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Brennende Pflastersteine im Bett

 

Beim 68er-Treffen erliegen die Medien dem Reiz der Klischees

Etwa 50 Mitstreiterinnen und Mitstreiter der einstigen außerparlamentarischen Opposition (APO) schwelgten am vergangenen Wochenende in Berlin in Erinnerung (die FR berichtete). Angeheizt durch die Debatte um die Vergangenheit von Außenminister Joschka Fischer und Umweltminister Jürgen Trittin steht die x-te Auseinandersetzung um 68er auf der Tagesordnung. Deshalb waren ebenso viele Medienvertreter wie APO-Veteranen in die Hauptstadt gekommen.

Es ist bekannt, das einige 68er aufgrund ihrer politischen Biografie ein kritisches Verhältnis zu den Medien haben. Und das wurde auf eine harte Probe gestellt: Plötzlich sehen sie sich einer Medienmeute gegenüber, fühlen sich ob der Distanzlosigkeit "vergewaltigt", mit der ihnen fünf Fernsehteams auf die Pelle rücken. "Haben sie auch Steine geworfen?", war die am häufigsten gestellte Frage. Ein gefälliges Geschichtchen war auch eine kleiner Scherz des ausrichtenden Hotelliers: "Beim Zubettgehen finden sie (die 68er, die Red.) in Zellophan eingeschweißte Pflastersteine auf ihren Kopfkissen", berichtete die Berliner taz. Die Steine konnten angezündet werden: Es waren Kerzen. Aber das unterschlug die taz. Zu schön war offensichtlich das Klischee.

Dass das Treffen ironische Berichterstattung nach sich zieht, war abzusehen. Wenn aber Medienvertreter dazu auffordern, doch mal eine Parole von damals zu skandieren und sich dann nachher über das "Ho, Ho, Ho-Chi-Min" lustig machen, ist das eben nicht mehr lustig.

Beim abendlichen Dinner ging auch das letzte Taktgefühl verloren. Ob das denn "angemessene Wohngemeinschaftsküche" sei, hatten die Journalisten gefragt. Das Büfett war für das Auge nett hergerichtet, aber lange nicht so opulent, wie man das vom anderen Zusammenkünften gewohnt ist. Mit einem genervten "lassen sie mich in Ruhe" wurden die Medienvertreter beiseite geschubst. Etwas pikiert schaute die Kollegin eines Berliner Privatsenders, als ihr "sie wollen gar nicht ernsthaft berichten, sondern uns vorführen" ins Mikrofon gebellt wurde. fre

 FR vom 27.2.2001