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Modernisierer wider Willen

 

Fischer und Cohn-Bendit mögen sich stellvertretend für einen Teil der 68er-Generation als Revolutionäre gefühlt und aufgespielt haben - im Ergebnis haben sie diesen Staat gestärkt, indem sie zu seiner Veränderung beigetrugen

Von Stephan Hebel

Zeitzeugen erzählen Geschichten, aber Geschichte erzählen sie nicht. Es kommt einem vor, als wäre man in Joschkas Wohngemeinschaft gelandet: Der Patriarch erzählt, während Renate sich in der Küche ums Rindfleisch kümmert. Friedrich Merz, der sich irgendwie in die alternative Erzählstube verirrt hat, träumt sich bis ans Ende seines Horizonts: zurück ins Sauerland der sechziger Jahre.

Über Geschichte lernen wir wenig aus der laufenden Vergangenheits-Debatte. Dreißig Jahre danach wäre es an der Zeit, die Erzählungen der Zeitzeugen als das zu nehmen, was sie sind: Material für die Geschichte einer Revolte, die den Weg ins Historische gerade erst zu nehmen beginnt. Vieles spricht dafür, dass sich das Jahr 1968 - wenn es erst jenseits parteipolitischer Machtkämpfe betrachtet wird - vor allem als Markstein der Modernisierung für die Bonner Republik entpuppen wird.

Aus Sicht der Historiker wird die persönliche Schuld des prügelnden Fischer eine ebenso zweitrangige Rolle spielen wie sein vermeintliches Streetfighter-Heldentum. Denn wie alle historischen Vorgänge sind die Ereignisse von 1968 mehr als die Summe aus subjektiven Motiven und persönlichen Helden- oder Schandtaten ihrer Protagonisten. Ist also der Blick erst einmal frei von tagespolitischen Rechtfertigungs- oder Verurteilungszwängen, dann lassen sich die 68er schon jetzt als Demokratisierer erkennen - und sei es wider ihren eigenen, damaligen Willen. Das skurrile Revolutions-Pathos jener Zeit wird sichtbar als Widerstands-Reflex einer Generation, der die Rhetorik des Rechtsstaats gerade nicht zur Verfügung stand; denn bei den Trägern dieses Staats und Teilen seiner Bevölkerung sahen sie mit einigem Recht gewisse Kontinuitäten zu jenem autoritären oder (das ist nur die Rückseite) duckmäuserischen, also antidemokratischen Denken, in dem erst das Preußentum, dann Bismarcks Nationalstaat von oben und zuletzt der Nationalsozialismus eine Stütze gefunden zu haben schienen.

Dass die 68er die Bundesrepublik, angestachelt durch das Schweigen ihrer Väter, in direkter Kontinuität zum Hitlerregime sahen, war übertrieben. Der Impuls aber, gegen Geschichtslosigkeit und Demokratiedefizit aufzustehen, war es nicht. Schließlich fand die Studentenrevolte in einem gesellschaftlichen Umfeld statt, das - von der Politik über das Bildungswesen bis ins Private hinein - vom Mangel an Toleranz mehr geprägt war, als dies in der durchlässigeren Gesellschaft des dritten Jahrtausends noch vorstellbar erscheint.

Hinzu kam der Kalte Krieg, dessen Kinder eben auch die Revoltierer waren. Sie liefen in die "Geh doch rüber"-Falle: Wo zu Hause Franz Josef Strauß und global der Vietnamkrieg der USA als Symbole des zu Bekämpfenden gelten mussten, da wurden für viele - allzu schnell - die Feinde der eigenen Feinde zu Freunden. Prompt bestätigten sie die Vorurteile ihrer Gegner: Die Kraft, den Rechtsstaat gegen seine schlechten Repräsentanten zu verteidigen, hatten viele der Aktivisten nicht. Sie dockten bei den dogmatischen Revolutions-Romantikern an oder landeten - in kleiner Zahl - sogar beim elitären Terror der RAF.

Beides allerdings trifft auf Joschka Fischer gerade nicht zu. Die Frankfurter Sponti-Szene stand den Dogmatikern, ob China-Apologeten oder DDR-Freunden, zum größten Teil zutiefst misstrauisch gegenüber. Die Erkenntnis, dass die Revolution nicht durch eine selbst ernannte Avantgarde herbeizubomben sei, dürfen wir dem heutigen Außenminister glauben.

Vor diesem Hintergrund stehen Fischer oder etwa Daniel Cohn-Bendit beispielhaft für jenen Teil der 68er Bewegung, dem im Ergebnis ein großes Verdienst zu bescheinigen ist. Sie mögen sich als Revolutionäre gefühlt und aufgespielt haben. Im Ergebnis haben sie diesen Staat gestärkt, indem sie zu seiner Veränderung beitrugen. Sie zu Helden zu stilisieren, gibt es keinen Grund. Der Impuls aber, sich nicht abfinden zu wollen mit autoritären Zügen in Staat und Gesellschaft, sich zu wehren gegen die Verharmlosung von Nazismus und Rechtsextremismus, Gerechtigkeit zu fordern gegen die vermeintlichen Zwänge kapitalistischer Ökonomie - dieser Impuls hätte Kontinuität verdient in der deutschen Gesellschaft.

Kein Erfolg ist dagegen jener rückwärts gewandten Sehnsucht nach Stillstand im Biedermeier-Gewand zu wünschen, die manche Unionspolitiker in der Fischer-Debatte übermannt zu haben scheint. Bei aller Unvergleichlichkeit der SED-Diktatur mit der bundesdeutschen Mängel-Demokratie der 60er Jahre: Angela Merkel müsste wissen, dass auch im DDR-System der Impuls zur "Revolution" nicht aus den Nischen bürgerlicher Privatheit kam, sondern von jener Minderheit, die ganz im Sinne der 68er den Mut aufbrachte, einem scheinbar unerschütterlichen Machtapparat die lange Nase zu zeigen. Und Leute wie Friedrich Merz oder Laurenz Meyer wissen genau, dass sie die Zeit, in der sie mehr angepasste Wirtschaftswunder-Kinder als widerständige Köpfe waren, zu Unrecht idealisieren, um ihre Gegner von heute zu beschädigen.

So leicht aber, das werden sie sehen, lässt sich Geschichte nicht umschreiben, auch die 68er-Geschichte nicht. Sie wird die Geschichten überleben, die der eine oder andere heute über sie erzählt.

FR 30.1.2001