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Günter Langer

Politik der "revolutionären Phrase":
Marxist-Leninist Rabehl und die "Kleinbürgerlichkeit"

Rabehls Vorreiterrolle für die ML-Bewegung der 70iger und seine damals ablehnende Haltung zum Nationalbolschewismus

Ein FU-Professor kommt durch rechtsextremistische Sprüche ins Gerede. Bernd Rabehl wäre nicht der erste, dem das widerfährt. Der Fakt könnte also als unbedeutend abgehakt werden, wenn Rabehl nicht das "Interpretationsmonopol" für sich bezüglich des SDS und der 68iger Bewegung in Anspruch nehmen würde. Immerhin wird er seit vielen Jahren mit dem sog. "Apo-Archiv" in Verbindung gebracht und gilt in der Öffentlichkeit als Experte auf diesem Gebiet. Ein weiteres Trumpf-As in dieser Hinsicht hat er sich mit seiner Darstellung von sich selbst als Rudi Dutschkes "engster Kampfgefährte" geschaffen. Mit wahrheitsgetreuer Darstellung der Geschichte haben seine literarischen Produkte leider oft wenig zu tun, schon gar nicht, wenn es um seine eigene Rolle dabei ging. Zum Beispiel wirft er seinen heutigen Kritikern gerne vor, früher in sog. K-Gruppen organisiert oder gar Mitglieder in Partisanenverbänden gewesen zu sein. Leider "vergißt" er zu erwähnen, welch zweifelhafte Funktion er dabei hatte, seine Genossen auf diese Irrwege zu schicken. Andererseits möchte er gerne nachweisen, in der 68iger Zeit "nationalrevolutionär" gewesen zu sein. Es gelingt ihm nur nicht, Belege für diese Behauptung vorzulegen. Inwiefern er tatsächlich "engster Kampfgefährte" Rudi Dutschkes war, kann auch bezweifelt werden angesichts der Tatsache, daß die beiden 1968 kaum noch zusammen gesehen wurden. Rudi hatte sich inzwischen Gaston Salvatore für diese Rolle auserkoren und Rabehl blieb nur die Eifersucht. Auch nach dem Attentat auf Rudi gelang es Rabehl keineswegs, eine ähnlich bedeutende Rolle in der Bewegung auszufüllen, wie es Rudi vorher vermochte. Auffällig ist ferner die spätere Rivalität zwischen den beiden. Ihre Dissertationen behandeln praktisch jeweils das gleiche Thema, die asiatische Produktionsweise.

Doch gehen wir der Reihe nach vor. Noch 1966 diskutiert Rabehl, zusammen mit Rudi Dutschke, die Gründung von revolutionären Kommunen. Die Idee dafür hatten sie aus München mitgebracht, wo sie sich mit der "Subversiven Aktion" um Dieter Kunzelmann verbündet hatten. Während Kunzel und weitere Münchener extra nach Berlin zogen, um die Kommuneidee zu verwirklichen, sprangen Rabehl und Rudi in dem Augenblick ab, als es zur Realisierung des Projekts kommen sollte.

Der weitere Werdegang der beiden (Rudis und Rabehls) wird unterschiedlich dargestellt. Rabehl selbst behauptet eine weitere enge Partnerschaft zwischen ihm selbst und Rudi, insbesondere in Bezug auf die von ihm neuerdings behauptete "nationalrevolutionäre" Komponente. Gretchen Dutschke bestreitet dies bekanntlich. Und dies wohl zu recht. Zum 50. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution hält er in der Berliner "Neuen Welt" noch eine Rede, in der er, Rudi nicht unähnlich und mit dem Trotzkismus sympathisierend, noch "im Weltmaßstab (ein) Anschwellen einer neuen revolutionären Periode" proklamiert (Bernd Rabehl, Oktoberrevolution, Vorwort, Berlin Oktober 1967).

