zurück

 
SDS-Website  

 

"Wer neuen Hass sät, sollte seine Bibel kennen" Ein Gespräch mit dem Kabarettisten Matthias Beltz und dem Varieté-Direktor Johnny Klinke - zwei Frankfurter Alt-Spontis - über Sinn und Unsinn der wieder aufgeflammten Debatte über die 68er

 

Der lange Marsch durch die Institutionen hat die 68er bis an die Spitze der Republik geführt. Die 68er? Wie diese Phase der (west)deutschen Nachkriegsgeschichte heute für eine neue Unübersichtlichkeit sorgt, wie sie neu- und umbewertet wird, welche Rolle die Sponti-Szene aus Frankfurt am Main spielte, aus der Bundesaußenminister Joschka Fischer stammt, stand im Zentrum eines Gesprächs mit Johnny Klinke und Matthias Beltz. Klinke, Chef des bundesweit renommierten Frankfurter Varietés "Tigerpalast", und Beltz, gleichfalls national gefragter Kabarettist, teilten damals mit Fischer und Daniel CohnBendit Überzeugungen und Wohnraum. Mit ihnen sprachen die FR-Redaktionsmitglieder Katharina Sperber, Hans-Helmut Kohl und Jochen Siemens.

Frankfurter Rundschau: Die Frankfurter Sponti-Szene am Beispiel Joschka Fischers, die 68er-Bewegung insgesamt, erregt derzeit die Republik. Wie erleben Sie, zwei Protagonisten der Spontis damals und heute, die Diskussion?

Klinke: Ich habe die Bundestagsdebatte der letzten Woche als demokratisches Highlight erlebt. Das war ein Novum. Ich habe noch nie etwas so Spannendes erlebt, seit Strauß, Wehner und Brandt nicht mehr da sind. Da ist etwas passiert, was es in Deutschland nicht gibt: Dass sich der Außenminister hinstellt und selbst die absurdesten Fragen live vor allen Kameras authentisch beantwortet. Das war 68 pur. Und das Eingreifen des Bundeskanzlers war für mich verblüffend: Das war ein glaubwürdiges Gesprächsangebot zur jüngsten Vergangenheitsbewältigung. In diesem Moment war er zum ersten Mal sogar mein Kanzler. Nur die Parlamentsfraktion der CDU/CSU hat nicht begriffen, dass es heute nicht mehr um das Aufreißen der alten Gräben der Zeit vor 68 geht. Der Geisteszustand, den diese Fraktion ausgestrahlt hat, die Summe an Unpersönlichkeiten, die da versammelt war, das war ein Niveau, das weder die jetzige Debatte noch die Zukunft Deutschlands beleben wird. Die müssen jetzt ihren Preis dafür zahlen, dass das System Kohl sie für eine ganze Generation gedemütigt hat.

Warum polarisiert das Thema denn heute noch so?

Beltz: Weil es immer noch um links und rechts geht. Es wird seit 15 Jahren behauptet, es geht nicht mehr um links und rechts, die SPD sagt, wir betreten die neue Mitte, links und rechts gibt es nicht mehr. Aber immer, wenn die Debatte ein bisschen erregt ist, sind die Linken an allem schuld, und die Rechten gibt's anscheinend auch noch. Der Fischer repräsentiert etwas, was die wahnsinnig ärgert, nämlich einen, der sich für seine Vergangenheit nicht schämt und auch nicht entschuldigt, für seine Aktionen schon, aber nicht für die ganze Vergangenheit. Die Sozialdemokraten haben sich bis zum Godesberger Programm eigentlich immer entschuldigt, früher mal vaterlandslose Gesellen gewesen zu sein. Und das ist das, was die den Spontis auch so tödlich übel nehmen, dass sie nicht nur links agiert haben, sondern heute teilweise recht fröhlich in der Gesellschaft rumsitzen und Varieté, Kabarett machen, was früher ja nie eine bürgerliche Karriere gewesen wäre. Heute stellt man sich das als bürgerliche Karriere vor, da lach' ich mich ja schon wieder schepp! Was die Bürgerlichen und die Rechten sehen wollen, ist Rosa Luxemburg, die in den Landwehrkanal geschmissen wird, und anschließend ist sie gut, sie hat gesagt, Freiheit ist stets die Freiheit der Andersdenkenden. Die Sympathie kommt für Jochen Klein in der Presse raus, nämlich, weil er ein gebrochener Mensch ist. Das wollen sie sehen. Der gebrochene Mensch, und nicht den anderen, der die Anmaßung hat, Außenminister zu sein. Und das ist, glaube ich, die entscheidende Demütigung, dass es Spontis, 68er, dass es eine Linke ist, die nicht das Geringste von Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber den alten bürgerlichen Gesellen hat.

