zurück

 
SDS-Website  

 

Joschka Fischer - wir danken dir

 

Die Eroberung der geschenkten Demokratie: Die Studentenbewegung hat die Adenauerrepublik entödet

Von Manfred Schneider

Genießen wir doch diesen einzigartigen Augenblick. Eine ganze Nation beugt sich über die Seele ihres Außenministers, prüft ihre Echtheit, betastet ihre Ränder und Ausfransungen, trägt eine Anpassungsschicht nach der anderen ab und erforscht ihre tiefsten Urgründe. Ist es die Seele eines Verräters? Eines Gewalttäters? Eines Opportunisten? Eines Schauspielers? Eines Zerknirschten? Freunde, Genossen, Opfer, eine ganze apostolische Armee wird befragt, TV-Bilder gestohlen, alte Fotos durch Blow-ups gejagt, Fachleute aller Fakultäten um ihr Urteil gebeten. Noch nie füllte ein kollektives nationales Expertentum solch ein riesiges Politikerdossier. Scharenweise wachsen Staatsanwälte aus den Meinungsbiotopen, die Öffentlichkeit verwandelt sich in ein Tribunal, und achtzig Millionen Gerechte heben oder senken die Daumen.

Genießen wir diesen Augenblick. Er kehrt nicht so bald wieder. Keine Politikerseele wird in absehbarer Zeit mehr nachwachsen, die alle gleich heftig bewegt. Suchen wir nämlich bei unseren Staatswohlprofis nach irgendeiner winzigkleinen Teufelei, dann stoßen wir gerade einmal auf eine manipulierte Steuererklärung oder auf eine im Bundeswehrjet mitgeführte Geliebte. Joschka Fischer - wir danken dir! Und wir danken dir, dass mit den Papieren und Fotos, die uns die Rätsel deiner Seele offenbaren sollen, ein politisches Thema aufgetaucht ist, das diese Nation noch einmal in Erregung versetzt: die gute alte Studentenbewegung.

Lässt sich dazu noch irgendetwas sagen, worauf nicht längst die düsteren Schatten des Enzensbergerschen Angeödetseins gefallen sind? Gewiss nicht, denn das Anöden war das voraussehbare Schicksal dieser Generation, die sich Mitte der sechziger Jahre aufmachte, die Bundesrepublik zu entöden. Die Anödung ist aber ein Privileg von jungen Leuten und die Ent ödung ihre Mission. Wer erinnert sich noch? Die Studentenbewegung ging von jungen Leuten aus. Und die höhnischen Bemerkungen, dass diese jungen Leute von 1968 heute nicht mehr jung sind, sondern vielmehr mit der Anödung der nächsten Generation befasst sind, mögen zutreffen. Aber 1968 waren es junge Leute, die mit den Mitteln junger Leute die Politik zu ihrer Sache machten und dabei bisweilen gewaltig über die Stränge schlugen. Was hatte man aber bis 1968 von den jungen Leuten gehört? Nichts. Das politische Establishment bestand aus alten Männern und alten Frauen. Aus zum Teil ehrenwerten, zum Teil aber aus immer noch kompromittierten Männern, die tätigen Anteil an der Grablegung der Weimarer Republik genommen oder die sogar als Nazis ihr Handwerk erlernt hatten. Die Studentenbewegung war ein kurzer heftiger Aufstand gegen eine trostlose, trauerunfähige Altherrenriege von Politikern, Vätern, Lehrern, Professoren. Und wenn heute Schlaumeier erklären, dass diese Jugendbewegung nichts bewirkt hätte, was nicht der Weltgeist sowieso längst bei sich beschlossen hatte, dann lässt sich das nur so kommentieren, dass auch der Unverstand leider viele Zungen hat.

Es ist das Kennzeichen solcher Jugendbewegungen wie auch der Wandervögel zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, dass sie nur darum eine Wirkung erzielen, weil sie keine Ideologen und Führer hat. Auch die bekannten Sprecher der Studentenbewegung waren keine wirklichen Führerfiguren. Gottlob. Die Unorganisiertheit dieser Bewegung brachte so manche Agitatoren und Megaphonhelden nach oben, die skrupellos auch großen Unsinn redeten. Liest man heute die Manifeste jener Zeit, dann kann man nur den Kopf schütteln über das, was damals bisweilen geschrieben wurde. Dieses Kopfschütteln setzte auch damals bereits bei mir ein. Aber meine Erinnerung an diese Zeit hält vor allem fest, dass uns damals alle eine ungeheure politische Erregung erfasst hat, dass es diese Erregung gab wegen großer politischer Themen - Vietnam, Kuba, den Sechstagekrieg, den Prager Frühling. Und es gab auch eine gleiche Erregung über ganz lächerliche Dinge wie Fahrpreiserhöhungen. Was aber damals geschah, war ein segensreiches Ereignis in der Geschichte der Bundesrepublik. Eine Generation von jungen Leuten hat sich selbst die Politik erobert. Und im Endeffekt auch die Demokratie. Nun wurde eben alles politisch, die Universität, die Liebe, die Kunst, die Schule, die Wissenschaft. Alles wurde aus dem Schlaf der fünfziger und sechzigerJahre gerissen, aus der politiklosen Einlullung, die der Refrain "Keine Experimente" über die Deutschen gebracht hatte. Plötzlich fiel es allen wie Schuppen von den Augen, dass es diese große Allianz der politischen Einluller und Machthaber gab, die Allianz der CDU und SPD, der Industrie, der Lesezirkelmedien, der FAZ- und Springerschmöcke, der an die Spitze der Bundeswehr gerückten ehemaligen Generäle Hitlers, der furchtbaren Richter und eisernen Polizeipräsidenten.

