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68er Verwöhnwochenende

 

Veteranen der Studentenrevolte ließen sich einladen

Von Günter Frech (Berlin)

"Für mich war Eric Burdons Lied ,We gotta get out of this place' die Initialzündung: Raus aus der miefigen Kleinstadt und ab nach Berlin." So ist Udo Joel zu jenen gestoßen, die heute die 68er genannt werden. Mit ihm kamen etwa 50 "Veteranen" der außerparlamentarischen Opposition (APO) während des vergangenen Wochenendes nach Berlin und blickten völlig ohne Zorn zurück.

Zu verdanken hatten sie den Nostalgie-Trip Max-Michael Schlereth, Juniorchef einer Hotelkette. Weil der Jungmanager, Jahrgang 1972, die Diskussion über die 68er in einer Talkshow "ziemlich daneben" fand, hatte er die Idee: Wer per Foto, Zeitungsausschnitt, Flugblatt oder gar Verhaftungsunterlage beweisen konnte, damals dabei gewesen zu sein, wurde zur "friedlichen Hotelbesetzung" eingeladen.

Eine bunte Gruppe fand sich im feinen Hotel "Henriette" in Berlin-Mitte zusammen: Lehrer, Rechtsanwälte, Architektinnen, Erzieherinnen, Soziologen und Psychologen. "Denen hab ich doch viel zu verdanken", so Schlereth, der sich wünscht, dass "die Kunst des differenzierten Denkens" Einzug in die Debatte hält. Die da gekommen waren, gehörten nicht zu den Galionsfiguren, haben aber alle nach eigenem Bekunden dazu beigetragen, "dass dieses Land viel von seiner Spießigkeit" verlor, wie immer wieder gesagt wurde.

Eine Stadtrundfahrt führte zu den Brennpunkten der Bewegung: Zum Beispiel zur Deutschen Oper, wo heute eine Gedenktafel Alfred Hrdlickas an den Tod des Studenten Benno Ohnesorg erinnert. Über die Schüsse hatte Bernhard Schwanzer Widersprüchliches gehört und wollte sich vor Ort ein eigenes Bild machen: "Die Argumente der Studenten haben mich überzeugt", sagt er. Jahre später ist er den Grünen beigetreten und noch immer in der Partei aktiv. Andere sind inzwischen wieder ausgetreten. Grund ist Außenminister Joschka Fischer. "Für die Steine hat er sich entschuldigt, nicht aber für den Kosovo-Krieg, den er mit anzettelte."

Doch verbittert sind sie keineswegs. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten machen sie sich immer noch frei nach Adorno "unnütze Gedanken, sonst streut man keinen Sand ins Getriebe". Dass sich der Hotelmanager auf ihre Kosten einen PR-Gag leistet, sehen sie pragmatisch: "Wir haben Verklemmung und Prüderie abgeschafft, dafür lassen wir uns ein Wochenende verwöhnen."

FR vom 26.2.2001