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Die Geißel des Spottes

Gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen wird vorgebracht, die Darstellung der Propheten sei im Islam verboten und stellen im Falle Mohammeds eine Beleidigung dar. Ob dies durchgängig im Islam gilt, ist umstritten, zumindest im schiitischen Persien gibt es viele Beispiele, die das Gegenteil nahe legen, und kann bestenfalls für die Gläubigen gelten. Nun erleben wir, dass verlangt wird, religiöse Gebote auch auf Nicht- bzw. Andersgläubige auszudehnen. Das aus amerikanischer Sicht säkularisierte Europa tut sich da schwer, die religiöseren USA sind da eher bereit, das zu akzeptieren, obwohl ja gerade sie als der "große Satan" oder "Kreuzzügler" (ein schöner Widerspruch in sich) in der Kritik stehen. Während also verschiedene liberale bis konservative Blätter in Europa die Karikaturen der Jyllands-Posten abdruckten, gab es in den USA nur wenige Ausnahmen, so das neokonservative Weekly Standard, die ebenso verfuhren.

Die Linke hielt sich auch in Europa auffallend zurück. Man verwies einerseits darauf, dass die Jyllands-Posten Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts nazifreundlich gewesen sei, sie der eher xenophoben konservativen Regierung nahe stünde, sie sich noch vor kurzem weigerte, despektierliche Jesuskarikaturen zu drucken, andererseits im Zusammenleben mit Moslems jede Provokation vermieden werden sollte. Diese Argumentation ist, gelinde ausgedrückt, erstaunlich, denn in ihren Ursprüngen war gerade die Linke antiklerikal, ja antireligiös. Verwiesen sei auf Marx und Engels, die sich als radikale Materialisten verstanden. So formulierte Marx in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: "Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes" und auf die Anarchisten Bakunin ("Gott und der Staat" ) und Johann Most ("Die Gottespest"  ), deren radikale Meinung Most so zusammenfasste: "Unter allen Geisteskrankheiten, welche 'der Mensch in seinem dunklen Drange' sich systematisch in den Schädel impfte, ist die Gottespest die allerscheußlichste". Ob Sigmund Freud den Most kannte, ist nicht überliefert, aber in etwas milderer Form hat auch er formuliert: „Die Religion ist mit einer Kindheitsneurose vergleichbar.“ Die Religion, sagt er, sei eine „Wunscherfüllung“, die „vom Bedürfnis des Menschen geboren“ sei, „seine Hilflosigkeit erträglich zu machen“, und „wurde vom Stoff der Erinnerungen an der Hilflosigkeit der eigenen Kindheit und der Kindheit des menschlichen Geschlechts aufgebaut. Man kann deutlich sehen, daß der Besitz dieser Vorstellungen ihn zweierlei schützt – gegen die Gefahren der Natur und des Schicksals und gegen die Verletzungen, die ihn aus der menschlichen Gesellschaft selbst drohen“ (zitiert nach Paul N. Siegel, Die Demütigen und die Militanten,  S. Freud, Die Zukunft einer Illusion).

Lenin formuliert ähnlich wie Most in Sozialismus und Religion: "Die Religion ist Opium fürs Volk. Die Religion ist eine Art geistiger Fusel, in dem die Sklaven des Kapitals ihre Menschenwürde und ihren Anspruch auf eine halbwegs menschenwürdige Existenz ersäufen."  Lenin, Stalin und mit ihnen die anderen autoritären Kommunisten haben allerdings eine widersprüchliche Handhabung der Religion eingeführt. Einerseits haben sie die Kirchen radikal unterdrückt, beispielsweise war noch bis kurz vor dem Sturz Ceausescus die Einfuhr von Bibeln nach Rumänien (wie heute noch in Saudi-Arabien) streng verboten, andererseits bemühten sie sich, religiöse, insbesondere auch islamische Gruppen in den "antiimperialistischen Kampf" einzubeziehen. Dies hinderte sie allerdings nicht daran, sie in der Sowjetunion und im ganzen realsozialistischen Block klein zu halten.

In der Revolte von 1968 wurden diese Theorien nicht nur neu rezipiert, sondern auch umgesetzt, bis hin zum Satanismus in Anlehnung an Michael Bakunin: "Aber da kam Satan, der ewige Rebell, der erste Freidenker und Weltenbefreier". In den kommunistisch-stalinistischen und autonomen Nachfolgern verengte sich der Blick auf den Kampf gegen den "imperialistischen Hauptfeind", der zunächst die USA (plus Israel als Juniorpartner) darstellte, in Anlehnung an Maos China aber auch die Sowjetunion sein konnte. Nach der Maxime vorgehend, der Feind meines Feindes ist mein Freund, verbündete man sich mit all und jedem, zunächst mit antikolonialen Befreiungsbewegungen, dann mit der "dritten Welt", schließlich mit notorischen Antisemiten wie der El Fatah, Kaddafi, im Extremfall mit Sadam Hussein oder gar Al Qaeda. Horst Mahler und einige andere hat es in die rechtsextreme Ecke geführt. Den aus der antirassistischen Bewegung hervorgegangenen Antideutschen ist die innerlinke Kritik an diesem Irrsinn zu verdanken. Dieses Verdienst muss ihnen zugerechnet werden, obwohl sie ihrerseits in ein Abseits abdrifteten, in die Übernahme der neokonservativen Kriegslogik. Zur Funktion des Witzes in Bezug auf die dänischen Karikaturen haben sie in Anlehnung an Freud dennoch das Richtige gesagt.