Doch schon wenig später, in der Vorbereitung zum Vietnamkongreß im Februar 1968, wird deutlich, daß die beiden unterschiedliche Wege gehen. Rabehl gehört nicht zum unmittelbaren Vorbereitungskreis des Kongresses oder des in dessen Folge geplanten "Che-Guevara-Instituts" (ab März 1968 als INFI realisiert). Im Frühjahr 1968 betitelt er einen Aufsatz: "Von der antiautoritären Bewegung zur sozialistischen Opposition" (in: Bergmann u.a., Rebellion der Studenten oder die neue Opposition, Hamburg 1968), in dem er die Rolle der Studenten in den zukünftigen Klassenkämpfen als Lieferanten von "wissenschaftlichen Hilfestellungen" sieht (S. 178). Indem er "antiautoritär" und "sozialistisch" als Adjektive zweier aufeinanderfolgender Etappen definiert, setzt er sich schon in diesem Text ab von anarchistischen Vorstellungen, die einerseits das Individuum in den Mittelpunkt ihres Interesses stellen und andererseits die Notwendigkeit der Abschaffung des Staates als prioritär ansehen. Die Studenten können, ihm zufolge, keine eigenständige revolutionäre Rolle spielen, bestenfalls sind sie als Handlanger für das revolutionäre Subjekt, das Proletariat, zu gebrauchen. Damit fällt er sogar noch hinter den Kommunisten der 3. Internationale Georg Lukacs zurück, der zwar in "Geschichte und Klassenbewußtsein" und in Aufsätzen in "Kommunismus" die Rolle der Intelligenz im revolutionären Prozeß der Emanzipation des Proletariats ebenfalls als "dienend" beschreibt, den einzelnen Intellektuellen aber immerhin zubilligt, sich selbst in ihrer Klassenlage verleugnend in die Partei ein- und unterordnen zu können.

So kann es nicht wundern, daß er, beeindruckt von den Maiereignissen, insbesondere in Frankreich, einen Schritt weiter in Richtung des traditionellen Kommunismus geht und die Studenten, angesichts ihrer bedeutenden Rolle in diesen Ereignissen, bei ihm plötzlich wieder eine Aufwertung erfahren. Er läßt sich in einer Broschüre "Nr. 1" der "Republikanischen Verlagsgesellschaft", o.O., o.J., über den "Begriff der revolutionären Realpolitik" aus, Untertitel: "Versuch einer Kritik am Anarchismus Cohn-Bendits". Dort beklagt er, daß "der Dogmatismus der 'antiautoritären Revolte' zur Verhüllungsideologie (wird)" (S. 32). Eine "Organisation" sei angesagt, die u.a. "zentralistische Funktionen" auszufüllen hätte im Hinblick auf die Organisierung des "Widerstandes gegen den Staatsapparat", um "langfristige Kampagnen vorzubereiten, die tendenziell die 'studentische Basis' an den Universitäten erfassen, um der Demoralisierung entgegenzuwirken und um andere gesellschaftliche Schichten oder Fraktionen der Klassen zu erreichen". Hierbei sieht er "die Ideologie der Studentenrevolte (als) Hindernis", jene Ideologie also, die er bis dato selbst propagiert hatte. In seiner Abhandlung versucht er herauszufinden, welche Elemente des Anarchismus in den Marxismus integriert werden sollten, denn ihm zufolge ist der Anarchismus die treibende Kraft einer "Volksrevolution", aber unfähig, die Revolution zu institutionaliseren. Der Anarchismus allein würde in seiner "Radikalität nachlassen und sich der Konterrevolution ausliefern" (S. 40). Einen Ausweg sieht er in linkskommunistischen Vorstellungen: Er will sich in "Klassenkämpfe" einmischen, die Studenten sollten sich (offensichtlich nun nicht mehr rein dienend) "wissenschaftlich auf die Machtübernahme" vorbereiten, eine "Gegengesellschaft als Doppelherrschaft" solle entstehen und "die Partei als Mittel der Aktionen" fungieren (S. 44), damit nicht zuletzt die "Entfremdung und die autoritative Fixierung der subversiven Akteure selbst aufgehoben (werden) könne" (S. 47).

