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Von Monica zu Joschka

 

Ein hysterisches Skandalmuster wird importiert

Von Martin Altmeyer

Trends werden in den USA gemacht. Was hip ist, entscheidet sich meist zwischen New York City und Los Angeles, bevor es nach Paris, Rom oder Berlin driftet. So war es mit dem Körpertrend, der uns neben Body-Shaping auch die Trendsportarten für die Erlebnisgesellschaft brachte und mit Aerobic, Jogging, Power-Walking oder Roller-Skating alte Formen der bewegten Ertüchtigung zu neuem Leben erweckte. Und so war es mit dem Yuppie-Exportschlager Lifestyle, der den Deutschen jene Lofts, Four-Wheel-Drives und After-Work-Clubs bescherte, in denen die aufsteigenden Schichten gerne ihren sozialen Erfolg demonstrieren. Am Import von Managementphilosophien und Firmenkulturen, Essgewohnheiten und Sprachfiguren, Filmproduktionen und Kulturevents beweist sich die Amerikanisierung der Lebenswelten. Diese Art von Globalisierung nimmt unaufhaltsam ihren Lauf, und ein deutschtümelnder Sprachpurismus wird die Entwicklung ebenso wenig aufhalten wie die eifrige Behauptung der nationalen Besonderheit oder die philosophische Verteidigung der kulturellen Differenz.

Erregung an der Erregung

 

Gegenwärtig zeichnen sich in der Gewalt-Debatte um Joschka Fischer - neben einem selbstreflexiven Generationsdiskurs - Züge eines hysterischen Skandalmusters ab, das wir in der Sex-Affäre um Bill Clinton noch aus der Ferne angewidert beobachten konnten und bis vor kurzem mit europäischer Überhebung als typisch amerikanisch bezeichnet hatten. Die grelle Ausleuchtung einer Lebensgeschichte, die eifernde Suche nach dem Anrüchigen - es gibt kein Halten mehr, seit die Jagd eröffnet ist. Polizisten prügeln, Steine werfen, Terroristen beherbergen, Palästinenser unterstützen - seit Wochen werden wir mit immer neuen biografischen Details behelligt, die einer Zeit angehören, in der eine ganze Generation revoltierend sich selbst erschuf. Die Fantasien sind frei, wenn die assoziativen Verbindungen geknüpft werden: Mit wem hat Joschka vor dreißig Jahren gefrühstückt, auf welcher revolutionären Veranstaltung hat er was beklatscht? Was wird als Nächstes enthüllt, welche intimen Bekenntnisse sind noch zu erwarten, welche eitlen Zeitzeugen zu ertragen? Hat er vielleicht doch mit Margit Schiller . . . ? Der an den triebhaften Verfehlungen Clintons ausgetragene Kulturkampf in den USA ist zum Vorbild für eine politische Rollback-Strategie in Deutschland geworden. Das Ziel lautet (heute hier wie damals dort): Impeachment, Entfernung aus dem Amt, Wiedereroberung der usurpierten Macht.

Blicken wir zurück. Über quälende Monate waren wir mit dem außerehelichen Sexualleben des amerikanischen Präsidenten beschäftigt. Er war der erste Vertreter der 68er-Generation in diesem Amt, in das er - ehemaliger Kiffer, Vietnamkriegsgegner und Sympathisant der Friedensbewegung, Freund der Schwarzen, Befürworter des Rechts auf Abtreibung und der Rechte von Homosexuellen, insgesamt ein nach den Kriterien unseres politischen Spektrums fortschrittlicher Politiker - gegen heftigen Widerstand der moral majority auf wundersame Weise gelangt war. Alle Versuche einer politischen Denunziation oder persönlichen Diskriminierung waren zuvor gescheitert. Nun hatte er das Oval Office dadurch entwürdigt, dass er dort mit einer Praktikantin Sex hatte. Endlich hatte ihn die Opposition unter Führung der "christian coalition" in der Falle und ließ ihn zappeln. Ein ganzes Volk durfte sich an der sexuellen Erregung seines Präsidenten erregen. Es raste die Psychodynamik des moralischen Rigorismus, der zwischen Versagung und Befriedigung bekanntlich den Kompromiss erlaubt: Das Triebhafte kam gerade dadurch zu seinem Recht, dass es so eifernd aufgespürt und so gnadenlos verfolgt wurde.

