zurück

 
SDS-Website  

02.10.1999

Martin Klesmann

Dieter Kunzelmann lobt das "exzellente Lauchgemüse" in Tegel
Der inhaftierte Politclown fühlt sich im Gefängnis wohl

Seit zweieinhalb Monaten ist der selbst ernannte "Aktionspolitologe" Dieter Kunzelmann Häftling in der Justizvollzugsanstalt Tegel. Häftlingsnummer 937/99-3, Zelle 242. Dort fühlt sich der Altkommunarde so wohl, dass er gar ein Angebot der Tegeler Anstaltsleitung ablehnte, ihn in den offenen Vollzug der Haftanstalt Düppel zu verlegen. Er, Kunzelmann, wolle wie ein gewöhnlicher Gefangener behandelt werden, ließ der ehemalige Bürgerschreck die Gefängnisleitung wissen. Der 60-Jährige gab noch einen weiteren Grund für seine Ablehnung an seine eigene Disziplinlosigkeit: "Ich fürchte, im offenen Vollzug irgendwann zu spät zurückzukommen", schrieb der Spaßrevoluzzer, "denn wenn ich mit einer Frau im Bett liege, weigere ich mich, auf die Uhr zu schauen."

Kunzelmann war wegen zwei Eierwürfen auf den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) zu elf Monaten Haft verurteilt worden. "Ich bin nach wie vor stolz auf meine Tat", teilte Kunzelmann jetzt aus seiner Zelle mit. Zunächst hatte er sich der Verhaftung jedoch entzogen. Im April 1998 hatte er in einer Todesanzeige in der "Berliner Zeitung" gar sein Ableben vorgetäuscht. Tatsächlich weilte er aber im süditalienischen Exil. An seinem Geburtstag im Juli stellte sich Kunzelmann, inzwischen inkognito nach Berlin zurückgekehrt, nach einer großen Geburtstagsparty den Behörden, indem er an die Tore des Tegeler Gefängnisses pochte. Bis Juni dauert seine Haft.

"Er fühlt sich pudelwohl", sagt Kunzelmanns Anwalt Hans-Joachim Ehrig. Bei den Mithäftlingen sei er sehr beliebt. "Er hat sich mit staatlichen Größen angelegt. Da wird man im Knast schnell zum Ritter geschlagen", sagt Ehrig. Zudem bietet Altsponti Kunzelmann den Mithäftlingen seine Dienste in bürokratischen Dingen an. "Er schreibt Anträge und gibt den anderen Häftlingen Tipps beim Umgang mit den Ämtern", sagt Ehrig.

Kunzelmann selbst aber liegt mit der Tegeler Gefängnisleitung wieder einmal im Clinch. Für einen Fernsehauftritt gewährte ihm die Anstalt keinen Sonderurlaub. Jetzt ist Kunzelmann sauer. "Erst bieten sie ihm den offenen Vollzug an, und dann darf er noch nicht einmal ein paar Stunden raus", sagt Anwalt Ehrig, "das ist nicht schlüssig." Ein weiteres Problem: Kunzelmanns Passion für Tischtennis. Immerhin wäre der gebürtige Franke in seiner Jugend um ein Haar bayerischer Tischtennis-Meister geworden. Zurzeit spielt er täglich von halb neun bis halb zehn im Gefängnisinnenhof auf einer Steinplatte Pingpong. Neuer Ärger zeichnet sich ab, wenn der Winter kommt und es draußen zu kalt ist. Denn in der Sporthalle des Gefängnisses ist kein Platz für Tischtennisplatten. "Doch Kunzelmann wird viel Energie einsetzen, damit er im Winter in der Halle Tischtennis spielen kann", sagt sein Anwalt Ehrig, "da bin ich mir sicher."

Stärkung für seine sportlichen Aktivitäten holt sich der Mitbegründer der legendären Kommune 1 derzeit in der Tegeler Gefängnisküche. Das Essen dort schmeckt ihm. "Insbesondere das exzellente Lauchgemüse muss ich loben", teilte Kunzelmann mit.

G+J BerlinOnline GmbH, 16.11.1999

Berliner Zeitung