Was haben die Studenten von 1968 erreicht? Sie haben nicht die Amerikaner aus Vietnam vertrieben, sie haben nicht die kubanische Revolution in alle Länder getragen, sie haben nicht den Kapitalismus abgeschafft, sie haben keine Räterepublik errichtet, sie haben Springer nicht enteignet, sie haben die Universitäten nicht demokratisiert. Kein einziger verbuchbarer politischer Effekt; aber eine Kulturrevolution, die das Klima in diesem Land grundlegend verändert hat. Denn was sich in den Medien, in den Schulen, in den Universitäten, in den Parteien, den Gewerkschaften, in den Wohngemeinschaften, Studenten- und Lehrlingsheimen vollzog, ist etwas, was man harmlos als Mentalitätswandel bezeichnen kann, tatsächlich aber war es die Eroberung der geschenkten Demokratie durch Erfahrung.

Der Preis dafür war hoch. Er wurde aber bezahlt von jungen Leuten, die dem Aberwitz der RAF verfielen, die sich in protokummunistischen Gruppen organisierten und lediglich immer mehr Verfassungsschutzspitzeln zu tun gaben. Der Preis wurde auch bezahlt von den Opfern des RAF-Terrors. Es gab ein halbparanoische Verirrung auf diesem Wege des Politischwerdens. Man glaubte, nach einer kursorischen Lektüre des Kommunistischen Manifests und der ersten drei Seiten des Kapitals hinreichend geschult zu sein, um die Weltrevolution in die Hände zu nehmen und jeden, der Widerspruch wagte, als Faschisten zu entlarven. Und doch gingen von diesen Irrtümern Kräfte und Kraftströme aus: die Frauenbewegung, die Bürgerinitiativen, die Ökologie, radikale Erziehungsstile, neue Wissenschaften und nicht zuletzt die Erstürmung der deutschen Blockflötenkultur durch den Rock'n Roll. Ich erinnere mich nur zu gut an die Methoden der Untertanenzüchtung in den alten Gymnasien, wo erst die Generation der ehemaligen Flakhelfer dem Psychoterror der schmissegarnierten Oberstudienräte ein Ende bereitete. Es war höchste Zeit, diese Republik zu entöden.

Was die Studentenbewegung so erfolgreich machte, dass sie viele tausend junge Leute mitriss, das war die Abwesenheit von Religion. Unvermeidlich war es, dass sich die Phase der Religionsstifter anschloss. Aber die Kritische Theorie, die auch wie ein Sturm durch die Wissenschaften ging, war keine Religion, sondern ein Geschenk von emigrierten, zum Teil jüdischen Intellektuellen. Die Kritische Theorie unterzog die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten der einzigen durchschlagenden. Erneuerung. Man darf nicht vergessen, dass die Entlassung der Wissenschaftler jüdischer Herkunft nach 1933 eine Menge mediokerer Professoren in die Unis gespült hatte, die ihr unverdientes Glück durch tätige Sicherung geistiger Nullzustände abzahlten, so dass Karl Löwith nach seiner Rückkehr aus der Emigration 1952 die "Universitätsverhältnisse merkwürdig unverändert" finden konnte. Die Religionswerdung der Studentenbewegung wurde durch die Kritische Theorie unmöglich gemacht. Das allein genügt zu ihrem ewigen Ruhm.

In den Wohngemeinschaften, Basisgruppen, Vollversammlungen, Gruppenräten, Politsekten, bei Demos, Sit-Ins, unter Polizeiknüppeln, Wasserwerfern erarbeitete sich unsere Generation eine politische Erfahrung, die dieser Gesellschaft und diesem Staat erst jene Stabilität und demokratische Loyalität brachten, die sie heute auch in Krisenzeiten tragen. Es ist diese Erfahrung, die aus dem Überschwang, aus der Illusion, aus einer jugendlichen Hoffnung, aus einer großen historischen Blindheit, aber auch aus einem in den fünfziger Jahren gemästeten Idealismus kam. In den fünfziger Jahren ergab jede Befragung deutscher Jugendlicher nach ihrem Vorbild, dass weit über die Hälfte Albert Schweizer als vorbildlichen Menschen verehrte. Es waren Tausende von Kandidaten der Lambarene-Karitas, die 1968 dem Leviathan-Staat die Zähne zeigten, es waren aus der Adenauer- und Albert-Schweizer-Einlullung erwachte Hyperidealisten, die sich auf die Politik stürzten, als sei auch sie von der Lepra heimgesucht.

Darum ist heute die Aufrechnung von Joschka Fischers Fausthieben vor 25 Jahren mit dem Parteispendenbetrug so schwierig. Die Fäuste flogen umsonst. Die Studentenbewegung hatte keine Interessen. Allenfalls den Willen, die preiswerten Wohnungen, in denen sie das WG-Leben für eine "befreite" Gesellschaft probte, nicht von Immobilienspekulanten ruinieren zu lassen. Auch das ist ihnen nicht gelungen. Kürzlich meinte Daniel Cohn-Bendit, dass sich die Radikalen der 60-er und 70-er Jahre für manches, was gesagt und geschrieben wurde, schämen müssten. Allerdings. Aber hat sich aber je ein Investor für die Ödnis unserer Innenstädte geschämt?

 FR vom 6.2.2001