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Datum: 24.12.1998 Ressort: Magazin Autor: Harald Jähner


Wir gehen abschlaffen


Zum Abschluß des Jubiläumsjahres: Die Achtundsechziger-Revolution, die Sozialisten, Gammler und Playboys vereinte, fand hauptsächlich im Bett statt

Weißt du nicht, daß alles in Ordnung kommt?" sangen die Beatles 1968. "Shubidu alright" bestätigte der Refrain. Das Lied hieß "Revolution No. 1" und schlabberte genüßlich dahin. Es richtete sich an einen Vertreter des Typs "revolutionärer Sprücheklopfer" und antwortete ihm mit musikalischem Schulterklopfen. Schräg und schleppend getaktet gab das Lied die ozeanische Gelassenheit der damaligen Jugendkultur wieder, auf der die politische Erregung munter schäumte. Verglichen mit der tief hinabreichenden Strömungsänderung der öffentlichen Mentalität, war der politische Wellenschlag nur oberflächliches Gekabbel. Im mächtigen Sog der Popkultur vollzogen sich Veränderungen im Lebensstil und Wertgefüge der Gesellschaft, die fundamentaler waren als die politische Rhetorik der Studentenpolitik, auch wenn sich die Demonstrationswelle, die 1968 über den halben Erdball lief, als symbolische Zäsur anbot, um die allmählicheren Veränderungen der Alltagskultur zum Ausdruck zu bringen.

Dreißig Jahre sind seitdem vergangen. Überraschenderweise haben die diesjährigen Jubiläumsbeiträge zu 1968 fast ausschließlich wieder nur die politischen Manifestationen der Zeit besichtigt. Gedacht wurde der Außerparlamentarischen Opposition, der Antikriegsdemonstrationen, der nachhaltigen Demokratisierung. Erinnert wurde an den Zerfall in stalinistische Kleingruppen, an die gescheiterten Versuche, sich mit Arbeitern zu verbünden, an die spätere Rote Armee Fraktion. Der viel breitere Schichten erfassende antiautoritäre Mentalitätswandel jedoch, der die politischen Manifestationen erst ermöglichte, spielte beim publizistischen Jubiläum eine erstaunlich geringe Rolle. Dies hängt damit zusammen, daß die politischen Akteure von damals dieselben waren, die kürzlich ihrer Revolte gedachten. Noch immer geben sie sich der akademischen Illusion hin, die Liberalisierung der alten Bundesrepublik sei ein direktes Resultat des politischen Diskurses gewesen. Der Muff der frühen Jahre wurde jedoch in einem anderen Zentrum des Sozialen besiegt: 1968 fand nicht im Hörsaal, sondern vornehmlich im Bett statt.

"Make love not war", lautete die alte Hippie-Parole, nach der John Lennon und Yoko Ono, von Fernsehkameras beobachtet, tagelang im Bett geblieben waren. Blue Movie, einer der radikalsten Filme der "factory" von Andy Warhol, spielte fast nur im Bett. Viele Studentenkneipen nannten sich Oblomov nach Gontscharows Romanhelden, der nur selten aus dem Bett herauskam. Noch heute machen sich Rainer Langhans und Fritz Teufel im Spiegel-Interview über Rudi Dutschke lustig, der jeden Morgen per Fahrrad mit Aktentasche und Pausenbrot zum Büro des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes radelte, während sie in der Kommune 1 auf den Matratzen lagen und "neue Formen nichtpatriarchaler Liebe" ausprobierten. Der Dutschke, so erklärten sie sich seine Emsigkeit, war ja auch gerade erst aus dem Osten gekommen.

Das Bett war bis dahin der letzte Ort der Wohnungseinrichtung, der noch nicht in die Hände der Designer gefallen war. In der Folge der 68er-Bewegung eroberten Bilder von Betten sogar die Möbelprospekte. Bis dahin war ein "Schlafzimmer" immer eine Schrankwand gewesen, aus dessen Gestaltung sich Nachttischchen und Frisierkommode entwickelten. Erst in den späten Sechzigern beginnt sich ein Schlafzimmer vom Bett aus aufzubauen. Die Studenten, noch ohne Geld für neues Design, brauchten für ihr neues Lebensgefühl ein möglichst großes Bett, wollten aber um alles in der Welt die "Besucherritze" vermeiden, die typisch für die Lagerstätten ihrer Eltern war. So verfielen sie auf den Schaumstoff, der in jeder Größe zu haben war. Durch die Universitätsstädte sah man rostige Renault R4 fahren mit gewaltigen Matratzenrollen auf dem Dach.

