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DIEWOCHE 05/01, 26. Januar 2001


Jahre der Freiheit, Jahre der Angst

 
Hans-Ulrich Jörges erlebte Ende der Sechziger in Frankfurt den Aufbruch der Protestbewegung - und ihr Scheitern an der Gewalt in den Siebzigern. Ein ganz persönlicher kritischer Rückblick

 

 

 

VON HANS-ULRICH JÖRGES

War noch jemand dabei? Oder war Joschka Fischer ganz alleine? Hat nur er das Kreuz der 68er zu tragen über die Via Dolorosa dieser Tage, die gesäumt ist von schweigenden Wissenden und lärmenden Unwissenden? Versuchen wir, die hohl tönenden Formeln der Anklagen und Rechtfertigungen mit Erinnerung zu füllen, mit konkreter Erinnerung. Sie mag das rasende Tempo illustrieren, mit dem sich wesentliche Teile einer idealistisch-naiv gestarteten Bewegung auf jenen Abgrund von Gewalt und Terrorismus zu bewegten, von dem Fischer heute spricht. Denn es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen der radikaldemokratischen Revolte von 1968 und der totalitären Verirrung, welcher ein Teil der 68er-Bewegung in den Siebzigern - Willy Brandt war längst Kanzler! - erlegen ist. Ende der Sechziger war diese Bewegung selbst Opfer der Gewalt (1967 wurde Benno Ohnesorg in Berlin von einem Polizisten erschossen, 1968 Rudi Dutschke bei einem Attentat lebensgefährlich verletzt); in den Siebzigern hingegen produzierte ihr terroristisches Geschwür selbst fürchterliche Opfer (die Ermordung von Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns Martin Schleyer 1977 war der traumatische Höhepunkt).

Dies ist die Erinnerung an einen ganz speziellen Biotop der 68er, eine Geschichte über die jähe Veränderung der Verhältnisse durch Gewalt. Staatliche wie linksradikale. In der spießigen Enge von Frankfurt, wird sich zeigen, ist der bundesdeutsche Linksradikalismus in den 70er Jahren gescheitert - an seinen irrwitzigen Widersprüchen, an seiner Öffnung gegenüber der Gewalt und in Teilen auch an seiner gefährlichen Nähe zum Terrorismus.

Etwa fünf Jahre dieser Entwicklung habe ich miterlebt. Ich betrat diese Szene 1969, wenn man so will, mit einem Jahr Verspätung. Und dieses Jahr, wie auch meine fortdauernde Verwurzelung in der bürgerlichen Wirklichkeit, hat mich womöglich vor manchem bewahrt. Ich besuchte in den 60er Jahren das Frankfurter Goethe-Gymnasium, direkt gegenüber dem Polizeipräsidium, und ein Mitschüler war ein gewisser Michel Friedman. Aber der spielte damals noch keine Rolle, denn er war mehr als nur ein Jahr zu jung.

Meine politische Bewusstwerdung erlebte ich in dieser Schule; ich verdanke sie einem Deutschlehrer, der mir Grass, Brecht und Celan nahe brachte und seine Schüler mit dem Schock von Auschwitz konfrontierte - die Schrecken der deutschen Vergangenheit aber vor allem mit seiner eigenen Leidensgeschichte ins warme Klassenzimmer holte. Jener Lehrer nämlich war im Krieg als Kradmelder durch einen Tiefflieger vom Motorrad geholt worden, ein Geschoss durchschlug den Stahlhelm und legte das Gehirn frei. Wenn der schmächtige Mann - der linke Arm hing leblos am Körper - bei regelmäßig wiederkehrenden Hirnkrämpfen mit der Rechten nicht schnell genug eine rettende Tablette aus der Tasche ziehen konnte, saß er plötzlich abwesend, glasigen Blickes vor seinen Schülern. Fünf Minuten, zehn, zwanzig ... Und die waren ebenso gelähmt, schwiegen, starrten ihn an und spürten zum ersten Mal mit klammem Herzen, dass die Nazi-Zeit - in Gestalt dieses Opfers - hineinragte in ihre Gegenwart. Jeder von uns legte wohl in diesen quälenden Minuten mit jugendlichem Rigorismus seinen eigenen antifaschistischen Schwur fürs Leben ab.

