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Hans-Eberhard Schultz

Bernd Rabehls Einblicke in den Westberliner SDS und die APO

 (Rezension des Buches von Bernd Rabehl, "Feindblick - der SDS im Fadenkreuz des 'kalten Krieges'", Philosophischer Salon - Der Verlag Berlin 2000 mit einem Vorwort von Siegfried Prokop, 145 Seiten u. 8 Seiten Anmerkungen, DM 14,90)

Es ist nicht das Buch zum Film "Joseph Fischer und Jürgen Trittins ‚Wege vom Saulus zum Paulus'", es erschien noch während der vorangegangenen Medien- und Massenhysterie; die seinerzeit durchs Dorf gejagte Kuh hieß noch "Rinderwahn". Es eignet sich auch nicht zur jetzt geforderten Distanzierung von "68 und den gewalttätigen Folgen". Jedenfalls nicht auf den ersten Blick, denn es ist der "Feindblick" auf den SDS aus der Sicht der DDR, insbesondere ihrer und der westlichen Geheimdienste. Einblicke aus jetzt zugänglichen Akten, Mitschnitten und Protokollen: "Das Verbindende in der Tätigkeit und Sichtweise der Apparate in Ost und West ist der "Feindblick" auf die antiautoritäre Bewegung", meint Siegfried Prokop im Vorwort.

Wer eine wissenschaftliche Untersuchung der aufgefundenen Texte erwartet, wird enttäuscht. Trotz vieler Zitate und Fußnoten sucht man vergeblich nach den Abdruck auch nur eines einzigen authentischen Dokumentes im Zusammenhang und vollständig. So wird es schwer, die vom Autor im Klappentext gestellte Eingangsfrage: "Macht es Sinn, in den Akten zu wühlen?" schlüssig zu beantworten. Denn bevor Rabehl die Akten in Form von ausgewählten Zitaten zu Wort kommen läßt, breitet er in den vier Kapiteln jeweils seine eigene Sicht der damaligen Ereignisse, bisher kaum bekannter Interna aus, ohne sie an zentralen Stellen zu belegen bzw. sie als eigene Thesen zu kennzeichnen. Das Kapitel von besonderem Interesse "die Akte Dutschke im MfS" enthält auf insgesamt zwanzig gerade mal zwei bis drei Seiten Zitate aus der Akte, der Rest beschäftigt sich mit zwei Dissertationen der juristischen Hochschule in Babelsberg - vom Autor umstandslos als "Hochschule des MfS" interpretiert im Umfang von acht Seiten, dann folgen Arbeiten von damaligen Mitgliedern bzw. Mitarbeitern des ZK, jeweils eingeleitet und unterbrochen von Bewertungen des Autors.

So gewährt das Buch zwar interessante Einblicke, es bleibt aber offen, ob es nicht "blinde Flecken" oder unkritisch übernommene Wahnideen sind, die in die Sichtweise des Autors passen. Dafür sprechen nicht nur persönliche Erfahrungen des Rezendenten mit dem Autor bei dem Versuch im Kreise der "Ehemaligen" die Geschichte des Westberliner SDS aufzuarbeiten. Dabei sparte Rabehl wesentliche Fakten in seinem Beitrag aus (z. B. den "Kommunenbeschluß" des Landesvorstandes, dem er ebenfalls angehörte); ganz zu schweigen von seinen Thesen "Überfremdung droht" (taz Weihnachten 1998, vergl. näher hierzu meinen offenen Brief vom Februar 1999 an Bernd Rabehl, zu finden in www.partisan.net/SDS/) der in der Behauptung gipfelt, "der Import der Partisanenformationen der internationalen Bürgerkriege und Kriegsschauplätze (bedrohten) den ethischen und moralischen Zusammenhang der zentraleuropäischen Völker". Dazu befinden sich in dem Buch auch an mehreren Stellen als feststehende Tatsachen ausgegebene Behauptungen, die meine Bedenken stärken, daß Rabehl nachträglich eine teilweise (Um-) Interpretation von SDS und APO versucht.

