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Lücken im Familienroman

 

Gerd Koenen über "das rote Jahrzehnt" 1967-1977

Ein Jahrzehnt lang, "das rote", lebte eine Generation, die von '68, in Deutschland in einem Ausnahmezustand. Das, da ist Gerd Koenen überzeugt, "muss mentale Spuren hinterlassen haben". Koenen, einst selbst KBW-Mann, machte sich auf die Suche. Im April legt er bei Kiepenheuer & Witsch in seinem Buch Das rote Jahrzehnt seine Fundstücke vor. Mit dem Publizisten sprach Matthias Arning. FR

FR:: Hans Magnus Enzensberger hat die nun anhebende Debatte über die 70-er Jahre als öde und von den eigentlich politischen Fragen ablenkend bezeichnet. Verwechselt er da eine Debatte im Bundestag mit einem Diskurs über die Republik?

Gerd Koenen: Ich glaube schon. Die aktuelle Diskussion ist natürlich von vordergründigem politischen Kalkül und dem Enthüllungsdrang der Medien bestimmt. Aber über die Sache selbst - die projektiven Aufladungen der politischen Konflikte in diesen Jahren, ist auf jeden Fall noch vertieft nachzudenken. Das könnte auch Enzensberger selbst betreffen, der eine Schlüsselrolle in bestimmten Abschnitten des intellektuellen Radikalismus dieser Zeit gespielt hat. Allerdings - immer einen Schritt vorneweg! Der rasante Wandel seiner Positionen ist fast ein roter Faden der intellektuellen Geschichte dieser Jahre.

Die Frage ist doch, welches Material nimmt sich die Republik vor, um sich selbst zu verorten. Das lieferte zunächst der Nationalsozialismus, später die Aufarbeitung der SED-Geschichte. Jetzt wendet sich die Forschung der alten Bundesrepublik zu. Versprechen Sie sich von der Auseinandersetzung aufklärerische Impulse?

Womit ich mich beschäftige, sind Erfahrungen, die in die Biografien eines großen Segments der Nachkriegsgeneration prägend eingelagert sind. Viele können sich heute ihre eigenen Aktivitäten oder Texte aus dieser Zeit nur noch mühsam vergegenwärtigen. Die Zeit der Studentenbewegung 1967/68 und die Zeit 1977/78, die mit der mythischen Chiffre "deutscher Herbst" umschrieben ist, sind beides Eckpunkte der kollektiven Erinnerung der bundesdeutschen Gesellschaft. Aber in diesem Bild fehlt das eigentliche große Mittelstück. Und nichts passt richtig zusammen. 1968 ist mittlerweile eingemeindet in das Selbstbild der Republik. Am Tag der deutschen Einheit 1990 hat Bundespräsident von Weizsäcker, gewissermaßen ex officio, die Jugendrevolte dieser Zeit zu einem Baustein der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik erhoben, weil sie "allen Verwundungen zum Trotz zu einer Vertiefung des demokratischen Engagements" beigetragen habe. Damit wurde, überspitzt gesagt, eine zweite Wiedervereinigung, die der Generationen West, staatspolitisch bekräftigt. Dem steht als erratischer Block in der Erinnerungslandschaft der "deutsche Herbst" gegenüber, als ein mythenumnebeltes Etwas, eine bleierne Zeit. Aber das war nicht nur die Geschichte eines Duells zwischen dem Staat und einem Dutzend Terroristen. Zwischen den beiden Polen 1967 und 1977, die so etwas wie ein "rotes Jahrzehnt" markieren, entfaltete sich in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen ein Generationsradikalismus, von dem einige Kapitel niemals erzählt worden sind. Natürlich muss man sich, wie Enzensberger schreibt, für die "lächerlichen K-Gruppen" der 70-er Jahre nicht interessieren. Aber wenn Leute mit diesen Biografien heute dicht gepackt in Regierung und Ministerien, Medien oder Verbänden sitzen, sollte es doch wenigstens eine vage Vorstellung geben, wie ein kluger und differenzierter Mensch in diese Gruppen hinein- und wieder hinauskam. Ich finde, die, die es betrifft, wären sich das auch selbst schuldig.

Die Geschichte der Bundesrepublik wird spätestens seit dem 50. Jahrestag als Erfolgsstory gepriesen, weil sie sich als integrationsfähig erwiesen und am Westen orientiert habe. Vielleicht lässt sich diese Geschichte aber ganz anders erzählen, wenn die, die unter dem Label der "68er" laufen, sich als die wahren Begründer der Republik präsentieren, weil sie Freiheit und Demokratie erst möglich gemacht hätten.