Ein idealistisches Gelübde, das zu Hause die Frage an die Eltern provozierte, ob sie denn in ihrem thüringischen Heimatstädtchen nie gesehen hätten, wie die Juden fortgeschafft worden seien. Nein, antworteten die, über Nacht waren die einfach weg - und niemand fragte danach. Ich glaubte kein Wort.

1969 dann, im Jahr nach den 68er-Unruhen, dem Attentat auf Dutschke, den Springer-Blockaden, wurde ich erstmals zum öffentlichen Menschen, trat spontan als Redner auf einer Schulversammlung auf und organisierte mit anderen einen Streik an den Frankfurter Gymnasien gegen Numerus Clausus und Bildungsnotstand. Tage, Wochen glückstaumelnder Freiheit. Erste Joints, jugendliche Helden-Hybris.

Am Ende eine Massendemonstration vor dem Wiesbadener Kultusministerium. Und dem sich windenden, linkssozialdemokratischen Bildungsreformer Ludwig von Friedeburg wurde der von studentischen Agitatoren eingeschleuste altkommunistische Schmähruf entgegengeschrien: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!" Eine Formel, die bei vielen eine ebenso dauerhafte wie eigentümliche Hassliebe prägte (beim Misstrauensvotum gegen Willy Brandt zitterte 1972 die gesamte linksradikale Szene mit).

Nach dem Abitur, 1970, folgte für mich unausweichlich die Gründung einer Wohngemeinschaft. Die ganz große Freiheit mit schulterlangem Haar, Rock ’n’ Roll und Revolution. Allen gehörte alles. Die Zukunft war strahlend links (Demonstrationen brachten es leicht auf 20.000 Teilnehmer) - selbst die Rolling Stones sangen vom "Street Fighting Man". Natürlich Kriegsdienstverweigerung, Pazifismus aus vollem Herzen, denn in der als halb faschistisch eingeordneten Nachfolgearmee jener faschistischen Wehrmacht, die so wunderbare Menschen wie meinen Lehrer ins Feuer gejagt hatte, wollte ich keine Minute verbringen.

Das Haus, in dem sich die WG im Frankfurter Nordend eingemietet hatte, war szenetypisch: ein heruntergekommener Altbau, voll gepackt mit sozial Deklassierten, Linken und Ausländern unterm Dach. Eines Morgens sprang einer im Drogenrausch im 3. Stock aus dem offenen Fenster und spießte sich unten mit dem Oberschenkel auf dem Gartenzaun auf. Kein Klagelaut kam über seine Lippen, so zugedröhnt war er.

Zwei Stockwerke tiefer wohnte ein besonders skurriler Linker, den wir hier D. nennen wollen. Der sang Schnulzen zu Gitarre und onduliertem Haar, sogar in Dieter Thomas Hecks "Hitparade", plante ansonsten aber auf dem kommunistisch durchwirkten Stamokap-Flügel die Unterwanderung der SPD und offenbarte unter vier Augen gewisse Sympathien für die historische Notwendigkeit von "Stalins eisernem Besen". Jahre später trug er auf einem SPD-Parteitag die Hymne "Weiches Wasser höhlt den Stein" vor, bevor er nach der deutschen Einheit dort Karriere machte, wo er wirklich hingehörte: in der Führung der PDS. Mein Leben nahm indes eine nicht minder schizophrene Wendung. Denn vor dem Soziologie-Studium wollte ich einen Beruf erlernt haben, um mir dieses Privileg anschließend selbst finanzieren zu können. Das Arbeitsamt vermittelte eine Ausbildung zum Wirtschaftsjournalisten. Im Herzen des Kapitalismus das Handwerk der Kapitalisten zu lernen, das versprach Aufklärung fürs Leben. Also tagsüber Wall Street und Dividenden, abends Marx und Engels, Kritik und Selbstkritik in der WG, Träume in psychedelischen Wolken.

Und während in der einen Hälfte des Lebens die Vorurteile zusammenbrachen, denn die Kapitalisten und ihre Handlanger erwiesen sich als durchaus prächtige Menschen (ganz besonders jener Chefredakteur und Geschäftsführer, dem ich bald auch als Betriebsrat gegenübersaß), während also dieser Teil des Lebens rasant verbürgerlichte, wurde die zweite Hälfte von Angst und Empörung erobert. Empörung über die Napalm-verbrannten Menschen, die in Vietnam schreiend auf die Kameras der Kriegsreporter zuliefen und den amerikanischen Kolonialismus anklagten - dessen Popkultur ich doch zugleich die eigene Befreiung aus spießiger Enge verdankte.

