zurück

 
SDS-Website  

 

68, das ist doch richtig lange her

Munter wird die Vergangenheit der Grünen debattiert. Die 25-Jährigen von heute aber interessiert die Gegenwart

Im Reichstag - und nicht nur dort - diskutiert eine empörte konservative Politikergeneration die Jugendsünden der grünen Vorzeigepolitiker. Plötzlich hat die CDU entdeckt, dass die 68er heute das Land regieren. Vergangenheitsbewältigung à la Union.

Nur wenige Meter entfernt indes an den Berliner Universitäten im Westen (Technische Uni) und im Osten (Humboldt-Uni) versteht eine neue Generation gar nicht, wovon die Altvorderen eigentlich reden. Die politische Vergangenheit von Außenminister Joschka Fischer und Bundesumweltminister Jürgen Trittin? "Ich finde das eigentlich überhaupt nicht spannend." So wie der 26-jährige Physikstudent Jörg sehen es viele StudentInnen an den Berliner Hochschulen.

"Ich finde die Diskussion vollkommen überflüssig." Auch Eileen Sadomirski, 25, schüttelt den Kopf. "Das ist doch eher eine Art Schauspiel, ein Medienkrieg", meinen Dezso Somosy und Swantje Nowakowski. Einig sind sich die Studierenden zwar in der Forderung, PolitikerInnen sollten sich auch zwanzig Jahre nach ihrer politisch-aktiven Studentenzeit zu ihrem Verhältnis zur Gewalt befragen lassen. "Aber dabei geht es doch darum, welches Verhältnis sie heute dazu haben", findet der 25-jährige Informatikstudent Oliver.

Konsequenzen für ihre politische Einstellung habe die Diskussion um die Vergangenheit nicht, meinen die Studierenden. Schließlich ständen Politiker "mit dem, was sie heute tun, in der Öffentlichkeit", stellt Stefan Schröder wie viele seiner KommilitonInnen fest.

Dabei wissen viele der heutigen 20- bis 30-Jährigen mit der Debatte auch inhaltlich wenig anzufangen. 68 ist lange her, zu lange für diese nächste Generation. Wirtschaftsmathematik-Studentin Sara Berendsen etwa steht Medienberichten vom prügelnden Fischer und Elternberichten von prügelnden Polizisten verwirrt gegenüber. "Mir fehlt das nötige Hintergrundwissen", sagte die 20-Jährige. "Es ist schwierig, eine Meinung zu haben, weil man ja nicht selber dabei war", kommentiert der ebenfalls 20-jährige Luri die aktuellen Ereignisse.

Man könne das Problem sicher auch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Seine Kommilitonin Cigdem bestätigt, dass man nicht so tun könne, als sei nichts passiert. "Es ist allerdings verwunderlich, warum man da nicht schon zu Beginn der Regierungszeit drauf gestoßen ist", sagt die 21 Jahre alte Sozialwissenschaftsstudentin.

Roman, der im Shop der Humboldt-Uni gerade an der Abrechnung sitzt, interessiert das Thema von einem ganz anderen Standpunkt aus: "Ich rege mich eher darüber auf, dass der Wahlkampf hier immer mehr eine amerikanische Form annimmt und dass die Leute da auch noch drauf anspringen." Es gehe nur noch um Skandale, die ausgenutzt würden.

Ob politische Demontageversuche, Ablenkungsmanöver oder Vergangenheitsbewältigung, der 28-jährige Architekturstudent Johannes Touché kann die Aufregung um Fischer und Co nicht verstehen. "Leider ist es doch völlig zweitrangig, welche Vergangenheit Fischer hat. In der Gegenwart ist er politisch einfach nur noch angepasst."
BETTINA WEGNER, MAJA DREYER

taz vom 24.1.2001