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Nichts wie Prügelszenen?

 

Apo-Professoren luden zu einem Teach-in über die 68er

Von Peter Nowak

BERLIN. Es war unverkennbar ein Familientreffen der Alt-68er, das sich am vergangenen Donnerstag in einem Hörsaal in der Freien Universität Berlin abgespielt hat. Die ergrauten Köpfe waren in der Mehrheit. Da hatte die Crème de la Crème der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) zum Teach-in geladen. Man kannte sich, nannte sich beim Vor- oder gar mit dem Spitznamen. Wolf-Dieter Narr, Elmar Altvater, Hajo Funke. Bodo Zeuner, Ekkehart Krippendorff, Urs Müller-Plantenberg und noch einige mehr, die sich im Hintergrund hielten und höchstens mal mit einen lustigen Zwischenruf bemerkbar machten. Manche der alten Kämpen werden altersbedingt demnächst die Universität verlassen. Doch der melancholische Einschlag des Treffens hatte einen anderen Grund.

Aktuelle Ereignisse waren es, die die Professoren noch einmal zu einer öffentlichen Veranstaltung zusammenbrachte. Die Auseinandersetzung um die Biografie der Bundesminister Joschka Fischer und Jürgen Trittin hatte sich unversehens noch einmal zu einer Generaldebatte über die 68er-Bewegung entwickelt.

Soll davon für die Nachwelt nicht mehr übrig bleiben, als Prügelszenen mit Polizisten? Das wollten die Apo-Professoren so nicht stehen lassen. "Ein nicht enden wollender Streit oder: wie durch Umdeutung die Zukunft festgelegt werden soll", hieß denn auch der Arbeitstitel des mehr als vierstündigen Teach-in (Anmerkung dazu im Programm: "Die Veranstaltung soll "Teach-in"-Charakter haben, d. h. alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer können sich einmischen").

Doch zunächst schien es sich zu langweiligem Frontalunterricht zu entwickeln. Siegfried Heimann, schon im Outfit ein bekennender 68er, wagte einen schnellen Ritt durch die Geschichte der Bewegung. Leider geriet sein vom Blatt abgelesenes Referat so monoton, dass ein Teil der jüngeren Zuhörer das Weite suchte. Brigitte Wehland-Rauschenbach, seit kurzem Dozentin für Genderstudies am Otto-Suhr-Institut (OSI), die - wie ihr Vorredner - nicht zu erwähnen vergaß, dass sie nie einen Stein geworfen hat, trug ihre Thesen wesentlich prägnanter vor. Sie erfand für die "68er-Generation" die hübsche Metapher des Surfers. "Einige waren bald wieder oben, andere schluckten zu viel Wasser, einige sonnten sich am Strand der neuen Freiheit und manch einer tauchte endgültig unter." Wehland-Rauschenbach betonte die kulturrevolutionären Momente der 68er und hob die große Lust an der Buchlektüre und an der Wissensaneignung hervor.

Elmar Altvater bezeichnete es als einen Treppenwitz der Geschichte, wenn Außenminister Fischer wegen Prügeleien mit der Polizei vor fast 30 Jahren und nicht wegen des von ihm wesentlich mitverantworteten Jugoslawienkrieges stürzen würde. Der langjährige Mitherausgeber verschiedener linker wissenschaftlicher Periodika erinnerte daran, dass es in der Vergangenheit immer wieder "die" Abrechnung mit der 68er-Bewegung gegeben habe Gleichzeitig habe das System viele Ideen und Personen der 68er integriert. Der Politologieprofessor Bodo Zeuner zählte die unterschiedlichsten Organisationen auf, die er im Laufe seines "Marsches durch die Institutionen" durchlaufen und verändert habe: Die Spiegel-Redaktion, die Gewerkschaften, die Universität, die SPD, schließlich die Grünen, die er mittlerweile aber ebenfalls verlassen hat. Trotzdem würde er weiterhin den Spagat zwischen außerparlamentarischem Engagement und parlamentarischer Veränderung als Strategie empfehlen. Der demnächst emeritierte OSI-Kollege Wolf-Dieter Narr setzte in seiner mit viel Ironie und Selbstkritik gespeisten Abschlussrede die Akzente anders. Zwar sei er biografisch kein 68er gewesen, weil er zu jener Zeit schon Assistent gewesen sei. Doch von der Gesinnung sei er bis heute ein Außerparlamentarischer geblieben, der nie den Marsch durch eine Partei gemacht hat. Narr geißelte die aktuelle "Bildungspolitik pervers", die statt Chancengleichheit Ungleichheit zum Ziel habe und nicht einmal mehr Spurenelemente der einstigen bildungspolitischen Debatte erkennen lasse. Da hatten aber manche jüngere Semester die Veranstaltung schon längst verlassen.

Dennoch blieben rund 100 Kommilitonen bis zum Schluss und diskutierten eifrig mit. Dabei fragten sie immer wieder die Altvorderen, wie sie den Geist von 68 für den Protest gegen den aktuellen sozialen Kahlschlag an den Hochschulen nutzen könnten. Doch Rezepte konnten sie keine anbieten. Altvater erinnerte an die heute völlig veränderte Situation von Jungakademikern. "Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst waren für uns unbekannte Vokabeln." Doch Relevanz für aktuelle Probleme wollen die Apo-Veteranen ihren damaligen Vorstellungen auf jeden Fall zubilligen. "Dass das nicht solche Geschichten bleiben, die man den Enkeln erzählen kann", zitierte Bodo Zeuner den Refrain eines einst viel gesungenen Liedes von Franz-Josef Degenhardt.

 


FR  22.02.2001