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Phantompolitik im Weichspülprogramm

 

Wie ein beinahe aktueller Roman über die RAF von Leander Scholz die Literaturkritik auf Touren bringt

Von

Ursula März

Es war wie ein Platzregen. Eine schwarze Wolke zog auf, öffnete sich und in kürzester Zeit, ein bis zwei Wochen, entlud sich über dem Roman Rosenfest von Leander Scholz eine geballte Ladung von Verrissen. Wäre das Buch zu einem anderen Zeitpunkt erschienen, hätte es sich mit einem weniger neuralgischen Thema als der Geschichte von Gudrun Ensslin und Andreas Baader beschäftigt, wäre es vermutlich nur von ein paar genervten Kurzkritiken betröpfelt worden. So aber rückte es ins Zentrum der Aufmerksamkeit, aus dem es dann auch schnell wieder verschwand. Im Ton auffällig erregt, von der aktuellen Debatte um den Linksradikalismus der 70-er Jahre bisweilen zu journalistischer Überbewertung des Objekts verführt, kehrte die Kritik die Schwächen der Scholzschen Prosa hervor, was nicht allzu schwierig war. Denn diese Schwächen sind erheblich und sie liegen auf der Hand.

Dass Leander Scholz, wie ihm in einigen Kritiken vorgehalten wurde, zeitgeschichtliche Daten verdreht, rafft und vermischt, dass er beipielsweise die erste Begegnung von Baader und Ensslin auf den 2. Juni 1967 und in die Anti-Schah-Demonstration an der Deutschen Oper in Berlin verlegt, ist kein gegen ihn sprechendes Argument. Entweder man hält etwas von der fiktionalen Freiheit der Literatur oder man räumt ihre Verzichtbarkeit ein und liest besser die Dokumentation von Stefan Aust. Dasselbe gilt für die Abweichung der Romanfiguren von ihren realen Vorbildern. Ein historischer Roman ist keine Biografie. Er muss sich nicht fragen lassen, ob alles wirklich so war, wie er es behauptet. Sondern ob seine poetische Vorstellung von der Wirklichkeit über die Erkenntnisse hinausgeht, die man von ihr empirisch ohnehin schon hat.

Ein Debakel stellt der Roman Rosenfest tatsächlich dar, aber aus anderen und vor allem aus zwei Gründen. Er leidet an der Ambivalenz seines Doppelkonzeptes, er kann sich nicht entscheiden, ob ihm die Darstellung der Chiffriertheit seiner Terroristen am Herzen liegt oder das Gegenteil, der menschelnde Versuch, sie aus eben dieser Chiffriertheit zu erlösen und zu Menschen zu machen, die so einsam sind wie ich und du und sich auch nur mal verlieben wollen. Und der Text leidet an einem erheblichen Sprachnotstand, über den sich der Autor seltsam unbekümmert hinwegsetzt und mit rhetorischen Weitsprüngen hinwegrettet, die im expressionistisch Verquasten und Ungefähren landen; Meter entfernt von sachlicher und bildlicher Genauigkeit. "Das staatliche Programm der inneren Sicherheit", heißt es im dritten Absatz auf der ersten Seite, "hatte Sorge dafür getragen, dass das persische Kaiserpaar in seinem panzersicheren Mercedes den wenigen Steinen, die es bis zur Kolonne schafften, gelassen entgegenblicken konnte."

Man ahnt, was gemeint ist. Aber man muss es sich zurechtdenken. Denn abgesehen davon, ob es sprachlich elegant ist, Steine etwas schaffen und ein Programm Sorge tragen zu lassen, bestand der Sinn des Sicherheitsprogramms ja wohl darin, Reza Pahlewi am 2. Juni 1967 so zu schützen, dass er dem Opernbesuch gelassen entgegenblicken konnte. Doch nicht den Steinen. Ernsthaft lektoriert bliebe von vier Sätzen des Romans höchstens einer im veröffentlichten Zustand. Der Rede wert ist das Projekt vor allem durch eine, unter den Schwächen begrabene und im Lauf der Erzählung nur noch fern erahnbare potenzielle Stärke: Die Verbildlichung des theatralischen Wesens und irrealen Charakters der RAF.

