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Den toten Geist von '68 exorziert

 

Vollmer, Schlingensief und Ensslin diskutieren im KuBa

Von Ralf Pasch

KASSEL. "Es ist voll wie 68, es ist rauchig wie 68 und jetzt gehts los" - Bundestagsvizepräsidentin und Altachtundsechzigerin Antje Vollmer gibt das Startsignal für etwas, was sie gar nicht beschreiben kann. Immerhin: Es soll "anders sein" und ein Motto gibt es auch: "Was wir schon immer über '68 wissen wollten". Damit haben die Grünen in der heißen Phase des Kommunalwahlkampfes so viele Besucher in den Kulturbahnhof gelockt, dass der Raum zu bersten droht. Schließlich lüftet Moderatorin Vollmer auch ein wenig den Schleier: Der Mythos '68 soll wachgerufen werden, um ihn dann "künstlerisch zu exorzieren". Als "Exorzist" sitzt auf dem Podium neben dem Sohn der RAF-Aktivistin Gudrun Ensslin und dem Künstler Titus von Lilien der Kunst-Revoluzzer und Polit-Provokateur Christoph Schlingensief.

Die Grünen wollen "den Nach-Achtundsechzigern ein paar anregende Stichworte zur eigenständigen Positionierung" geben. Titus von Lilien (Jahrgang '78) hat schon eine Position: Er will es nicht glauben, "wenn die 68er heute behaupten, sie hätten nur für uns gelitten". Die Mystifizierung der Ereignisse ist für ihn "Pop-Kultur" und eine "Projektion a la Jesus". Und: Musik und Drogen seien damals sowieso viel wichtiger gewesen. Außerdem fällt ihm an diesem Abend auf, "dass wir die Sache viel zu verkrampft sehen".

Sponti Schlingensief spürt das wohl auch und spult sein Hörspiel "Rocky Dutschke" ab, lässt permanent Videofilme mit spielenden Kindern laufen, und wenn sich das Publikum ernsthaft einmischt, spielt er mit grinsendem Gesicht Musik ab. So will er offenbar Podium und Publikum vor der drohenden Übermacht des Mythos schützen. Doch dieser Abend spiegelt auch Hilflosigkeit im Umgang mit den Ereignissen um 68 wider: Etwa dann, wenn Antje Vollmer sagt, "'68 war am Anfang viel mehr Spiel". Und dann sei das Spiel eben in Ernst umgekippt. Eine Zuhörerin steht auf und geht: "Das ist mir viel zu apolitisch hier." Einer im Publikum schimpft: "Nicht mal die CDU hat es geschafft, '68 als Spiel runter zu machen."

Enttäuschung wird laut: "Warum waren die Ideale damals richtig, warum sind sie heute falsch?" Und als der, der so vom Leder zieht, sagt, "ihr seid doch heute an der Regierung, warum ändert ihr nichts?", werden in Antje Vollmer Erinnerungen wach: "Den Tonfall konnte ich schon '68 nicht leiden, der ist mir viel zu phallisch."

Der Gegner fehlt

 

Auch wenn in solchen Momenten die Atmosphäre der heißen Debatten von einst spürbar wird, haben es die im Publikum verstreuten "alten Kämpfer" schwer, sich zu behaupten: Einer verteidigt die "Ur-68er", spricht gar von "der Bewegung", bevor seine Sätze von Schlingensiefs Musikmaschine verschluckt werden.

Dazwischen nachdenkliche, leise Töne von Felix Ensslin: Es sei '68 nicht nur um Demokratisierung gegangen, "es gab auch die Versuchung des Totalitarismus."

Bevor die anfangs angekündigte "Austreibung" des '68er Geistes beendet ist, will Ensslin ein von ihm ausgemachtes "Phänomen" retten: "Die Menschen glaubten damals, außerhalb von Parteien oder Parlamenten eine gemeinsame Sprache gefunden zu haben."

Dann spricht der Sohn von Gudrun Ensslin eine Sehnsucht heutiger Generationen aus - quasi als Betthupferl zum Schluss: "Uns fehlt das Gefühl, dass wir gegen etwas sein können."

 

FR vom 5.3.2001