Zum Beispiel:

- Er schreibt im letzten Kapitel über die Observation Dutschkes und des SDS deutscher Verfassungsschutz unter anderem, der Informant des VS sei über die "internen Streitigkeiten im SDS nicht informiert" (S. 127): Dutschke als Hauptinitiator der internationalen Vietnamkonferenz vom Februar 1967 habe versucht "die Vorbereitung mit Fraktionsarbeit zu verbinden... Sein Ziel war es, einen revolutionären Organisations- und Bewegungstypus zu schaffen, der nicht mehr auf der bündischen Satzung des SDS aufbaute und auch die sozialistische bzw. kommunistische Tradition in Orthodoxie isolierte. Gegen diese Absichten war sein ehemaliger Wertgefährte Rabehl (!? - d. Verf.) aber auch die Gruppe der Hochschul- und Realpolitiker um ... und die Altgenossen des Republikanischen Clubs... aufgetreten. Sie befürchteten, daß der SDS in politische Fahrwasser geriet (? - d. Verf.), die nicht mehr kalkulierbar oder durchschaubar waren und ihn in die Illegalität bzw. das Verbot des Bundesverfassungsgericht trieben" (S. 128); gleichzeitig sei bekannt geworden, daß Dutschke Deutschland für eine bestimmte Zeit verlassen und mit seiner Familie in den USA untertauchen wollte. All dies ohne eine einzige Quelle. Wer wie der Verfasser aktiv an der Vorbereitung der Konferenz teilgenommen hat, hat von diesen angeblichen und in sich höchst widersprüchlichen Plänen Dutschkes nichts mitbekommen, abgesehen von Auseinandersetzungen um die Organisationsfrage, die hier nicht vertieft werden soll. Rudi Dutschke als Vorreiter einer Fraktionierung und millitanten Radikalisierung, die zur Illegalisierung führt, verhindert von Bernd Rabehl - an derartigen Legenden zu stricken verrät fast hellseherische Fähigkeiten des Autors, betrachtet man die augenblickliche Debatte um die eilfälligen Distanzierungen von der "Gewalt in der Folge der Studentenrevolte".

- So ist es wenig überzeugend, wenn Rabehl an zentraler Stelle des zweiten Kapitels den "antiimperialistischen Kampf des SDS im Visier der SED" zwar betont, er wolle einer "Agententheorie" nicht das Wort sprechen, trotzdem behauptet: "die Auflösung des SDS bzw. die Isolierung der antiautoritären Fraktion im SDS erfolgte nicht nur durch offene und heimliche Polemiken oder die Parteipolitische Instrumentalisierung des "Bundes" durch die Parteigänger der illegalen KPD und ihrer Sympathisanten. Auflösung und Zersetzung wurden auch durch die Einflußnahme der SED/FDJ auf dem großen Kreis der "Zentristen" im STS in Gange gesetzt (S. 69). Niemand wird bestreiten, das SED, KPD und andere orthodoxe kommunistischen Organisationen auf den SDS in offener politischer Auseinandersetzung und auch mit (verdeckter) Fraktionsarbeit bis hin zu Spitzeln Einfluß zu nehmen versuchte, aber was soll die These, die auf der gleichen Seite wieder halb zurückgenommen wird wenn es heißt "die zerstörenden Kräfte und Tendenzen im SDS besaßen eine Eigendynamik und ließen sich nicht durch "Spitzel oder Parteigänger manipulieren".

- Dem Erkenntnisinteresse derartiger (Um-) Interpretationen könnte man mit dem Schluß des zentralen dritten Kapitels über die Akte Dutschke im MfS auf die Spur kommen. Dort wird ausgeführt, die SED habe grundsätzlich die bestehende "Ordnung" verteidigt und wollte das "System" der Bundesrepublik durch das der DDR ersetzt wissen; der Streit über die "Demokratie" sei stets auf die Formen der Volksherrschaften bezogen gewesen und sollte dem Führungsanspruch der Machtelite der SED sicherstellen; "er diente immer nur dazu, den Gegner zu schwächen, zu spalten und in die Konfusion zu treiben, verfolgte jedoch niemals das Ziel neue Formen der Mitbestimmung, Mitentscheidung oder Einflußnahme des Volkes, der Arbeiter oder der "Werktätigen" zu kreieren... Auch der "Antifaschismus" diente in erster Linie dazu, den Gegner zu denunzieren und ihn dem Feindbild des Faschismus zu unterwerfen... Der "Antifaschismus" der DDR war Kampfbegriff und sparte alle totalitären Züge aus, die der Macht, der Propaganda, dem Terror, der Auflösung aller politischen Autonomie der Klassen und Schichten in der NS und DDR - Diktatur gemeinsam waren. Er war immer auch Legitimation der SED Herrschaft... Die Gegner wurden unter das an "Fremdbild" des reaktionären, des "Staatsmonopolistische Systems" und des Neofaschismus subsumiert oder als "Linkssektierer" denunziert und ideologisch- politisch in die Knie gezwungen. Sie zu isolieren und politisch zu liquidieren waren die Zielsetzungen." (S. 83 f)