Wir haben in diesen Tagen zweimal Joschka Fischer gesehen, sehr unterschiedlich. Einmal vor Gericht, wo er große Erinnerungslücken hatte. Am Tag darauf eine Sternstunde des Parlaments. Und dann haben wir die Diskussion, die sich in der einstigen Ex-Sponti-Szene ausbreitet: Cora Stephan in der "Welt", oder die beiden Schmid(t)s, in der "FAZ" beziehungsweise im Buch "Wir sind die Wahnsinnigen".

Klinke: Christian Schmidt? Das ist doch dieser humorlose Denunziant, der seinen verlorenen Lebenstraum als Horrorgeschichte über Joschka Fischers Lebensweg aus dem Papierstudium alter Pflasterstrandartikel versilbert. Aber auch die anderen, die jetzt neuen Hass schüren, müssen es sich gut überlegen, was sie jetzt anrichten. Peter Boenisch, einer der Verantwortlichen der Bildzeitung von 68, ist heute offensichtlich klüger, verteidigt den wertvollen inneren Frieden und schildert diese Zeit auf beiden Seiten als dramatisch und außergewöhnlich hart. Peter Boenisch weiß, dass er mit der Bildzeitung ein Klima geschaffen hat, das das Attentat eines rechtsradikalen Wahnsinnigen auf Rudi Dutschke in Berlin 1968 möglich werden ließ. Der BKA-Chef der 70er Jahre, Horst Herold, schlägt heute versöhnliche Töne zu dieser Zeit an und ist froh, dass wir heute von einer befriedeten Situation ausgehen können. All diese Persönlichkeiten sagen, wie gut es ist, dass der Integrationsprozess der Linken in die Gesellschaft, in den Staat und seinen Alltag funktioniert hat. Jetzt kommt neuer Hass und der kommt von ganz anderen Ecken. Die sollten wir genau beobachten und wir müssen denen ganz klar sagen: Wer jetzt neuen Hass sät, sollte es sich gut überlegen und vor allen Dingen seine Bibel kennen: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Das ist keine Drohung, das steht in der Bibel und gehört doch wohl zur christlichen Leitkultur.

Beltz: Ich war zu einer Talkshow eingeladen, hab' gehört, Jutta Ditfurth ist auch da, und ich habe gesagt, ich setze mich nicht mit Denunzianten an einen Tisch, ich würde das auch mit Christian Schmidt nicht machen. Denunziantentum ist es, wenn man in der Öffentlichkeit den Vorwurf einer Straftat erhebt und nicht beweisen kann. Und wenn man es nicht beweisen kann, darf man nichts dazu sagen. Das ist alte, deutsche Leitmoral.

Herr Klinke, ist es für Sie auch ein Rechts-links-Konflikt?

Klinke: Nein, das ist offensichtlich ein Kultur- und Medienkampf von Leuten, die nicht ertragen, dass sie politische Macht und geistigen Einfluss nach Helmut Kohl restlos verloren haben. Hass halte ich für das übelste Mittel in der politischen Auseinandersetzung. Nicht von uns, es ist Versöhnung, es ist ein Versuch, ein Generationenangebot auch mit diesem Gespräch zu machen, weil wir offensichtlich drängende Probleme hinterlassen haben. Die Generation nach uns konnte mit uns nichts anfangen und hat nicht gelernt zu fragen, und ich denke, es ist höchste Zeit, jede Glorifizierung zu Gunsten einer offenen Diskussion, nämlich des Themas, anzufangen, was 68 wirklich für Auswirkungen auf unsere heutige Gesellschaft hat. Es begann die Modernisierung, die dringend notwendige Modernisierung des Nachkriegskapitalismus. Es herrschte damals eine verdrängende, verlogene Gesellschaft, in der wir uns nach glaubwürdiger, innerer Demokratisierung aller Lebensbereiche sehnten.

Jetzt schließen wir uns mal dem Matthias Beltz an: Es war noch einmal eine Rechts-links-Auseinandersetzung, die da stattgefunden hat. Es kommt noch ein zweites Element dazu, am Beispiel von Frau Merkel: Es gibt heute aus Ostdeutschland Stammende, die sich zu 68 äußern und sich in einer Weise zu dem damaligen Staat bekennen . . .

