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Ritualarmut und kontrollierte Putzwut

 

1968 und andere Rebellionen: Einige Anmerkungen aus anthropologischer Sicht

Von Susanne Schröter

Revoluzzer sind gewöhnlich Menschen in den Zwanzigern mit Omnipotenzgefühlen und einem starken Drang nach Neugestaltung der Welt. Nicht wenige lehnen das Gewaltmonopol des Staates ab und schlüpfen in die Rolle von mythischen Kriegern der Gerechtigkeit. Sie leben unter ihresgleichen, in kleinen klandestinen oder semi-klandestinen Gemeinschaften von Gleichaltrigen, in denen eigene Regeln herrschen. Man experimentiert mit Sozialem und Erotischem, schläft bis zum Mittag und schreibt bis zum Morgengrauen an Positionspapieren.

Ohne ein würdiges Gegenüber allerdings würden all diese Aktivitäten ihrer Sinnhaftigkeit entbehren. Widerstand braucht einen Gegner, dem man widersteht. Staat und Kapital sind anonyme Größen, und gelegentliche Versuche, sie in Gestalt von herausragenden Verantwortlichen zu repräsentieren, wurden nur von winzigen Minderheiten akzeptiert. Glücklicherweise gibt es Polizisten, meist im gleichen Alter wie die linken Rebellen, die den rituellen Charakter der gewaltförmigen Begegnungen intuitiv sofort erfassen. Wer je miterlebt hat, wie eine Gruppe junger uniformierter Staatsbeamter Auge in Auge mit einer Gruppe junger Autonomer rhythmisch auf ihre Schilder schlägt, während jene sich durch das Skandieren kämpferischer Parolen in Stimmung bringt, worauf beide mit Gebrüll aufeinander losstürmen, der weiß: dies ist ein ritueller Kampf, der sich allein schon durch seine bloße Existenz rechtfertigt.

Menschen mit Karriereplanung

 

Ethnologen, die wissen, wie rituelle Kriege in indigenen Gesellschaften geführt werden, bleibt zusätzlich das Erstaunen über diese scheinbar universelle menschliche Handlung. Mann gegen Mann (Frauen sind auch im Westen selten Mitglieder von Putzgruppen), ein jeder auf seine Weise martialisch herausgeputzt, im sportlichen Kräftemessen. Das Ganze ist zeitlich überschaubar und idealiter geht es anschließend in die Kneipe, wo die Rhetoriker zum Zuge kommen.

Nach ein paar Jahren Kampf und Diskussionen ist das Ganze dann meist vorbei. Der revolutionäre Medizinstudent mausert sich zum jungen Arzt und eröffnet eine eigene Praxis, der anarchistische Soziologe bekommt eine gut dotierte Anstellung in der Universität und die Schreiberin aufrührerischer Flugblätter wird von einer renommierten Zeitung für weniger aufrührerische Beiträge honoriert. Für einige ist die Geburt eines Kindes der entscheidende Wendepunkt. Kurz, aus Revoluzzern werden ganz normale Menschen mit Karriereplanungen, die plötzlich anderes umtreibt als die Frage, ob man eine gewaltfreie Sitzblockade favorisiert oder zum Angriff auf die Polizei übergeht.

Was für Eltern und Verwandte oft die Bestätigung dafür ist, dass die revolutionären Ideen nur Spinnereien gewesen sind, ist für nachkommende Rebellen ein Indiz, dass auf die Alten kein Verlass ist und sie die eigentlichen zur Revolution Berufenen seien. Beide Gruppen übersehen dabei, dass das Phänomen, um das gestritten wird, anthropologisch gesehen, eine sehr viel umfassendere Dimension enthält.

