968 hinweist. An jenem Gründonnerstag war Dutschke von einem rechtsgerichteten Attentäter niedergeschossen und schwer verletzt worden. Elf Jahre später starb er an den Spätfolgen.


Eine halbe Stunde lang hemmte die Gedenkversammlung das geschäftige Treiben auf dem Kudamm. Einige Anwesende legten auf der Gedenktafel Blumen nieder, die Bündnisgrünen einen Kranz. Wut oder gedrückte Stimmung kam nicht auf. Die Parole für den Tag hatte die “Tageszeitung” ausgegeben: “Dreißig Jahre Trauer sind genug”, hieß es in der von Alt-68ern wie Rainer Langhans und Christian Ströbele gestalteten Osterausgabe. Nicht gesichtet wurde Dieter Kunzelmann, über dessen Schicksal seit einer mysteriösen Todesanzeige am 3. April gerätselt wird.

Dutschke-Biograf Ulrich Chaussy erinnerte in einer kurzen Ansprache an den “unberechenbaren Denker”. Seine intellektuelle Sprache hätten viele nicht verstanden, Dutschkes Wirkung sei vor allem auf seine charismatische Ausstrahlung zurückzuführen. Wie sich der damalige Vordenker angesichts heutiger Probleme verhalten würde, darüber wollte er nicht spekulieren: “Rudi war so unberechenbar und sprunghaft in seinen Überlegungen, daß ich das nicht sagen kann.”


Der christlich geprägte Rebell Dutschke stammte aus Luckenwalde in Brandenburg. Er durfte als Wehrdienstverweigerer in der DDR nicht studieren und ging nach Westberlin. Dort wurde der Soziologe zum Wortführer der Protestbewegung der 60er Jahre. Dem konservativen Lager galt er als eine Art Staatsfeind Nummer eins. An die “Haßkampagne” erinnert sich Tilman Fichter, damals beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), noch heute. Er gehörte zu denen, die Dutschkes Hilfeschreie hörten und den Krankenwagen riefen. “Wir hatten den Eindruck, daß er stirbt”, sagte Fichter im Inforadio Berlin. Der 28jährige war mit dem Rad zum SDS unterwegs gewesen, als er vor dem Haus von dem Arbeiter Josef Bachmann mit drei Schüssen niedergestreckt wurde.
       


   
TOD ELF JAHRE SPÄTER

   
Das Attentat erregte weltweit Aufsehen und wurde Auslöser von “Osterunruhen” in Berlin und anderen westdeutschen Städten. Demonstranten, die die Springer-Presse verantwortlich machten, blockierten das Verlagshaus und steckten Transporter in Brand. Bei einer Anti-Springer-Demonstration in München wurden zwei Menschen tödlich verletzt, darunter der AP-Fotograf Klaus Frings.

Der Attentäter Bachmann wurde zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt und beging 1970 Selbstmord. Dutschke litt den Rest seines Lebens unter den Folgen des Kopfschusses, kämpfte gegen Sprach- und Gedächtnisstörungen. Jahrelang lebte er mit seiner Familie in England und Dänemark, kam erst 1979 nach Deutschland zurück. Die Parteigründung der Grünen, denen er sich zuletzt verbunden fühlte, erlebte er nicht mehr. An Heiligabend 1979 erlitt er in der Badewanne einen epileptischen Anfall und starb, 39 Jahre alt. “Jetzt solln wir wohl denken”, sang Wolf Biermann, “der starb im Bad - und nicht auf der Barrikade”.

Mit Material von: AP
1998 ZDF.MSNBC