1969 läßt er sich bereits ein auf eine dem Marxismus-Leninismus immanente Kritik an der DKP: FU-Projektgruppe DKP und Bernd Rabehl, DKP - eine neue sozialdemokratische Partei, Berlin 1969. Dort bemängelt er, daß die sozialistischen Klassiker wie Bernstein oder Kautsky, aber auch die DDR-Theoretiker von "Imperialismus - heute", Reinhold und Schwank, "eine offene Revision des Marxismus-Leninismus (vollzogen)" hätten (S. 74). Studenten und "revolutionäre Kader" sind ihm dort eins, sie "organisieren Aktionsgruppen in den Betrieben" (S. 118). Daher verwundert nicht, daß auf der "Klappe" des Buches vermerkt ist, daß der Reingewinn dieser Veröffentlichung an die "Ruhrkampagne" gehen solle, einer Gruppe, die mit von ihm inspiriert wurde und die sich selbst bald als marxistisch-leninistisch outete und schließlich in der KPD/ML landete. Rabehl und seine Genossen aus der sog. "Rätegruppe" rezipierten und diskutierten zusammen mit Peter Schneider und Wolfgang Bubenzer deren Papier, das diese aus einer Schrift der "Unione dei Communisti, Marxisti-Leninisti", das Peter Schneider aus Italien mitgebracht hatte, entwickelt hatten. Daraus schlußfolgerten sie, das Proletariat agitieren zu müssen, und zwar dort anfangend, wo es am geballtesten existierte, im Ruhrgebiet.

Interessanterweise grenzt er sich in diesem Text schroff gegen nationalrevolutionäre bzw. nationalbolschewistische Tendenzen der KPD, vertreten durch Radeks 'Schlageter-Rede' in den frühen zwanziger Jahren, und den 'nationalbolschewistischen' Scheringer-Kurs der frühen dreißiger Jahre ab. Radek "versuchte (damit) einen nationalbolschewistischen Kurs in Deutschland zu verstärken, der die nationalistische Intelligenz auf die Seite der Kommunisten ziehen sollte" (S.200). Mit dieser Rede sprach er "die nationalen Gefühle des deutschen Volkes im Ruhrkampf gegen die französischen Besatzungstruppen an" (S.133). Für Rabehl war dies der Beweis eines Kurswechsels der KPD weg von einer "klaren proletarischen Politik" hin "zur Volksfront aller antiimperialistischen Kräfte, die dann auch in ihren außerparlamentarischen Aktionen mit all den Phrasen nationaler Borniertheit des Kampfes gegen das 'Wucherkapital', kleinbürgerliche Ideologien in den Vordergrund schob" (S.133). Richard Scheringer war ein bekannter nationalistisch orientierter Bauer und Offizier, der für sein pro-nazistisches Engagement Festungshaft erhielt, dort aber auf Kommunisten stieß, die ihn so stark beeindruckten, daß er fortan für die Partei Thälmanns agitierte. Die KPD nutzte die Bekanntheit Scheringers und versuchte, mit ihrem Programm der "nationalen und sozialen Befreiung" an der nationalistischen Welle zu partizipieren. Rabehl kritisiert diese Strategie: "Die Volksaktion aller sozial Deklassierten ersetzte den Klassenkampf" (S. 151) und "es kann behauptet werden, daß ab 1930 von der KPD die Klassenkampfstrategie ausgetauscht wurde durch eine Strategie des Volkskampfes" (S. 152).

Auch in einer Artikelserie in der Roten Pressekonferenz (RPK) grenzt er sich vom Volksbegriff ("Mysterium buffo des Volkes") der als revisionistisch begriffenen DKP ab (RPK-Nr.15 vom 30.5.1969, S.10). Im Gebrauch des Volksbegriffes sieht er die Absicht der DKP, den "Widerspruch zwischen antimonopolistischen Volkskräften und dem staatsmonopolistischen Kapitalismus" zu begründen, anstatt "die Bedingungsanalyse des Klassenkampfes in der Bundesrepublik zu erstellen" (S.9). Die "Linke" innerhalb der DKP, Rabehl nennt den "Kreisausschuß Marburg", habe dies auch erkannt und "definiert damit auch unsere nächsten Aufgaben und unsere Politik der punktuellen Einheitsfront mit DKP und SEW". Diese "Einheitsfront" diene dazu, "die revisionistischen und opportunistischen Ansätze dieser Parteipolitik zu entlarven und mit den Linken in diesen Parteien zusammenzuarbeiten" (RPK-Nr. 16 vom 6.6.1969, S. 4).