Rebellionen ereignen sich jedes Jahr in vielen Gesellschaften, in einigen von ihnen werden sie sogar inszeniert. Rituale der Rebellion hat der Ethnologe Max Gluckman diese künstlich herbeigeführten Aufstände genannt, die er vor allem in indigenen Gesellschaften des südlichen Afrika untersucht hat und zu denen Inthronisationsriten sowie Zeremonien zählen, mit Hilfe derer im Jahreszyklus die Fruchtbarkeit des Landes erneuert wird. Gemeinsam ist allen, dass sie die gesellschaftliche Ordnung temporär umkehren und sozialen Praxen einfordern, die die herrschenden Normen und Regeln verletzten: Häuptlinge werden von ihren Untertanen beleidigt, Männer von Frauen verhöhnt, Starke von Schwachen an den Pranger gestellt. Alles ist erlaubt, was im Alltag streng tabuisiert oder sozial sanktioniert wird: sexuelle Provokation, Obszönität, Gewalt, Aneignungen von Herrschaftssymbolen, Beleidigungen und moralische Anklagen. Die gesellschaftlichen Regeln sind für die Zeit der rituellen Aktivität außer Kraft gesetzt und es herrschen Anarchie und ungezügelte Affekte. Die Rituale finden in Zeiten der Krise wie Hungerperioden vor der neuen Ernte, Zeiten politischer Instabilität oder Übergängen zwischen unterschiedlichen Lebensphasen statt und haben, so führt Gluckman im Sinne des Soziologen Emile Durkheims aus, den Effekt einer Stabilisierung potentiell konfliktträchtiger sozialer Beziehungen, die durch die genannten Krisen virulent zu werden drohen. Die Mitglieder subordinanter und marginalisierter Gruppen sowie all diejenigen, die sich als Verlierer im Ringen um die Macht verstehen, haben Gelegenheit, ihren destruktiven Gefühlen offen, aber kontrolliert, Ausdruck zu verleihen, wodurch eine tatsächliche Auflehnung mit unkalkulierbaren Folgen verhindert wird.

Jugendliche vor dem Einstieg ins Berufsleben sind zweifellos Angehörige einer temporären subordinaten Gruppe, die sich den hegemonialen gesellschaftlichen Verhältnissen gegenüber als machtlos erfährt. Darüber hinaus befinden sie sich in einer Lebensphase, die in vielen außereuropäischen Gesellschaften und auch in unserer eigenen Geschichte in besondere Rituale eingebettet war, die sogenannten Übergangsrituale, wie Arnold van Gennep sie genannt hat. Westliche Gesellschaften gelten heute als ritualarme Gesellschaften. Bäuerliche Zeremonien, die im agraischen Jahreszyklus Bedeutung hatten, verschwanden wie der magische Volksglaube mit der Technisierung der Landwirtschaft und der zunehmenden Urbanisierung, und kirchliche, universitäre und lokale Riten wurden als Ausdruck einer zu überwindenden Ordnung kritisiert oder einfach als spießig und unattraktiv abgelehnt. Brauchtum kam außer Mode und damit auch die Organisation in den dazugehörigen altersspezifischen Gruppen.

Die entstehenden Leerstellen wurden jedoch sogleich wieder gefüllt, wenn auch in einer Weise, die der fortschreitenden Fragmentierung der Gesellschaft entsprach. Jugendliche organisierten sich in Jugendzentren, in Bürgerinitiativen, in Selbsthilfegruppen und in den diversen politisch motivierten Zirkeln. Von Anbeginn an war ihr Verhalten im höchsten Maß ritualisiert, gerade ihr Rebellentum. Studentische Vollversammlungen, Demonstrationen und Blockaden hatten ihre feste unumstößliche Ordnung und die mussten Neulinge erst erlernen.

Die ungeschriebenen Aufnahmeprüfungen bestanden nur diejenigen, die lernten, wann und wie man etwas sagen musste, um gehört zu werden, für welche Handlungen man Anerkennung bekam, welche politischen Positionen im Einzelnen eine spezifische Gruppe konstituierten. Van Gennep hatte diese Phase Trennung genannt. Das Individuum, das sich im Begriff der Transition befindet, trennt sich von der Gesellschaft, kultiviert einen eigenen Stil, eine eigene Sprache und eigene Gepflogenheiten. Es findet Anschluss an eine Gruppe von Personen, die sich ebenfalls einem solchen Übergang unterziehen. Die sich anschließende Phase hat der britische Ritualforscher Victor Turner in einer Weiterentwicklung des van Gennepschen Modells treffend als liminale Phase bezeichnet. Die Personen leben jetzt in einer eigenen Welt, die ihre Sinnhaftigkeit bei Ritualen der Rebellion aus ihrer Gegnerschaft zur traditionellen Ordnung und ihrer Symbolfiguren bezieht. Man negiert und schmäht diese Ordnung, bricht provokativ ihre Regeln und führt sich ganz und gar wild auf. Die letzte Phase wird in der Ethnologie sinnvollerweise als Wiederangliederung gekennzeichnet. Die Initianden kehren zurück in die Gesellschaft und werden in einem Festakt wieder aufgenommen.

