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5. Mai 1999

Die gerettete Identität

DANIELA SANNWALD

Zwei Filme behandeln politische Ereignisse der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Eine Zeit der Studenten- und Arbeiterdemonstrationen: Sie wandten sich gegen den zunehmenden Einfluß der rechtsradikalen Parteien, von denen eine, die MHP, bei uns durch ihre Jugendorganisation "Graue Wölfe" bekannt, gerade wieder bei den Parlamentswahlen hohe Stimmengewinne erzielt hat. Damals überzogen die Rechtsnationalisten das Land mit einer Welle der Gewalt, und die Situation schien außer Kontrolle zu geraten. Die Studenten, die für die Einhaltung der Grundrechte, für mehr Demokratie an den Universitäten, gegen die Diskriminierung des kurdischen Bevölkerungsteils und, wie überall auf der Welt, gegen den US-amerikanischen Imperalismus demonstrierten, wurden vor Militärgerichte gestellt und einige von ihnen, trotz der großen Unterstützung aus der Bevölkerung, zum Tode verurteilt.

Reis Celik zeichnet in "Goodbye Tomorrow" ein historisches Gerichtsverfahren nach, dessen drei Angeklagte, sogenannte Anarchisten, durch den Strang hingerichtet werden. Verblüffend ist eine gewisse Ähnlichkeit zu den Gerichtsverfahren gegen die RAF-Terroristen in der Bundesrepublik, die etwa zur gleichen Zeit stattfanden. Schikanierung der Anwälte und Angehörigen, blindwütige Verfolgung aller "Sympathisanten" und ausgeklügelte Sicherheitsmaßnahmen waren offenbar hier wie da an der Tagesordnung. Reis Celiks Film, der auf Archivaufnahmen und Aktenmaterial zurückgreift, ist ein beklemmendes Porträt eines Landes, in dem die ohnehin nicht sehr stabile Demokratie außer kraft gesetzt zu werden droht, und das vor dem Hintergrund der aktuellen Wahlergebnisse und des bevorstehenden Prozesses gegen den Kurdenführer Abdullah Öcalan sehr bedrohliche Aspekte erhält. Den Dilettantismus und die gelegentliche Naivität der studentischen Aktionen dagegen schildert Turgut Yasalars "Leopardenschwanz", in dem fünf junge Männer einen US-Soldaten entführen, um einen im Gefängnis sitzenden Genossen freizupressen. Die fünf jedoch sind so chaotisch und unorganisiert, dazu von Angst erfüllt, daß die Aktion kläglich scheitert und mit vielen Toten endet.

1998 Verlag DER TAGESSPIEGEL