Die Kritik an der deutschen Vergangenheit des Rassismus und Antisemitismus, die Begeisterung an der dritten Welt, brachte eine Adaption des "proletarischen Internationalismus" in Form des Multikulturalismus hervor. Die von den Kapitalisten ins Land geholten proletarischen Massen sollten solidarisch für den in der Metropole zu führenden Klassenkampf gewonnen werden. Kein schlechter Gedanke, nur führte das mit Hinweis auf den Antiimperialismus zur Akzeptanz der von diesen Massen aus ihren Dörfern mitgebrachten vorbürgerlichen Ideologien. Eine wirkliche Integration wurde damit verunmöglicht, sie wurde als eine zu verabscheuende Assimilation diskreditiert. Multikulti-Propagandisten und rechtsextremistische Ethno-Ideologen waren in ihrer Argumentation nicht mehr zu unterscheiden. Gewachsene Gruppen-"Identitäten", ein Widerspruch in sich, wurden als sakrosankt erklärt und quasi unter Naturschutz gestellt. Das bedeutete nichts anderes als die Etablierung eines neuen Rassismus. Kritik an diesen Zuständen wurde mit der Methode "haltet den Dieb" selbst als rassistisch denunziert.

Die antireligiösen Sozialisten des 19. Jahrhunderts, die Vertreter der 3. Internationale, die 68er sind heute weitgehend in ihren positiven Anliegen in der Linken vergessen, aber ihre Verirrungen wirken nach. Multikulti, religiöser Wahn und der zum Antiamerikanismus/Antizionismus/Antisemitismus verballhornte Antiimperialismus verbünden sich zu einem unangenehmen Gemisch angeblicher Liberalität. Islamischen Fundamentalisten gelingt es, dort anzudocken und diesen vermeintlich linken Diskurs für sich auszunutzen. Sie propagieren beispielsweise das Kopftuch und Trotzkisten sowie Stalinisten klatschen vereint Beifall. Sie verkünden ein Bilderverbot und die "Linke" hält sich dran. Sie fühlen sich wie Rudi Dutschke in Anlehnung an Dostojewski sagen würde "erniedrigt und beleidigt" und man entschuldigt sich. Ein Johann Most dagegen würde heute vermutlich gesteinigt werden.

Die Konservativen, die wie jetzt in der "Welt" verdienstvollerweise die Zulässigkeit der Gotteslästerung einklagen, stehen den Multikultis in ihren Versäumnissen in nichts nach. Sie haben mit ihrer Doktrin des "Nichteinwanderungslandes" jahrelang nichts für die Integration getan, im Gegenteil, sie haben sie aktiv behindert. Man kann nicht erst jemanden auf Dauer ausgrenzen und dann plötzlich mit der Leitkultur kommen. Die ist für den Ausgegrenzten nicht mehr erreichbar. Die Dropout-Raten und PISA-Resultate für Migrantenkinder in deutschen Schulen sind der beste Beweis für diese Aussage.

Die Situation in den deutschen Nachbarländern sieht nicht besser aus. Die Bombenanschläge in Madrid und London, die brennenden Autos in Frankreich, die Ermordung Theo van Goghs in den Niederlanden sprechen für sich. Unterschiedliche Vorgehensweisen, aber ähnliche Resultate. US-Kommentatoren verweisen auf ihr Modell, das einerseits toleranter sei, andererseits aber stärker die eigenen Werte hervorhebt. Islamistisch-dschihadistische Dissidenz ist in ihrer muslimischen Community aber auch aufgetreten.

Offenbar ist das Problem nicht mehr national zu begreifen, sondern nur noch im Rahmen der Globalisierung. Den Islamisten ist es egal, ob die Mohammed-Karikaturen in den USA (fast) gar nicht veröffentlicht wurden, sie verbrennen trotzdem neben der dänischen Fahne auch noch gerne das US-Sternenbanner. Die Islamisten in der dänischen Diaspora, die sich über Jyllands-Posten aufregen, suchen und finden Unterstützung in der arabisch-muslimischen Welt, aus der sie ehemals (wegen ihrer radikalen Ansichten) flüchten mussten. Einer für alle, alle für einen. Es gibt keine nennenswerte islamisch geprägte Opposition zu dieser Konstellation. Aufklärung, das Recht auf Kritik, Individualität und Menschen- wie Bürgerrechte werden nur von winzigen Minoritäten, wenn überhaupt, eingeklagt.