Fast vergessen ist die Figur des Gammlers. Der Gammler zog viel mehr Zorn auf sich als der protestierende Student. Er war im öffentlichen Leben eine Sommererscheinung; saß stundenlang auf dem Marktplatz eines Badeortes herum, um sich nach ein paar sprachlosen Stunden mit den Worten zu trollen: "Ich geh mal abschlaffen." Mit dem Film "Zur Sache Schätzchen" schuf May Spils 1967 dem Gammler ein Denkmal. Werner Enke spielt den "schlaffen Haro" Martin, der nie zur Sache kommt und als Beruf Pseudophilosoph angibt: "Manchmal muß man tagelang im Trainingsanzug und mit Spikes an den Schuhen durch die Stadt laufen, um zu einem pseudophilosophischen Resultat zu kommen. Das Wichtigste an der Pseudophilosophie ist, daß am Ende nichts dabei herauskommt." Der schlaffe Haro verbringt wie Oblomov den Tag am liebsten im Bett. Darin landet zum guten Ende Uschi Glas, die damals noch ein "Starlet" war, sich aber als "Halbblut Apatschi" in Winnetou 1 bereits unsterblich gemacht hatte. Die F.A.Z. bezeichnet in ihrer Kritik vom Januar 1968 Uschi Glas als überaus "puschlig" und lobt den Film dafür, "daß ohne jede Attitüde, ohne Dunkelsinn, ohne Beladensein ein Stück bundesdeutscher Wirklichkeit von heute sichtbar wurde, jung, rund, keineswegs albern". Damals war es in Schwabing, wo der Film spielt, gerade Mode geworden, ein Mädchen "Mutter" zu nennen. Auch der schlaffe Haro nennt Uschi Glas Mutter; dieselbe Uschi, die man drei Jahrzehnte später als "Traummutter der Nation" bezeichnen sollte. Kein Wunder, daß Martin in dieser inzestuösen Konstellation wieder nicht zur Sache kommt. Produziert wurde der Film von Peter Schamoni, der ein Jahr später mit "Quartett im Bett", diesmal im Berliner Milieu von Insterburg & Co spielend, einen verwandten Ton treffen sollte gestützt von avantgardistischen Schnittkunststücken.

Berühmt wurde Dieter Kunzelmanns Ausruf "Was geht mich der Klassenkampf an, wenn ich Orgasmusschwierigkeiten habe!" Man setzte neue Prioritäten: Die "Neue Linke" stellte erstmals das Glück des einzelnen höher als den Dienst im Klassenkampf. Während die "Alte Linke" das Glück erst für die klassenlose Gesellschaft nach der Revolution vorsah, bewertete die neue den "subjektiven Faktor" höher als die "historischen Gesetzmäßigkeiten". Beide Haltungen alt und neu existierten nebeneinander: Während Gretchen ihrem späteren Ehemann Rudi Dutschke die Erlaubnis, bei ihm einzuziehen, erst durch das Versprechen entlockte, sofort wieder zu verschwinden, falls sie ihn je bei der revolutionären Arbeit stören sollte, empfanden andere gerade das zeitaufwendige Experimentieren in Kommunen und Wohngemeinschaften als politischen Akt. Die Kritik an den eigenen psychischen Grenzen und das Pochen auf Selbstverwirklichung prägten die antiautoritäre Bewegung stärker als das Entsetzen über den Vietnamkrieg. Der Philosoph Alain Finkielkraut sieht in der 68er-Bewegung zuerst ein "existentielles Nein", kein politisches. Die Ästhetik des Protestes war wirksamer als seine Argumente. "Unter dem Pflaster liegt der Strand", lautete die prominenteste Parole des sonnenhungrigen Pariser Mai, nicht: "Weg mit dem Privateigentum von Produktionsmitteln."

Selbst Rudi Dutschke, der Fleißige, war eher ein Rhapsode als ein klassischer Rhetor der Politik. Im Abstand von dreißig Jahren noch einmal gehört, entpuppen sich seine Reden als soziologischer Surrealismus, als überbordender Slang, der abschnittsweise mehr vom schneidenden Rhythmus des Politsingsangs als von Vernunft diktiert ist: Rudi war der erste Rapper.