Derartige grundsätzliche Ausführungen sucht man im letzten Artikel über den Westberliner Verfassungsschutz und die Interessen, für die dieser arbeitete, vergeblich; jeder Hinweis auf die systematische Einschleusung von Agenten und agents provocateurs mit verheerenden Folgen für die emanzipatorische Bewegung und deren Kriminalisierung, unterbleibt. Wer gemeint haben sollte, dies sei doch auch nicht nötig, weil Ziel und Mittel der politischen, ideologischen und gewaltsamen Zersetzung und Unterdrückung des SDS und der außerparlamentarischen Opposition ohnehin jedem klar seien, wird spätestens über die augenblickliche Debatte um die 68er und die Gewalt eines besseren belehrt.

So bleibt der Verdienst des Buches, neben den Stasi - Akten wenigstens mehr als 30 Seiten dem Westberliner Verfassungsschutz zu widmen.

Das Scheitern von SDS und APO wird also von Rabehl wesentlich auf den Einfluß aus der DDR reduziert, der Einfluß der offenen Reaktionen und der westdeutschen Repressionsapparate (Geheimdienst, Polizei, Justiz) dem gegenüber ebensowenig gewichtet wie die Vereinnahmung von Teilen des SDS und der APO durch SPD und Gewerkschaftsführung. Solche Zusammenhänge halbwegs objektiv darzustellen, ist also nicht das Ziel Rabehls. Er träumt offensichtlich nach wie vor von seinem emanzipatorischen Konzept des antiautoritären Westberliner SDS in ideologischer, politischer und organisatorischer Hinsicht, das hauptsächlich durch Zersetzung und Instrumentalisierung durch den äußeren Feind zerstört worden sei.

Dabei nutzt er seine Interpretationsmacht als "enger Freund und Weggefährte" des SDS - Wortführers Rudi Dutschkes und Herr über die SDS - Archive dazu aus, die Fraktionierung und letztendliche Auflösung des SDS auf die DDR und den Stasi zurückzuführen und wirkt so an der Delegitimierung des Sozialismus und jeder sozialistischen Idee mit seiner "Kritik von links" mit. Es wäre aber nicht Bernd Rabehl als Nachlaßverwalter des SDS und der antiautoritären Studenten- und Jugendrevolte, wenn er mit seinem Wühlen in den Akten des Feindes nicht doch noch eine späte Ehrenrettung des SDS finden würde, in seinem Vorwort so ausgedrückt:

"Die Radikalopposition sollte (von der DDR - d. Verf.) observiert, zersetzt oder umgedreht werden. Das gelang durchaus, hatte jedoch die Konsequenz, das der Funke der Rebellion trotzdem auf die DDR - Jugend übersprang und schließlich sogar den Apparat zerfetzte." (Seite 13).

Oder in den Worten von Siegfried Prokop:

"Für mich besteht kein Zweifel, dass die Wirkung der antiautoritären Bewegung von 1968 bis in den Herbst 1989 reicht." (Seite 10).

So gesehen befindet sich der Autor nach dem Durchwühlen aller Akten doch noch da, wo er offenbar hingehören möchte: bei den "Siegern der Geschichte", wenn er auch deren "Feindblick" nicht ganz teilt.

Bremen
/Berlin im Februar 2001

Quelle: Philosophischer Salon - Der Verlag -