Dass es sich im großen und ganzen um eine Erfolgsgeschichte handelt, um eine schrittweise Selbstzivilisierung dieser Gesellschaft nach dem Zivilisationsbruch des Dritten Reiches, glaube ich schon. Was im allzu selbstgefälligen Rückblick begradigt wird, sind die vielen Paradoxien dieses Prozesses. Das betrifft gerade auch unsere Generation. So wenn die 68er sich das Verdienst zuschreiben, die verdrängte Geschichte der Bundesrepublik wieder aufs Tapet gebracht zu haben. Davon kann so nicht die Rede sein. Die NS-Geschichte wurde mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung - übrigens in allen vom Weltkrieg betroffenen Ländern, selbst in Israel - erst in den frühen 60er Jahren wieder zum Gegenstand der kollektiven Erinnerung, dann aber sehr, sehr intensiv. Innerhalb des SDS und der linken Studentengruppen nahm die konkrete Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus 1967/68 eher wieder ab zugunsten einer Verlagerung der Kritik auf "den Kapitalismus" und "den Imperialismus", die am "Faschismus" schuld sein sollten. Das kann man auch als eine Art von "Entsorgung" der belastenden NS-Geschichte sehen. Oder nehmen Sie den Anspruch der 68er, die Liberalisierung und Verwestlichung der Bundesrepublik vorangebracht zu haben. Wie verhält sich das dazu, dass der politische Kern dieser Bewegung deutlich antiliberal, antiwestlich und antidemokratisch war, wenn auch mit einem radikaldemokratischen Gestus? Oder wie kam es, dass die Spaßvögel des hedonistischen Umbruchs wie Teufel, Kunzelmann und die anderen Kommunarden, die heute gewissermaßen als Schweijks, als "amtlich anerkannte Idioten" des bundesdeutschen Familienromans, im Museum der Republik stehen, binnen eines Jahres im Terrorismus oder bei der KPD/ML landeten? Es gab eine Psychodynamik, die selbst dort, wo sie libertär und fröhlich aussah, etwa in den Forderungen der "sexuellen Revolution" oder in den Erziehungsexperimenten, viele unbewusste Elemente einer fanatischen Selbstreinigung enthielt, einer Abnabelung vom kontaminierten Körper der Elterngeneration.

Der Körper spielt in den Arbeiten von Klaus Theweleit eine Rolle. Sie nennen ihn einen "berserkerhaften Psycho-Apokalyptiker",dem Sie Oskar Negt als "wackeren Begriffsarbeiter" gegenüberstellen. Wollen Sie in Ihrem Buch noch etwas begleichen?

Nein, das ist keine Abrechnung. Für Negt ist die "Arbeit am Begriff" nun mal die ewige Essenz von '68, und dann sind es die linken Professoren, die die Fackel weitergetragen haben. Theweleit dagegen entwirft seine eigene Mythologie: Da ist der eine, kurze glückliche Moment der Ablösung von '68, und alles, was danach kommt, ist purer Verrat und potenzielles Verbrechen, das nur dem Ruf des elterlichen "Töterfleischs" gehorcht. Das gehört in den Bereich deutscher Selbstfaszinationen.

Antiliberale und antidemokratische Züge der politischen Bewegung brachten Jürgen Habermas 1967 zu seinem Vorwurf vom "Linksfaschismus". Verweist seine Empörung nicht auf das Ausmaß, in dem eine Selbstauseinandersetzung ausblieb?

Habermas hat den Vorwurf ja nicht aufrechterhalten. Er hatte allerdings etwas ganz Bestimmtes gemeint: Den Mythos der befreienden Aktion, den er auf Georges Sorel zurückführte - der eine Schnittstelle markiert, wo linke Codierungen umgeschlagen sind in rechte. Wenn wir das Segment der Neuen Rechten sehen, die aus der APO-Bewegung gekommen sind, etwa so eine grauenhafte Figur wie Horst Mahler, kann man sich schon Fragen über die Codierungen stellen. Ich würde trotzdem sagen, es war eine klar linksradikale Bewegung, die ursprünglich demokratische und libertäre Impulse hatte. Nur war es kein Zufall, sondern kam aus dem Impuls von '68 selbst, wenn sich der Kern dieser Bewegung in den 70-er Jahren in einem dichten Gewirr militanter Kaderparteien und Organisationen verpuppt hat.

Was Enzensberger öde nennt, bezeichnen andere als olle Kamelle - alle fünf Jahre hebt wieder ein Streit über '68 an. Gibt es jetzt eine neue Qualität?

Die Diskussion über den Sponti-Militantismus und über die Grauzonen zum Terrorismus, die es gerade auch in Frankfurt gab, lenkt den Blick jetzt stärker auf das, was ich als ein ganzes "rotes Jahrzehnt" bezeichne. Dabei geht es, mir jedenfalls, nicht um Enthüllungen, sondern um Selbstaufklärung. Die Aufregung um die Fischer-Fotos fand ich eher lächerlich - als hörte man zum ersten Mal, dass "Straßenkämpfer" wirklich auf der Straße kämpften! In der politischen Geschichte der Republik waren das Marginalien. Einen Staatsnotstand hat es, anders als in Italien, hier nie gegeben. Aber ein Gutteil dieser Generation hat ein Jahrzehnt wie im Ausnahmezustand gelebt. Und das muss mentale Spuren hinterlassen haben.

 FR vom 27.1.2001