Angst, schreckliche, höllische Angst als überwältigende Empfindung dann bei den Vietnam-Demonstrationen auf Frankfurts Straßen. Unvergesslich die erste Erfahrung. Friedliche, ungeschützte Demonstranten in einem Zug, dessen Weg plötzlich von einer Polizeikette abgeschnitten wird. Martialisches Trommeln der Knüppel auf die Plastik-Schilde. Dann der Einsatzbefehl "Knüppel frei" und ein Hexenkessel der Gewalt, grün berockter Gewalt. Schreien, Platzwunden, Blut, hassverzerrte Gesichter - und Flucht, wilde Flucht. Die älteren, eiskalt Regie führenden Polizeioffiziere, die grässlichen langen Mäntel, die das Gestapo- und SS-Klischee bedienten - das musste die Fratze des Faschismus sein, verlängert in unsere Tage. Und am Straßenrand der geifernde kleinbürgerliche Mob: "Vergasen!", "Flammenwerfer!", "Ab ins KZ!"

Die Eskalation nahm ihren Lauf. Rasend schnell. Die nächste Stufe: Kettenbildung bei den Demos, Bauhelme als Schutz gegen Platzwunden - aber die Haltung noch immer defensiv. Und: Schläge, Wasserwerfer, Tränengas, Zitronensaft auf dem Taschentuch zum Schutz gegen das Gas. Dann die dritte Stufe: Motorradhelme, bevorzugt schwarze, und vorne dran die "Putzgruppe", die sich nun wehrte, zum Gegenangriff überging und in der, wie ich damals noch nicht wusste, Joschka Fischer mitkämpfte.

Jene Truppe, die dem Frankfurter Linksradikalismus mit der Verteidigung bourgeoiser Altbauten im Westend gegen die sozialdemokratisch beförderte Zerstörung durch Immobilienspekulanten eine neue Richtung gab. An der Eskalation der Helme nahm ich nicht teil, auch blutig geschlagen wurde ich nicht, denn ich lernte die Techniken der Flucht. Doch die Gewaltphantasien der Geprügelten, das irrsinnige Gefühl, man müsse sich wappnen für die große Konfrontation mit dem Faschismus, sie waren auch mir nicht fremd.

Der "Häuserkampf" verschaffte der Bewegung ihre ersten, in den kleinbügerlichen Äppelwoi-Kneipen großmäulig gefeierten Siege. Linker Machismus, Gewaltkult: "Venceremos!", "Wir werden siegen!" Aus Berlin kam die Rock-Gruppe Ton, Steine, Scherben und spielte auf zum Straßenkampf: "Macht kaputt, was euch kaputt macht." Abends ging man ins Szene-Kino und labte sich an Italo-Western, wo Sozialrevolutionäre mit dem Revolver für Gerechtigkeit sorgten. Manche grüßten sich mit der Parole des Vietkong: "Sieg im Volkskrieg!" Die Szene brodelte, war vielschichtig, unübersichtlich und kompliziert vernetzt - eine einheitliche Führung, gar einen einzigen Anführer gab es nicht.

Ich verstand mich als Sponti, war mit meinen WG-Genossen nicht organisiert, verhöhnte die K-Gruppen-Heinis und Pseudo-Proleten, die auf Geheiß ihrer ZKs und Politbüros in die Fabriken gingen, ihr Geld an die "Partei" abtraten, mit Schlips und Kragen rumrannten, um das Proletariat nicht zu erschrecken. Dunkle Nächte voller Schlachtenlärm sind mir aus jener Zeit in Erinnerung, irrwitzige Jagdszenen der Polizei, stundenlange Flucht durch Gassen und Häuser. Und erste, furchtbare Sympathien vom Straßenrand: Manche Kleinbürger hatten plötzlich ein Herz für die Häuserkämpfer und riefen ihnen zu, sie sollten es den Spekulanten - noch eindeutiger im Frankfurter Idiom: "dene Judde" - mal zeigen. Einmal riss auch ich im Furor des Kampfes auf dem Opernplatz das Pflaster mit auf, ein anderes Mal zerschmiss ich Fenster im amerikanischen Generalkonsulat. "Street Fighting Man": Die verfluchte Gewalt hatte einen Kick. Als ich nachts mit Freunden an jener Tanzschule, wo ich selbst drei Jahre zuvor im Anzug Minne gehalten hatte, Plakate der amerikanischen Black Panther klebte, wurde ich plötzlich von einem Polizisten mit gezogener Pistole verfolgt. "Stehen bleiben, oder ich schieße!" Schießen für ein Plakat? Ich blieb nicht stehen und entkam im Dunkeln. Politisch hatte ich - wegen der persönlichen Beziehung eines WG-Freundes - locker angedockt an einen Kleinstverlag im Westend, der linksradikale Bücher und ein "antiimperialistisches" Blättchen herausgab. Gegründet von einer ehemaligen Größe des Studentenbundes SDS, die mit einem gewissen Horst Ehmke studiert hatte. Der führte nun Brandts Kanzleramt, während sein Kommilitone über seine verpasste Karriere greinte. Später sollte dieser K. auf schöngeistige Literatur umsatteln. Sie war so schön, dass sich selbst die "FAZ" darüber entzückte.

