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Berlin 
Bundespräsident Johannes Rau:
So 11.03.2001
  Rede zu Inge Deutschkron aus Anlass der Veranstaltung "Grenzdenker"
 

....   Zu lange wurde verdrängt, geleugnet, verharmlost. 

Margarete und Alexander Mitscherlich haben vor über dreißig Jahren über die "Unfähigkeit zu trauern" geschrieben. Sie haben darauf aufmerksam gemacht, welche Folgen es hat, wenn eine Gesellschaft sich der eigenen Geschichte nicht stellt, sondern sie durch Schweigen folgenlos zu machen sucht.  

Die Mitscherlichs haben daran erinnert, dass für viele Deutsche das Ende des Dritten Reiches der Zusammenbruch einer Weltanschauung war, die ihrem Leben Sinn verliehen hatte. Diese Weltanschauung war verbrecherisch. Sich der Tatsache zu stellen, daran beteiligt gewesen zu sein, ist vielen Deutschen schwergefallen. Sie glaubten, ohne Vergangenheit leben und die Zukunft gewinnen zu können.  

Trauer über Schuld, über Verstrickung und Wegschauen schien dem im Wege zu stehen. Damit wurde die Chance für eine befreiende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit lange Zeit nicht genutzt. Trauer ist aber nötig, um sich von Vergangenem lösen zu können: Nicht in dem Sinne, das Vergangene zu vergessen oder zu verdrängen, sondern mit dem Ziel, das Vergangene als Bestandteil des eigenen Lebens anzunehmen. Erst dann kann das Vergangene das Leben nicht mehr beherrschen, weder bewusst noch unbewusst.  

Die fehlende und falsche Auseinandersetzung mit unserer Geschichte war ein wichtiger Auslöser für die Bewegung der "1968-er". An dieser Bewegung haben sich viele junge Frauen und Männer aus vielen unterschiedlichen Gründen beteiligt. Sie hatten auch unterschiedliche Ziele, und sie haben heftig darüber gestritten, welche Methoden zur Durchsetzung ihrer Ziele erlaubt seien. Manche sind dabei auf ihre Weise schuldig geworden und in Verstrickungen geraten. Wir sollten darüber aber eines nicht vergessen: Wir verdanken dieser Protestbewegung einen entscheidenden Anstoß dafür, dass wir uns in der Folge als Gesellschaft offener und ehrlicher mit unserer Vergangenheit auseinandergesetzt haben, als das bis dahin der Fall war.  

Das geschah nicht auf einmal. Das war ein langwieriger Prozess, der nicht immer geradlinig verlaufen ist. Es gab auch Rückschritte. Es ist erst etwa fünfzehn Jahre her, dass einige Historiker versucht haben, die Verbrechen der Nationalsozialisten wieder aus der deutschen Geschichte herauszuschreiben oder zu relativieren. Sie haben sich damit nicht durchsetzen können. Inzwischen bestreiten selbst Gegner der Wehrmachtsausstellung, die in den letzten Jahren großes Aufsehen und auch scharfe Kritik erregt hat, nicht mehr, dass auch Wehrmachtsangehörige, wenn auch bei weitem nicht alle, am Völkermord beteiligt waren.

Mir scheint, dass wir so, wie wir uns früher zu wenig mit den Verbrechen des Dritten Reiches beschäftigt haben, uns heute noch zu wenig mit denen beschäftigen, die sich damals den Verbrechen entgegen gestellt haben. Inge Deutschkron gehört zu den Menschen, die erlebt haben, dass es auch in Deutschlands dunkelster Zeit Menschen gegeben hat, die sich Mitmenschlichkeit und Mitgefühl nicht haben nehmen lassen....

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11.3.2001

Die ganze Rede ist zu finden in:

www.bundespraesident.de