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Die Gesellschaft hat 68 akzeptiert
 
Peter Raschke
 
“Gläserne Biografie
ist entscheidend”
 
ZDF-Interview mit dem Politologen
Peter Raschke über den Fall Fischer

 

 
 Das Schicksal von Joschka Fischer wird nicht durch seine Vergangenheit entschieden, sondern durch seinen offenen und ehrlichen Umgang mit der Vita. Das ist die These von Peter Raschke. Im ZDF-Spezial-Interview mit Thomas Bellut äußert sich der Hamburger Politologe auch zur Bedeutung von Fischer in der rot-grünen Regierung.

 

Thomas Bellut: Das Jahr 1968 und die 70er Jahre werden auf einmal wieder heiß diskutiert. Ist das eine Kampagne gegen Rot-Grün oder nur Beschäftigung mit der Zeitgeschichte?
       
       Peter Raschke: Ein zeitgeschichtliches Seminar war es eigentlich nicht. In den vergangenen Wochen war es eine Kampagne als Angriff gegen die 68er. Die ist aus einem ganz einfachen Grund gescheitert, weil die Mehrheit der Gesellschaft “68” - zumindest in den Grundideen - akzeptiert hat.
       
       Nur haben wir - vor allem wenn es zu Untersuchungsausschüssen kommt - einen Strategiewechsel. Jetzt gibt es einen Angriff gegen eine Person, gegen Joschka Fischer. Und das wird nach den Regeln des politischen Spiels ablaufen. Da gibt es keinen Schutz mehr für den 68er. Da geht es um Schäuble und Co. Es kommt darauf an, ob man dabei erwischt wird, die Halbwahrheit oder die Unwahrheit gesagt zu haben. Und es kommt auf eine “gläserne Biografie” an. Hier kann es sein, dass sich Joschka Fischer stärker angreifbar zeigt, als es im Augenblick aussieht.
       
       Thomas Bellut: Sie haben sich intensiv mit dem Leben von Joschka Fischer beschäftigt. Hinter allem steht die Frage, ob sich Fischer zu stark auf Gewalt im politischen Kampf eingelassen hat. Wie sehen Sie diesen entscheidenden Punkt?
       
       Peter Raschke: Die 68er Revolte war gewaltfrei. Dann ist sie umgekippt und hat ein Verhältnis zur Gewalt entwickelt. Das kennt man von sozialen Bewegungen, dass sie, wenn sie mit ihrer Zielerreichung unzufrieden sind, die Mittel radikalisieren. In diese Militanzszene ist Fischer hineingewachsen. Nun hat ihm ja die Mehrheit verziehen, dass er Steine geworfen und Polizisten verprügelt hat. Er selbst hat eine Grenze aufgerichtet. Er hat gesagt, an der Produktion, an dem Einsatz und dem Beschluss über Molotow-Cocktails nie beteiligt gewesen zu sein. Das ist an sich eine künstliche Grenze, die aber gilt. Wenn nun in langgestreckten Untersuchungsausschusssitzungen Zweifel entstehen, dann wird es ganz knapp für Joschka Fischer.
       
       Thomas Bellut: Ist Joschka Fischer unverzichtbar für die rot-grüne Regierung?
       
       Peter Raschke: Ich glaube, dass Joschka Fischer überschätzt wird. Er ist ein wichtiger Außenminister, er ist ein Wahlkämpfer für die Grünen, aber wenn Sie sich den Regierungsprozess von Rot-Grün ansehen, dann kann man sagen, dass 90 bis 95 Prozent der Ergebnisse zu Stande kommen, egal ob Fischer dabei ist oder nicht.
       
       
Peter Raschke lehrt als Professor für Methoden der Politischen Wissenschaft an der Universität Hamburg. Er ist ein ausgewiesener Parteienforscher und hat sich unter anderem intensiv mit den “Grünen” beschäftigt.
       

20. Februar 2001