Neben Marx und Lenin standen gleichberechtigt Sigmund Freud und Wilhelm Reich im Bücherregal. Die Psychoanalyse wurde in nächtelangen Wohngemeinschaftssitzungen als Medium der Selbsterkenntnis und als Waffe der Selbstzerfleischung gebraucht. Verbissen versuchten Verliebte ihre Eifersucht zu unterdrücken, die als Besitzdenken gegeißelt wurde. Noch Jahre später wurde erbittert die Frage diskutiert, ob für revolutionäre Frauen beim Sex eine andere Position als die des Obenliegens in Frage käme. Die von Illustrierten mit Vorliebe abgelichtete Uschi Obermaier wurde wegen ihres Bekenntnisses zum Unterliegen als Muschi Untermaier gegeißelt, obwohl die Feministin Mariana Valverde zugab: "Manche Frauen haben darauf hingewiesen, daß der Geschlechtsverkehr in der Missionarsstellung nicht unbedingt heißen muß: , Passive Frau wird von aggressivem Mann gefickt. Diese Position kann genausogut so erlebt werden: ,Starke Frau verschlingt zögernden Mann ", womit die Welt ja wieder in Ordnung wäre.

Häufig wurde der eigene Körper als wichtigstes Schlachtfeld von Reaktion und Auflehnung erfahren, mit traumatischen oder euphorischen Ergebnissen. Vor allem die Jungen empfanden Gesellschaftspolitik am eigenen Leib und drückten die Kritik zuallererst auch dort aus. Die modische Verweiblichung der jungen Männer durch lange Haare sorgte für heute unvorstellbare Haßattakken der älteren Generation. Für einen "Langhaarigen" war es mit größtem Risiko verbunden, in eine normale Eckkneipe zu gehen. Die Bierdusche war noch das Mindeste, was zu erwarten war. Für Aggressionen sorgte auch der ungewohnte "Unisex". Frauen und Männer trugen nicht nur die gleichen Frisuren, auch Hosen, Schuhe und der Parka nivellierten Frau und Mann.

Die Parkas stammten aus den sogenannten Steg-Shops, in denen Bestände der sonst so verhaßten US-Armee verhökert wurden. Die Vorliebe für die Steg-Shops gerade unter Linken belegt die geringe Tiefe des politischen Diskurses. Vielleicht wollte man die Distanz zur Elterngeneration unterstreichen, indem man die Kutte der Sieger über die NS-Wehrmacht trug. Vielleicht warf sich die Jugend auch den Mantel des Gegners über wie einst die Indianer das Gefieder des Adlers, damit dessen Kraft auf sie überginge unterschiedslos auf Mädchen wie Jungen. Bis es soweit war, begriffen sich die Revoluzzer als Kinder.

Die Weigerung, erwachsen zu werden, gehört zum Repertoire des protestierenden Zeitgeistes. Die Filme, die man sich damals immer wieder ansah, um die eigene heikle Identität zu bebildern, waren bevölkert von infantilen Helden, die sich wie Bonnie und Clyde den Weg frei schossen, um die romantische Liebe zu retten. Die Impotenz galt bei allem Ungemach als besonders vornehm, weil sie auf eine Verweigerung der Erwachsenenwelt hinauslief. Die kulthaft verehrten Italowestern wimmelten von symbolisch kastrierten Märtyrern, die ganze Outlaw-Dörfer vor fiesen Kapitalisten retteten, selber aber in Unschuld starben, wie Jean-Luis Trintignant als Silence, dem Kopfgeldjäger als Kind die Zunge abgeschnitten hatten.

Der Kern der Revolte bestand aber im nachhaltigen Abschied von der Sparsamkeit mit segensreichen Auswirkungen für die Volkswirtschaft. Triebaufschub und Triebverzicht gehörten für das 68er Denken zum Inventar des autoritären Charakters. Die Sparsamkeit der Deutschen im Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre dämpfte die Konjunktur. Es wurde unter Volldampf gearbeitet, aber nur wenig konsumiert. Auf den Sparbüchern der Elterngeneration hatten sich beträchtliche Summen angespart, und vereinzelt gab es auch schon die ersten Häuser aus dem Nachkriegs-Aufbauprogramm zur Eigentumsbildung zu vererben. Zum Entsetzen ihrer Eltern machten sich die Kinder daran, das mühsam Ersparte binnen weniger Jahre zu verprassen.

Die Studienzeiten begannen sich über ein Viertel eines normalen Berufslebens zu erstrecken, bewußtseinserweiternde Fernreisen nach Indien kamen in Mode und Semesterferien auf Ibiza. Ästhetische Innovationen sorgten dafür, daß das Geld schneller zirkulierte. Hatte die Elterngeneration noch Möbel angeschafft, die ein Leben lang halten sollten, wurden 1968 aufblasbare Sessel und Sofas erfunden. Sie konnten Neugekauftem Platz machen, indem man einfach die Luft herausließ. Damals entstand das bis heute gültige Ideal des schnell veränderbaren Wohnraums, der die Bereitschaft zum kostenintensiven Umbau wachhält.