Weder Sprechen noch Denken oder Analysieren sind Stärken der beiden Hauptfiguren. "Hör mal, ich muss dir was sagen", sagt Gudrun, und Andreas antwortet: "Brauchst du nicht, ich weiß, was du sagen willst." Sie führen kein einziges politisch zu nennendes und ideologisches ernst zu nehmendes Gespräch. Sie lassen sich in ihrem literarischen Roadmovie, von Fluchtort zu Fluchtort treibend, von Gefühlen hinreißen, sie sind impulsiv, aber sie reflektieren nicht. Sie reagieren, und dies vor allem in einer bestimmten Weise, mit Gesten und gestischen Aktionen. Als Hörspiel wäre das "Rosenfest" unerträglich, als Pantomime aber gleichsam vom Blatt weg inszenierbar. Keine Szene, kaum ein Absatz ohne theatralisch-physische Aktionistik. "Andreas spricht nicht. Mit einem einfachen Griff packt er Peggy an der Schulter, verdreht ihr den Arm und schlägt kurz auf die Hand mit der brennenden Zigarette . . ." "Peggy tritt um sich." Peggy springt vom Tisch. Gudrun gibt Peggy eine Ohrfeige. Gudrun schüttelt - dutzende Male - ihre Haare nach hinten oder aus dem Gesicht. Peggy versteckt sich hinter Andreas "und zielt mit ihren zu einer Pistole geformten Händen in seinen Rücken". Bereits die erste Begegnung von Gudrun Ensslin und Andreas Baader spielt sich als Körpertheater und mit den Mitteln gestischer Verständigung ab.

Geste anstatt Gedanke

 

Ein paar Seiten später führt der Roman einen zweiten, die Terroristen charakterisierenden Topos ein: den Tagtraum. Gudrun erzählt ihrem Verlobten Georg vom Tod Benno Ohnesorgs. Ihr Bericht vollzieht sich in Absenz. In jener Form des Phantasierens, die die Psychologie vorbewusst nennt. Solche Tagtraumszenen wird es im Roman noch häufiger geben. Entscheidend aber ist der Begriff, den der Text kurz nach der ersten Szene ansteuert und auf den der Autor so viel Wert legt, dass er ihn mit typographischen Pausenbetonungen formuliert: " E-x-i-s-t-e-n-z".

Geste. Tagtraum. Existenz. Geste anstatt Gedanke. Tagtraum anstatt politischem Realitätssinn. Existenzgefühl anstatt Programm. Mit diesem Motivtrio kommt Leander Scholz dem Phänomen RAF sehr nahe. Mit dieser Exposition gelingt es ihm, die RAF-Angehörigen als jene weggetretenen und aktionsfixierten Operateure im Leeren einzuführen, die sie auch in der historischen Wirklichkeit waren. Akteure auf einer selbsterrichteten Bühne, oder, wie Klaus Theweleit sie genannt hat: Gespenster, deren "abstrakter Radikalismus" sich Verzerrungen verdankte, die Leander Scholz zunächst in intelligente Bilder übersetzt und dann allmählich aus den Augen verliert. (Die schiere kriminelle Energie der Terroristen betrachtet er ohnehin nur am Rand.)