Klinke: Leider konnten viele nur Westfernsehen genießen und haben nur die heile Welt der HB-Reklame gesehen.

. . . wie dies ein westdeutscher CDU-Mann kaum tun würde.

Klinke: Frau Merkel sagt, wer einen Stein geworfen hat, kann nicht für die Freiheit sein. Das hat mich aus dem Sessel gehoben. Diese Zeit war eine große Sehnsucht nach Freiheit, und zum ersten Mal passierte im Nachkriegsdeutschland, dass eine junge deutsche Generation die Globalisierung des Protests und des positiven internationalen Lebensgefühls suchte. London: die Musik. Paris: die Hauptstadt der Revolte, in Spanien, der Widerstand gegen Franco, und noch immer tobte der Vietnamkrieg. Zum ersten Mal habe ich 1968 begriffen, dass alles, was mir an Zukunft in meinem eigenen Land angeboten wird, und was ich vor mir habe, mit Sicherheit nicht die Perspektive der ganzen Freiheit dieser Welt und der kulturellen Möglichkeiten ist. Wenn Frau Merkel dies erklärt, kann ich nur sagen, bin ich eher auf der Seite vieler Leute in der alten DDR, die Widerstand geleistet haben unter dramatischen Umständen in der Evangelischen Kirche und von der Stasi so oft zusammengekloppt worden sind. Vielleicht sollte Frau Merkel wieder mal mit denen reden, die für ihre Freiheit bereit waren, so etwas durchzumachen.

Ist es nicht auch Zeit, dass sich Ihre Generation mit sich selbst auseinandersetzt? Nicht nur auf das Links-rechts-Bild, diesen Hass bezogen, sondern damit, warum die folgende Generation damit nicht so rasend viel anfangen kann?

Beltz: Das stimmt in mehrfacher Hinsicht nicht. 68 und Spontis waren keine Generation, sondern eine Minderheit. Man muss die damaligen Demonstrationen mit der Love Parade heute vergleichen um quantitativ herauszukriegen, wie wenig wir waren. Wir haben in Berlin nie so viel zusammengekriegt wie die Love Parade. Noch nicht mal zehn Prozent. 15 000 bei der Vietnam-Demonstration, da kann man mal ausrechnen, was für ein Teil unserer Generation das gewesen ist. Die ganzen Diskussionen sind doch schon geführt worden, und wir haben die Schnauze voll davon. Es gibt endlos viele Bücher, und auch eine Glorifizierung, die bescheuert ist. Die Diskussion um den Terrorismus ist nachzulesen, wenn es die Leute denn interessiert hätte.

Klinke: Dieses Foto, das jetzt zur Mediensensation geworden ist, kannten wir in Frankfurt seit mehr als 20 Jahren. Das jetzt dem stern als bundesdeutsche Sensation zu verkaufen, hat mich mehr als nachdenklich gemacht. Es geht aber heute nicht nur um einen der wichtigsten Repräsentanten des zweitmächtigsten Wirtschafts- und Handelslandes der Welt. Diese Lebensgeschichte weckt natürlich Interesse. Aber wir weigern uns total, die Lebensgeschichte von Joschka Fischer und den demokratischen Aufstieg der Grünen zur Regierungspartei zu verwechseln mit dem Alltag, der sich hier in der Stadt abgespielt hat. Tausende, in Frankfurt ein Potenzial von 6000 bis 10 000 Menschen, haben hier eine selbstbestimmte, andere Lebensform ausprobiert. Im Häuserkampf haben regelmäßig 6000 Menschen vieler Nationalitäten demonstriert. Das auf zwei Szenen zu reduzieren, bei denen Molotow-Cocktails geflogen sind, ist eine vollkommene Verkennung dessen, wie viele Menschen mit ihrem berechtigten sozialen Protest daran teilgenommen haben. Die Diskussion um das Frankfurter Westend war ein Kernproblem dieser Stadt, und das allein auf die Straßenschlachten zu reduzieren, gar auf einen Tag, ist eine Verkennung dessen, was sich insgesamt über zehn Jahre in dieser Stadt abgespielt hat an neuer sozialer Bewegung. Es ist heute historische Wahrheit, dass die Altbausubstanz im Westend gerettet wurde, auch von den Bürgerprotesten der AG-Westend.