Doch das war viel später. Inzwischen lief hinter dem Frankfurter Straßen- und Häuserkampf längst ein ganz anderer Film. Es waren die Gründerjahre des Terrorismus. Andreas Baader, zwei Jahre zuvor als Kaufhaus-Brandstifter in Frankfurt verurteilt, wurde 1970 in Berlin mit einer Schießerei aus der Haft befreit - die RAF war geboren. Und ich wurde Zeuge, wie sich dieser Terrorismus zunächst hineinfraß in die Ränder der Bewegung, bis sich schließlich, nach Bomben und Mord, jener Abgrund auftat, von dem Joschka Fischer heute spricht. Im März 1974 erlebte ich diesen Joschka erstmals öffentlich als linken Helden - und war hingerissen. Ich wusste von seiner Gruppe "Revolutionärer Kampf", die bei Opel in Rüsselsheim die Arbeiter aufzuwiegeln versuchte, doch direkten Kontakt zu ihr hatte ich nicht. Fischer führte das Wort im proppenvollen Volksbildungsheim, sein Widerpart war ein gewisser Karsten Voigt (wir sprachen seinen Namen "Feucht"), der für die SPD im Bundestag saß und sich mit seinen Warnungen vor Gewalt auf dem Podium krümmte wie der Prototyp des verachteten sozialdemokratischen Wurms. "Tribunal gegen Folter" lautete das Motto der Versammlung. Denn in Polizeihaft waren Demonstranten übel zugerichtet und gezwungen worden, ihr eigenes Blut vom Boden aufzulecken. Die Eskalation hatte zwei Seiten, immer.

Auf der linken ließ sie nun Sicherungen durchbrennen, pervertierte sie die einstigen Ideale der Befreiung auf haarsträubende Weise ins Gegenteil. Der Kleinstverlag des K. veröffentlichte die Werke des nordkoreanischen Stalinisten Kim Il Sung, und die Einfädler des Deals erzählten, dass dafür in Kims Ostberliner Botschaft, nach Filmvorführung und Bankett, Bares über den Tisch gegangen sei. In den Verlagsräumen bewegten sich zu dieser Zeit auch zwei junge Männer, ein "Bonie" und ein Johannes, die später auf schreckliche Weise Schlagzeilen machten. "Bonie" war eine schwammige, aber freundliche Figur mit holprigem Tonfall, die - mit Anzug und Aktenköfferchen skurril bürgerlich getarnt - linke Buchhandlungen abklapperte; Johannes ein weicher, schmaler Typ, dessen Rolle dem Besucher nicht recht klar wurde. Wenn ich mich recht entsinne, wurde dieser Johannes auch "Steve" genannt, und einmal testete er, wie mir allerdings erst später klar wurde, ob unsere WG für Härteres zu gebrauchen wäre. Wir verhielten uns richtig - und wurden nie wieder behelligt.

Die Korea-Connection war nicht bloß eine Episode. Kims Botschaftspersonal aus einem westlichen Land, so wurde amüsiert berichtet, habe bei einem Treffen gefragt, ob es in Deutschland einen Befreiungskampf gebe, man könne Waffen liefern. Und eine kleine Delegation erzählte nach einem Besuch in Kims Reich irritiert von bombastischem Personenkult. Man hatte Ginseng-Schnaps mitgebracht - mit einer eingelegten Schlange und einem Stöckchen, um das Tier bei fortschreitender Leerung in die konservierende Flasche zurückstoßen zu können. Noch größer als die stalinistische war indes die sexuelle Frustration: Die koreanischen Genossen hatten keine Annäherung an die revolutionären Töchter des Landes gestattet.