Gudrun Ensslin und Andreas Baader waren keineswegs nur die Opfer ihrer öffentlichen Entmenschlichung zu Phantombildern. Sie haben sich von Anfang an selbst als Kunstfiguren entworfen, als erhabene Gestalten stilisiert, die sich im Kreis eines kopfgeborenen Weltbildes drehten. Sie sind tot, aber - da hat Leander Scholz recht - der Spuk um die RAF und den Linksradikalismus der 70-er Jahre ist offensichtlich noch nicht vorbei; wenn auch wohl aus anderen Gründen, als der Autor annimmt. Es gibt kein, wie er es nennt, "Märchen", das zu Ende erzählt werden müsste. Die Geschichte der RAF ist erzählt. Es gibt eigentlich auch keine einleuchtenden Motive, weshalb den Terroristen ihr privates Gesicht, ihre seelische Individualität zurückgegeben werden müsste, was Leander Scholz sich erklärtermaßen vorgenommen hat, was aber in einer Reihe journalistischer Arbeiten über die familiäre Herkunft und die Verhältnisse der RAF-Mitglieder geschah und in Filmen versucht wurde, von Margarethe von Trottas Bleierner Zeit bis zu Christian Petzolds Innerer Sicherheit.

Unabgeschlossen ist eine andere Geschichte: die Bekämpfung der RAF. Unbeantwortet ist die Frage, warum sich der deutsche Staat in die Gespensterwelt hineinziehen ließ. Warum er mit der entsetzlichen Dämonisierung und der bis heute unbewusst lastenden Verfolgung der so genannten Sympathisantenszene der RAF erst den Schein einer gesellschaftlichen Basis verschaffte, über die sie realiter überhaupt nicht verfügte. Warum er den Terroristen in Stammhein genau die Opernbühne errichtete, die sie für die Inszenierung ihrer Tragödie benötigten und die sich als Wirkungsstätte ihrer leeren Politik sehr viel besser eignete als die Werkstore von VW-Wolfsburg und Schering in Berlin. Wäre Leander Scholz literarisch konsequenter gewesen, hätte er sich nicht dazu hinreißen lassen, die eigene These von der Theatralität und Irrealität des deutschen Terrorismus in einem gefühlsduseligen Weichspülprogramm zu verwaschen, könnte sein Roman einen brillanten Kommentar zur gegenwärtigen politischen Wiederholungsneurose darstellen.

Er könnte zeigen, dass der Drang, den Außenminister als Revolutionsverbrecher festzunageln, der gleichen Phantompolitik entspringt, auf der die Selbstkultivierung der RAF zu Revolutionshelden beruht. Die Idee, ein Mensch müsse sich daran erinnern können, mit wem er vor über zwanzig Jahren gefrühstückt hat, und er sei, falls das Frühstück im Beisein einer Terroristin stattfand, als Politiker nicht mehr tragbar, zieht zwar keine Mordattentate nach sich. Aber sie ist so irre, so maßlos wie die Überzeugung jener Terroristin, in einer Art zweitem Nazi-Staat auf die Welt gekommen zu sein.

Haltbar sind jene Idee und diese Überzeugung nur, solange sie die Realität ignorieren und sich an Fiktionen und paranoide Projektionen binden. Tatsächlich wirkt Joschka Fischer momentan ja kaum mehr wie ein normales Kabinettsmitglied, sondern wie eine Opernfigur. Als Hauptdarsteller in der Wiederaufnahme des Stücks "Der Staat und seine Feinde" ist Fischer deshalb eine Idealbesetzung, weil er beide Rollen besetzen kann. Den ganzen Themennebel, die gespenstische Inszeniertheit, die der Fischer-&-Co-Debatte anhaften, könnte der Roman Rosenfest historisch rückspiegeln, besäße er ein anderes, ein viel kälteres Erzählklima und die entsprechende Sprache. In der gemütlichen Wärme, die Leander Scholz seinen Protagonisten bereitet, taut ihre Künstlichkeit. Sie sind keine Gespenster mehr, sondern Patienten in einem Arztroman. Mit seiner therapeutischen Neigung aber entzieht dessen Verfasser dem literarischen Stoff genau das, was ihn interessant macht.

Rosenfest von Leander Scholz ist im Hanser Verlag erschienen. Er hat 246 Seiten und kostet 35 Mark. Siehe auch den Beitrag von Leander Scholz in der FR vom 2. Februar.

FR vom 10.3.2001