In seinem Epochenroman Underworld hatte Don DeLillo diesen projektiven Mechanismus gerade an der legendären Figur des ehemaligen CIA-Chefs Edgar Hoover vorgeführt, der, selbst homosexuell, nicht nur Kommunisten jagen ließ, sondern auch als Schwulenhasser bekannt war - in Gestalt eines enthemmten Sonderermittlers war der Typus des paranoiden Verfolgers wieder auferstanden. Unter dem Mantel einer justizförmigen Ermittlung breiteten sich Voyeurismus und Pornographie aus, keine Intimität blieb unentdeckt und unerwähnt. Die pikanten Untersuchungsergebnisse wurden ins Internet eingespeist und über den Buchmarkt vertrieben, der perverse Redeschwall des Anklägers war im Fernsehen ebenso zu vernehmen wie die peinlichen Bekenntnisse des zerknirschten Angeklagten. Alle möglichen Formen identifikatorischer Teilhabe waren erlaubt, und man konnte sich ausgiebig und ungestraft mit dem schmuddeligen Sexuellen im Zentrum der Macht beschäftigen. Eine Nation, deren vorherrschende Sexualmoral in weiten Regionen noch vom Puritanismus bestimmt ist, wurde nicht müde, investigativ im Schmutz der präsidialen Sünde zu wühlen, um die sträfliche Lust dann vor Gericht zu genießen. Oraler Sex war in aller Munde.

In seinem Subtext thematisierte der Skandal um das anstößige Verhalten des Präsidenten unauflöslich gleich zwei brisante Fragen, welche die amerikanische Gesellschaft nicht zu diskutieren bereit war: die alltagskulturelle Frage einer veränderten Sexualmoral und die nicht weniger brisante Frage eines Generationenwechsels in seiner politischen Führung. Das unangenehme Medienspektakel um Sex im Weißen Haus war eine Ersatzveranstaltung. Sie ersetzte im kollektiven Unbewussten den gesellschaftlichen Diskurs über postmoderne Lebensentwürfe und politische Optionen einer neuen Generation am Ende des 20. Jahrhunderts. Bill Clinton eignete sich gut für die kompensatorische Behandlung beider Tabuthemen; an seiner Person konnte als ebenso aufgeregter wie aufregender Skandal agiert werden, was der bewussten Selbstverständigung einer kulturell verunsicherten und politisch gespaltenen Gesellschaft entzogen war. Noch im Patt bei der Wahl seines Nachfolgers schien sich zu bestätigen, dass die Tabus ungebrochen sind. George W. Bush dementierte den politischen Generationenbruch, indem er sich als Wiedergänger seines Vaters präsentierte und mit dessen Beratern umgab. Al Gore verleugnete die gesellschaftlichen Zukunftsprojekte, für die er einst gestanden hatte, und schob stattdessen die family values und seinen eigenen untadeligen Charakter in den Vordergrund, um Abstand zum moralisch diskreditierten Clinton zu wahren.

Beim amerikanischen Präsidenten war auf dem Höhepunkt der erregten Jagd die entscheidende Frage, ob er gelogen hatte, als er den sexuellen Verkehr mit Monica Lewinsky bestritt. Was wird beim deutschen Außenminister verfangen? Und wer eignet sich für die Rollen von Linda Tripp und Kenneth Starr? Die Konservativen, die sich bereits mit ihrer parlamentarischen Inquisition blamiert haben, fordern nun einen Untersuchungsausschuss. Die Staatsanwaltschaft, im Opec-Prozess mit ihrer Strategie der denunziatorischen Zeugenvorführung kläglich gescheitert, ermittelt wegen angeblicher Falschaussage vor Gericht. Aus dem Lager der Liberalen heißt es (und sie haben selbst das Muster noch gar nicht erkannt, das sie hier wiederholen): Nicht die Jugendsünden Joschka Fischers stünden zur Debatte, sondern sein gegenwärtiger Umgang damit - er habe Parlament und Öffentlichkeit belogen und müsse deshalb zurücktreten. Die politische Dramaturgie ist formuliert.