Zunehmend verwirrten nun Gewalt und Terrorismus die Geister. Als im Juni 1972 Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe mit langer Schießerei und Belagerung in Frankfurt gestellt wurden, diskutierte ein Teil der Szene allen Ernstes, sofort mit einer Demonstration zum Schauplatz zu ziehen und zwischen die Fronten zu gehen. Ich erstarrte, als ich das hörte. Bei denen, die über die Aktion diskutierten, siegte am Ende die Furcht. Einen Monat zuvor hatte die RAF bei einem Bombenanschlag auf den Offiziersclub des amerikanischen Hauptquartiers im ehemaligen Frankfurter IG-Farben-Gebäude einen Amerikaner getötet und 13 verletzt. Für eine nachfolgende Diskussion über diesen Anschlag an der Uni wurde ein Tonband mit einer werbenden Botschaft Ulrike Meinhofs in die Szene geschleust. Die Bewegung stand an der Scheidelinie, Daniel Cohn-Bendit argumentierte gegen den Weg der RAF.

Mir grauste zunehmend. Ich bereitete mich inzwischen auf meinen Zivildienst in der Altenpflege vor, und nach geplatzter WG lebte ich in fester Beziehung. Beim Überfall auf die israelische Olympia-Mannschaft in München 1972 stand eines Abends einer aus der Szene in meinem Zimmer und pries die "mutige Aktion der palästinensischen Genossen". Ich war entsetzt, das Gespräch fraß sich fest. Immer klarer war der Abgrund zu erkennen. Den Schlusspunkt setzte die Gründung der Roten Hilfe, in deren ersten Versammlungen ein Großmaul namens Jochen das Wort führte. Schnell wurde der verdruckste Verein erkennbar als Rekrutierungsbecken des terroristischen Umfelds. Das war das Ende. Weg, bloß weg hier!

1975, ich arbeitete längst fest als Journalist und hatte die Brücken zur Sponti-Szene abgebrochen, war das Großmaul aus der Roten Hilfe dann beim Überfall auf die Opec-Ölminister in Wien dabei. 1976 entführte "Bonie", der mit Anzug und Aktenköfferchen, gemeinsam mit seiner Frankfurter Lebensgefährtin und einem palästinensischen Kommando eine Air-France-Maschine ins ugandische Entebbe - und selektierte jüdische Passagiere. Im Deckmantel "Revolutionärer Zellen" fand sich der einstige Antifaschismus in historischer Kontinuität von Auschwitz wieder. Ein israelisches Befreiungskommando erschoss die Hijacker. Johannes, inzwischen Adjutant des Top-Terroristen Carlos, wurde im Januar 2000 in Berlin wegen eines Bombenanschlags auf das "Maison de France" 17 Jahre zuvor zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein Mann war damals getötet worden, 23 Menschen wurden verletzt. Klein, Böse und Weinrich, wie sie bürgerlich hießen - sie bildeten die blutig pervertierte Nachhut der Bewegung.

Diese Bewegung heute mit historischem Blick zu betrachten heißt zunächst die Kräfte und Gegenkräfte in den späten 60er und frühen 70er Jahren der "alten" Bundesrepublik zu begreifen. Und dann: der Wahrheit ins Gesicht zu schauen, die taube Stelle, die der Terrorismus hinterlassen hat, zu betasten. Die Bewegung der 68er war nach ihrer Geburt aus spontanem Protest nie wieder einheitlich - die aus der gemeinsamen Wurzel entwachsenen Milieus waren teils grundverschieden und dennoch auf komplizierte Weise miteinander verwoben. Was haben sie bewirkt, die 68er? Gewiss haben sie die geschlossene Gesellschaft der Adenauer-Ära aufgebrochen; selbst aus dem nachfolgenden Scheitern an sich selbst, aus ihren Irrtümern, sind neue Kräfte erwachsen. Die Geschichte Joschka Fischers, die der Grünen ist das beste Beispiel dafür. Ob dieses Verdienst freilich schwerer wiegt als die fürchterlichen Irrtümer, ist jede Debatte wert. Für inbrünstige Heldengesänge jedenfalls besteht kein Anlass, eher auch für Scham.