Kann die von Sigmund Freud konstatierte Kindheitsneurose in Form der Religion überhaupt geheilt werden, und wenn ja, von wem? Als Grund für diese Neurose benennt er Hilflosigkeit, die Hilflosigkeit gegenüber der Natur einerseits und der Hilflosigkeit gegenüber gesellschaftlich verursachten Verletzungen andererseits. Tsunamis usw. sowie eben auch gerade ökonomische und politische Gewalten scheinen nicht beherrschbar zu sein, also sucht man Hilfe "höheren" Orts, ist beleidigt und gefällt sich in Minderwertigkeitskomplexen. Die Linke hat lange Zeit geglaubt, der Sozialismus sei die Antwort. Der hat aber bislang kläglich versagt und wird von den Neurotisierten vehement abgelehnt. Ein gangbarer Königsweg muss erst noch gefunden werden. Viele Beobachter sind skeptisch, ob es den überhaupt gibt. Um mit Most zu sprechen: "Je mehr der Mensch an der Religion hängt, desto mehr glaubt er. Je mehr er glaubt, desto weniger weiß er. Je weniger er weiß, desto dümmer ist er. Je dümmer er ist, desto leichter kann er regiert werden! –"

Dieser Hinweis ist bedeutsam, verweist er doch auf starke Interessen, die diesen Verdummungsprozess unterstützen. Die Autokraten in Kairo, Teheran, Er Riad, Kuwait usw. haben viel zu verlieren. Lieber finanzieren sie mit westlicher Hilfe, entweder wie im Falle Ägyptens auf Basis direkter Geldzuwendungen, oder bei den anderen durch den teuren Verkauf von Öl den Bau von Moscheen und die religiöse Propaganda, als sich auf andere Verhältnisse einzustellen. Die Islamisierung und Fundamentalisierung in aller Welt wird hauptsächlich von Saudi-Arabien, den Golfstaaten und dem Iran mit Ölgeldern durchgesetzt. Die westliche Freiheit gräbt so ihr eigenes Grab, bzw. kreiert so zumindest ihren unversöhnlichen Feind. Die amerikanische Öl- und Rüstungsfraktion, die das Weiße Haus regiert, verspricht zwar inzwischen die Unabhängigkeit vom nahöstlichen Öl in den nächsten zwanzig Jahren, wird aber einen Teufel tun, dies auch zu verwirklichen, ist sie doch viel zu sehr ökonomisch mit den Scheichs verbandelt. Gerade werden mit Zustimmung des Präsidenten sechs große amerikanische Häfen an eine im Golf ansässige Firma verkauft und die offiziell Verbündeten in Saudi Arabien wollen die von den USA als terroristisch eingestufte Hamas-Regierung in Palästina finanzieren.

Solange die US-Wähler diese Widersprüchlichkeiten hinnehmen und weiterhin ihren Blutzoll für eine verfehlte Politik (Stichwort Irak) entrichten wollen, wird sich weltpolitisch nichts ändern und das säkulare Europa wird vermehrt ins Fadenkreuz der islamistischen Fanatiker geraten. Europa kann dem Konflikt nicht ausweichen, es kann nur standfest die eigenen Interessen verfolgen und den Amerikanern nahelegen, gemeinsam nach Auswegen zu suchen. Dazu ist ein transatlantischer Dialog wichtiger als der unsinnige Versuch, mit unbelehrbaren muslimischen Fanatikern ins Gespräch zu kommen. Die Linke kann dabei ihren eigenen Part spielen, hat sie doch die besseren Argumente in der Irakfrage ohnehin auf ihrer Seite. Jetzt aber gilt es nicht, das national(istisch)-sozialistische Saddam-Hussein-Regime zurück zu wünschen, sondern gangbare Alternativen jenseits religiöser Linien zu entwickeln. Das können die säkularen Europäer vermutlich besser als die gläubigen Amerikaner. Das wird dann Menschen- und Bürgerrechte, insbesondere auch wirkliche Frauenrechte in den Vordergrund stellen müssen. Der Karikaturenstreit kann dafür eine gute Lehre sein.

Nicht Kampf der Kulturen, sondern Festigkeit gegenüber den eigenen Positionen ist angesagt. Mit Bakunin können wir sagen: "Seien wir ungehorsam und essen wir die Frucht vom Baum der Erkenntnis", damit sich weder Pfaffen noch Mullahs, noch deren Profiteure in unsere weltlichen Angelegenheiten mischen können. Das wäre die Auflösung der von Freud diagnostizierten Neurose, der unabdingbare Schritt in eine geheilte Welt. Sagen wir's noch mal mit den Worten des revolutionären Sozialisten Johann Most: "Wer den Gottesschwindel in irgend einer Form predigt, kann nur ein Dummkopf oder ein Schurke sein..." "Die Religion muss systematisch im Volke untergraben werden, wenn dasselbe zu Verstand kommen soll, ohne welchen es nicht die Freiheit erringen kann..." "Lasset uns jedes Mittel des Kampfes in unsere Dienste nehmen: Die Geißel des Spottes, wie die Fackel der Wissenschaft; wo diese nicht zureichen, – greif- und fühlbarere Argumente!"

Die Redaktion

25.2.06