Trotz des latenten Antikapitalismus der tonangebenden Jugendkulturen gewann die Werbebranche an Reputation. Werbung bekam, bei aller Kritik an "Bewußtseinsindustrie" und "Konsumzwang", unter Intellektuellen den Status von Kunstgewerbe, wenn sie nur "revolutionär" genug war. Charles Wilp etwa wurde mit seiner berühmten Werbung für Afri-Cola zum gefeierten, aber auch heftig attackierten Artisten: Hinter einer vereisten Scheibe sah man Nonnen in einen Limonadenrausch verfallen. Die Manier, durch beschlagene oder gefrostete Scheiben zu fotografieren, behielt er eine Zeitlang auch für andere Produkte bei, ganz wie ein Künstler, der seinen Stil gefunden hat. Gegen die manieristische Werbung protestierten am heftigsten Angehörige der Werbebranche selbst, die die Trennung von Produktqualität und Image nicht nachvollziehen mochten und für die neuen Werte des Schrägen und Provokativen wenig Verständnis aufbrachten: "Überall sind verhungerte, frankensteinähnliche Mannequins und vollgefressene, an Al Capone erinnernde Playboys zu sehen", mokierte sich der Werbefachmann Detlev Frederici. Der Kampf zwischen Hedonismus und klassischer Objektfixierung hatte auch die Werbung erreicht

Das neue Gift von Freiheit und Selbstverwirklichung verschonte die ehrwürdigsten kapitalistischen Dynastien nicht. Anfang 1968 wurde die Firma Krupp in eine GmbH umgewandelt. Zuvor hatte Arndt von Bohlen und Halbach, "der letzte Krupp", auf sein Erbteil an dem Unternehmen in Höhe von zweieinhalb Milliarden Mark verzichtet. Im Gegenzug erhielt der damals Dreißigjährige eine jährliche Auszahlung von zwei Millionen Mark zugesichert und wurde damit das, was er auch vorher war: ein Playboy. Mit seinen getuschten langen Wimpern und dem eindrucksvollen, außerordentlich zart und blasiert wirkenden Gesicht wurde Arndt von Bohlen und Halbach für den in Blut, Boden und Stahl wurzelnden Teil der deutschen Öffentlichkeit zur schlimmsten Schande seit dem Fall Berlins. Sie wußten nicht, daß der unwürdige Erbe den Konzern gerettet hatte: die Zahlung der Erbschaftssteuer in Höhe von 400 Millionen Mark hätte Krupp in den Ruin gestürzt. Für den libertären Teil der Deutschen wurde selbst dieser verzärtelte Sproß der verrufensten Kapitalistensippe zu einem der ihren, zumindest sieht er es selber so: "Ich gehöre eben einer Generation an, die in ihrem Drang nach Freiheit und den Möglichkeiten, die ihr dabei geboten werden mit keiner Generation vor ihr verglichen werden kann", sagte er dem Klatschkolumnisten Will Tremper. Da hatte er gerade eine Motoryacht für 1, 8 Millionen Mark in Auftrag gegeben.

Auch das deutsche Traditionsunternehmen Fichtel und Sachs verfiel der Umwertung aller Werte. Statt wie die Vorfahren alles erwirtschaftete Geld in den Betrieb zu stekken oder auf die hohe Kante zu legen, gab es Gunter Sachs mit vollen Händen in St. Moritz, Deauville und Palm Springs aus. In St. Tropez eroberte er das Herz von Brigitte Bardot unter anderem damit, daß er aus einem Hubschrauber tausend Rosen über ihrem Haus abwarf. Dem "Spiegel" erzählte er eine Geschichte, die zu illustrieren vermag, in welch unbeschwerter Form der Existentialismus im Fischerdorf der Reichen und Schönen ankam: "Nachts brausten wir (Brigitte Bardot und ich) mit dem Motorboot übers Meer das Ruder auf Südkurs und liebten uns auf dem Heck. Wir wußten, daß wir jederzeit auf eine Klippe rasen könnten. Vielleicht haben wir es sogar ersehnt mourir d amour." Klar, daß Gunter Sachs und Brigitte Bardot in Jeans heirateten.

Heute ist aus St. Tropez ein Massenbadeort geworden. Die Sparsamkeit ist so nachhaltig aus dem deutschen Wertekanon gestrichen worden, daß sie selbst bei dem üblichen Aufzählen verlorener Tugenden gar nicht mehr auftaucht. Ein hemmungsloser Konsumismus und der Anspruch, hier und jetzt befriedigt zu werden, sind die nachhaltigsten Auswirkungen von 1968.

aus: Berliner Zeitung