Die Medien sind längst in Stellung gegangen. Und wir kennen das Szenario der Enthüllungen, das nun folgen wird. Mit Monicagate bringt sich ein Ereignis ins Gedächtnis, bei dem es angeblich auch nicht um die Sache selbst, sondern um das öffentliche Bekenntnis zur Wahrheit ging. Beim Déjà-vu gibt es freilich eine auffällige Triebverschiebung vom Sexuellen zum Aggressiven: Während wir es damals mit Spermaflecken, Fellatio und Liebesbriefen zu tun hatten, gelten heute die blauen Flecken, Molotow-Cocktails und militanten Reden als Indikatoren für die Existenz des Bösen.

Amerika ist durch Sex bekanntlich eher zu erregen als durch Gewalt. Diese gehört dort zum sozialen Alltag, bildet bei uns aber ein historisch kontaminiertes Reizthema, mit dem das öffentliche Fieber anzuheizen ist. Das ist der Grund, weshalb hier eine Vergangenheitsbewältigung der dritten Art von der 68er Generation verlangt wird, die sich ihrer revolutionären Jugend in den 70er Jahren zu stellen hätte wie ihre Eltern den Nazi-Verbrechen und die Ostdeutschen ihrer Verwicklung in die realsozialistische Diktatur. Eine bizarre Demagogie, gewiss, aber bei diesem geschichtsblinden Gemisch geht es bloß vordergründig um die militanten Lehrjahre einer Generation, wie es bei Clinton nur oberflächlich um Sex ging. Dessen Verfolgung trug sadistisch-perverse Züge. Sie endete nur deshalb nicht mit der Amtsenthebung genannten Kastration, weil der Präsident den Schwanz einzog und sich vor laufenden Kameras für seine triebhafte Verirrung entschuldigte. Diesen Weg der Verteidigung hatte er vorher bloß zögernd beschritten, als er das Sündhafte verharmloste, indem er beim Haschischkonsum das Inhalieren und beim Sex die Penetration bestritt. Die halbe Wahrheit hatte ihm freilich nichts genützt, am Ende musste er sich ganz unterwerfen und im Verlauf des kathartischen Prozesses um Vergebung für sein ungezügeltes Triebleben und um priesterlichen Beistand bitten. In Wahrheit zielte die als Wahrheitssuche getarnte und von öffentlicher Dauererregung begleitete Kampagne auf seine politische Potenz.

Politische Popstars

 

Dem deutschen Außenminister ist ein vergleichbares Purgatorium zugedacht, an dessen Ende die bußfertige Aufgabe des rot-grünen Projekts stehen soll. Es geht um die Politik, für die er und seine Partei angetreten sind: eine vernünftige Steuerung der enthemmten Ökonomie, eine diskursive Mäßigung des sozialen Konflikts, eine demokratische Form der gesellschaftlichen Gestaltung, ein reflexives Verhältnis zur natürlichen Umwelt, ein solidarischer Ausgleich zwischen entwickelter und unterentwickelter Hemisphäre, eine Zivilisierung der internationalen Beziehungen.

Das kommt bei der Verteidigung von Joschka Fischer, auch bei seiner Selbstverteidigung, zu kurz. Die Blöße, die er sich gegeben hat, liegt weniger in der vergangenen Verführung zur revolutionären Gewalt, als im selbstgefälligen Gestus des kommunikativ hoch begabten politischen Popstars, der ihn mit Bill Clinton verbindet und - wie diesen - zum Liebling der Medien gemacht hat. Es ist nicht auszuschließen, dass er sich ausgerechnet bei seinem Lauf zu sich selbst überholt. Von den USA haben auch die Vergesellschaftung des Narzissmus, die Medialisierung von Politik und die Politisierung des Privaten ihren Ausgang genommen. Es wäre eine bittere Ironie der Geschichte, wenn Joschka einmal über diese amerikanischen Importe stürzen sollte.

 

FR vom 8.3.2001