Ein solcher feierlicher Akt fehlt zugegebenermaßen in westlichen Industriegesellschaften. Die fertig Initiierten schleichen sich vielmehr aus den Gruppen davon oder nehmen im günstigsten Fall die ganze Gruppe mit auf den Weg zurück. Die Gründung der Partei der Grünen war ein solcher Schritt. Ein Heer meist jugendlicher Rebellen, zersplittert durch ihre heterogenen Utopien und geeint durch ihre Gegnerschaft zu Staat und Kapital, durchlief die Metamorphose zu einer staatstragenden Partei mit Kassenwarten, Ämterhierarchien und lukrativen Karriereperspektiven. Dass dabei ein Straßenkämpfer zum Außenminister mutierte, ist nur ein sinnfälliger Ausdruck dieses Prozesses.

Bei allen Gemeinsamkeiten, die traditionelle Rituale der Rebellion, die mit Übergängen von einer Lebensphase in eine andere verbunden sind, mit den modernen Politritualen westlicher Industriegesellschaften verbindet, bleiben doch einige eklatante Differenzen. Der wichtigste Unterschied liegt wohl darin, dass der rituelle Charakter der Rebellion allen Beteiligten in traditionellen Kontexten bewusst ist. Der Ausnahmezustand wird gewollt herbeigeführt, und alle wissen, es ist nur ein Ritual.

Keine ungebrochene Rückkehr

 

In den selbstentworfenen Ritualen von Jugendlichen in der Zeit der Spätmoderne sind sowohl die Akteure und Akteurinnen als auch ihre Gegner fest davon überzeugt, dass es keinesfalls um ein Ritual, sondern um eine ernstzunehmenden Machtkampf geht. Dies erklärt den Vorwurf des Verrates an diejenigen, die sich offensichtlich auf die andere Seite geschlagen haben und auch die rebellischen Reaktionen der nachfolgenden Generation, die ihren Gefühlen mit Protestaktionen, wie dem Wurf des Farbbeutels, der Joschka Fischer traf, Luft zu machen suchen.

Andererseits lässt es auch die moralische Empörung der Konservativen verständlich erscheinen, sofern sie ein strategisches Kalkül überschreitet. Man unterscheidet nicht zwischen Fischer, dem jugendlichen Revoluzzer, der seine Spätadoleszenz im klassischen Sinn eines rite de passage als Rebell auslebte und dem Erwachsenen, der, vielleicht gerade weil er den Staat in seiner Jugend herausforderte, im vorgerückten Alter ein so souveräner Staatsmann geworden ist. Eine weitere, damit unmittelbar zusammenhängende Differenz zu den ethnologischen Modellen resultiert aus den Folgen solcher Aufstände. Westliche Gesellschaften sind nach den sich turnusmäßig ereignenden Rebellionen ihrer Jugend niemals ungebrochen zur normalen Ordnung zurückgekehrt. Die aufrührerischen Jugendlichen haben deutliche Spuren ihres Wirkens hinterlassen und kleine oder größere Veränderungsprozesse in Gang gesetzt. Das selbstverständliche Zusammenleben unverheirateter Paare, alternative Lebensformen, neue Erziehungsmodelle, eine breite Sensibilisierung für Umweltprobleme, die gesellschaftliche Diskreditierung des Militarismus, ja sogar die Einführung der Mülltrennung wäre ohne die 68-er, 78-er und 89-er nicht möglich gewesen. Insofern ist das zyklische Modell eines Max Gluckman nur bedingt geeignet, moderne industrielle Rebellionen zu erklären.

Mit dieser Einschränkung versehen eröffnet es einen Blick auf Rebellionen, der zur Entdramatisierung einer aktuellen Debatte beitragen kann. Wer sagt, dass diejenigen, die schon immer angepasst und ohne große Utopien waren, die fleißigen Parteiarbeiter und gesichtslosen Trittbrettfahrer, die besten Politiker, Journalisten und Lehrer werden? Vielleicht sind diejenigen, deren Biographie Brüche und Entwicklungen aufweist, die ehemals bösen Buben und Mädchen, sehr viel besser geeignet, in einer sich wandelnden Gesellschaft Perspektiven zu entwickeln, die tragfähig sind, ohne die Möglichkeit des radikal Neuen von vornherein auszuschließen.

Die Autorin ist Privatdozentin am Institut für Historische Ethnologie der Universität Frankfurt

FR vom 13.2.2001