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Moralkeule als Bumerang Der Kampf um das Erbe der 68er aus Ost-Sicht

 

Von Andreas Lehmann

Sitzt der Ost-Regisseur O. in einer West-Runde und erzählt, dass er während seiner Armeezeit aus der FDJ ausgetreten ist. Sagt ein Westler: Was, du warst in der FDJ? Die Geschichte ist kein Witz. Der Witz liegt auch nicht in der Pointe, sondern darin, dass die Pointe meistens erklärt werden muss, jedenfalls dem Auditorium West: Das Besondere an O.s Geschichte ist nicht, dass er in der FDJ war, sondern dass er ausgetreten ist!

Hinter dem erstaunten Fragen, ob man wirklich in der FDJ gewesen sei, steckt nicht nur die Ahnungslosigkeit über das Leben jenseits von Kiel und Koblenz, sondern auch ein anmaßender Anspruch biografischer Geradlinigkeit und Unfehlbarkeit. Ein Anspruch, der gleich nach 1989 und bis heute dem Osten gegenüber mit verblüffendem Eifer und unerbittlicher Härte gerade von jenen betrieben wurde und wird, die sich "68er" nennen, die sich dafür halten oder sich als deren politische Nachkommen begreifen. Oder mehr oder weniger von ihrem Geist beseelt sein mögen. Die Begriffe "68" und "68er" werden im Osten folglich nur noch mit Gummihandschuhen angefasst oder mit An- und Abführungen gesprochen. "68er" ist ein Synonym geworden für ein System der Arroganz, für Meinungsterror, für Besserwisserei und moralisches Überlegenheitsgetue. Was man zwar von Kohl und den seinen erwartet hatte, nicht aber von den Linken, Grünen, Alternativen.

Insofern berührt der mit erstaunlicher Heftigkeit ausgebrochene Kulturkampf um Realität und Erbe der "68er" und die Person Joschka Fischer nicht nur die Frage, ob die "68er" Fluch oder Segen für die Bundesrepublik waren. Er setzt auch die Wucht und Arroganz moralischen Urteilens, mit dem seit zehn Jahren auf die DDR und deren Ex-Bürger herabgeschaut wird, auf die Tagesordnung. So ist für den Osten nun ein Moment, wenn auch widersprüchlicher, so doch großer Genugtuung gekommen: Obwohl Fischer als Ausdruck etablierter "68er" dort eigentlich noch ganz wohl gelitten ist, lehnt man sich jetzt erst einmal genüsslich zurück und schaut nicht ohne Häme darauf, dass die Moralkeule nun wie ein Bumerang wirkt.

Es drängt sich die Frage auf, ob der politischen Klasse Grün und den sich aus ihr und ihrem Umfeld rekrutierten Meinungseliten nicht endlich dämmert, warum sie im Osten seit zehn Jahren am Rande der Bedeutungslosigkeit vegetieren. Dass die Grünen nur jene für würdig befanden, um in ihren erlauchten Kreis aufgenommen zu werden, die eine astreine DDR-Widerstandsbiografie zu bieten hatten, zeugt zwar von ungeheuerer moralischer Rigorosität. Abgesehen von dem mehr als zweifelhaften Menschenbild aber, das dahinter steckt, ist das vor allem deshalb komplett absurd, schaut man sich die politischen Biografien der eigenen Mitglieder an. Als haben die nicht in jahre- und jahrzehntelangen Märschen durch diverse K-Gruppen oder sonstige linke Zirkel mühsam selbst ihre politische Rolle finden müssen. Diese eigenen Brüche aber werden heute als Folklore abgetan oder als eine Art schmerzhafter Läuterungsprozess beschworen. Als Prozess des Wandels, Wandel durch Erfahrung, an deren Ende sie dann als wahrhaftige Lichtgestalten der Demokratie ans Werk schreiten mussten.

Nichts dagegen, nur wird gerade das dem Osten nicht zugebilligt. Im Gegenteil, im Osten großgeworden, in so einem lahmarschigen Verein wie der FDJ gewesen zu sein, ist heute a priori ein Makel. Nicht gering daher auch die Schadenfreude, wenn Leute wie Fischer sich heute quälen müssen, den unerbittlichen Gegnern noch einmal oder zum ersten Mal erklären zu wollen, dass das Westdeutschland der späten 60er und früher 70er Jahre noch etwas anders aussah als die heile Welt von 2001.

Wenn es darum geht, Lebenswege Ost zu benoten, schreiten westdeutsche Politiker und sonstige Meinungsmacher forsch ans Werk, brutalstmöglich sozusagen. Es müssen keine "68er" sein, die dann die Messer wetzen. Wichtig ist, was ja selbst eher konservative Zeitgenossen zugeben, dass der moralische Impetus von "68" weiterbehauptet wird. Auch wenn das eigene widerspruchsvolle Leben dem Alles-oder-nichts entgegen stehen sollte, kanzeln jene Moralapostel dann mit kümmerlichen Kategorien ihren östlichen Gegenstand ab. Weil der wahlweise in der FDJ, DSF, GST, SED oder überhaupt im Osten gelebt hat und ergo bestenfalls als Opportunist durchgeht. Gerade diejenigen, die immer für die subjektive Sicht der Dinge streiten wollten, verstecken sich heute hinter einem billigen, pseudoobjektiven Begriffs- und Gedankenapparat. Und noch was: Warum müssen eigentlich Westler bei Bewerbungen kein Bekenntnis ablegen, dass sie nie in einer terroristischen Vereinigung waren oder mit ihr sympathisierten? Warum muss der gemeine Ostler unterschreiben, dass er nicht für die Stasi gearbeitet hat?

Im übrigen ist das Ganze kein theoretisches Spielchen. Ein Beispiel: die gerade geschehene Berufung eines Chefredakteurs aus dem Osten, was selten genug ist. Der Mann war 25 als die Mauer fiel, mit 18 hatte er seinen Armeedienst beim Wachregiment Felix Dzierzynski leisten müssen, eine Einheit, die im heutigen Schubladensystem als "Stasi" gilt. Aus einer Arabeske wird durch ein sachlich inkompetentes und moralisches inadäquates Begriffsystem mit einem Mal ein Makel, der am Ende durchaus rufschädigend sein kann. Aus all dem folgt das tiefsitzende Ressentiment des Ostens gegen die von "68" und durch "68er" und "post-68er" geprägten politischen und Meinungseliten des Westens. Sie haben den Osten seit zehn Jahren mit ihren scheinheiligen kategorischen Imperativ stigmatisiert. Und genau genommen sind sie so mitschuldig daran, dass es heute jenes geistige Getto Ost mit all seinen lächerlichen Nostalgieveranstaltungen gibt.

 FR 30.1.2001