Beltz: Die meisten von uns kamen aus der Provinz. Lässt man die politische Atmosphäre wieder aufleben, so war das eine Zeit, in der die Regierung interessante amtliche Erklärungen erlassen hat. Adenauer und Höcherl haben gesagt, man kann nicht immer mit dem Grundgesetz unterm Arm herumlaufen. Die ersten großen Rechtsbrüche, das war die Spiegel-Affäre 1962, wo man gemerkt hat, die Legalität gilt für die Untertanen, aber nicht für die Regierung. Das war die Rechtsstimmung. Wir waren so was von nichtrevolutionär, wir sind zur Revolution geprügelt worden. Die Sternchen vor Augen wurden mehr und mehr zum roten Stern. Als Jurist bin ich Anhänger von Rudolf von Jehring, der Ende des 19. Jahrhunderts den tollen Vortrag "Der Kampf ums Recht" gehalten hat. Zentraler Satz ist: Das Ziel des Rechts ist der Friede, das Mittel dazu der Kampf. Das bedeutet natürlich auch Rechtsüberschreitung. Jede Rechtsreform ist mit Rechtsüberschreitungen angefangen worden. Es gibt keinen Endzustand des Rechts, keine Vorstellung vom Ende der Geschichte. Wir sind das Risiko eingegangen, bei dieser Rechtsverbesserung nicht nur eins auf den Kopf zu kriegen, sondern auch vor Gericht gestellt zu werden. So komisch fanden wir das gar nicht.

Wenn ein Stein geworfen wird, ist es in Ordnung, wenn ein Molotow-Cocktail geworfen wird, ist es nicht in Ordnung, so die These. Wo ist denn diese Grenze, gibt es die überhaupt?

Beltz: Die Diskussion bezeichnet die Grenze. Die Demonstration am 10. Mai 1976 war auch der Aufstand von Leuten, die gewusst haben, die Sache ist im Grunde gelaufen. Ich glaube, das ist deswegen so schwer zu recherchieren, weil die Beteiligten selber nicht mehr wissen, was los war. Es war ein kleiner Irrenaufstand. Der Molotow-Cocktail ist deshalb die Grenze, weil er lebensgefährlich ist. Ein Stein, oder der Knüppel eines Polizisten ist das auch, aber nicht prinzipiell.

Klinke: Mein Urerlebnis war der Anschlag auf Rudi Dutschke und die Aufhetzung der Bevölkerung durch die damalige Bildzeitung. Ich habe meine große Lehrstunde der Demokratie 1968 an der Frankfurter Galluswarte erhalten. Ich habe die in die Menge reitenden Polizisten erlebt, die mit langen Holzstöcken großes Chaos angerichtet haben und ich habe die SoKos aus dem Bahnhofsviertel erlebt, die von Polizeipräsident Knut Müller eingesetzt worden sind, um offensiv in alles reinzuhauen, was sich bewegte. An das Stichwort heutiger Demonstrationen - Deeskalation - dachte man damals gar nicht. Diese Erfahrung haben Tausende mit der Demokratie von 1968 gemacht. Mir war damals klar, dass man den Staat nicht besiegen kann. Trotzdem glaube ich, dass wir die ersten Modernisierer des deutschen Nachkriegskapitalismus waren. Wir haben angefangen, die Richtung des Denkens zu ändern und den Austausch mit jungen Menschen aus aller Welt gesucht. Wir haben das Nachdenken erzwungen und das war bitter nötig. Alles, was heute an modernen Strukturen in Europa da ist, hat mit 1968 zu tun.

Zwischen 1968 und 1973 liegen einige Jahre.

Klinke: Ja, danach machten sich Tausende aus allen Lebensbereichen auch in Deutschland auf, und suchten eine sozialistische Perspektive zum Teil ohne zu wissen, wie jämmerlich der Sozialismus in Osteuropa die Menschen ruiniert hatte. Schnell wurden die Ersatztheorien aus der Geschichte der Arbeiterbewegung rausgekramt. Marxismus, Maoismus, alles wurde noch mal nachgebetet und mit deutscher Gründlichkeit in Kaderorganisationen eingepackt.

Beltz: Das Zentrum der Differenz ist der Begriff der Arbeit. Die Kommunisten wollten die Produktionsmittel enteignen. Wir haben aber gegen die Arbeit gekämpft. Das Interesse des Arbeiters ist es, es nicht mehr zu sein. Da haben wir uns mit den Kommunisten wahnsinnig gestritten, dass wir uns mit Marx angelegt haben und seiner Theorie "Arbeit als Sinnstiftung". Die Gewerkschaften wollten die Humanisierung der Arbeit, nicht die Abschaffung. Deshalb waren wir mit unseren Forderungen relativ modern.