Wenn Rabehl heute also behauptet, er sei schon immer nationalrevolutionär gewesen, kann er das aus der öffentlich verfügbaren Quellenlage nicht nachweisen. Im Gegenteil, die Texte sprechen eine ganz andere Sprache. Dies legt den Verdacht nahe, daß es ihm überhaupt nicht um historische Wahrheiten geht, sondern um Nachweise für seine heutigen Positionen. Dafür interpretiert er notwendigerweise die Geschichte nicht nur um, sondern er negiert die Fakten und fügt frei erfundene einfach hinzu.

Allerdings grenzt er sich bereits von der für ihn "linksbürgerlichen" Kritischen Theorie ab und beschreibt die 68iger Bewegung als einen "moralischen Protest kleinbürgerlicher Intellektueller gegen das kapitalistische System" und als eine "globale Identifikation mit den Befreiungsbewegungen" (RPK-Nr. 39 vom 14.11.1969, S. 8). Einen Unterschied zwischen "nationalem Kampf" und "internationaler Strategie des Klassenkampfes" sieht er nicht, beide seien identisch miteinander (a.a.O., S. 7.).

Schließlich erklimmt er den Gipfel seiner Identifizierung mit dem Marxismus-Leninismus in einem weiteren Aufsatz "Zur Methode der revolutionären Realpolitik des Leninismus" (in: "Lenin. Revolution und Politik.", o.O., Suhrkamp-Verlag 1970). Er rückt von seinen zwischenzeitlich vertretenen linkskommunistischen Ansichten vollständig ab und "wirft die Frage nach der richtigen Anwendung der Methode des Marxismus-Leninismus auf" (S. 47). "Fassen wir zusammen: Der Leninismus ist die revolutionäre marxistische Theorie und Praxis der Arbeiterklasse in der Periode des Imperialismus... Der 'demokratische Zentralismus' innerhalb der Partei und zwischen Partei und den Massenorganisationen garantiert, daß die Partei die gestellten Aufgaben wahrnimmt... " (S. 120f.). Und das alles schreibt er für ein Buch, das im Jahre 1970 erscheint, zu einer Zeit, als es außer der KPD/ML noch gar keine K-Parteien gibt, die sich allerdings bereits in ihren jeweiligen Gründungsphasen befinden. Rabehl weist ihnen den Weg...

18 Jahre später erklärt er retrospektiv "die Verkehrung der Revolte in ihr Gegenteil", ohne dabei seine eigene Mitwirkung bzw. seine eigenen inneren Beweggründe auch nur ansatzweise zu erwähnen: "Der Antiautoritarismus verkörperte objektiv einen Elitarismus", dessen Umschlag in den autoritären Marxismus-Leninismus "die Sehnsucht nach Ordnung und Disziplin" offenbarte. "Der Verlust von jeglicher Kritik, die Entdeckung einer neuen 'Religion' entlarvten, daß die antiautoritäre Revolte in ihrem Kern reaktionäre Bestrebungen enthielt - den Traum nach Geborgenheit, nach Diktatur, nach Gemeinschaft, nach Übersicht" (Am Ende der Utopie. Die politische Geschichte der Freien Universität Berlin. Berlin 1988, S. 353). Zeitzeugen und heutige LeserInnen seiner vielen Äußerungen wissen, welch großen Anteil Rabehl an dieser Verkehrung hatte und können seine jetzigen Positionen als das deuten was sie sind. Wenn wir unterstellen, daß diese Beschreibung nicht die Beschreibung der 68iger Bewegung ist, sondern eher seine eigene Person betrifft, kann seine "Danubia-Rede" nicht mehr überraschen. Dort bringt er exakt diese von ihm so lange als kleinbürgerlich apostrophierten Wertvorstellungen als das Ergebnis seiner in langen Jahren gewonnenen Erkenntnisse zum Ausdruck, ergänzt durch den Zusatz der Ausländerfeindlichkeit und des Antisemitismus. Wegen dieser von ihm neu hinzugefügten völkischen Elemente muß er eine neue Vokabel einführen: Von jetzt an begreift er sich als "nationalrevolutionär".

Berlin, den 25.6.1999