Klinke: Im Bundestag ist angeklungen, ob die Bewegung der 70er Jahre in unserer Demokratie eine Integrationsfunktion hatte, oder ob sie nur über die Gewaltdiskussion und den Hass auf den Staat zu diskutieren sei. In Wirklichkeit hat sich eine vollkommen neue Idee von europäischem Zusammenleben entwickelt mit Willy Brandt und der Ostpolitik. Heute zieht Fischer jede noch so abstruse Projektion für 68 auf sich. Man muss aber zeigen, dass es in Deutschland Hunderttausende waren, die plötzlich beruflich im Innenleben des Staates auftauchten. Man muss beschreiben, was geleistet wurde, um die Demokratie zu erneuern. Ohne die vielen Lehrer und Sozialarbeiter und Hochschulabsolventen wäre das nicht denkbar in den Medien, im Gesundheitswesen und im öffentlichen Dienst. Diese Lebenswege respektiere ich, auch wenn sich mein Leben varietéreif weiterentwickelt hat.

Warum wollen die Jungen das heute nicht mehr hören? Und ich komme nochmals auf das Westend. Wofür haben Sie damals gekämpft? Ist nur die Hülle stehen geblieben? Ist das eine Niederlage?

Beltz: Kein so großer Sieg. Selbst Stadtplaner können nicht wissen, was bei ihrer Planung herauskommt. Wir auch nicht. Das hat im Westend nicht geklappt, es war auch nicht absehbar mit der Luxussanierung. Ich finde das aber auch nicht so kriminell, dass das mit den Verbrechen der Wehrmacht gleichzustellen wäre.

Was sagen jetzt die Jüngeren?

Beltz: Ich fand den Artikel von Florian Illies toll: Der sagt, er kann die 68er nicht leiden. So wie mein Kabarettkollege Jess Jochimsen, der schildert in seinem Buch Das Dosenmilchtrauma, wie grausam das ist, als 68er-Kind in Bayern aufzuwachsen. Immer nackt durch die Wohnung zu laufen: "Komm sieh zu, wir vögeln gerade, da siehst Du mal, wie Du entstanden bist." Und der Illies war von der Bundestagsdebatte so verbittert, dass er in der FAZ geschrieben hat, er kann die von der CDU auch nicht mehr hören.

Klinke: Die Bundestagsdebatte war deshalb spannend, weil endlich mal einer sofort mitten in dieser Auseinandersetzung geantwortet hat und weil der Bundeskanzler glasklar Position bezogen hat. Und oben drauf ein Herr Gerhardt, der Joschka Fischer 20 Jahre lange kennt und nur deshalb so unliberal ausflippt, weil er ihn lebensgeschichtlich nicht überholen kann. Müssen wir uns jetzt an einen völlig neuen liberalen Hassfaktor gewöhnen? Niemals.

Sie haben sich vorhin dagegen verwahrt, dass die Spontizeit auf die Gewalt reduziert wird. Ist denn damals über Gewalt diskutiert worden?

Klinke: Ja, sicher. Wir haben uns ungeheuer umfangreich damit auseinandergesetzt. In Frankfurt hat das viele davon abgehalten, sich dem Todestrip des Terrorismus anzuschließen.

Beltz: In den Wohngemeinschaften war ja der Teufel los. Ich erinnere mich an eine Szene, als die Botschaft in Stockholm in die Luft ging 1976. Da haben wir Fernsehen geguckt, einer in der Wohngemeinschaft fängt an zu lachen und zu klatschen. Der Idiot hat doch nichts kapiert. Natürlich haben wir diskutiert.

Klinke: Meine schlimmstes Erlebnis war Entebbe. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass nach der ganzen Auseinandersetzung mit den Massenmorden an den Juden ein junger, angeblich politisch links sozialisierter Mann aus Frankfurt tatsächlich Menschen nach Zugehörigkeit zur jüdischen Religion aussortiert hat. Das ist für mich die Schlüsselszene dieser Zeit, der emotional tiefste Punkt. Ich habe mich auch sehr genau mit dem Vorwurf des Antisemitismus im Häuserkampf auseinandergesetzt, mit Herrn Bubis und anderen viel gesprochen. Ich sage es noch mal ganz klar: Wir waren keine Antisemiten, haben aber eine chronische Unsensibilität aufgrund der Auseinandersetzung entwickelt. Die Hausbesitzer waren mehrheitlich jüdischen Glaubens, und wir merkten nicht, dass bei denen einklickte: Das sind schon wieder Deutsche, die uns was wegnehmen. Das nicht reflektiert zu haben, war ein großer Fehler. Die jüdischen Familien sind schon mal ausgeraubt worden, das war für sie wieder ein Angriff auf ihr Leben, ihr Lebenswerk. Das entschuldigt nicht, dass die selben Spekulanten, wie Herr Bubis sich selber nannte, Schlägerkommandos geholt haben, Wasser- und Versorgungsleitungen gekappt haben, jugoslawische Bahnhofsgangster geholt haben, um die Hausbesetzer loszuwerden.

Was würden Sie sich denn wünschen, wie das durch die Bundestagsdebatte Aufgebrochene weitergeht?

Klinke: Ich würde gerne das Gespräch suchen mit den Ernst zu nehmenden Gegnern von damals: Herrn Boenisch, Herrn Herold, Herrn von Weizsäcker, die nicht bereit sind, den alten Hass wieder zuzulassen. Mich interessieren die Klügeren, und nicht die bigotten rückwärts gewandten Moralapostel.

Warum suchen Sie nicht das Gespräch mit der jüngeren Generation?

Klinke: Das ist ein Teil der Selbstklärung. Von meinem Beruf als Gastgeber bin ich jemand, der mit Mitarbeitern aus 26 Ländern und Gästen aus aller Welt lebt. Mit dem Varieté habe ich einen Ort des Austauschs geschaffen. Auch für konservative Lebensbeichten, die damals doch lieber mit uns demonstriert hätten.

Beltz: Jüngere Leute treffen sich ja auch bei mir, und da erfahre ich, ihr Hass kommt auch manchmal aus dem Erlebnismangel.

Klinke: Es gibt bei den 30-jährigen schon eine Vorstellung, eine Ahnung von gewesenen Möglichkeiten der 68er Zeit. Jetzt haben wir einen, eine in Sport und Gesellschaft gesuchte Persönlichkeit, die sagt, ich habe böse gefoult, und da fallen Saubermänner darüber her, anstatt zu sagen, endlich ist die Debatte eröffnet, denn wir brauchen Leitbilder in unserer Gesellschaft, die nicht glatt sind.

Viele Bürgerliche scheinen, so sagen Sie, die Chance zu wittern, dass der Mythos vom angeblich erfüllteren Leben, das angeblich diejenigen geführt haben, die damals den Staat und die Gesellschaft herausgefordert haben, und angeblich etwas in Bewegung gebracht haben, dass dies Mumpitz war.

Beltz: Das hängt damit zusammen, dass ein zweites Ereignis auch noch nicht verarbeitet worden ist: 1989 das Ende des Kommunismus. Mit Gorbatschow endete der Kalte Krieg.

Klinke: Die Feindbilder sind verloren gegangen, dafür kamen Aids und BSE. Hart genug.

Beltz: Die bipolare Welt, die es seit 1917 gab, ist weg. Und wenn das Böse weg ist, und nur das Gute da, wird es für einige unerträglich. Seit Mitte der 80er Jahre wird das Zentrum des Bösen neu gesucht.

Kommt man deshalb auf die Spontis?

Beltz: Es erscheint mir fast so, als seien die Spontis der Ersatz für den Weltkommunismus. Die Bundesregierung kann froh sein, dass sie den Fischer hat. BSE, Rente, wir haben eigentlich existenzielle Probleme, warum interessiert die keiner.

Klinke: Freiheit mit Friedhofsruhe zu verwechseln, mit der Kerze in der Hand den Kommunismus besiegt zu haben, und uns Spontis abzusprechen, dass wir einen kreativen Beitrag zur Bundesrepublik geliefert zu haben, ist schon ein eindrucksvoller Beweis neuer deutscher Leitkultur.

Beltz: Die Politiker gucken doch alle nicht ins Grundgesetz: Wie kann denn ein Politiker sagen, Gewalt ist kein Mittel der Politik. In Artikel 20 heißt es, die Staatsgewalt geht vom Volke aus, durch freie Wahlen. Das heißt, wenn ich wählen gehe, übe ich Gewalt aus. Steht im Grundgesetz, und das lasse ich mir von denen nicht verbieten.

 

FR vom 26.1.2001